Goth-Spelunken und der Ballast der Geschichte
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 142


Bild: Francesco Lyazid Pires

Jeden Monat trifft Hendrik Lakeberg Menschen, die im Nachtleben ihre Spuren hinterlassen haben. Diesmal besucht er mit Marcel Dettmann dessen musikalische Vergangenheit. Oder was von ihr noch übrig ist. Merke: Nicht einmal EBM, Gothic und Industrial sind als Zombies ein schöner Anblick.

Marcel Dettmann erwartet uns auf dem Berliner Alexanderplatz. Ein paar betrunkene Teenager laufen an der Weltzeituhr vorbei, dann lärmen sie durch die Open-Air-Ausstellung “1989 – Die friedliche Revolution”. Wir haben Düsteres im Sinn in dieser Mittwochnacht im April. Aber nicht einmal wir ahnen, dass sich gerade ein Schatten über den ganzen Kontinent legt. Seit einigen Stunden spuckt der isländische Vulkan Eyjafjallajökull riesige Aschewolken aus, die sich in den kommenden Tagen langsam über Europa ausbreiten, den Flugverkehr zum Erliegen bringen und auch sonst weidlich Chaos stiften werden.

Damit können unsere dunklen Pläne mit Marcel Dettmann dann doch nicht mithalten. Wir sind nur auf dem Weg in den U5 Club in Friedrichshain, wo heute Nacht eine EBM- und Industrial-Party mit dem Namen “Carpe Noctem” stattfindet. Auf dem Flyer ist eine Puppe mit großen roten Augen und einer langen spitzen Nase abgebildet. Sie erinnert an die Jigsaw-Puppe aus der Splatter-Filmreihe “Saw”. Für Marcel – als DJ und Produzent das musikalische Aushängeschild des Berghain – war EBM, Wave, Gothic und Industrial der Soundtrack seiner Jugend. Und die begann, als die Mauer fiel.

Provinzielle Anarchie
“Es gab nach der Wende kein Rechtssystem mehr”, sagt er. “Die Bundesrepublik hatte noch keinen richtigen Zugriff und die alte Regierung wurde kaum mehr wahrgenommen. Ich war damals 12.” So friedlich das DDR-Regime gestürzt wurde, so sehr herrschten unter den Jugendlichen in brandenburgischen Kleinstädten kriegsähnliche Zustände. Marcel ist in Fürstenwalde, einem Ort mit gut 30.000 Einwohnern, etwa 50 Kilometer vor Berlin, aufgewachsen. “Es gab ständig Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Gruppierungen. Die Stimmung war angespannt”, erzählt er. Die progromartigen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen fallen in diese Zeit und auch in Fürstenwalde gab es Übergriffe auf Ausländer und Schlägereien zwischen Rechten und Linken. Marcel hat sich aus den Kämpfen immer rausgehalten. Und als DDR-Judo-Meister liess man ihn auch in Ruhe. 

Einheits-Rave
In den militärisch treibenden Rhythmen von Nitzer Ebb oder den Synthesizer-Flächen von Front 242 spiegelte sich die Zeit. Diese Musik klang so kalt und schnell wie sich die Gegenwart anfühlte. Etwa 1992 ging Marcel zum ersten Mal in den Tresor. Er war mit seinen Freunden viel zu früh dort, der Club nahezu leer. Es lief brettharter Techno: 140, 150 BPM. Auf der Tanzfläche stand ein Mann im Indianerkostüm und tanzte wie in Trance. “Was ich an dieser Musik so liebe, ist, dass sie überhaupt nicht politisch ist. EBM war da total anders. Es war politisch alleine schon im Sinne der Kleiderordnung. Sobald du einen fluffigen Mittelscheitel hattest, warst du ein Popper. Wenn du The Cure gehört hast, ein Grufti. Im Techno-Club kannst du aussehen wie ein Bankangestellter oder ein Punk. Das wurde mir an diesem Abend klar.” 

Trance im Keller
Wir sind am Frankfurter Tor angekommen, überqueren die Karl-Marx-Allee. Das U5 liegt in einem Eckgebäude, gegenüber von McDonalds in einem Keller. Wir bezahlen den Eintritt und bekommen zwei Plastikmarken für jeweils ein Freigetränk in die Hand gedrückt. Der Laden ist klein. Man muss eine Treppe runter, am DJ-Pult vorbei zur Bar gehen. Auf einer Leinwand läuft stumm ein alter Schwarz-Weiß-Film, der Arbeiter in einer Fabrik zeigt. Wenn man auf dem Dancefloor steht, kann man sich beim Tanzen im Spiegel anschauen. Ein Typ tanzt alleine zu einem ultraschnellen, düsteren Trance-Stück. Auf dem DJ-Pult stehen zwei Laptops, auf dem einen der Monitore ist ein Browser-Fenster mit dem Bild einer nackten Frau in grobmaschiger Netzstrumpfhose zu sehen. Wir bestellen Bier an der Bar.

Schepper-Goth
Die Musik ist so laut aufgedreht wie auf einem Timewarp-Rave. Allerdings haben statt 20.000 nur knapp zehn Gäste den Weg in das U5 gefunden. In einer Ecke neben der Bar steht ein Kicker. Ein Typ mit schwarzem Netzhemd, Nietenledergürtel und langen schwarzen Haaren spielt mit ein paar ähnlich schwarz gekleideten und geschminkten Gestalten. Zu dem Tänzer haben sich inzwischen drei Frauen gesellt. Die sehen weniger nach Gothic aus, eher wie Krankenschwestern nach Dienstschluss. Sie tanzen schüchtern zu dem brutalen Sound und schauen sich dabei selbst im Spiegel zu. Der Klang der Anlage ist schlecht, man hat das Gefühl, als höre man die Bitrate der MP3s gleich mit. 

Für einen DJ, der ganz oben in der Clubhochkultur angekommen ist, der überall auf der Welt Platten signiert, von dem man sagen kann, dass er den typischen hypnotischen Berghain-Techno geprägt hat wie kaum ein anderer, der ihn vielleicht sogar erfunden hat, ist das U5 natürlich ein Kulturschock. Marcel sagt das auch, aber er bleibt trotzdem an der Bar stehen und beantwortet geduldig meine Fragen, während im Hintergrund brachiale Bassdrums zerren. Marcel ist alles andere als eine Diva. Man kann wunderbar kumpelmäßig mit ihm rumstehen und über Gott und die Welt quatschen. Er kann zuhören, vielleicht ist er deshalb ein so guter DJ. Er mag es, wenn Platten amateurhaft klingen. Lieber mal ein schiefer Ton und schlecht gepresstes Vinyl als ein slicker, herzloser Peaktime-Track.

Alltag, Augen auf
An die Bar gelehnt erzählt Marcel wie er zum Auflegen im Ostgut kam. Und er klingt dabei immer noch ein wenig stolz. Dass ein Freund ein Mixtape an der Tür des Ostgut abgegeben hat und es dann dort beim Putzen lief. Irgendwann rief Michael, einer der beiden Chefs, an, um ihn als Warmup-DJ zu buchen. Marcel wusste bis dahin gar nicht, dass sein Freund ein Mixtape dort abgegeben hatte. “Im Ostgut gab es Szenen, die gehen dir nicht aus dem Kopf: Vor dir stehen drei Typen mit freiem Oberkörper, völlig durchgeschwitzt, die Augen geschlossen, komplett in sich drin, komplett vom Alltag losgelöst. Da funkelt und blitzt es, die Luft ist voller Testosteron”, erzählt er und schaut in Richtung Tanzfläche. Im U5 schließt beim Tanzen niemand die Augen. Und auch der Alltag verschwindet hier nicht. Er steckt in den Getränke-Bons, im Kicker, dem Porno-Bildchen auf dem Computer und dem Spiegel an der Wand hinter der Tanzfläche. 

Zombie-Kultur
“Die Musik hört sich an wie holländischer Eurorave vor 20 Jahren. Mit EBM hat das nichts zu tun”, meint Marcel und wir wetten, dass der DJ kein einziges Stück von Nitzer Ebb in seiner Library hat. Ich gehe zum Pult und wünsche mir einen Song der Band. “Welchen?”, fragt der DJ. “Irgendeins”, sage ich. Etwa eine Viertel Stunde später spielt er “Control I’m Here” von dem Album “Belief”. Eines von Marcels Lieblingsstücken der Band. Doch auch das ändert nichts daran, dass die Musik, die man hier hört und eigentlich die ganze Stimmung in diesem Laden eigenartig zombiemäßig wirkt. Als ob sich hier eine Kultur weigert zu verschwinden, deren Zeit längst abgelaufen ist. Aber Nitzer Ebb ist eine akustische Erleichterung. Für ein paar Minuten hört man keine hysterisch düsteren Synthflächen, die die Ohren taub machen. 

Die Wolke
“Freunde von mir hören immer noch die Musik von damals, die haben alle Nitzer-Ebb-Platten und jedes Depeche-Mode-Stück zu Hause. Sie sind fast militant, was das angeht. Ich kann mir das gar nicht mehr vorstellen. Mich erinnert es an meinen Vater, der bis heute Pink Floyd oder die Rolling Stones hört”, sagt Marcel. Seinem gerade erschienenen Debütalbum und seinen DJ-Sets hört man die EBM-Vergangenheit in seiner Vorliebe für harmonielosen und kargen, manchmal kalten Sound an. Aber seine Musik hat die düstere Weltsicht abgestreift. Das macht sie leicht, gegenwärtig und effektiv. Diese Musik ist ein Angebot, keine Forderung. Sie ist frei von Ideologien, sie hat die Nazi-Schläger von Fürstenwalde, die Stasi, die dunklen Nachwendejahre und kleine Kellerclubs wie das U5 weit hinter sich gelassen. Den Ballast der Geschichte abgeworfen. Und wenn man sie auf dem Dancefloor hört, dann kann sie sein wie die Vulkan-Wolke über Europa: Sie legt vorübergehend den Alltag lahm. 

2 Responses

  1. olli

    hm…schon die überschrift kam mir bekannt vor…war ein schöner artikel