Die Ruhe nach dem Sturm

Psychedelischer Freakout-Jazz hat erst einmal ausgedient. Auf seinem neuen Album geht HipHop-Wizard Flying Lotus die Dinge lieber entspannt an: “Until The Quiet Comes” ist das introspektive Gegenstück zum überbordenden Vorgänger “Cosmogramma”.

Er ist gerade einmal 28 Jahre und vier Alben alt. Doch als Musiker definiert er bereits eine ganz eigene Ära. Seit dem Durchbruch mit “Los Angeles” vor vier Jahren hat die elektronische Gemeinde in Steven Ellison aka Flying Lotus einen Lichtbringer gefunden. Seine Musik weckt immer wieder höchste Erwartungshaltungen und wirkt stets frisch, ohne sich dabei zuordnen zu lassen. Flying Lotus ist mit das Beste, was seinem Label Warp Records in den Nullerjahren passieren konnte, eine Wiederbelebung von instrumenta- lem HipHop, die sowohl in Richtung Bassmusik als auch für Freiform-Liebhaber anschlussfähig ist. Und spätestens als vor zwei Jahren sein wild in verschiedenste Richtungen drängender Klops von einem Album namens “Cosmogramma” erschien, weiß man, dass bei ihm mit Überraschungen zu rechnen ist.

Umso erstaunlicher, dass Ellison auf “Until The Quiet Comes”, seinem dritten Album für Warp, die Regler wieder ein wenig zurückschraubt. Statt den psychedelischen Vorgänger noch einmal an kosmischer Quirligkeit zu überbieten, besinnt er sich auf seine Fähigkeiten, Beats durch gezieltes Unscharfziehen fast aus dem Takt zu reißen und Atmosphären aus so etwas wie nervöser Lässigkeit entstehen zu lassen, einer spielerischen Beiläufigkeit, die schon auf seinen frühen Aufnahmen zu hören ist. Doch Ellison zieht 2012 nicht bloß Bilanz, er räumt auf, verfeinert das bisher Erprobte und lenkt seinen Stream of Unconsciousness in traumhafte Regionen. Wo man früher den Eindruck gehabt haben mochte, leicht bekifft durch L.A. zu ziehen oder, unterstützt von einer kräftigen Dosis Halluzinogene, im All zu schweben, geht es diesmal mit Flying Lotus durch die Nacht.

Die neue Klarheit
Klingt fast wie ein Widerspruch: Die 18 Stücke der Platte zählen von der Produktion her zum Klarsten, was Ellison bisher veröffentlicht hat, trotzdem ist die Stimmung überwiegend dunkel, wenn auch nicht unbedingt bedrohlich. Man fühlt sich dabei wie ein Kind, das nachts aufwacht und erst einmal nicht weiß, wo es gerade ist. “Ich habe mir einen kleinen Jungen vorgestelle, der nachts in einer Badewanne durch die Stadt fliegt”, so Ellison im Interview. “Eine fliegende Badewanne halt.”
“Ich wollte etwas machen, das eine gewisse Unschuld hat, als wäre ich ein Kind, das die Welt zum ersten Mal wahrnimmt. Ich wollte ein Album mit unschuldigen Augen und unschuldigen Ohren machen. Ich habe versucht, mit einer sorglosen Einfalt zu produzieren, ganz gleich, ob am Ende etwas Düsteres oder Fröhliches herauskam.”
Dazu passt auch der vergleichsweise übersichtliche Aufbau der Stücke. Man meint, ganz wie das Kind in der Badewanne seine nächtlichen Eindrücke sammelt, habe Ellison die Klänge einzeln herausgegriffen und staunend betrachtet. “Einer der Gründe, warum ich das Album ‘Until The Quiet Comes’ genannt habe, war, dass es minimalistischer werden sollte. Bei der letzten Geschichte hatte ich einfach einen starken Drang gespürt, alles sollte unmittelbar wirken. Sobald ich den Vibe gefunden hatte, musste es schnell gehen. Alles musste jetzt sein! Diesmal wollte ich die Sache langsam aufbauen, die einzelnen Momente sollten sich entwickeln und atmen können. Also musste ich mich bei den Sounds ein wenig zurücknehmen und nicht immer alles bis zum Maximum ausreizen.”

Flying Redux
Ellisons Ansatz, die Elemente seiner Musik stärker auseinander zu nehmen, um ihnen “auf den Grund zu gehen”, kostete ihn mehr Mühe als die Arbeit an “Cosmogramma”, auch wenn er sagt, dass er praktisch für jedes seiner Alben zwei Jahre gebraucht hat. “Tatsächlich war es schwieriger als das letzte. Besonders die abschließende Phase mit den zusätzlichen Musikern brauchte eine Weile und bis ich die Platte endlich so gemixt hatte, wie ich sie haben wollte, hat es noch einmal ganz schön gedauert.” Immerhin musste er über den Tod seiner Mutter hinwegkommen, zudem arbeitete er mit dem Bassisten-Wunderkind Thundercat an dessen Debütalbum, das vergangenes Jahr auf Flying Lotus’ Label Brainfeeder erschien.
Thundercat, der schon auf “Cosmogramma” seine technischen Fähigkeiten unter Beweis stellen durfte, ist als Bassist und Sänger auf “Until The Quiet Comes” ebenfalls vertreten. Er war es auch, der den Kontakt zur Gastsängerin Erykah Badu herstellte, die mit dem Song “See Thru To U” ihre erste musikalische Zusammenarbeit mit Flying Lotus abgeliefert hat – Ellison hatte vorher schon das Video zu Badus Song “Gone Baby, Don’t Be Long” von ihrem Album “New Amerykah Part Two (Return of the Ankh)” mitgestaltet.
Ursprünglich gab es Pläne, dass Ellison ihr nächstes Album produzieren sollte. Bis auf weiteres jedoch – obwohl die gemeinsamen Aufnahmen, so Ellison, “natürlich, organisch, wirklich gut” verliefen – bleibt es bei diesem einen Dokument. Das kann sich dafür allemal hören lassen: Angetrieben von immer wieder aufs Neue auseinanderdriftenden Beckenschlägen und einem elegant pumpenden Bass, singt Badu dazu mit leicht ge- spenstisch hallender Stimme von nicht näher spezifizierten Traumerlebnissen.
Unter den Gastmusikern findet sich auch Radiohead- Sänger Thom Yorke, der mittlerweile zu Ellisons engeren Vertrauten zählt und schon zum zweiten Mal auf einer Flying-Lotus-Platte einen Auftritt hat. Ungeplant und so ziemlich in der letzten Minute, wie Ellison sagt: “Ich hatte Thom ein paar Files geschickt und ihm geschrieben: ‘Diese Sachen werde ich wohl für das Album nehmen, die könnten ganz gut passen.’ Und er antwortet mir: ‘Warte mal, für den Song hier habe ich vielleicht etwas!’ Ich hätte nicht gedacht, dass er bei der Platte mitmachen würde, schließlich hatten wir ja schon zusammen gearbeitet.”
Für Ellison scheint die Verbindung zwischen beiden alles andere als zufällig zu sein: “Ich habe Radiohead immer schon geliebt, sie sind meine Lieblingsband, seit meinen Teenager-Tagen. Und bei Thom und mir habe ich das Gefühl, dass es eine Seelenverwandtschaft gibt. Wir sind am gleichen Tag geboren, es gibt viele Dinge, die wir beide mögen und wir umgeben uns mit ähnlichen Leuten.”
Dazu scheinen selbst die Krawall-Rapper von Odd Future zu gehören. Ellison zumindest hatte schon verschiedene Begegnungen mit dem HipHop-Kollektiv aus L.A., nahm mit dem MC Earl Sweatshirt Musik auf oder produzierte Stücke für das Duo Hodgy Beats. Mit dem R&B-Star des Jahres, Frank Ocean, anfangs auch Teil des Kollektivs, hatte er ebenfalls Pläne: “Ich wollte mit ihm etwas machen, bevor er berühmt wurde, doch jetzt – vergiss es! Er antwortet nicht einmal mehr auf meine Nachrichten.”
Ironischerweise ist der HipHop auf “Until the Quiet Comes” oft nur als Rudiment zu spüren, obwohl Flying Lotus mit Rap sozialisiert wurde. Dass er sich jetzt wieder verstärkt mit Rappern beschäftigt, liegt zu einem guten Teil an Odd Future: “Ich war lange Zeit nicht besonders inspiriert von Rap. Damals sahen die Dinge auch noch etwas anders aus, es gab die Jay-Zs und die Kanyes, ich fand das eher langweilig. Und dann tauchten plötzlich diese ganzen neuen Typen wie Odd Future auf, die meine Liebe zum Rap wiederbelebt haben. Und ich dachte: Da komme ich doch her, nicht von der elektronischen Musik!”

Mit Björk und Hans Zimmer
Zu seinen Wunschkandidaten für zukünftige Projekte rechnet er denn auch Tyler, the Creator, den Kopf von Odd Future Wolf Gang Kill Them All, wie sie mit vollem Namen heißen. Am anderen Ende des Spektrums seiner Interessen stehen Björk oder der Hollywood-Filmkomponist Hans Zimmer. “Jemand, der Soundtracks macht und mit dem ich mich dann irgendwo in der Mitte treffen könnte, das wäre fantastisch.”
Gelegentlich zeigt Ellison bei seinen Live-Auftritten auch eigene Videos, wobei er einräumt, dass es da noch etwas hakt: “Es gab da ein Problem, als ich die Visuals für einen Auftritt in Australien gemacht habe: Mein Computer ist mit all meinen Sachen abgestürzt, und meine Show war futsch.” In letzter Zeit hat er aber an etwas Neuem gearbeitet. VJs will er keine einsetzen. “Alle Visuals sind bei mir mit der Musik synchronisiert, alles ist zur Musik programmiert. Bis es so weit war, hat es allerdings etwas gedauert, ich habe auch alle Bilder dazu gemacht.” Wer weiß, möglicherweise gibt es die bei seinen Konzerten in Deutschland im November zu sehen – und dann hoffentlich störungsfrei. Ellison dazu: “Das verrate ich nicht.”

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Elektronische Lebensaspekte.

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