Studiobesuch bei Brandt Brauer Frick
Text: Felix Knoke aus De:Bug 170

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Drei Musikarbeiter verbinden Neue Musik mit Techno und führen das seit einiger Zeit, zum Teil mit einem zehnköpfigen Ensemble, sehr erfolgreich live vor. Aber: Intellektuelle-Hipster-Künstler-Hybride, Neukölln-Wesen auf der einen Seite – auf der anderen das Muckertum, das Jungs-WG/Bandraum-Hausen, die Dialekt-Einwürfe und harmlos-nettes Flitzpiepentum. Wer sind Brand Brauer Frick?

Text: Felix Knoke, Bild: Malte Ludwigs

Jan Brauer und Paul Frick kauern über ihren Smartphones und erzählen sich Albträume. Jan, der Undercut-Hipster auf den Brandt-Brauer-Frick-Fotos, hat gestern Nacht davon geträumt, wie ein Interview nach dem anderen schiefgeht. Paul, Wuschelfrisur, Brille & Bart, schmunzelt schlapp. Auch er hat schlecht geschlafen, der Grund: Auftritt als Brandt Brauer Frick Ensemble, aber das Ensemble ist unvollständig. Die Grenze zwischen Publikum und Bühne ist im Traum durchlässig geworden: “Auf der Bühne herrscht ein Kommen und Gehen. Alles ist zerfasert. Eine ganz komische Stimmung.” – Jan: “Absurde Situation.” – Paul: “Musikmachen ist ja auch absolut absurd.”

Ich sitze neben Jan und Paul in der Sofaecke des Brandt-Brauer-Frick-Studios “The Gym” und fülle verlegen Akkus in mein Aufnahmegerät. Was ist Gespinst, was Befürchtung, was Überforderung mit dem Promo- Stress – dessen Teil ich ja bin? Ich fühle mich wie ein Eindringling und folge Daniel Brandt in den Innenhof, in den er sich zurückzog, um vor dem Interview mit mir noch eine Selbstgedrehte zu rauchen. Hier ist es ruhig – man sieht die Sterne, hört die Glocken der Martin-Luther-Kirche und Schnee bedeckt die Grillanlage, die an Innenhof-Feste im Sommer erinnert. Zwanzig Meter von der Sonnenallee entfernt entfaltet sich Dorfatmosphäre.

Von Clubexzessen oder Mucker-Schweiß ist bei Brandt Brauer Frick heute wenig zu spüren. Trotz Presserummel ist das “The Gym”-Studio ein trivial-harmloser Ort: Auf dem Duschklo liegt eine Ausgabe der Beatz, ein Playboy und ein Ikea-Katalog; über dem Spülkasten hängt ein Zettel: “Please s(h)it down! (not up)”. Ein Fön staubt vor sich hin. Das Studio liegt ebenerdig und war früher wohl mal ein Fitnessstudio. Über “The Gym”, im Chez-Chérie-Studio, nehmen Bands wie die Fehlfarben, Tocotronic oder Ja, Panik in WG-Atmosphäre auf. Im Stock darunter arbeitet Hans Unstern an seinem verqueren Popentwurf. Zwei Löcher im Boden – also Hans Unsterns Himmel – verbinden die Welten. Manchmal zieht es kalt von unten nach oben; wenigstens eines der Löcher haben Brandt Brauer Frick zusammen mit Unstern schon zugegossen, das andere ist unzugänglich. Mich erinnert “The Gym” an Jungs-WGs und Nerd-Retreats. Aber das Bild flackert. Denn die Feuilletons riechen Clubkultur-Anknüpfungspunkte, die Hipsterbibeln haben Klärungsbedarf: Ist das nun Muckertum, Musikarbeit? Wieso wenden Brandt Brauer Frick Techno-Produktionsmethoden auf Neue Musik an – und wieso funktioniert das am Ende auch noch? Was wollen die überhaupt?

Hinter dem Petrov-Flügel

“Miami” heißt das neue Album. Der Name ist reine Assoziation, Kreuzkölln hätte es auch getan – und eher zum schrofferen Sound der Platte gepasst. Aber Brandt Brauer Fricks Oberfläche war schon immer Hochglanz, nur die Risse und spröden Stellen unterm Klarlack sind vielleicht etwas deutlicher geworden. Vielleicht hat sich der ganze Wirbel, der in den letzten Monaten um das Trio gemacht wurde, ja auch auf den Klang ausgewirkt. Miami klingt vertraut erdig-clean, aber dichter, rauer und schmutziger als die Vorgänger. Ein Kalkül jedenfalls stecke nicht dahinter, meint die Band. Brandt Brauer Fricks Musik entsteht als Prozess und ohne großen Entwurf. Mein Plan, mit der Band durchs Studio zu laufen und mir die Entstehung eines Tracks von Station zu Station erklären zu lassen, schlägt deswegen auch schnell fehl: Wir kommen nicht viel weiter, als hinter den Petrov-Flügel.

“Wir proben ja fast gar nicht. Wir produzieren nur,” erzählt Daniel. Was auf Platte bis ins letzte 64tel auskomponiert klingt, ist auf der Bühne Improvisation. Nur die Ensemble-Auftritte werden notiert und durchgeprobt. Der Proberaum ist Werkstatt, Hobbyraum und Rückzugsort. “Das war von Anfang auch ein Spielplatz”, erzählt Paul. “Es war befreiend, einfach mal Platz zu haben. Das hat sich auch aufs Musikmachen ausgewirkt: Wir machen jetzt öfter gleichzeitig Musik.” Einer sitzt an der Laptop-Abhöre, die anderen an Synthi, Drumkit oder dem neuen E-Bass. Sie nehmen Instrumentenparts auf und loopen sie in Ableton Live. Am Ende einer Session gibt es Dutzende Parts und Loops und Versatzstücke für die große Geräuschhalde. “Das muss man sich vorstellen wie ein ewiges Hin und Her zwischen aufnehmen, improvisieren, auswerten und weiterkomponieren”, erklärt Paul das Arbeitsprinzip. “Mit der Zeit kristallisiert sich eine Struktur heraus.” Daran, wie einzelne Stücke entstanden sind, kann oder will sich die Band nicht erinnern. Daniel: “Einer hat ne Idee und fängt an. Vielleicht haben wir irgendeine Mucke gehört, ‘nen coolen Track, wo wir ein Element super finden. Dann nehmen wir den als erstes auf und können drumherum stückeln. Wir jammen aber nicht rum, bis glücklicherweise was Cooles dabei herauskommt. Es sind immer konkrete Ideen da.”

Die präparierte Büroklammer

Die Fragen nach der Entstehungsgeschichte ihres Klangs, können Brandt Brauer Frick dann auch kaum beantworten. Er flog ihnen zu, entwickelte sich fast zwangsläufig, ist ein Konsensprodukt – so disparat fallen die Erklärungsversuche aus. “Wir haben sehr schnell gewusst, was wir alle zusammen als Sound-Ästhetik wollen.” Vielleicht trifft es das aber auch: zufällige Zwangsläufigkeiten, wie der Petrov-Flügel gleich am Studioeingang. “Das ist unser Lieblingsding”, sagt Paul, während er die Überreste einer Büroklammer-Präparation aus den Saiten pflückt: “Der hat einen altertümlichen, auratischen Klang. Der klingt überhaupt nicht wie ein typischer moderner Flügel, sondern hat etwas Hartes in den Mitten. Fast verzerrt, nach altem Film.” Der Flügel gehörte einst dem Vater von Daniels Klavierlehrerin: “Der war Pianist und hat auch fürs Fernsehen und auf Kreuzfahrten Musik gemacht. Das Coole ist, dass der den immer mit einer Zange selbst gestimmt hat und deswegen der Wert nicht mehr so hoch war. Dafür muss man ihn echt oft stimmen.” Ich spiele ein paar Töne auf der tatsächlich sehr weichen Tastatur – und denke an das Vorgänger-Klavier, das die Band arg demoliert in ihrem Wiesbadener Proberaum stehen ließ: “Das war zu verstimmt, nachdem wir da richtig hart draufgehauen und reingetreten haben.” Vielleicht ist der neue, rauere Klang von Brandt Brauer Frick auch eine Reaktion auf die verbesserten Aufnahmemöglichkeiten in Neukölln: In Wiesbaden mischte die Band ihre Stücke auf einer PA ab, im “The Gym”- Studio ist Platz für eine Abhöre (im Raum), für selbstgebastelte Absorber, eine riesige Bassfalle und unzählige Instrumente und Effekte. “Das Album klingt auch dichter”, witzelt Jan, “weil in diesen Raum einfach viel mehr reinpasst.” Auf dem Boden liegen fünf Perser von Daniels Mutter. An den Wänden stapeln sich Instrumenten-Schachteln in Baumarkt-Regalen, am Boden stehen dutzende Flaschen (wenig Bier, ein bisschen Sekt, Spezi, Club Mate), auf der Bassfalle liegen ein halbes Dutzend ausgemusterte Keyboards. Gegenüber des Eingangs stehen ein Rhodes-Piano, zwei Nord-Synthis, Vintage-Tonerzeuger und -Effekte, ein Billig-Mischpult und natürlich: Kabel, Kabel, Kabel. Auf einem kleinen Pult liegt, Zifferblatt nach unten, eine hölzerne Wanduhr. Mit Kontaktmikrofonen wollte Jan das Ticken des Uhrwerks aufnehmen. Aber ein Kabel blockiert nun den Mechanismus. Paul störte das Ticken.

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Das moosgrüne Mikrofon

Inmitten des Chaos, wie ein Leuchtturm, steht moosgrün bepoppschutzt das einzige Mikrofon der Band, erklärt Jan: “Wir machen alles mit diesem AKG C414B. Das ist ein super gutes und flexibles Mikrofon”, erklärt Jan. Mit ihm nehmen Brandt Brauer Frick auch Stör- und Nebengeräusche auf. Also die Abfallprodukte der Musikproduktion, die dem an sich supercleanen Sound von Brandt Brauer Frick etwas Haptisches geben. Brandt Brauer Frick haben Miami “härter und fetter” gemischt und mischen lassen als die Vorgänger. Jan: “Wir stehen auf drückende Basslines, die sich im Subbereich abspielen und dabei nicht viele andere Frequenzbereiche blockieren.” Lange hatten sie nach einem Instrument gesucht, das so einen fetten aber auch transparenten Bass machen kann, gerade auch live. Die Wahl fiel auf einen Moog Little Phatty, den die Band zum letzten Album angeschafft hat: “Der klingt einfach so organisch, er hat eine ganz eigene Dynamik. Ich höre den oft fast wie ein akustisches Instrument”, schwärmt Daniel. “Seit Mr. Machine spielen wir auf fast jedem unserer Tracks den Moog.” Zwei Meter weiter steht ein anderer Analog- Schatz: ein verkratztes Dynacord Delay. “Das ist ein analoges Echogerät mit Eimerketten. Sehr charakteristischer Sound mit nur vier Parametern. Dreht man alle Regler nach rechts, spielt sich das Ding von selbst”, sagt Jan und führt grinsend die spooky Feedback-Sirene von Miami Titles, dem Schlussstück der neuen Platte, vor. “Die habe ich kurz vor dem Master noch einmal lauter gestellt. Ist geil, oder?!” In solchen Momenten blüht die Band auf: Wenn es um Zufallsfunde, Equipment und die Bedingungen der Aufnahme geht, werfen sie sich die Bälle zu, reden durcheinander und springen von Anekdote zu Anekdote. Großes Gelächter etwa, als sie davon erzählen, wie sie auf ihrer China-Tour sechs Mac-Netzteile, inklusive das des Tourmanagers, verloren haben. Mir scheint Daniels Beschreibung des Studios als Hobbyraum und Rückzugsort plötzlich um so greifbarer: Der Erfolg von Brandt Brauer Frick, die Hochglanzoberfläche der Videos, die slicke Produktion, die (Selbst?-)Stilisierung auf Fotos als Intellektuelle-Hipster- Künstler-Hybriden – als Neukölln-Wesen auch – ist die eine Seite. Die andere ist das Muckertum, das Jungs-WG/ Bandraum-Hausen, die Dialekt-Einwürfe und das harmlosnette Flitzpiepentum.

Brandt Brauer Frick, denke ich mir beim Nachhausegehen, haben noch keinen Platz in der Welt, im Feuilleton. Sie stehen auf den großen Festivalbühnen, aber erzählen vom Horst Kreuzberg in Berlin und vom Robert Johnson in Offenbach. Vielleicht spielte die Band auch genau darauf an, als ich sie bat ihre eigene Musik zu verorten: “Wir wollten dass das, wie es klingt und was es ist, eins werden. Weg von so einer cleanen Club-Ästhetik. Jetzt ist es menschlicher. Nach über 200 Konzerten haben wir auch die Live-Erfahrung, mit der wir uns weniger als Techno-Act sehen, denn als Band. Das Funktionale an der Musik ist total in den Hintergrund getreten. Uns würde überraschen, wenn da irgendwer was davon auflegt; höchstens als Remix. Das meiste ist zu schnell, zu langsam, mit komischen Brüchen.” Brandt Brauer Frick stellen sich einen Club oder Ort vor, wo genau das gehen würde: “Clubs bleiben ja vielleicht auch nicht immer so, wie sie jetzt sind. Wie so ein Ort aber aussehen könnte, das können wir nur mit Musik ausloten und ausprobieren.”

Brandt Brauer Frick, Miami, ist auf !K7/Alive erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.

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