Die Viererbande über die Verknüpfung von Sound und Politik

Gang of Foru Mike Gullic

Ihr Debüt-Album von 1978 hämmerte ein metallisches Ausrufezeichen hinter Walter Benjamins marxistische Ästhetik. Die Forderung, dass radikale Kunst nur dann radikal ist, wenn die Form ihrem radikalen Inhalt entspricht – sie hatte ihren ersten Soundtrack. Nach wechselvoller Bandgeschichte sind Sänger Jon King and Gitarrist Andy Gill aus der Urformation der Viererbande übrig geblieben und kehren heute mit neuem Album zu den Wurzeln ihres epochalen Erstlingswerks “Entertainment!“ zurück. Grund genug, die soundpolitischen Koordinaten von “Gang of Four“ neu zu befragen.

Im Sommer 1970 war in der New Left Review, dem publizistischen Flaggschiff des linksradikalen Akademismus in England, folgender Satz zu lesen: “Ein Werk, das die richtige Tendenz aufweist, muss notwendig jede sonstige Qualität aufweisen.” Dieses Resümee aus Walter Benjamins klassischem Aufsatz “Der Autor als Produzent“ dekretiert in Anlehnung an Bertolt Brecht nicht weniger als die kunstpolitische Antwort auf die Frage nach dem Verhältnis von Form und Inhalt, ästhetischem Gehalt und politischer Tendenz.

Jede richtige politische Tendenz eines Werks schließt seine künstlerische Qualität mit ein, weil sie seine künstlerische Tendenz einschließt. Kurzum: Radikale Kunst ist nur radikal, wenn ihre Form, ihre künstlerische Technik ihrem radikalen Inhalt entspricht. Diese genauso einfache wie unabgegoltene Forderung schlug rockpolitisch erst 1978 in Gestalt der nordenglischen Band Gang of Four mit voller Wucht ein.

Form VS. Inhalt
Mit ihrem explosiven Gemisch aus Punk, Neomarxismus, Situationismus und minimalem Funk hämmerte ihr Erstlingswerk “Entertainment!“ ein metallisches Ausrufezeichen hinter Benjamins marxistische Ästhetik. Simon Reynolds, dem wir die inoffizielle Postpunk-Geschichtsschreibung “Rip it up and start again“ (2005) verdanken, bemerkt trocken: Der radikale Inhalt entsprach der radikalen Form und war darüber hinaus tanzbar.

Warum “Entertainment!“ auch heute noch so zeitlos klingt, mag daran liegen, dass an der Nabelschnur des zerstückelten Gitarrensounds von Andy Gill, dem dialogisch verfremdeten Gesang von Jon King und der treibenden Rhythmussektion von Dave Allen/Hugo Burnham ein ganzer Soundkosmos hängt, der als epigonal schon gar nicht mehr zu umschreiben ist.

Musikalisch prägten Gang of Four einen Sound, dessen behelfsmäßigen Namen man heute kaum noch klischeefrei aussprechen kann: Funk-Punk. Sie lieferten damit die soundästhetische Schablone für ein ganzes Genre, dessen Fortleben über die unvermeidlichen Red Hot Chili Peppers bis zu Franz Ferdinand, Bloc Party, The Rapture, LCD Soundsystem und !!! (Chk Chk Chk) reicht.

Debug: Klingen die Epigonen heute nicht viel authentischer nach Gang of Four als das Original? Wie steht ihr zu dieser seltsamen Synchronizität von 1979 und 2010?

Jon King: Wir hatten das Privileg, niemals einen Hit zu veröffentlichen. Natürlich klingen einige Bands heute so, als ob sie häufig Andys Gitarrenspiel gehört haben. Ich denke aber, dass sie nur ein sehr kleines Segment von dem übernommen haben, was uns ausgemacht hat. Wenn du nur einen Teil unseres Gitarrenspiels extrahierst und daraus einen Popsong baust, kommt das schnell an ein Ende, obgleich ich Stücke wie “Take me out“ von Franz Ferdinand sehr gerne mag. Es ist auffällig, dass einige Bands wirklich sehr an unserer musikalischen Seite interessiert sind, die Stops and Breaks usw., andere aber viel mehr an der textlichen Seite. Wir allerdings haben diese beiden Seiten nie getrennt.

Debug: Ist es aber nicht eine bittere Ironie eures späten Erfolgs, dass gerade der methodische Ansatz, Form und Inhalt nicht gegeneinander auszuspielen, am wenigsten rezipiert wurde? Das Nachleben von Gang of Four war bisher eher ein musikalisch verkürztes.

Andy Gill: Das stimmt leider.

King: In den 70ern war die Musik teils sehr ernst, wir aber liebten genauso “ernste Musik“ wie Popmusik. Jeder mag Popmusik, jeder hat ein heimliches Vergnügen. Für uns war es in den 70ern immer ein großes Rätsel, warum es keine Popsongs über die Bader-Meinhof-Gruppe gab. Der erste wirklich gute Song darüber war “Life During Wartime“ von den Talking Heads. Der Text erzählt so eine sexy Story: gut aussehende Typen, Sex, Autoverfolgungen, Geschäfte erledigen, Knarren …

Debug: Wie aber kann Form und Inhalt so integral zusammengeschweißt werden, dass es im Nachleben dieser Musik später unmöglich wird, beides wieder zu trennen?

Gill: Was ”Entertainment!“ damals so speziell machte, war die Tatsache, dass all diese neuen Dinge, die im Sound passierten, mit der Textebene verbunden waren, ohne ein Instrument oder den Gesang einseitig zu privilegieren. Wenn du nach mehrfachem Hören genau auf die Texte achtest, bekommst du einen sehr genauen Eindruck von der damaligen gesellschaftlichen Situation.

Gang of Four 2

Von Maoisten und Marxisten
Gang of Four trafen sich 1978 in der linken Kunststudentenszene von Leeds. Die Labour-Regierung lag in ihren letzten Zügen, wirtschaftliche Depression, Streiks, Arbeitslosigkeit und die aufkommende Neonazi-Bewegung der National Front eilten dem Schatten der kommenden Thatcher-Jahre voraus. Kurzum, im Jahr 1978 lag England am Nullpunkt aller Verheißungen, die das Jahr 1968 in die westliche Welt entlassen hatte. Rockpolitisch hatte Punk bereits die klanglichen Traumschlösser des Art- und Prog-Rock in Trümmer gelegt, aber selbst “No Future“ hatte keine Zukunft mehr.

In diese Gemengelage fiel der Name “Gang of Four“ oder “Viererbande“, der die despektierliche Bezeichnung der vier Führungsfiguren der chinesischen Kulturrevolution zitierte. 1978 war Mao zwar bereits zwei Jahre tot, das Genre des Universitätsmaoismus zehrte aber noch von einem Geist, den ein Film wie La Chinoise von Godard einst aus der Flasche gelassen hatte. Als Andy Gill, Jon King, Dave Allen und Hugo Burnham Ende der 1970er Jahre die Postpunk-Bühnen Nordenglands bestiegen, taten sie dies allerdings nicht als Maoisten.

Im Gegenteil, ihr Theorie-Baukasten war anders sortiert: flankiert von den beiden großen Bs, Benjamin und Brecht, bildete das Dreigestirn des westlichen Marxismus, Gramsci, Lukács und Althusser, zeitgenössisch angereichert um den französischem Situationismus, die ideologische Ursuppe von Gang of Four. Örtliches Hauptquartier und Geburtsort war Leeds, seine Kunstakademie und zuvorderst der Pub “The Fenton“, in dem sich alles traf, was alkoholisch und politisch links von Labour stand: Kunststudenten und Anarchisten mit großem Durst. Der Rest ist Postpunkgeschichte.

Architektonischer Sound
Konzeptionell formulierten “Gang of Four“ eine politische Rockmusik “neuen Typs“, die auf Form und Inhalt integral durchschlug: egalitär und kollektivistisch im Habitus, energetisch im Auftritt, nüchtern, sarkastisch und trocken im Ausdruck. Ein architektonischer Sound ließ viel Raum zum Atmen und verband paradoxe Attribute: Distanz und “in your Face“, Kalkül und Leidenschaft, aggressive Brutalität ohne machohaften Rockismus. In den Worten Reynolds war das ausgebremster Schweinerock, akademischer Heavy-Metal-Funk, eine Mischung aus Hendrix und Marx.

Produktionsästhetisch stand “Entertainment!“ in einer Reihe mit vier anderen stilbildenden “Meisterwerken“ einer Zeit, die keine Meisterwerke mehr produzieren wollte: “Metal Box“ von Public Image Limited, “Fear of Music“ von Talking Heads, “Pink Flag“ von Wire und “Unknown Pleasures“ von Joy Division. Das musikalische Neuland, das mit dem Einbringen von Funk-, Dub-, Reggae- und Disko-Elementen betreten wurde, ließ sich nicht mehr in den klassischen Rocksong rückübersetzen. Vielmehr verlangte es Konstruktion und Konzept und einen radikalen Abschied von der Tradition rockistischer Spontaneität, die Ende der 1970er Jahre innerlich so verfault war wie 1926 die Worte Geniekult, Kunstgenuss und Schöpfertum.

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Debug: Wie steht ihr heute zu eurem konzeptuellen Ansatz der späten 1970er Jahre?

Gill: Es gibt immer noch viele Ähnlichkeiten. Wir gehen mit einem ähnlichen methodischen Ansatz an unsere Stücke heran wie 1979. Heute aber sind wir in der Lage, die Dinge von mehr als von einem oder zwei Blickwinkeln aus zu betrachten. Textlich haben wir andere Ansätze auf unserem neuen Album. Darin besteht aber seine Stärke: Es ist nicht mehr alles aus der ersten Person Singular heraus formuliert, es gibt viele Dialoge mit unterschiedlichen Figuren.

Debug: Wollt ihr heute immer noch das kommerzielle System Popmusik von innen heraus verändern, obgleich es so gar nicht mehr existiert?

Gill: Es war nie unser Ansatz, das System wirklich von innen zu verändern. Wir wollten keine schwierige Musik machen. Wir wollten immer ein Massenpublikum erreichen. Der entscheidende Punkt von Popmusik ist, sie direkt zu verstehen. Darum geht es.

King: Wenn du ein Album “Entertainment!“ betitelst, bedeutet das auch etwas. Wir wollten immer, dass unsere Sachen etwas bedeuten. Das gleiche gilt für “Content“, das neue Album. “Content“ hat natürlich zwei Bedeutungen: Zufriedenheit und Inhalt. Auch Entertainment ist ein wirklich interessantes Wort, es kann aber auf keinen Fall in einem Indie-Kontext funktionieren. Aber unsere Musik braucht ohnehin ein anderes Setting. Ich bin ein großer Fan der Schriften von Bertolt Brecht. Er war sich absolut darüber im Klaren, dass du die Dinge auf die Bühne stellen musst, um mit ihnen spielen zu können. Solange du kein volles Haus hast, bedeutet ein Stück wie “Mutter Courage“ nichts.

Gill: Wenn du deine Sachen vor ein großes Publikum stellst, in eine Reihe mit Cliff Richard und Kate Bush, wird die Bedeutung deiner Musik stärker.

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Absage an das System Subkultur
Punkpolitisch standen Gang of Four mit einer solchen Einstellung ziemlich alleine da, als sie 1979 mit einem EMI-Plattenvertrag für ihr Erstlingswerk dem System Subkultur die größtmöglichste Absage erteilten. Diese vertragliche Nähe zum alten System Pop legte dennoch den Standort der Kritik nahe: Er war kapitalistisch involviert, dreckig. Anstatt aber narzisstische Selbstkritik zu üben, erklärten Gang of Four das warenförmige Brett vorm Kopf zur Agit-Punk-Waffe. Statt auf Zeigefinger-Didaktik und Lehrstück-Punk zu setzen, schlossen sie sich selbst in den Verfremdungseffekt mit ein, den sie an ihr Publikum adressierten.

Brecht ohne Pädagogik hieß folglich: Denaturalisierung von Selbstverständlichkeiten organizistischer Rockmusik, Zerschlagung jeder falschen Synthese, Entstellung aller romantischen Rockphantasmen zwischen Gitarre, Phallus und dionysischer Vereinigungsorgie. Um den Gesten des klassischen Schwanzrock-Sexismus zu entgehen, deren in Stein gegossenes Modell auf ewig Led Zeppelin heißen wird, griffen Gang of Four aber nicht auf ein bereits eingeführtes Arsenal feminisierenden V-Effekte zurück.

Getreu der Brecht‘schen Devise “Gefühl ist Privatsache“ ging es letztlich darum, auf der Bühne keine Schwächen zuzulassen, das Primat der Vernunft über Emotion nicht anzuzweifeln. Im Spannungsfeld einer emphatischen Maskulinität ohne Sexismus ist allerdings das System Rock manchmal stärker als seine Posen – mithin anschlussfähig an das, was Gang of Four angriffen.

“The change will do you good.”
Dieser irritierende Schwanzrock ohne Phallus unterlief jedenfalls jede saubere Unterscheidung in ’Wir‘ und ’die anderen‘. Die Erfahrung, dass auch Indie-Labels kapitalistischen Zwängen ausgesetzt sind, führt zum Kern jeder radikalen Kapitalismuskritik: Es gibt kein Außen. So mag es nicht verwundern, dass ein Song wie “Damaged Goods“ (1978) wie die ins Werk gesetzte Lukács‘sche Theorie der Verdinglichung und des Marxschen Kapitels über den Fetischcharakter der Ware klingt – mit den Mitteln des Diskopunks.

Die klassischen Textzeilen, die noch heute fast jeder Pub-Eckensteher in sein Bier murmeln kann, handeln von der Inversion menschlicher und dinglicher Verhältnisse im Kapitalismus: “Damaged goods / Send them back / I can’t work / I can’t achieve / Send me back / Open the till / Give me the change / You said would do me good / Refund the cost / You said you’re cheap but you’re too much / Your kiss so sweet / Your sweat so sour / Sometimes I’m thinking that I love you / But I know it’s only lust / The change will do you good.“

Bei Georg Lukács klang es 1923 noch so: “Das Wesen der Warenstruktur [...] beruht darauf, dass ein Verhältnis, eine Beziehung zwischen Personen den Charakter einer Dinghaftigkeit und auf diese Weise eine ’gespenstige Gegenständlichkeit’ erhält, die in ihrer strengen, scheinbar völlig geschlossenen und rationellen Eigengesetzlichkeit jede Spur ihres Grundwesen, der Beziehung zwischen Menschen verdeckt.“ Nie wieder war Lukács so tanzbar wie 1979. Heute aber wird anders getanzt seitdem das, was wir einmal als Popkultur im Singular bezeichneten, verschwunden ist und sich in unübersichtliche Sub-Szenen aufgelöst hat.

Debug: Euer konzeptueller Ansatz stammt aus den späten 1970er Jahren. Es gab noch einen Mainstream, den zu stürmen sich lohnte. Heute aber gibt es diesen Schauplatz nicht mehr in seiner Einheit.

King: Das Wesentliche ist nach wie vor, dich vor dein Publikum zu stellen. Wir sind eine Live-Band. Wir spielen immer. Die Schwierigkeit ist einfach: wie kannst du heute dein Publikum erreichen, wenn du keine Live-Band bist und nicht auftrittst.

Debug: Euer neues Album gibt es ja nicht digital.

King: Sieh es einmal so: Ich lese vielleicht 50 bis 60 Bücher pro Jahr, aber ich hasse Kurzgeschichten. Ich hasse sie wirklich – ob in Magazin- oder Buchformat, ich kann nichts damit anfangen, ich liebe Romane und Geschichtsbücher. Romane und Alben geben dir die Möglichkeit, durch einen Stoff wirklich durchzugehen.

Debug: Wie steht ihr zu der Veränderung der technischen Reproduzierbarkeit von Musik, die das MP3-Format erst möglich gemacht hat? Rezipiert ihr aktuelle elektronische Musik?

King: Das Interessante an elektronischer Musik ist die Veränderung der Produzentenrolle, die sich schon im Dub angekündigt hatte. Faszinierend ist vor allem, dass du heute Sachen produzieren kannst, die du live auf herkömmliche Weise kaum spielen könntest. Ich mag Justice beispielsweise sehr gerne. Du kannst Sachen zerschnippeln, zufällige Elemente benutzen. Die Tendenz scheint mir heute zu sein, dass immer mehr Leute einen Rechner benutzen und so technisch in die Lage versetzt werden, immer weiter in die Vergangenheit zu gehen und dabei Soundsignaturen benutzen zu können, die für sich genommen vielleicht nicht radikal klingen, aber als zerhackte Soundbites die Erfahrung suggerieren, dass das moderne Leben äußerst fragmentiert ist. Die große Misere des modernen Lebens aber ist, dass es eben nicht so zertrennt ist. Die moderne Welt ist vielmehr voll von Konsens, voll von Grau, und nicht voll von Disjunktionen. Ich weiß, dass das rote Licht in einer vorberechneten Zeitsequenz auf Grün umschaltet.

Gang of Four 4

Debug: Diese Vorhersagbarkeit hat aber positiv gewendet einen festen Platz in elektronischer Musik. Ihr Name ist Wiederholung und vielleicht ist es sogar ihr stärkstes Moment: Erlösung durch Wiederholung, ich denke an die elementare Körpererfahrung von Techno und House. Es ist das auf ewig gestellte “Encore“ eines guten Mixes, der idealerweise nicht endet. Das fragmentierende Zerhacken von Sounds betrifft eine andere, komplementäre Traditionslinie von elektronischer Musik. Es ist aber kein Zufall, dass heute ein bestimmter repetitiver Sound, der im Wesentlichen noch aus der pre-elektronischen Epoche stammt, extrem aktuell klingt. Ich denke an Bands wie Can oder Neu!, die derzeit eine bemerkenswerte Aufmerksamkeit erfahren.

King: Womöglich müssen wir uns heute eine Synthese dieser beiden gegenläufigen Bewegungen – hier Repetition und Kontinuität, dort Zerhacken und Diskontinuität – vorstellen. Kontinuität mit Bruch, eine interessante Sache.

Gill: Es gibt für “Logic“ ein großartiges PlugIn. Wenn du da einen Sound durchschickst, nimmt es jeweils einige Bits desselben heraus, verändert deren Reihenfolge und baut daraus wiederum einen Rhythmus. Nach einigen Minuten verändert sich das ursprüngliche Stück auf fantastische Weise. Das geschieht aber langsam, fast unmerklich.

Wie unmerklich sich V-Effekte einschleichen können, ohne vorher als solche markiert zu werden, erfuhren auf analoge Weise jüngst einige Besucher des Berlin-Festivals, wo Gang of Four ihr neues Album unter Live-Bedingungen testeten. Vor einem deutlich jüngeren Festivalpublikum, das sich modisch zweifelsfrei zur Entstehungsepoche des ersten Gang of Four Albums bekannte, schmuggelte Sänger Jon King eine seltsame Nummer auf die Bühne: Gegen Ende des routinierten Konzerts schlug er unvermittelt mit einem Cricketschläger auf eine zur Bassdrum umfunktionierte Mikrowelle ein, bis unter dumpfem Trommelschlag endlich Glas und Metall von der Bühne spritzten.

Während ein Teil des Publikums die postindustrielle Exekution des Küchengeräts amüsiert goutierte, rieb sich ein anderer sichtlich verstört die Augen. Das aufgeführte Punkspektakel stand völlig unmotiviert ohne “organische“ Verbindung zu irgendeiner Musikperformance auf der Bühne. Ob kalkulierter Schockeffekt oder postfordistische Kritik des Gebrauchswerts der Warenwelt: “Links hatte noch alles sich zu enträtseln“. Nehmen wir es als Versprechen.

Gang Of Four haben die Produktion ihres aktuellen Albums “Content” von den Fans finanzieren lassen, die über Crowd-Sourcing-Plattform Pledgemusic alle möglichen Goodies ersteigern konnten, etwa einen Studio-Besuch. Im Gegenzug wollen Gang Of Four alle Überschüsse, die das Album abwirft, an amnesty international spenden.

Content ist auf Grönland/Cargo erschienen.

Die lesenwerte Postpunk-Gesamtdarstellung von Simon Reynolds, Rip it up and start again. Postpunk 1978-1984, erschien 2005.

http://www.gangoffour.co.uk

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