Das Regensburg/Berliner Houselabel "Festplatten" muss längst nicht mehr die Gebrüder Teichmann als Zuggespann voranschicken. Der Stall ist glänzend besetzt. Wir gehen die Kojen der ersten Compilation-CD "Unser:Eins" einzeln ab. Fortsetzung von Seite 01.

Teile und tanze
Das Festplatten Rooster

Verflechtungen und Getümmel aller Orten im Hause Festplatten. Man hört’s. Es klackst, zuckt und zappelt an allen Ecken und Enden. Denn es gibt mal wieder was zu feiern. Willkommen bei Festplatten – wir wollen Spaß und wenn ihr unseren Humor teilt, dann werden wir hoffentlich bald wieder zusammen tanzen.” Wo und wie ist nicht so wichtig – Hauptsache überhaupt. Hannes Teichmann hat mit seinem Bruder Andi (Orange) das Regensburger(!) Label Festplatten aufgemöbelt und den Laden auch mit schnittigen Extravaganzen multipoliert. Durch allerhand Erfahrung mit Kompakt und L’age D’or sowie remixender Weise auch nicht unbefleckt aktiv gewesen, bspw. fürs Enduro-Label und MDZ (Musik der Zukunft), sind die Beiden auch unterhaltungsmusikalisch im nächtlichen Großstadtmoloch zu erspähen, wenn sie nämlich die Platten heiß und als Live-Akt alle Nachahmer kalt ablaufen lassen. Sogar Beige GT wäre ohne ihren Drummer Andi und ihren Moogist Hannes nur halb so fahrtüchtig wie das Vorgängermodell. Aber das interessiert jetzt grad nicht. Die Dänzercrew hat eine entzückend compilierte Rückschau arrangiert ins Format gebracht. Nebenbei, der Dettinger hat’s gemastert. Da aus den letzten zehn Veröffentlichungen je ein Track ausgesucht wurde, bekommt man ein richtig gutes Schaffenspensum bzw. ein super Einstiegspaket geliefert. Und was da nicht alles vorbeischaut, fabriziert und sich bis dato auf “Unser:Eins”, einer sympatischen Nabelschau im CD-Format, verbündet. Neben den beiden Teichmännern Hannes und Andi, zeigen Benjamin Wild, Superuser (Rainer Kuchler), Markus Güntner, Meta83 (Christoph Wieland), Acid Maria (Angelika Lepper oder auch Miezi Morales) und Raumagent Alpha (Ron Schneider) teilweise im Alleingang oder aber auch kombiniert, was sich in den letzten zwei Jahren so alles an Ideen in die Praxis umsetzen ließ.
“Unser:Eins” im Review
Beginnen wir doch die Vorstellung mit Meta83. Der heißt bürgerlich Christoph Wieland und releaste vorerst seine erste Maxi “metalgroove” (fest 10). Rhythmisch versiert und im Kopf ein Pfeifen auf den Lippen sinniert er dem minimalen Groove nach. Auch der Bamberger Ron Schneider ist erst kürzlich auf Festplatten gelandet. Als “luna rocker” liefert er ein poppiges Elektronik-Clubstück mit entspannt zuckigem Mitgang. Hannes: “Ron ist einer der Hauptakteure, sprich Produzent und Musiker von der fünf-Mann-Elektronik-Houseband OH. und ist dann schlagartig super housig und Festplatten-kompatibel geworden. Der schlägt ins Herz. Er hat einen ähnlichen Werdegang wie wir und das in ungefähr ähnlich provinzlerischem Umfeld und er hat auch schon immer wahnsinnig viel Energie in sein eigenes Label MdZ (Musik der Zukunft) gesteckt. Das verbindet.” Andi dazu: “Aber auch in der Oberpfälzer Provinz gibt’s gute Macher, die meinen Patriotismus stärken.” Den teilt sicherlich Andis Mitbewohner und Elektronik-Urgestein Superuser auch. Der Regensburger Ravedaddy verkehrt neuerdings aka “smalltalk” und bestückt die Compilation mit dem “undelete”-Track der vierten Festplatte “backup diaries”. Hannes dazu: “Superuser (fest 04) ist ganz umstritten. Seine Stücke schienen nicht festplattenmäßig genug, weil zu trancig. Was er machte, war musikalisch extrem wertvoll, aber eben auf eine oldschoolmäßigere Art und Weise produziert.” Merkwürdig gut würde ich mal sagen. Über “Äpfel und Birnen” (fest 05) macht sich ein Freund von Markus Güntner in dilierend abschweifender Geste mit skurilem Surplus Gedanken – ich sage nur: “Hörst du nicht die Elfen singen? Elfen überall – fliegen mit Ultraschall” oder “alte Leute ärgern und ihnen vor die Wohnungstür scheißen”. Der Versuch, die Anwesenden bei Aufnahme der Spoken Word-Fassung in ein Gespräch zu verwickeln, funktioniert nur mäßig – man hört nur, wie sich die Crew im Hintergrund vor Lachen in die Hosen pisst. Markus hat die Aufnahme im Nachhinein minimalrhythmisch unterlegt. Ein schmunzelnder Freistil-Skurril-Hit. Andi dazu: “Markus ist der totale Jungspunt und hat eine erstaunliche Entwicklung durch. Er war schon immer zweigleisig unterwegs, bspw. eben auch mit seinen ambienten “Gas”-ähnlichen Sounds, die extrem gut bei Kompakt eingeschlagen haben.” Herrn Günthner aus Regensburg wird von beiden eine große Gegenwart zugestanden und eine große Zukunft prophezeit. Da geh’ ich konform, denn bereits in der “Gemeinschaftspraxis” (fest 03) benutzte er den zweiten Labeloutput dazu, um “Erlangen” eine minimal groovende Liebeserklärung zu machen.
Wir machen Kulturarbeit
Anbei: Funkige Entzückung versprüht Festplattenhausmeister Ha.Te gleich zu Beginn seines “Neuja” Stücks, das ursprünglich die Dispodancer EP (fest 02) ziert. So pumpt Hannes druckvoll immer wieder neue verspielte Synthi-Gebilde in den Festsaal. Und trocken und funky ist’s sowieso immer mit den beiden. Hannes dazu: “Wir machen Kulturarbeit. Unsere Idee ist, größtmöglichen Spaß und Tanzbarkeit in ein Stück zu integrieren, um Wohlbefinden zu kreieren. Wir wollen was musikalisch Wertvolles mit Witz paaren.” Andi: “Wir sind charmant, sympathisch und jugendlich. Und das sind unsere Tracks natürlich auch.” Da haben sie vollkommen recht. Geschmacklich mitgerissen bin ich auch von Hannes, dem “Jäger” (fest 08), der in dem gleichnamigen Stück aus der “Wenn schon – denn schon” Maxi nach gelockerter Grundhaltung jedes noch so kleine sich bewegende Geräusch erspäht, visiert, es erlegt und sich somit zunehmend unbeschwerter voran pirscht. Ebenfalls angesprungen bin ich z. B. auch auf das “Flocken”-Stück. Diesmal haben dieTeichmänner den Dub mit pumpendem Bass unterfüttert. Nach sechs Maxis zeigen sie auf ihrer “We are one family” Scheibe, dass sie verdammt gut rocken können. “Born to be” Benjamin Wild pflückt hier im Alleingang sondermaßen klar die fluffige “Vektorblume” von der housigen Festplatte 09. In Kombination mit Hannes macht er jedoch “Kopfsalat”. Das Stück löst den verspannten Körper zunehmend und macht ihn ausgelassen und lässig. So was ähnliches passiert, wenn jemand in love with Acid Maria ist. Super-Miezie-Morales-DJ hat aus Spaß an der Freude mit den beiden Männern aus dem Teich ein paar fette Tracks gemacht. Einer davon ist “Makin Salad”. Das ist auch das einzige Stück, was zugleich neu und sowohl auf CD als auch auf Vinyl erhältlich ist. Und das ist ja auch kein Wunder bei diesem verklackerten Tanzlaszivklick-Track. Mit unterlegt zischelnder HiHat pumpt das Gebrüderpaar “für Nina” (fest 01) den trockenen Funk in die Bude. Auf der ersten Festplatten-Veröffentlichung ist auch Finanzhyäne Linus Brand, auch bekannt unter seinem Pseudonym “the bad financer” zu hören.
“Wir:Zwei” im Preview
Busenfreund Linus ist der erste Fremdkünstler auf den Festplatten gewesen und leider nicht auf der CD zu hören, aber dafür zusammen mit Hannes auf der Ende November erscheinenden Vinyl-Compilation “Wir:Zwei”. Nach dem Rückblick folgt nun die Vorschau. Und die veräußert sich mit wirklich und wahrhaftigen zehn! neuen Tracks. Neben alten Bekannten werden neue Festplatten-kompatible Erscheinungen wie bspw. Markus (Müller) Jackson, Flo(rian) Frötscher, Martin Haygis oder Phil(lip) Stumpf zu hören sein. Markus ist ein funky Newcomer aus Wiesbaden und demnächst Maxi-Kandidat, Phil spielt auch bei OH. und ist mittlerweile auch ein Super-DJ (Resident im Nouveau Casino, Paris). Flo und Phil werden ihr Ausdruckstanzstück “Du kannst nicht tanzen” vorstellen. Martin ist Gastsänger bei dem neuen Markus Günthner “Syndrom”. Also macht euch auf zwei richtig hoppelige Scheiben gefaßt, ich wünsch schon mal viel Spaß.

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Die Brüder Hannes und Andi Teichmann klopfen auf ihrem Label Festplatten den klaren Housebeat fest. Musikalisch bewegen sie sich in der geographischen Mitte zwischen ihren Wohnorten: Zwischen Regensburg und Hamburg liegt: Kölns Minimal Haus. Sagen wir jetzt mal so.

/house Teichmannmobilfunk Festplatten / Gebrüder Teichmann Festplatten / Manifest-Platten: der Klang einer neuen Generation. Einer Generation, die sich Postrock von Tortoise und Techno von T-1000 aus dem Netz lädt und sie ganz entspannt alphabetisch nebeneinander sortiert. Ideologische Grundsatzausschliessungen zwischen Rock und Elektronik sind passé für Hannes und Andi Teichmann, Betreiber und hauptsächliche Künstler des Labels Festplatten. 1989 waren sie 10 und 13 Jahre alt. Die Kämpfe der Alten sind historisch, jetzt wird parallel mit Festplatten House produziert und mit Beige GT Rock gespielt, und beides auf Frontniveau mit Spezialistendifferenzierung. Wo prägt man solche Generationseigenarten am unverkrampftesten aus? In der bayrischen Provinz natürlich, in Regensburg, dem Technonewcomeranwärter 1996. Im Musik Express würde es jetzt heissen: Bock auf Rock haben sie immer noch, auf jeden. Hannes und Andi kommen aus einem richtigen Rockmusikkontext. Mit viel Spass, aber nicht Funpunk oder so. Hannes spielt Moog, Andi spielt Schlagzeug bei Beige GT. Sie machen schon Popsongs mit klassischer Instrumentierung, gehen aber mehr mit einer Patternhaltung heran, Schlagzeug und Gitarren könnte man auch loopen, wenn man wollte. Beige GT spielen es nur, als wäre es geloopt. In De:Bug könnte es heissen: Hannes kommt schon aus der ganz frühen, für Bayern frühen, 94 oder wann das war, Technoecke. Er wollte unbedingt scratchen, da ist er an den Technics nicht vorbeigekommen. Als man den Technics in Regensburg kaufen konnte, konnte man auch so elektronische Platten kaufen. 96 ging es auch in Regensburg los. Im Club Schimmerlos war Hannes Resident DJ. Als Ha.Te, Andi Orange und Gebrüder Teichmann legen Hannes und Andi professionell (z.b. auf dem U.Site Festival, holla) auf und veröffentlichen getrennt und gemeinsam seit 1996 Platten, unter anderem auf Tom Clarks Goldplate Music und Kompakt sowie auf ihrem eigenen Label Festplatten. Bei Hannes und Andi heisst es: Elektronik und Rock ist seit langem zweispurig unser Ding. Der gemeinsame Nenner: Transport von Gefühlslagen, Spass durch Musik. Der Performance-Aspekt ist bei beidem wichtig, die direkte Körper-Augen-Ohren-Kommunikation auf der Bühne wie im Studio. Unser Vater ist ein alter 68er Freakjazzer. Er hatte einen Jazzclub. Da waren immer schon Konzerte, es war wahnsinnig laut, Musiker im Umfeld, die Spielwiese, mal auf irgendwelchen Schlagzeugen herumzuhauen. Dann natürlich unsere eigene Band: Hannes war neun Jahre alt, Andi zwölf, da haben wir eine Punkband gegründet und alles in Schutt und Asche gelegt. Der erste Kontakt zu elektronischer Musik kam über unseren “Ravedaddy” Rainer Superuser, der im stillen Kämmerchen seit zehn Jahren live auf Tape aufnimmt. Er hat uns geprägt. Über die oberfränkische Musikinitiative “mdz”, “musik der zukunft”, die “clubbige Sounds oder technoide Klänge mit einer wohnzimmerlichen Harmonie in Einklang zu bringen versucht”, konnten wir auch immer beide Stränge weiterverfolgen. Was wir aber auf keinen Fall wollen, nie wollten, nur weil wir in beiden Feldern zuhause sind, ist der Crossover. Hannes: Ich stehe auf ganz klassische Sachen und völlig elektronische Sachen. Diese Mischsachen wie Prodigy sagen mir überhaupt nicht zu. Andi: Prodigy und Underworld arbeiten gerade auf eine konventionelle Rockschiene zu auf elektronische Weise. Wir haben mit der Band immer versucht, eben nicht dieses konventionelle Rockschema einzuhalten. Und hat andererseits irgendwer mitbekommen, dass das A1 Stück unserer Platte für Kompakt ein Remix der letzten Beige GT-Aufnahmen ist? Letzte Spuren eines Indie-Unterbewussten schalten sich im verselbständigten Produktionsprozess von alleine aus. Mit der Festplatten 1 haben sie da angefangen, wo Egoexpress (bis jetzt) aufgehört haben: bei einem äusserst groovesensibilisierten Spass an destruierenden Klängen. Immer von einem Dada-Humor gekitzelt, der einen in Titelgebungen wie “Dispodancer”, “Hannesmannmobilfunk” oder “Chordschleuder” angrinst. Festplatten 1 hat mehr Musikstückcharakter. Der Spass an destruktiven Geräuschen stand sehr im Vordergrund. Die erste EP ist sehr garagig, garagig wie in Punk. Aber wir haben jetzt bessere Monitorboxen. Wir setzen uns nicht speziell mit Vorgaben hin, sind aber professioneller geworden beim Arbeiten. Man kommt besser auf den Punkt: Rhythmus ausdifferenzieren, Zusatzsounds weglassen – genau das ist uns wichtig. Als DJs ist uns aufgefallen, dass wir unsere eigenen frühen Sachen schwer in unsere Sets einbauen konnten, weil es schon so komplexe Gerüste waren. Der ganze Clubabend mit allen Höhen, Höhen, Höhen in einem Track eben. Bei der 3., der Gemeinschaftspraxis, die demnächst kommt, geht es in eine DJ-freundlichere Trackrichtung. Zwischenstand Festplatten 3: synthetischer I-Tüpfelchen-Funk auf Messers Schneide. Hannes: Der oldschoolige Techno ist mir zu lärmig mittlerweile, es darf aber schon noch straight und techig sein. Es ist eine Bereicherung, etwas wegzulassen. Wir hatten Spass am Weglöschen. Ein bisschen Rest aber muss da sein. Und ich stehe darauf, wenn es synthetisch ist. Was mich bei manchem House nervt, sind gefilterte Samples, bei denen man die ganze Tanzcombo noch hört, nur dass sie durch den Filter unterdrückt wird. Ich bin mehr für klarere, elektronische Sachen. Da etwas herauszukitzeln, ist eher mein Anspruch. Nicht unbedingt den besten Housegroove mit was Discomässigem drüberzuhaben. Und unsere Musik soll live abrufbar sein, darauf hin produzieren wir, auch das verlangt Reduktion. Wir hatten zum 2. Mal einen Liveact im Ultraschall. Das wollen wir ausbauen. Beim Auflegen steht man halt manchmal da und weiss bei all den fremden Platten nicht so recht, was man da noch draufsetzen soll. Hannes: Ich bin sehr gespannt, wie wir mittlerweile geworden sind, weil lange Zeit nichts passiert ist. Nächste Woche kommt Andi von Regensburg zu mir nach Hamburg, wo ich mittlerweile lebe, und wir werden nach zwei Monaten das erste Mal wieder produzieren. Wenn Andi für ein Wochenende oder eine Woche nach Hamburg kommt und die Stimmung passt, hat man nach einem Wochenende 2, 3 coole Tracks. Und die können garantiert noch etwas draufsetzen. War es ein langer Weg von den souveränen Pseudonymen Ha.Te und Andi Orange zum gemeinsamen Namen Gebrüder Teichmann? Andi: Gebrüder Teichmann kam von der Idee aus Köln: Andi Orange und Ha.Te? Ne, ne, anderer Name her. Vor vier, fünf Jahren ist noch niemand unter seinem Namen aufgetreten. Das kam durch die Kölner, die richtig konsequent ihre Namen draufgeschrieben haben. Zum Familiennamen hat man einen komischen Bezug, Schule und so. Jetzt nach 24 Jahren haben ich angefangen, mich damit anzufreunden und Teichmann zu heissen. Man kann gerne Brüder sein.

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