Google ist kein selbstloser Dienstleister, sondern eine Werbungseinnahmemaschine. Darauf will das Kunstprojekt "Google Will Eat Itself" mit seiner ausgefuchsten Guerilla-Aktion aufmerksam machen.

Es gibt Ideen, die sind von einer solchen simplen und durchschlagenden Klarheit, dass sie einem sofort einleuchten. Wie zum Beispiel diese hier: mit Google-Ads Geld verdienen und davon Google aufkaufen. So erdacht von Hans Bernhard, Veteran des legendären ”Toywar“ und die eine Hälfte der Künstlerduos ubermorgen.com, seiner ubermorgen.com-Partnerin lizvlx sowie Alessandro Ludovico, Netzaktivist und Betreiber der italienischen neural.it-Webseite.
Ihr Projekt “Google Will Eat Itself (GWEI)” mag technisch ausgefeilt sein, basiert jedoch auf einem sehr einfachen Konzept.

Und das funktioniert so: Googles Haupteinnahmequelle ist Werbung oder genauer: die Vermittlung kontextabhängiger Werbeplätze auf Websites (AdSense). Will z.B. Universal Werbung für Rammstein schalten, dann zahlt es einen bestimmten Betrag an Google und Google schaltet die Rammstein-Anzeige auf der Seite eines Werbeplatzanbieters, der Rammstein-Fan ist. Oder so ähnlich. Google steht auf jeden Fall als Mittler dazwischen und streicht Geld von Universal ein, zahlt aber wiederum auch Geld an den Website-Betreiber, der Rammstein gut findet und AdSense zulässt – einige Cent pro Klick. Und genau hier setzt GWEI an: Auf einer Reihe von geheimen Websites werden massenweise AdSense-Anzeigen platziert und Klicks auf diese Anzeigen vorgetäuscht. Am Ende des Monats kommt der Check von Google und sobald genug Geld zusammenkommt, wird eine weitere Google-Aktie erworben (derzeitiger Börsenwert 377,40 USD). Glaubt man der Projektbeschreibung, so ist das hehre Ziel, Google vollständig aufzukaufen, dann in die “Google to the People Company” (GTTP) zu überführen und so den Nutzerinnen und Nutzern zurückzugeben. Ein ambitioniertes Vorhaben, denn läuft die Geschwindigkeit der Übernahme unverändert weiter – momentan besitzt GWEI 47 der Aktien – wird es voraussichtlich noch 3.443.287.037 Millionen Jahre dauern, bis der Dienstleistungsriese dir, mir und allen gehört.

Alles pseudo
Macht nichts, sagt das GWEI-Trio. Denn wie Hans Bernhard klarstellt, geht es bei GWEI nicht um eine konkrete politische Agenda: “Wir sind Künstler, keine politischen Aktivisten. Wir haben kein Interesse daran, Google und die Macht von Google mit Guerilla-Taktiken tatsächlich zu übernehmen. Uns interessiert nur die Attacke selbst, das Konzept dahinter.” GWEI sei also höchstens pseudo-aktivistisch. Eine “konzeptuelle Arbeit mit einer praktischen Ausführung”. Und auch lizvlx versichert: “Es geht nicht darum, das Unternehmen anderer Leute zu übernehmen, um es zu verändern oder zu verbessern. Das könnten wir gar nicht leisten. Unser Plan ist lediglich, Google mit ihrem eigenen Geld aufzukaufen und dann aufzulösen.”

Schöne neue Google-Welt

Das drängt die offensichtliche Frage auf: Was macht es notwendig, Google aufzulösen? Was haben die denn bloß gegen Google? Wer könnte denn überhaupt etwas haben gegen diesen lustig-bunten und effizienten Netz-Dienstleister mit dem knuddeligen Weltverbesserungsimage (“Don’t be evil!”), der uns ganz kostenfrei und scheinbar aus reinster Nächstenliebe zu nahezu jeder ersehnten Information führt oder in Weltkarten stöbern lässt oder …

Alles Fassade, sagen Bernhard, lizvlx und Ludovico: Die Suchfunktionen, Gmail, Google News, Google Talk, Google Maps und all die weiteren schönen Dienstleistungen und Anwendungen aus dem Hause Google, sie alle sind nichts als eine schillernde Schicht von Camouflage für das eigentliche Herz und die Haupteinnahmequelle des Unternehmens: die Werbung. Ludovico und Bernhard schätzen, dass Google mindestens 90% seines Umsatzes mit diesem Kerngeschäft verdient. “Für uns war dieser Fokus auf Werbung als die Kernaktivität von Google sehr wichtig, weil uns klar wurde, dass viele Menschen Google nach wie vor für eine öffentliche Dienstleistung halten”, sagt Ludovico. “Dieser Eindruck ist natürlich vollkommen falsch. Google ist inzwischen einer der größten Monopolisten im Internetservicesektor. Die Dienstleistungen sind wie eine dünne Schicht, die sich um den eigentlichen Kern, die Werbung als Haupteinnahmequelle, legt. Mit GWEI stoßen wir durch diese Schicht und berühren den Kern.”

Klar wird: Das eigentliche Ziel von GWEI ist nicht, das Unternehmen mit Hilfe der Börsenanteile zu übernehmen – was ohnehin utopisch wäre -, sondern die Monopolstellung von Google vorzuführen und anzukreiden. Und GWEI hat seine Waffen gut gewählt: Ihre Werbe-Guerilla-Taktik berührt Google erfolgreich dort, wo es am meisten weh tut.

Dürfen die das?

Wie schon frühere Projekte von ubermorgen.com bewegt sich auch GWEI in einer legalen Grauzone. Denn die Strategie, mit der das Projekt Gewinn generiert, ist aus Sicht von Google eindeutig Betrug, so genannter “click fraud”. Und wird mindestens mit der Schließung des betreffenden AdSense-Kontos, wenn nicht sogar mit einer Klage geahndet. Dass Google erst drei der vierzig gefälschten AdSense-Konten aufgestöbert und dichtgemacht hat (allesamt von GWEI ausgelegte Köder), liegt an dem ausgefeilten technischen Verfahren, mit dem das Projekt arbeitet (entwickelt von Programmierer Paolo Cirio). Die GWEI-Click-Bots verwenden die IP-Adressen nichts ahnender Besucherinnen und Besucher auf Seiten wie ubermorgen.com. Durch diese Kombination von menschlichem und maschinellem Verhalten ist es für die Google-Bots unmöglich, die gefälschten Klicks als computergenerierten Betrug aufzudecken, wie Bernhard nicht ganz ohne Stolz erklärt.

Schön und gut, aber ob das nicht ethisch etwas fragwürdig sei? Schließlich ist es nicht weniger als die Netz-Identität anderer Leute, die hier ohne ihr Einverständnis “ausgeliehen” wird. Bernhard sieht das alles nicht so eng: “Als Künstler sind wir es gewohnt, an der Grenze von legalem und illegalem, moralisch fragwürdigem und unmoralischem Verhalten zu navigieren.” Außerdem, fügt Ludovico entschuldigend hinzu, garantiere Google die Anonymität der Benutzerdaten. “Das tut niemandem weh.” Und Paolo Cirio meint, im Grunde destabilisiere diese Vorgehensweise sogar Googles (ebenfalls fragwürdiges) Data-Mining, denn durch die gefaketen Clicks werden auch Googles Statistiken verfälscht. Ob der Zweck hier die Mittel heiligt, muss wohl jeder selber entscheiden.

Die halblegale Vorgehensweise von GWEI vergleicht Bernhard gerne mit Robin Hood: “Wir wollen das Geld ja nicht behalten, das wäre Diebstahl und durchaus kriminell. Unser Ziel ist es, zurückzugeben, was ein anderer den Menschen unrechterweise weggenommen hat.” Lizvlx sieht das etwas anders: “Mit Robin Hood hat das überhaupt nichts zu tun. Robin Hood geht ja nicht durch den Wald, nimmt immer demselben Earl das Geld ab und kauft damit am Ende das Schloss des Earls. Er nimmt das Geld und gibt es den Armen. Das machen wir nicht. Wir wollen kein Wohltätigkeitsverein sein.”

Für sie ist die Übernahme und Auflösung von Google eher die Heilung eines am virtuellen Hyperkapitalmus erkrankten Patienten: “Davon auszugehen, dass Google 82 Milliarden Dollar wert ist, ist vollkommen verrückt. Eine konsensuelle Halluzination. Eine Massenpsychose. Wenn jemand verrückt ist, dann sollte man nicht dafür sorgen, dass er sich besser fühlt, sondern ihm helfen, zurück zur Normalität zu finden. Ihn heilen. Deswegen wollen wir das Unternehmen nicht ‘verbessern’, sondern implodieren lassen.”

Wer GWEI auf der diesjährigen Transmediale, wo das Projekt für einen Award nominiert war, verpasst hat, kann sich das Video der Präsentation jetzt im Netz ansehen: Von http://www.gwei.org führt ein Link direkt zu – Google Video.

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Elektronische Lebensaspekte.

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