Retro-Tunke im digitalen Darkroom


Fotos: cc-by Ridwan Jaafar & Franca Piccione

2011 sah den Angriff des Retro-Monsters, und das nicht nur in Form des Simon-Reynolds-Wälzers und der anschließenden Diskussionswut quer durch die Feuilletonwelt hinweg. Etwa zeitgleich mit dem Retromania-Schinken kam “Super 8” in die Kinos, in dem eine Gruppe von Kindern auf gutem altem Analogfilmmaterial zufällig ein Monster aufzeichnet. Heute hätten sie wohl einen kleinen HD-Film mit dem Smartphone produziert und die Postproduktion inklusive Monster-Animation komplett auf dem iPad abgewickelt, dieses Monster aber muss ein leibhaftiges mit Zähnen statt Pixeln sein, so impliziert es schließlich das Filmmaterial.

Auch wenn Reynolds sich primär mit Musik befasst, der Retrowahn ist mindestens genauso sehr ein visueller: 73 deiner Freunde haben ihr Profilbild geändert – und alle haben sie diesen merkwürdigen Grünstich. Siri erklärt zwar gerne alles über 8-Megapixel-Kameras und f/2,4-Blenden, doch leider hört 2011 niemand wirklich hin. Stattdessen laden sich die iPhone-Besitzer dieser Welt lieber Instagram, Retro Camera Plus, Hipstamatic und Co. aus dem App Store, setzen auf grobe Körner statt High Definition und laden ihre quadratisch-schicken Vintage-Bilder schließlich zuhauf auf Facebook, Tumblr oder in den Hipstamatic-Flickr-Pool. Letzterer ist mit hoher Wahrscheinlichkeit das Langweiligste, was im Internet überhaupt zu finden ist – langweiliger sogar als Google+. Alles darin ist modrig-grün und überhaupt ziemlich furchtbar. Als hauptsächliche Motive erweisen sich Bäume, Hunde und Gebäudefassaden.

Perfekt, Präsens & Futur
Oft sehen die Hipstamatic-Bilder aus wie der verzweifelte Versuch, einem unmotivierten Schnappschuss durch künstlich zerkratzte Ränder und verkorkste Farbwerte so etwas wie ein Barthes’sches punctum zu verleihen. In Wahrheit verhält es sich mit ihnen aber wie mit den namensgebenden Hipstern selbst: In ihren Vintage-Outfits sehen sie doch irgendwie alle gleich aus. Dass der Hipster sich, seine Umwelt und eben auch seine Bilderwelten in die Nostalgie und den anheimelnden Look vergangener Zeiten hüllt, kann man ihm dabei aber nicht verübeln, dem Charme elterlicher Urlaubsfotos oder Gruppenkuscheleien im s/w-Fotoautomaten erliegt schließlich auch der abgeklärteste HD-Fetischist beizeiten.

Dass der Hipster tatsächlich mehr Vergangenheitsformen als den Perfekt kennt, macht er durch seine Oberflächengestaltung zwar allzu gern vergessen, der Subtext seiner Gadget-Verliebtheit jedoch ist durchweg in Präsens und Futur gehalten. In wirklich alte Hüllen kleidet er sich nur ungern, auf alt getrimmte Vintage-Kleider sind ihm deutlich lieber als echte Second-Hand-Ware. Seine Gadgets verkleidet er denn auch mit Vorliebe wahlweise als ein Stück Holz, einen Gameboy oder eine alte Plastikkamera. Die Hipstamatic-Macher Synthetic haben das erkannt und verkaufen in ihrem Online-Store sogenannte Hipstacases, Plastikhüllen für das iPhone im Holga-Look, die zusammen mit einem kleinen Stativ geliefert werden, mit dem man sich noch ein bisschen mehr wie ein großer Analogfotokünstler fühlen darf.

Dieses Gefühl wird auch innerhalb der Synthetic-Apps suggeriert: Mit der Dunkelkammer-App SwankoLab lassen sich Fotografien nachträglich in eine Retro-Tunke tauchen, die hier sprichwörtlich gemeint ist, denn SwankoLab setzt auf süße Chemikalien-Icons zum virtuellen drüberkippen. So kann in Windeseile auch die höchstaufgelöste iPhone-Aufnahme noch in ein atmosphärisch aufgeladenes Grobkorn-Bild mit fehlenden Blautönen verwandelt werden. Im Werbetext heißt es über SwankoLab: “It’s a loving recreation of the pre-digital era classic.” Was der Digitale-Darkroom-Hipster wohl eigentlich will, ist mitsamt seiner Gadgets zurückzukehren in die Einfachheit einer Zeit, als Bildbearbeitung noch das Experimentieren mit Chemikalien statt mit Nullen und Einsen bedeutete, ein Zurück ins unwiederbringlich Vergangene. Diese Verbindung von Fotografie und Tod analysierte Roland Barthes bereits 1980 in “Die helle Kammer”. Demzufolge zeugt jedes Foto von einem immer schon vergangenen und somit toten Augenblick. Die Retro-Foto-Apps übertragen dieses eigentlich bildinhaltliche Prinzip zusätzlich noch auf die stilistische Ebene und es ist wohl auch dieses Übermaß an Vergangenheit, das die Retro-Bilder so langweilig macht. Etwas mehr Leben könnte 2012 jedenfalls nicht schaden.

Aus dem Special in De:Bug 158: FAZIT 2011

4 Responses

Leave a Reply