Der Groove der männlichen Nation

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Es war ein gutes Jahr für Frauen. Auch weil es schon wieder so ein schlechtes Jahr für Frauen war. Auch für Frauen und elektronische Musik. Wir plagen uns mit einem nie enden wollenden Wahnsinn aus Rechtfertigungen, Mutmaßungen und Zuweisungen, um herauszufinden, warum Frauen in diesem Feld nie einen gleich- berechtigten Status erlangt haben. Das typische Lineup kennt die Quotenfrau. Das typische Label manchmal auch nicht mehr. Festivals sind Stammtische für Jungs. Und auch wenn es gelegentlich den Anschein hat, dass sich doch – endlich – etwas tut, nicht zuletzt weil die Genregrenzen elektronischer Musik immer stärker aufbrechen: Es bleibt beim Anschein. Wer sich dem relevanten und deprimierenden Sport verschrieben hat, Frauen zu zählen, der wird immer wieder darauf zurückfallen, dass ihr Anteil an allem, was elektronische Musik betrifft, marginal bleibt.

Sexismus, Ungleichheit, Quote, all das waren einfach zu große, bestimmende Themen, nicht nur im letzten halben Jahr. Die DJ-Charts von Resident Advisor, unsere ebenfalls, die Aufschrei-Debatte und die unsäglichen Anfeindungen, die deren Protagonistinnen dafür aushalten mussten, die Quoten-Diskussion, der konsequent jämmerliche Umgang unter Piraten, die von female:pressure immer wieder neu aufgelegten tristen Zahlen, Nina Kraviz in der Badewanne, die Brüste von Angelina Jolie, die Bücher aus der Welt der Technologie, nicht zuletzt von Sheryl Sandberg. Völlig disparate Ereignisse, Eindrücke, Statements zu einer Lage, die immer die gleiche ist. Es vergeht keine Woche, in der man sich nicht denkt: Kann doch alles nicht wahr sein. Ist aber so.

Nichts bleibt außen vor. Labelmacherinnen, Clubinhaberinnen, Festivalorganisatorinnen, kurzum die Chefs. Weibliche Chefs sind in der elektronischen Musik noch seltener als in anderen Branchen. In Magazinen wie unserem, in den Themen, unter den Lesern und Machern ist das nicht anders. Typen mit Sonnenbrillen, Typen mit Sonnenbrillen im Wald, Typen mit ihren Geräten, Typen auf dem Cover, Typen an den Tastaturen. Es ist, das fällt auch den Typen auf, die dieses Heft hier machen, durch und durch blamabel, jeden Monat aufs Neue. Als wir uns entscheiden wollten, ein “Frauen Special” für dieses Heft zu machen, trat das erstmal eine große Welle des Bedenkens los. Aber Frauen wollen doch nicht immer über Frauen reden! Aber Frauen wollen doch nicht als Frauen herausgestellt werden und ihre Musik auf ihr Frau-Sein reduziert sehen! Können wir das nicht so regeln, dass wir das Thema einfach machen, aber es nicht explizit als Special anpreisen? Was wir schon ein Mal, vor vielen vielen Jahren gemacht hatten. Oder am besten gleich immer tun?

Chauvinismus – egal wie unterschwellig – ist das große Sediment unserer Gesellschaft. Man wirbelt einmal kräftig drin rum, dann kommt die soziale Schwerkraft (der man nicht selten irgendwelche Natürlichkeiten, statt klare Machtverhältnisse unterstellt) und schon ist man wieder am Anfang. Man kann immer wieder auf die weiblichen Pioniere elektronischer Musik hinweisen, am Ende denkt doch jeder an Kraftwerk. Selbst unsere Roboterbilder tragen Hosen. Widerstand ist zwecklos. Bestenfalls ist das Bild einer Frau am Modularmonster so sexy wie eine Frau mit Knarre. Daran ändert auch ein Jahrhundert Genderstudies nichts, schon gar nicht die Nähe elektronischer Musik zu homosexuellen Bewegungen. Wir haben uns zu einer zutiefst areligiösen, technologiefreundlichen, überweltlichen Gesellschaft entwickelt, aber schleppen dennoch fast ungebrochen die meisten Qualitäten eines Patriarchats mit uns rum. Man bekommt fast das Gefühl, House steht für Häuslichkeit und selbst in ihrem Selbstverständnis erklärte männliche Feministen staunen immer wieder über die eigene Hilflosigkeit. Das ist der Klang der Familie.

In elektronischer Musik, unserer geliebten Szene aus Partys, wirrer Musik, befreiter Apersonalität, einem Grundsatz aus einer Geschichte, die uns von Starallüren, wirtschaftlichen Megaprozessen, ja selbst von den klassischen Ideen einer Autorenschaft mit generativer Musik, dem Zusammenspiel von Mensch und Maschine etc. befreien wollte, sind wir am Ende bei einer Szene gelandet, in der auf der Spitze der Leiter das technologische Wunderkind steht und vielleicht eine Maske trägt, immer aber ein Mann ist.

Magda Make The Tea

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Wir alle kennen die Methoden, mit denen die Unterdrückung von Frauen im Alltag unserer Party- und Musik-Praxis in nahezu selbstverständlicher und oft unwidersprochener Weise funktioniert. Ganz oben steht natürlich die Verteilung der Entscheider, die größtenteils männlich sind, und nicht ein Mal mit der Wimper zucken, ihren Kumpels die besten Jobs zu verschaffen, weil mit Frauen und Arbeit, das ist immer ein Problem. Das typische stinklangweilige, aber immer wieder gut funktionierende Old-Boys-Network. Und da hilft es auch nichts, dass die meisten Bookerinnen Bookerinnen sind. Darunter aber, unter der klassischen Machtverteilung, findet sich dann ein scheinbar unausrottbares Amalgam von Ideen, die von der großen Mehrheit der wuselnden Teilnehmer an der endlosen Kommunikation rings um elektronische Musik getragen wird.

Es fängt an mit einem merkwürdigen Bodensatz aus Fantasie-Ideen über den Zusammenhang von Frauen und Technik. Magda make the Tea. Was haben wir gelacht. Aber warum das Lachen kaum einem im Hals stecken geblieben ist und wir gerne akzeptiert haben, dass dahinter kein Gender-Problem stecken sollte, ist mir nach wie vor ein Rätsel. Magda z.B. galt stellenweise im Techno-Universum auch als das herausragende Beispiel dafür, dass beim Auflegen mit Traktor immer etwas schief läuft. Running Gag. Frauen und Technologie. Egal wie vielen Typen beim Verkabeln die Plattenspieler vom Pult fallen, natürlich ist es Magda, die dafür gerade stehen musste. Schlimmer noch, die nahezu reflexartige Annahme, wenn eine Frau Musik produziert, dann stünde dahinter immer ein starker Mann. Die macht das gar nicht selber. Die lässt sich produzieren. Die ist doch die Freundin von Soundso. Bei Typen sagt man das auch? Seltener, obwohl es viel offensichtlicher ist. Und zeigt mir den Typen, bei dem jemand behauptet, der kann nix, das macht alles seine Frau. Ich kann gar nicht sagen wie oft ich das in all den Jahren bei nahezu jeder Frau gehört habe und nicht selten auch von Frauen, die so sehr unter dem Druck stehen, beweisen zu müssen, dass sie es selbst machen, dass sie bereit sind, Grundsolidariät zu Gunsten von Vermutungen aufzugeben. Irgendwie muss man ja weiterkommen und skurriler Weise ist es eine weit akzeptierte Vorstellung, dass die nächste Konkurrenz einer Frau eine Frau sein sollte. Es kann nur eine Quoten-Frau geben!

Wenn eine Frau im Business weiterkommt, dann ist nicht selten auch der “Vorwurf” da, sie sei eine Lesbe. Ernsthaft. Die schafft es nur, weil ihre sozialen Zusammenhänge mit einer großen homosexuellen Lobby ihr es ermöglichen. Die Quoten-Frau auf dem Lineup zu sein, verbreitet sicher ein irre gutes Gefühl. Und wehe eine Frau wagt es in die Offensive zu gehen, den Spieß umzudrehen und sich selbst freizügig in Szene zu setzen. Plötzlich kommen Einwürfe wie: So etwas macht man bei uns in der Szene doch nicht. Als würde man nicht ständig ernst dreinblickende Typen auf Covern sehen, oder Ladys in irgendwelchen abgenutzten sexuellen Posen auf Platten von Typen. Jeder kennt die unsäglichen Pseudo-Argumente: Die nutzt es aus, dass sie so gut aussieht. Verschärft: Die sieht gut aus, also kann sie nichts außer gut aussehen. Mit der eigenen Sexualität im Image zu spielen, ist für Frauen ein gefährliches Spiel. Klar verkaufen sich die Platten dann besser, aber in welchem Maß das rufschädigend ist, konnten wir neulich exemplarisch an Nina Kraviz’ Badewannenszene im RA-Video erleben. Nina Kraviz ist geradezu prädestiniert dafür, die geballten Vorurteile aushalten zu müssen. Model und integer und überpopulär. Das geht gar nicht für eine Frau in elektronischen Musikwelten. Die gut aussehende Frau darf als verkaufsfördernde Massenware in Videos rumlümmeln.

Gender-Schieflage

Wenn sie es wagt ihren Körper als verkaufsfördernde Maßnahme einzusetzen, gibt es zusätzlich eins auf den Deckel. Immer. Und dann wird Musik sofort zur Nebensache und selbst aus den erklärtesten Hedonisten und Feierschweinen werden dann Wächter einer strikten Prüderie nebst Gender-Schieflage. Sex und Geschäft hat einen sehr eng abgesteckten Rahmen, ja eine Zwangsjacke, in der Szene elektronischer Musik. Sex ist nur dann erlaubt, wenn er den Männern dient, deshalb findet man Frauen auch in größerer Menge als Vocalfeature und keinen kümmerts. Und selbst bei so banalen Dingen wie dem tatsächlichen Auflegen oder dem Live-Act ist die Situation für Frauen eine völlig andere. Klar, DJs werden immer mal gelegentlich blöd angemacht, wenn sich die Möglichkeit bietet, aber ich möchte gar nicht nachzählen, wie oft ich gesehen habe, dass eine Frau hinter den Decks sich fast schon Bewacher zulegen muss, damit sie nicht ständig von irgendjemanden auf dem Floor in ein Gespräch verwickelt wird, das bestenfalls vollkommenen Disrespekt vor ihrer Arbeit bezeugt, schlimmstenfalls nervigstes Drängeln ist, diese Frau doch jetzt gleich ins Bett zu kriegen. Was im Zweifelsfall immer wichtiger zu sein scheint, als die Musik, die gerade läuft. Und nicht zuletzt: Drogen. Wenn man einem Typen Drogen anbietet, dann geht es in unserer Szene nicht selten um eine Festigung der Geschäftsbeziehungen, ein Opfer auf dem Techno-Altar sozusagen. Die umgedrehte Variante brauche ich euch nicht auszumalen.

Und nu? Ist diese Szene für immer und ewig für Frauen jenseits des Dancefloors und ein paar “sozialer” gelagerte Tätigkeiten außer in Ausnahmen, die maximal 10% ausmachen, verloren? Die Machtstrukturen so festgefahren, dass sie nichts mehr bewegen kann? Die nächste EDM-Welle nur ein weiterer Schritt der Zementierung der Verhältnisse? Eins jedenfalls scheint klar: Frauennetzwerke allein, wie das von Electric Indigo gegründete female: pressure, haben keine Chance, dieses Ungleichgewicht zu brechen, denn aktiver könnten diese Netzwerke seit Ewigkeiten kaum sein. Wenn noch etwas helfen könnte, dann ein genereller Wandel bis in die kleinsten Details festgefahrener Verhaltensweisen unter Männern und Männern Frauen gegenüber. Ein ständiges Bewusstsein dafür, dass eigentlich immer alles überall schief läuft, dass man (wir adressieren hier unsere hauptsächlich männliche Leserschaft und uns selbst) immer selber etwas dagegen tun kann und muss. So lange, so penetrant dagegen insistieren, die lächerlichen Spaßverderber-Einwürfe und Ähnliches mit einem Achselzucken quittieren, bis wenigstens die eigene Filterbubble halbwegs weiß, was Gleichberechtigung ist und warum das der erstrebenswerte Normalzustand sein sollte, den man nicht mit Post-Gender, Hedonismus oder welcher frauenverstehenden Ausrede auch sonst noch wegwischen kann.

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