Electric Indigo über die ersten 15 Jahre
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 173

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1998 gründete Electric Indigo female:pressure, eine Datenbank für Frauen in elektronischer Musik mit angeschlossener Mailingliste. Mittlerweile auf über 1000 Künstlerinnen expandiert, ist aus dem Netzwerk zwar noch keine Lobby geworden, aber es bewegt etwas. Zum Jubiläum fragen wir Electric Indigo nach ihren Erfahrungen und der ständigen Notwendigkeit, das Thema Gleichberechtigung auch, vielleicht gerade in elektronischer Musik nicht aus den Augen zu lassen.

Hättest du gedacht, dass 15 Jahre nach Gründung von female:pressure die Schieflage immer noch die Gleiche ist?

Das stimmt ja nicht. Gerade seit Beginn des Jahres ist medial sehr deutlich spürbar, dass die gesellschaftliche Akzeptanz für die Thematik Feminismus wieder größer geworden ist. Und auf der anderen Seite ist es doch in den westlichen Industrienationen mittlerweile ziemlich normal, dass Frauen auflegen. Das war vor 15 Jahren definitiv noch nicht so. Man muss schon in exotischere Länder fahren, um echtes Erstaunen als Frau hinter den Turntables auszulösen. Das war damals der Auslöser für mich, female:pressure anzufangen. Ich habe mit dem Auflegen angefangen, weil ich das unbedingt machen wollte. Erst die Reaktionen auf mich als Frau hinter den Plattenspielern haben mich für diese Thematik sensibilisiert.

Zeigt für dich der mediale Fokus auf Sexismus dieses Jahr eher, dass sich etwas ändert oder ändert er selbst etwas?

Auf jeden Fall ändert sich etwas an der Aufmerksamkeit und auch am Bewusstsein. Wie anhaltend dieser Effekt ist, wird sich noch herausstellen. Es geht ja auch darum, dass es Männer gibt, denen klar ist, wie untragbar so eine Situation ist, in der Frauen noch immer plumpen Vorurteilen begegnen, bezüglich dessen, was sie können oder wofür sie geeignet sind oder nicht. Ich halte das für sehr wertvoll. Vor 15 Jahren hätten Männer vermutlich nicht mal daran gedacht, dass es so ein Problem geben könnte. Gerade auch mit der steigenden Anzahl von Frauen in männlich konnotierten Bereichen.

Hältst du das Problem in elektronischer Musik für symptomatisch für die Szene?

Man glaubt ja immer, vor der eigenen Haustür sei das Problem am größten, aber dann stellt sich bei einer schnellen Recherche heraus, dass es eigentlich überall gleich funktioniert. Generell würde man doch davon ausgehen, dass es in der Avantgarde weltoffen und fortschrittlich zugehen müsste. Die Mechanismen sind aber überall gleich. Club oder Oper. Vollkommen egal.

Hat sich etwas an den Rollenbildern geändert, in denen man Frauen “akzeptiert”?
Nach und nach. Es gibt immer wieder neue Felder, die man erobern muss. Als DJ ist es normaler geworden. Aber es ist noch nicht besonders normal geworden, wenn Frauen nur mit elektronischer Musik live spielen. Bei Tontechnik im Allgemeinen ist es noch seltener.

Wo liegen denn im Alltag die Mechanismen, die diesen Trend immer weiter befeuern?

Die Job-Vergabe zum Beispiel funktioniert sehr indirekt. Word-Of-Mouth. Und natürlich spielen auch die Medien eine Rolle. Zwar schreiben Männer nicht nur über Männer, aber eher über Leute, mit denen sie abhängen. Und wenn sie, aus welchen Gründen auch immer, mehr mit Jungs abhängen als mit Frauen, dann ist das eine plausible Erklärung. Ich würde es allgemeiner aber als eine Reflexion gesellschaftlicher Zustände sehen. Menschen sind einfach ein wenig träge und bequem und es ist immer schwer verunsichernd, gesellschaftliche Vorstellungen auf den Kopf zu stellen, oder andere Ansichten zu haben. Das Wertsystem, in dem man sich befindet, kann dadurch ins Wanken geraten, was sehr unangenehm werden kann. Für Frauen gilt das gleichermaßen wie für Männer, denn es ist überhaupt nicht so, dass Frauen da immer an vorderster Spitze stehen würden, wenn es um den Kampf einer Gleichwertigkeit der Geschlechter geht. Bei der Suche nach Gründen für die diversen Phänomene in diesem Zusammenhang ist man schnell dabei, Vermutungen zu äußern, aber da bin ich tendenziell eher vorsichtig.

Man muss allerdings als Frau letztendlich schon härter sein, weil die Wahrscheinlichkeit, dass man nicht seinen Job machen kann, weil einem irgendjemand blöd reinredet, größer ist.

Bestimmt. Wer zart besaitet ist, hält es in der Regel nicht lang aus. Noch wichtiger aber ist es, positives Feedback zu bekommen. Ohne Feedback kann niemand besser werden und sich motivieren. Wer andauernd mit Skepsis und Zurückhaltung sich selbst gegenüber konfrontiert wird, hat es schwerer, als wenn einem die Freunde immer wieder auf die Schulter klopfen. Da haben es Frauen ein bisschen schwerer, außer sie sind sehr hübsch.

Was auch schnell zum Problem wird.

Das ist eine Falle, dann setzt ein anderer Mechanismus ein, der einen auf das Äußere reduziert. Und man denkt, dass man das erfüllen müsste. Man müsste beim Auflegen hübsch sein. Und plötzlich legt man Wert darauf, obwohl man seine Energie eigentlich in eine andere Richtung lenken müsste. Dann kommt auch gleich die Masche hinterher, dass man nur wegen dem Aussehen gebucht wird.

Was waren für dich die besten Erfahrungen in 15 Jahren female:pressure?

Was 2013 bislang passiert ist. Es war schon ok, eine “honorary mention” bei der Ars Electronica 2009 zu bekommen, aus dem Häuschen war ich dennoch nicht. Dieses Jahr hat es mich sehr gefreut, dass all die unterschiedlichen Frauen mit ihren unterschiedlichen Graden von politischem Bewusstsein etc. es trotzdem geschafft haben, eine gemeinsame Presseerklärung zu verfassen. Wir planen z.B. ein eigenes Festival im September. Und es sind Dinge passiert, die ich früher nie erwartet hätte. Das Volt Festival in Schweden hat auf die Zahlen, die wir erhoben haben, reagiert und hat sich mit den Federn geschmückt, dass sie super abschneiden. Darauf waren sie total stolz. Und es sind Männer, die das veranstalten. Das hätte ich mir vor 15 Jahren nicht vorstellen können.