Überdrehte Nicht-Rapper und der Soundtrack des Druff


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Post-Irgendwas. Seit jeher bietet dieses Suffix die Möglichkeit, den zwar noch in Gänze undurchsichtigen aber überall bemerkbaren Fortschritt herrlich kryptisch anzudeuten. 2011 war das Jahr des Post-Hop. Rap und HipHop, von allen Seiten als festgefahrene und inzestuöse Machismomucke abgetan, strampelte sich endgültig frei und erfand sich auf erstaunliche Weise neu.

Das gelang, weil sich schon im letzten Jahr die gesamte Witch-House- und Grave-Rave-Blase auf die runtergeschraubte Chopped’n’Screwed-Ästhetik aus dem Süden der USA bezog und im Umkehrschluss viele Rapper ihre Beats mehr denn je an Bassmusik, Chillwave und Co anglichen. Durch Crews wie Odd Future oder zukunftsorientierten R’n’B à la Frank Ocean oder The Weeknd verschmolz Rap dann endgültig mit den Hörgewohnheiten von Indie-Heads und bis dato kleinkarierten Karohemdträgern. The Weeknd etwa kreuzte verdrogten Sex-Talk mit Bassmusik und einem kunstaffinen Look, während Odd Future sich wieder in Richtung Roughness orientierten und ihre Musik ganz in die Tradition von kompromisslosem Horrorcore-Rap aus dem Süden der USA stellten und trotzdem wie die Skaterlümmels rüberkamen. Dieser Eklektizismus auf Sound-, Look- und Themenebene fügt sich perfekt in die Marotten der gehobenen MashUp-Kultur diesen Jahres.

Begonnen hatte diese Emanzipation schon ein paar Jahre vorher. Der Vorreiter: Lil Wayne. Der war eigentlich ein waschechter Spitter aus New Orleans, rappte aber plötzlich mit verstellter Krächzstimme, Faux-Patois-Akzent, gurgelte Hustensaft mit Sprite und war ständig auf schlechten Tabletten. Das mit AutoTune-Absurditäten vollgepackte Album “Tha Carter III“ verkaufte sich bis heute über 3 Millionen Mal – und ebnete den Weg für eine Garde an aufstrebenden Nachwuchsrappern, deren Style gut und gerne als Weirdo Rap, der stärksten Ausprägung des Post-Hop, umschrieben werden kann. Denn wenig später formierte sich eine Armee aus überdrehten und aufgekratzen Nicht-Rappern, die auf arhythmischen oder schiefen Beats über die Zusammensetzung ihrer Drogen, exzessive Yard-Parties und ihre neuste eBay-Errungenschaft in Sachen Sneakers rappten.


 
Muttis Hausapotheke statt gemieteter Nutten 
Im letzten Jahr trat zuerst Nicki Minaj auf den Plan, eine weibliche Version von Wayne, die mit Outfits zwischen Barbie und Burlesque wimpernklimpernd und ihren Atombusen präsentierend über die Bühne stakste. Mindestens drei verschiedenen Persönlichkeiten im kleinen Köpfchen, die mit unterschiedlichen Stimmlagen auch auf den gleichen Tracks zum gegenseitigen Schlagabtausch antragen. Zum überzeichneten Look und der abgedrehten Attitüde kam der in diesem Jahr selbstverständliche DIY-Ethos in Nachwuchsmusikerkreisen. Lil B, seines Zeichens ein Hipster-Rapper der alten Schule von 2006, drehte Dank der sozialen Netzwerke richtig auf und schaffte sich via Twitter und Tumblr eine, im wahrsten Sinne des Wortes, Gefolgschaft, die ihn auf seinen zeremoniegleichen Konzerten, wie diesen Sommer im Berliner Cassiopeia, schlicht vergöttern. So sehr, dass Lil B mit Konzerten und Endorsement-Deals genug verdient, um sein Album – genau wie all die Mixtapes zuvor – einfach selbst ins Netz zu leaken und umsonst zu vertreiben. Kollegen wie Soulja Boy oder Gucci Mane taten es ihm gleich. Genau so Kreayshawn oder A$ap Rocky, die sich mit ihrem rumpelnden und runtergeschraubten Mash-Up-Sound aus Dirty South und Chartpop Dank des mittlerweile geweckten Interesses der Majorindustrie millionenschwere Vorschüsse aushandelten, welche sich in Zeiten der gebeutelten Musikindustrie fast so absurd lesen wie ihre Soundkonzepte.

Setzt man die Erfindung des Weirdo Rap in Korrelation zur Schlappheit und dem Zustand des HipHop in den letzten Jahren, ist der Erfolg tatsächlich ein emanzipatorischer Akt – denn der überzeichnete Bling-Rap bekommt tatsächlich eine reale Note. Es geht nicht um Ausgrenzen durch Insignien des Reichtums und der Macht, sondern das Mitmachen. “Du brauchst kein teures Kokain oder die Privatsuite mit gemieteten Nutten, um Spaß zu haben. Wir plündern Muttis Hausapotheke und haben einen geilen Abend”. As simple as that. Weirdo Rap ist der rechtfertigende Soundtrack zum Draufsein, welcher die Indie-Attitüde und -Codes mit den zehn Prozent Rap mischt, die man sowieso immer cool fand.

Aus dem Special in De:Bug 158: FAZIT 2011

3 Responses

  1. Ramba

    Indie-Attitüde??????????????????????? Ist das euer Ernst?

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  2. Quil

    Was ein selten dämlicher Artikel, wenn man keine Ahnung hat…

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