Argentinien ist ein verwüstetes Land, in dem die Musikindustrie die letzten Mittel für den Mainstream bündelt. Schlechte Zeiten für Gustavo Llamas und die anderen argentinischen Musiker, die eigenwilligere musikalische Vorstellungen haben. Aber in den lokalen Netzwerken blühen die Knospen.

Musikalische Resistance

Es ist sicherlich kein Zufall, dass Gustavo Llamas sich als Titel für sein neues Album “Brotes“ ausgewählt hat, der übersetzt soviel bedeutet wie die Knospen oder Anfänge. Denn für ihn markiert diese Platte tatsächlich so etwas wie einen Neubeginn:
“Das Album enthält Tracks, die zu unterschiedlichen Zeiten entstanden sind, aber dennoch alle etwas gemeinsam haben. Ich würde sagen, sie schließen eine bestimmte Periode innerhalb meiner Arbeit ab.“
Wie schon die 12“ “Presente“ erscheint auch das Album auf Onitor, ein Label, mit dem Gustavo gerne zusammenarbeitet, da es, wie er sagt, ‘an seine Musik glaubt’. Der Kontakt zu Onitor ergab sich wie so oft eher zufällig: “Mitten in der großen Krise in Argentinien habe ich an diverse Leute, die ich kannte, Mails geschickt, um sie auf diesem Weg erfahren zu lassen, was eigentlich hier in Argentinien gerade passiert. So geschah es, dass ich auch Thomas Venker anschrieb, den ich bei einem Interview einige Jahre vorher kennen gelernt hatte. Er war interessiert an unserer lokalen Situation und im Verlauf des Briefwechsels kam es dazu, dass ich ihm von meinem unveröffentlichten Material erzählte und es ihm schließlich zugesandt habe.“

Gustavo Llamas wie auch seine Musik sind beeinflusst von der ökonomischen und politischen Situation Argentiniens, aber er versteht sich selbst keinesfalls als “Protest-Songwriter“: “Natürlich hat die Situation hier großen Einfluss, einfach weil es die Umstände sind, in denen man arbeitet. Manchmal stellt der hier herrschende Informationsmangel und der schlechte Zugang zu Technologie eine große Behinderung dar. Ich habe keinen Zutritt zu einem guten Studio, um meine Platten aufzunehmen, und besitze kein gutes Equipment. Ich kann nicht die Platten kaufen, die ich gerne hätte, weil sie zum größten Teil nicht erhältlich, und wenn doch, einfach zu teuer sind. In den letzten Jahren habe ich sehr viele von mir ungeliebte Jobs machen müssen, nur weil ich Geld zum täglichem Leben brauchte. Aber diese Umstände fließen nicht wirklich explizit in meine Musik mit ein, sondern eher hintergründig.“

Trotz der schwierigen Situation für Musiker in Argentinien gibt es viele, die innerhalb der lokalen Szene stetig weiterarbeiten:
“Die derzeitige Situation ist, dass das Land nach einer Dekade neoliberaler Politik verwüstet ist und mehr als die Hälfte der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebt. Und selbst die Mittelklasse, die in der Vergangenheit sehr wichtig war, ist verarmt. Das hat den kulturellen Konsum beeinflusst. Die Musikindustrie arbeitet in diesem Kontext deshalb nur mit den Dingen, bei denen sie denkt, es wäre richtiges Business. Und das ist der Grund, warum von dem, was hier in der Vergangenheit an elektronischer Musik gewachsen ist, nur der Mainstream wirklich existiert. Aber es gab immer eine große Gruppe von Musikern, die, fast schon als eine Art “Resistance“, nie aufgehört hat zu produzieren und immer um ihren Platz in der lokalen Szene gekämpft hat. Das mag sehr negativ klingen und vielleicht auch traurig, aber es ist der Aspekt der lokalen Szene, dem ich mich verbunden fühle, – zwar mit etwas Melancholie, dass man so weit weg ist von dort, wo die Dinge passieren, aber andererseits mit der Freude darüber, dass man tun kann, was man möchte, egal wie die Umstände um einen herum auch immer sind.“

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Elektronische Lebensaspekte.

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