"Sonntagnachmittag trinken wir Bier und Wodka."


Illustration: The Whitest Rabbit Alive

Jeden Monat trifft Hendrik Lakeberg Menschen, die ihre Spuren nachhaltig in unserem Kosmos hinterlassen haben. In dem Berliner Club ://about blank trifft sich seit zwei Jahren geschmackvollstes Housemusik-Booking mit linker Haltung. Hier wettert man galant gegen den Nationalstaat Deutschland und Kapitalismus, die Türsteher sind von der Antifa und der Hipster darf beim Tanzen gerne seinen Marx nachschlagen.

„Die Gesellschaft strebt dem absoluten Geist entgegen“, sagt eine Frau hinter mir, während ich die Treppen des Bahnhofs Ostkreuz hinunter gehe, um mich vor dem Berliner Club ://about blank in die Schlange zu stellen. Sie erklärt ihren Begleitern Hegels Geschichtsphilosophie. Die beiden Jungs in Röhrenjeans antworten kaum. Sie tragen weite T-Shirts, deren Ärmel herausgeschnitten sind, so dass sie fast wie Trägerhemden wirken. Ein Jutebeutel baumelt von ihrer Schulter herab. Die Augen der Frau sind hinter einer schwarzen Sonnenbrille verborgen, auch an ihrer Schulter hängt ein schwarzer Jutebeutel. Sie trägt ein schwarzes Kleid, dazu Victoria-Stoffschuhe. Das ist an diesem Nachmittag auf dem Cotton Wood Weekender, der hauseigenen Veranstaltung des ://about blank die Einheitsuniform: Jutebeutel, Skinny Jeans und weites, schlichtes T-Shirt ohne Aufdruck, also das, was die Hipster in New York, Hamburg und überall sonst auf der Welt tragen. Die Gruppe stellt sich hinter mir in die Schlange. Es ist Sonntagnachmittag, ein schöner Sommertag.

Das ://about blank hat seit etwa 16 Stunden geöffnet. Am Vormittag wird die Party aus dem Club immer in den Garten verlegt. Efdemin spielt gerade ein pumpendes House-Set. Ein Typ mit goldener Glitzerschminke um die Augen und rotem Marlboro-Cappy auf dem Kopf stolpert in sich versunken an uns vorbei. Einige sind seit ein paar Stunden hier, ein paar von Anfang an. After-Hour-Zeit. Auf einem Barhocker sitzt Robert Owens, der in der Nacht im Club gespielt hat, was wohl ganz OK gewesen sein soll, so richtig gut hat es aber niemandem gefallen, den ich treffe. Owens schaut durch eine große schwarze Sonnenbrille dem Dancefloor zu. Jemand umarmt eine Bassbox. Zwei Mädchen in Hotpants zu schwarzer Strumpfhose sammeln Pfandflaschen ein und tragen sie zur Bar. Es ist angenehm gefüllt, auf der Bank, die den großen Baum in der Mitte des Gartens umkreist, stehen und sitzen Leute, einige reden, andere tanzen oder liegen in der Sonne. Die Hektik der Nacht ist vorbei, die Party ganz bei sich. Sonntagnachmittag, wenn in Deutschland normalerweise der Kaffeetisch gedeckt wird, trinken wir Bier und Wodka.

After Marx
Das ://about blank gibt es offiziell seit etwa zwei Jahren. Mittlerweile hat der Club eine loyale Anhängerschaft. Manche behaupten sogar, dass man im Blank an guten Abenden besser feiern kann als im Berghain. Das Blank hat sich von Anfang an als ein linker Ort verstanden. Auf der Webseite wendet man sich in selbstverfassten Texten oder Zitaten gegen den Nationalstaat Deutschland oder den Kapitalismus, zuletzt mit einem Zitat von Johannes Agnoli. Die Überschrift lautet: „Das Ende der grünen Herrschaft“ und handelt von den Grünen und wie sie nie etwas an den grundlegenden gesellschaftlichen Strukturen ändern werden, auch wenn sie an der Regierung sind, denn dann geht es nur noch um den Erhalt der Macht. Das kann man als beiläufiges Statement zum Wahlkampf in Berlin sehen, ohne dabei direkt auf schnöde Realpolitik Bezug zu nehmen. Wenn man das Zitat etwas verkürzt interpretieren möchte, dann bedeutet es: Innerhalb des repräsentativen demokratischen Systems ändert man nichts, wenn man mitmacht. Wenn schon, dann Revolution.

Auf jeden Fall steht Agnolis Statement neben Ankündigungen von Dubstep- und Housepartys, die meisten sind von Fremdveranstaltern, aber in enger Abstimmung mit den Betreibern des Clubs, der als Kollektiv organisiert ist. Man muss mit dem Laden Geld verdienen, damit er sich trägt, darüber hinaus ist man unabhängig in seinen Entscheidungen. Im Zweifelsfall ist die Atmosphäre und das gute Booking wichtiger als das Geld, das an der Bar oder der Tür verdient wird. Die Organisation des Blank läuft über eine Versammlung wie bei besetzten Häusern oder autonomen Arbeiter- und Jugendzentren. Mit dem ://about blank ziehen die Strukturen der linken Selbstverwaltung in die Clubkultur ein. Dabei wird viel Wert auf ein geschmackvolles Booking gelegt, es spielen die aktuell hochgehandelten Namen des Techno-Untergrunds, mittlerweile aber auch Larry Heard, Marshall Jefferson oder eben Robert Owens. Würde man dem Blank eine bestimmte Musik zuordnen, dann wäre es wohl der House, der am Sonntagnachmittag im Garten läuft. Entspannt, treibend und gefühlvoll. Musik, die heute etwas später der Resident Resom spielt, während das Abendlicht durch die Äste des Baumes in der Mitte des Gartens fällt und die Party nach 24 Stunden langsam zu Ende geht.

Germany is Katzescheiße
Durch die milchigen Fenster der Toiletten fällt gedämpftes Tageslicht. Als wir wieder nach draußen treten sagt ein Freund, der seit gestern Nacht da ist, er habe drinnen eben kurz vergessen, dass draußen schon wieder Tag ist. Wir laufen an einer Frau vorbei, die einen Jutebeutel mit der Aufschrift „Germany is Katzescheiße“ trägt. Obwohl man einen Abend im Blank verbringen kann, ohne mitzubekommen, dass man es hier mit einen Club zu tun hat, der sich als dezidiert links versteht und als antideutsch im Speziellen, kommt man nicht daran vorbei, wenn man genauer hinsieht. Ein Typ an der Kasse trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift Germanophobic, die Antifa stellt die Türsteher. Was dem Berghain die Horden von Lederschwulen sind, ist im ://About Blank die linke Haltung. Um ins Berghain zu gehen, muss man natürlich nicht die arschfreie Lederhose am durchtrainierten Körper tragen, genau so wenig wie man Deutschland hassen muss, um hier eingelassen zu werden. Trotzdem ist beides wie eine Art unsichtbarer Türsteher. Kann man sich mit der Haltung des Ladens nicht arrangieren, verstößt man gar gegen einen internen subtilen Kodex, wird man hier wohl keinen Spaß haben oder im Zweifelsfall hinausgeworfen. You should leave, if you can’t accept the basics.

Linke Identität
Mit eine Palästinenser-Schal um den Hals gewickelt, würde man wahrscheinlich auf einigen Parties Probleme bekommen, denn als antideutscher Linker ist man dezidiert pro Israel und pro USA. Das antideutsche Modell ist ein radikaler Antifaschismus, der versucht, gefährliche antisemitische Klischees wie zum Beispiel den geldgierigen Juden zu bekämpfen. Der taucht in abgewandelter Form in den Debatten nach der Finanzkrise immer wieder auf, wenn pauschal über raffgierige Manager geredet wird. Auf jeden Fall hat sich innerhalb der linken Szene eine ziemlich komplizierte und kontroverse Debatte um die antideutsche Haltung entwickelt, die selber sehr kompliziert und elitär daherkommt.

Das alles spielt – obwohl es natürlich sehr interessant ist – nur indirekt eine Rolle, wenn ich mit einem Bier in der Hand im Garten des Clubs stehe und zu Efdemin tanze. Aber es verhilft dem Club zu einer starken Identität. Während andere Läden für nichts einstehen, außer einem Getränkesponsor und dem richtigen Namen hinter dem DJ-Pult, geht es im Blank darum, eine Art Community zu schaffen. Leute, die ähnlich denken und ähnlich feiern. Die ein tiefes Misstrauen der Gesellschaft draußen vor der Tür teilen, ohne das ständig herausposaunen zu müssen und ihre Haltung leben und verteidigen wollen. Viele Jungs tragen Lippenstift oder Glitzerrouche. Ein gertenschlanker, mindestens zwei Meter großer Typ in T-Shirt-Kleid und High Heels tanzt vor dem DJ-Pult. Daneben eine Punkerfrau mit schwarzgefärbtem Iro und Nietengürtel. Robert Owens steht am Rande der Tanzfläche und wippt zu Efdemins DJ-Set. Auch er trägt einen Nietengürtel und dazu passend eine Jeans an deren Seiten ein Nietenstreifen appliziert ist. Das Calvin-Klein-Logo seiner Unterhose ragt gut sichtbar aus der Jeans. Er wirkt hier ein bisschen wie aus der Zeit gefallen. Die Hipster-Hippie-Mädchen tragen wieder ein paar Bierflaschen an ihm vorbei zur Bar, um das Pfand zu kassieren. Ein Freund sagt, er habe seit zwei Tagen nichts gegessen. Auf dem roten Wohnwagen, der etwas versteckt im Garten hinter der Bühne steht, ist „My heart is a hotel“ geschrieben.

Mir erklärt jemand wie das mit den Türstehern so läuft. Mit denen hole man sich den Feind nämlich ins Haus, deshalb sei es vom Blank ein guter Zug gewesen, die Antifa stattdessen einzuspannen. Die haben ihren Job eine zeitlang etwas zu gut gemacht. Als zum Beispiel Künstler, die spielen sollten, nicht mehr in den Club kamen, nachdem sie kurz vor die Tür mussten. Aber die antideutsche Enklave soll ja gut behütet sein. Das klappt meistens sehr gut. Das Publikum an diesem Tag ist entspannt und klug. Es tut ein bisschen weh als ich am Sonntag um halb zwölf das Blank verlasse und in die Bahn nach Hause steige. Auf der Brücke, auf der die Frau am Nachmittag über Hegel philosophiert hat, höre ich den Song „The Kill“ von Fugazi. „Born into a race and nation accept family and obligation: I’m not a citizen. I am not a citizen“, singt Fugazi-Bassist Joe Lally. Und weil ich betrunken bin, singe ich das in der S-Bahn mit. Leise, nicht gegröhlt, aber so, dass die es hören, die neben mir sitzen.

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Elektronische Lebensaspekte.

6 Responses

  1. anti blank

    sorry, aber auf identitäre Livestyle-Kacke hab ich kein Bock.
    Das Blank is n Sammelbecken für verkappte Nationalisten.
    ne ne ne du.
    Keine Lust auf die Elite.

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