Elemente einer kritischen Internetkultur


Geert Lovink
Zero Comments. Elemente einer kritischen Internetkultur.
(Transcript)

Der niederländisch-australische Medienkultur-Theoretiker Geert Lovink begleitet die Entwicklungen des Super-Mediums Internet nun schon seit Dekaden. Dabei überrascht er die Lesenden immer wieder mit provokanten Thesen oder ungewöhnlichen Wegen. So publizierte er vor einem Jahrzehnt etwa im feinen Supposé-Verlag im Rahmen der “Agentur Bilwet” das wunderbare, kleine Buch “Elektronische Einsamkeit”, in dem Lovink und andere über die Bedrohungen des Internet-Zeitalters nach der Spaßgesellschaft nachdenken, während draußen im Leitmedium Fernsehen der “lustige” Trash erst so richtig zum Mainstream wurde. Dabei besaß Lovink immer einen Witz und eine Praxistauglichkeit, die seine kulturpessimistischen Überväter der Kritischen Theorie gerne vermissen ließen.

Nun ist sein 2007er-Buch “Zero Comments“ auch in deutscher Sprache erschienen, was nicht zuletzt schlüssig erscheint, weil er der deutschsprachigen Medientheorie ein süffisantes Kapitel widmet (“Der Verbleib der deutschen Medientheorie“). Wobei sich Lovink hier in seinem Plädoyer für eine verstärkte Berücksichtigung deutscher Medientheorien und -philosophien der letzten zwanzig Jahre einsetzt, den Text aber schon arg in eine wilde Aufzählung diverser Namen und Ansätze münden lässt. Recht ist ihm zu geben, was die Selbstbezüglichkeit und -genügsamkeit vieler deutscher Medientheoretiker betrifft. “Sie sitzen einfach da und warten geduldig darauf, entdeckt zu werden.

Für die zeitgenössische Theorie ist das tödlich. (…) In Zeiten fortgeschrittener Globalisierung hat die Isolation europäischer Kulturen deutlich zugenommen.“ Überhaupt wirkt Lovinks Attitüde, ganz im Gegenteil dazu zu intervenieren und zu handeln, etwas aus einem theoretisierenden Vorverständnis gekoppelt an Medienpraxis zu verändern, sehr sympathisch. Lovinks größte Stärke ist diese latent humorvolle Schreibe zwischen Aktivist, Wissenschaftler (Lovink ist Professor an der Universität Amsterdam, der “Hogeschool van Amsterdam“ und am selbst geschaffenen “Institute of Network Cultures“) und Journalist.

Sein ständiges Kreuzen von Fakten, Anekdoten, Kommentaren und Theorien macht “Zero Comments“ zu einem erstaunlich gut zu lesenden Potpourri, dass einen über manch eine Überforderung (z.B. zahlreiche Fachbegriffe der Netztechnologie, -politik und -geschichte) hinweg lesen lässt. So wühlt sich Lovink überaus unterhaltsam durch die Themen Neue Medienkunst, Bloggen, Internet-Zeit, organisierte Netzwerke, Medienaktivismus, verteilte Ästhetik und Online-Zusammenarbeit.

Hier schreibt jemand, der reflektiert, was er praktiziert und daraus neue Reflexionen und Praktiken ableitet oder einfach wagt. Dieses Zusammenspiel geschieht nicht nur mit Lovink (siehe hier vor allem seine lesenwerte “Einleitung: Stolz und Ehre des Web 2.0“) zu selten zwischen Medienalltag, -kunst und -theorie. Befreien wir uns – ob Studierender, Dozierender oder schlichtweg Interessierter – von der unkritischen Gewöhnung an die Neuen Medien und ihre Mächte:

“Medienphilosophie sollte weder aufmunternde Zukunftsforschung noch dunkle Folgenabschätzung liefern, sondern lieber vorzeitige Blaupausen. Medien brauchen keine monopolistischen Standards, sondern endlose Variationen: eben Techno-Differenz. Eine leidenschaftliche Medienphilosophie eröffnet Möglichkeitsräume – aber erst nach Umwertung aller Vorlesungsverzeichnisse.“
http://www.networkcultures.org

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Elektronische Lebensaspekte.

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