Tumblrismus und der Internet State Of Mind unter die Lupe genommen

AIDS-3D, "El-Wire Noose" (2009)

Netzkunst ist tot. Ihre Veteranen haben sich in die Irrelevanz des Media-Art-Ghetto geflüchtet, während sich der Kunstbetrieb wieder konventionelleren Formaten zuwandte. Doch langsam nimmt eine neue Netzkunst Konturen an, die mit einem “Internet State of Mind” produziert wird. Statt sich tief in das Programmier-Web zu hacken, durchstreift es seine Oberflächen und entschlüsselt daraus die aktuelle Ästhetik des Lebens im Internet-Zeitalter.

“The Internet’s completely over”. So hat der Kunstkritiker Micz Flor kürzlich einen Text in der Zeitschrift Kunstforum International betitelt. Den Satz hat er natürlich von Prince gestohlen. Wir erinnern uns: weil Prince nicht viel von iTunes und digitaler Musikdistribution hält, hatte er das gesamte Internet für tot erklärt und sein neues Album ausgewählten Print-Medien gratis beigelegt. Dem Autor Flor geht es um etwas anderes: Sein Text ist eine historische Analyse der Netzkunst, ihrem heftigeren Höhenflug in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre und ihrem endgültigen Scheitern Anfang des neuen Jahrtausends.

Flor hat recht. Und Flor hat unrecht. Die alte Netzkunst ist zwar over. Aber mit dem neuen Internet gibt es auch eine neue Kunst. Auch der klassische Kunstbetrieb hat das inzwischen mitbekommen: Das Guggenheim Museum veranstaltet eine YouTube-Biennale und das New Yorker New Museum möchte mit der gerade zu Ende gegangenen Ausstellung “Free” mal schnell untersuchen, wie das Internet die Informationslandschaft und unser Verständnis vom öffentlichen Raum verändert hat. Kurz: Kunst, die momentan etwas mit dem Internet zu tun hat, ist hip, jung und ganz furchtbar heiß.  

The Smart Frrridge
Womit wir beim Kühlschrank wären. Der das zentrale Objekt der Ausstellung “The Smart Frrridge. Chilly Forecast for Internet Fridge” darstellt, die der Künstler Yngve Holen gerade im Kunstverein Medienturm in Graz organisiert hat. Denn an ihm lässt sich nicht nur ziemlich gut ablesen, wie Kunst heute mit dem Netz umgeht, er kühlt die ganze Aufregung auch gleich auf erträgliche Temperaturen herunter. Im Grunde hat Yngve diese Ausstellung gar nicht selbst organisiert, zumindest nicht nach der offiziellen Erzählung. Der titelgebende Kühlschrank soll es gewesen sein, der – in Einzelteile zersägt – über die verschiedenen Räume des Medienturms verteilt ist. Dabei soll es sich um einen “intelligenten Kühlschrank” handeln, also einer der selbstständig erkennt, was im Haushalt fehlt und nachbestellt werden muss – der prototypische Internet-Kühlschrank, der seit Mitte der 90er-Jahre so etwas wie das goldene Kalb der IT-Branche war und nach totalvernetzter Zukunft roch wie nichts sonst. Was daraus wurde ist bekannt – nämlich gar nichts.

Open smart fridge, fotografiert vom smart fridge

Unser Kühlschrank hat es immerhin zu einer iPod-Docking-Station gebracht, man kann mit ihm zusammen Musik hören. “Du wirst nie wieder allein sein”, verspricht der Pressetext. “Der Smart Frrridge wird mit Deinem Smart Phone kommunizieren und Sie werden zusammen auf Dich Acht geben.” Aber der Kühlschrank als Kurator? Er hat kurz gecheckt, was verfügbar wäre, was zusammenpasst, und was noch fehlt, was schon abgelaufen und was noch frisch ist. Dann hat er E-Mails an befreundete Künstler verschickt. Schon ist die Ausstellung fertig. So fertig wie ein voller Kühlschrank.
 
So einfach ist es natürlich nicht gewesen. Aber am Kühlschrank erzählt Holen eine ziemlich wirksame und nerdy-poetische Parabel auf das Ausstellungsmachen selbst, auf die Probleme, die sich ergeben, wenn man unterschiedlichste Kunstwerke auf einen thematischen Nenner bringen möchte, und sie dazu oft ziemlich gewaltsam zusammenkneten muss. Eine Parabel auf die Netzwerke, in denen sich so etwas gezwungenermaßen immer abspielt, am Ende auch auf den sterilen und abgeschlossenen Raum des White Cubes, dessen Rolle der Kühlschrank hier obendrein noch übernimmt. Und ironisch hintergründig natürlich auch auf die Hypes des alles umgreifenden Internetzeitalters, in dem schlicht alles zu wandelbarer und beliebig rekombinierbarer Information wird – nur Lebensmittel eben (noch) nicht. Die Haltung, die sich dahinter zeigt, schreibt sich in die Strukturen des Internets ein, ohne sich gleich als Netzkunst begreifen zu müssen. Denn das Netz ist schlicht die Folie, vor der Kulturproduktion und Kommunikation heute stattfinden. Das Netz ist das Leben.

Internet-State-of-Mind
Vor zehn bis fünfzehn Jahren war das noch anders. Damals war das Netz neu. Und die während der 1990er-Jahre sich formierende erste Generation von Netzkünstlern trat unter dem inzwischen längst historischen Genrebegriff “net.art” mit allerlei Hackerethos und Programmierer-Skills an, um die medialen Spezifitäten des sich gerade formierenden Internets herauszukitzeln und dem abgeschlossenen und objektzentrierten Kunstbetrieb eine prozessuale, vernetzte und weitestgehend entkörperlichte Alternative gegenüberzustellen. Und weil das damals alles neu war, gab es auch noch eine Zukunft, inklusive politisch formulierter Utopien: Man wollte die Auflösung der Unterscheidung von Produzent und Konsument vorantreiben und die Ablösung eines starken Autoren- und Subjektbegriffs zugunsten dezentrierter und scheinbar hierarchieloser Netzwerke. Irgendwann aber war der Newness-Lack ab und das ehemals Visionäre wurde spätestens mit dem Aufstieg dessen, was gemeinhin unter Web 2.0 subsumiert wird, zum Common Sense der Netznutzung. Allerdings ohne dass die entsprechenden politisch-emanzipativen Forderungen auch nur annähernd Wirklichkeit wurden. 

Jaakko Pallasvuo, "Immense"

Und während sich der Kunstbetrieb im Zuge seiner Nuller-Boomjahre wieder konventionelleren und besser verkäuflichen Formaten wie Malerei zuwandte, löste sich die Netzkunst in einer Subkulturnische namens “Medienkunst” auf. Dort programmiert man auf den jährlichen Branchenhighlights fleißig weiter an subversiven Programmen oder bastelt mit manischem Eifer an DIY-Robotern herum. Nur interessiert das keinen mehr. “Media-Art-Ghetto” sagen die jungen Künstler von heute dazu.

Das Netz dagegen ist ubiquitär geworden, seine Organisationsstrukturen und jene Kulturtechniken, die sich parallel dazu herausgebildet haben, sind schlicht der unhintergehbare Status quo – insofern taugt es auch nicht mehr als Unterscheidungskriterium, geschweige denn als Projektionsfläche für politische Utopien. Und insofern ist “Netzkunst” auch tot. Deswegen spürt man wohl auch ein derartiges Unbehagen bei einem Großteil der erneut in diesem Spannungsfeld arbeitenden Künstler, sich unter einem entsprechenden Label subsumieren zu lassen. Wenn man sich hier überhaupt auf net.art bezieht, dann in Form einer ironisch verwinkelten Aneignung bestimmter Retro-Digital-Ästhetiken, der dazugehörigen Konzepte und einem distanzierenden Take auf den Futurismus einer vergangenen Epoche. 

“Internet-Kunst in ihrer aktuellen Inkarnation wird von Leuten gemacht, die mit dem Internet aufgewachsen sind und es völlig selbstverständlich in ihre Weltsicht und ihre Arbeit integriert haben,” beschreibt der Autor und Kurator Carson Chan die Situation. Chan ist Mitbetreiber des Berliner Ausstellungsraums Program. Mit dem Projekt “Annex” hat sich die Projektgalerie gerade eine Online-Erweiterung geschaffen, eine virtuelle Galerie, die den existierenden Ausstellungsräumen nachempfunden sind und in der das Präsentieren von Kunst und das Kuratieren von Ausstellungen online ausgetestet werden soll. “All diese Ideen, die vor noch gar nicht langer Zeit neu und radikal waren, sind für diese Künstler schon längst zu einer Art zweiter Natur geworden. Die Kunst, die dabei produziert wird, ist nicht notwendigerweise ‚für’ das Internet oder online gemacht, aber automatisch mit einer Art Internet State of Mind,” fährt Chan fort und trifft den Nagel damit auf den Kopf. 

Timu Si-Qin, "like totally"

Mitmachinternet und Downloadversion
Das Spektrum dessen, was die jungen Leute heute machen, ist dabei denkbar groß. Es beginnt beim Spiel mit den Strukturen des Mitmachinternets, wenn Petra Cortright auf YouTube niedliche Webcam-Videos veröffentlicht und sie mit animierten GIFs aufpeppt oder Joel Holmberg in diversen Foren danach fragt, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, jemanden von der eigenen Existenz als Künstler zu überzeugen. Und jenseits aller Selbstironie spielt er dabei – wie auch Cortright mit ihren von den Vlogs 15-jähriger Pubertierender oft nur schwer zu unterscheidenden Videos – auf ein grundlegendes Problem an, das Kunst hat, die nur im Netz stattfindet: Erkennbarkeit. Denn im digitalen Raum der flachen Hierarchien wird keine Unterscheidung gemacht zwischen irgendeinem Bild und einem, dass sich als Kunst begreift. 

Die Grenzen sind offen, nicht zuletzt auch die zwischen Online und Ausstellungsraum. Das unter dem Pseudonym Aids-3D firmierende Künstlerduo Dan Keller und Nik Kosmas bringt nicht nur im Nexus von Technologie und Mythologie eine Büste Platons mit biometrischen Vermessungsrastern zusammen. Sie drücken einer Alien-Statue einen USB-Stick mit seinen eigenen Daten in die Hand, bauen Wandobjekte aus Solarpanelen oder basteln einen “OMG-Obelisk”, der es ebenfalls schon in eine Ausstellung im New Yorker New Museum geschafft hat: eine seltsame, altägyptisches Stele mit leuchtender “Oh My God”-Inschrift, flankiert von brennenden Fackeln. Was zuerst als billig animiertes GIF online existierte, wurde von beiden später als skulpturale Installation in den klassischen Ausstellungsraum transferiert. Die beschreiben sie dann lapidar als “Download-Version”. 
Und damit ist einer der Kernpunkte jenes kulturellen Shiftes benannt, der sich momentan vollzieht: der fortschreitende Kollaps zwischen einem Werk und seiner Repräsentation, zwischen einem Kunstwerk und seinem Abbild. Timur Si-Qin, der für sein Online-Projekt “Chrystal Gallery” die 3-D-Renderings anderer Künstler im Stile von Dokumentationsfotos in ebenfalls am Computer gebaute Galerieräume einfügte, fasst das in folgende Worte: “Parallel zur Entmaterialisierung der Dinge im Sinne einer Digitalisierung, öffnet sich der Raum auch für eine neue Art Materialzugang. All die im Grunde genommen ‚virtuellen’ Dinge des Internets sind natürlich genauso ‚echte’ Dinge.”

AIDS-3D, "OMG Obelisk" (2007)

Es geht also weniger darum, online gegen offline auszuspielen und den realen gegen einen virtuellen Raum auszutauschen – diese Unterscheidungen existieren sowieso fast nicht mehr –, sondern auf deren beider Überschneidung und Austauschbarkeit zu setzen. Gleiche Arbeiten können in verschiedenen Versionen existieren, angepasst an die jeweiligen Kanäle ihrer Distribution – online, im Ausstellungsraum, manchmal sogar als Party –, die dann wiederum von Fall zu Fall unterschiedliche Möglichkeiten und Notwendigkeiten künstlerischer Artikulation öffnen oder fordern. Noch dazu sollte man nicht vergessen, dass auch das World Wide Web ganz konkrete, materielle Grundbedingungen in Form von zigtausenden Glasfaserkabel-Kilometern und Interfaces braucht. Auch in dieser Lesart macht die Rede von einem “Neuen Materialismus” Sinn. 

Marlie Mul, "XYMemory USB Sticks" (2010)

Marlie Mul, "XYMemory USB Sticks" (2010)

Post-Internet Survival Guide
Just von dieser Schnittstelle könnte auch ein Projekt der Künstlerin Katja Novitskova erzählen, das als gerade zu Ende gegangene Gruppenausstellung in der Berliner Galerie Gentili Apri existiert und als Buch erschienen ist. “Post Internet Survival Guide” heißt es, was schon wieder verdächtig nach Prince klingt. Während in der Ausstellung überwiegend Skulpturen oder Installationen zu sehen sind – ein seltsam-minimales, slick-reduziertes Gerippe von Lorenzo Bernet und Yannic Joray etwa, so etwas wie ein abstrahierter Heizkörper, oder Stromkabel in wassergefüllten Ikea-Plastikwannen von Si-Qin –, wimmelt es im dezent Schwarz-Weiß gehaltenen Buch nur so von Renderings, Rudimentär-Avataren, und via Google Image Search hervorgekramtem Netzkitsch und Digitalfolklore genauso wie von Abräumhalden ausrangierter Tech-Gadgets.

Heerscharen von kleinen Tumblr-Bildchen erzählen von der Welt am Netz, erzählen von den opaken schwarzen Fetischoberflächen all der Plasma-Fernseher, Blackberrys, Kameras und Motorhelme, von James Camerons politisch hochproblematischem 3D-Exkursen in die imaginierte Welt autochton-außerirdischer Naturvölker oder vom Leben der ultrareichen “Dubai-Boys”, die auf der Palast-Couch weiße Löwen kraulen oder aus dem SUV mit der bloßen Hand kleine Gazellen fangen. Dazwischen tummeln sich unterschiedslos die Arbeiten der beteiligten Künstler. Kurz: wenn man das ernst nimmt und das sollte man, dann ist das ein ultragegenwärtiger Querschnitt durch die verwirrende Gleichzeitigkeit und irrsinnige Vielschichtigkeit einer radikal globalisierten Welt. Ein Blick ins Netz und durch die Augen des Netzes auf Heute. 

Der tolle postironische Titel dieses Projekts bringt dabei noch einmal alles auf den Punkt, um was es hier geht. “Wir sind alle postideologisch,” sagt Si-Qin mit ernstem Gesichtsausdruck. “Wir können die Sachen nicht mehr wirklich ernst angehen.” Aber halt eben auch nicht völlig unernst. Diese jungen Künstler, die sich langsam unter dem Banner einer “Neuen Netzkunst” sammeln und aus gutem Grund schon wieder gar nichts mehr damit zu tun haben wollen, sie sind nicht nur postideologisch oder postironisch, sondern in gewissem Sinne – nämlich dem, dass das Netz als Bezugsrahmen tatsächlich nicht mehr der Rede wert ist – auch “post-internet”. “2011 wird vielleicht das Jahr sein, in dem wir das Internet komplett als Referenzpunkt fallen lassen,” sagt Katja dann auch. Wie die Sache dann nennen? “Real Contemporary” böte sich an, als Name für eine Kunst, die tatsächlich radikal zeitgenössisch ist, total auf der Höhe. Katja lacht und findet das sofort gut.

Tumblrismus hat Nina Franz erfunden. Herzlichen Dank dafür.

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