Jugend 2008: Die Kids sind doch alright.


Das Konzept Jugendkultur wird zum Auslaufmodell: Mode will nicht mehr jung sein, kulturelle Grenzziehungen verlaufen nicht mehr zwischen den Generationen und mit dem Verschwinden des Mainstreams ist plötzlich alles und damit nichts mehr Subkultur.

Der Slogan vom “Ende der Jugendkultur” lungert schon seit einer ganzen Weile in der Zeitgeist-Ecke herum und wartet auf seinen ganz großen Auftritt. Und dieser Tage häufen sich die Zeichen dafür, dass es jetzt endlich so weit ist: Die Mode-Instanzen rufen den Granny Look aus und verlangen von blutjungen Menschen, sich wie Oma und Opa in Vorkriegszeiten zu kleiden. “Die Jugend wird 50” titelte das bürgerliche Sonntag-Feuilleton und meint damit die gealterten Madonnas und Princes im Blitzlichtpapierwald. “Techno wird 20” verkündet das öffentlich-rechtliche Spätprogramm und zeigt dazu DJ Hell, der “in seinem Mustang durch Berlin-Mitte cruised”. Dabei strampelt der in Wirklichkeit auf seinem Hollandfahrrad über den Prenzlberg und sieht dabei älter aus, als er ist. Simultan torkelt die Generation Doof durch die Talkshow-Dämlichkeitsblase, vergiftet, verblödet, druff druff druff. Ein einziges Gelage für Kulturpessimisten.

Das soll das Ende der Jugendkulturen sein? Fest steht, dass der gewohnte Dekadenrhythmus der Pop-Kultur in der letzten Runde ausgesetzt hat. ’57 Rock’n’Roll und Soul, ’67 Pop, ’77 Punk, ’87 Rave und Techno. Entsprechend groß waren die Erwartungen ’97, aber da kam nichts, weder musikalisch noch ästhetisch. Panik kam trotzdem nicht auf, schließlich kann sich auch die nächste Jugendkultur-Explosion mal ein bisschen verspäten. In diesem Stand-by-Modus verging ein geschlagenes Jahrzehnt, und inzwischen kann die Angelegenheit wohl nicht mehr mit einer kleinen Rhythmusstörung abgetan werden. Wieso gibt es keine neue Massenbewegung in den 2000er Jahren wie noch Techno/Rave in den 90ern? Wieso kein neuer Punk? Wieso keine neuen 68er? Alles Regress? Die Kreativität der jungen Menschen am Ende? Wo bleibt die neue Konsens-Rebellion?

Glaube und Zyklus
Pessimistisch betrachtet hat die Jugend schlicht versagt. Aber natürlich nur, wenn man an einen göttlich determinierten Jahreszeitenwechsel in der Popkultur glaubt, nach dem alle zehn Jahre das gleiche Schauspiel zu erwarten ist: Jugend, Subkultur und ästhetische Differenz treten gemeinsam auf die Bühne und fackeln die Popkultur-Vorgänger ab. Großer Stinkefinger, kollektives Naserümpfen der vorangegangenen Generationen.

Anschließend wird das neue Ding immer größer, irgendwann steigt die Popindustrie ein und ehe man sich versieht, ist man im Mainstream angekommen, das Jahrzehnt ist vorbei und die nächste Rebellion springt auf die Bühne. Nach diesem Schema ist ’97 tatsächlich etwas ausgeblieben. Die blöde Jugend hat ihren Revolutions-Job nicht erledigt! Könnte man sagen. Oder aber: Die blöde Jugend hat die Revolution so gründlich durchgezogen, dass die alten Punk-, Hippie-, Rocker- und Techno-Säcke es einfach nicht geschnallt haben.

Denn statt brav nach Erwartung zu rebellieren, sind die Kids ’97 einfach online gegangen, um sich das gesamte Popkultur-Archiv der 50 Jahre im schnellen Vorlauf zu erschließen. Was den alten Säcken natürlich gar nicht passt, schließlich haben sie sich das Nischenwissen, das sie zu coolen Auskennern macht, saumühsam zusammensuchen müssen. Aber die Plattensammlung als Arbeitsnachweis der Popkultur-Coolness hat ausgedient. Genauso wie der Mainstream, was, mit Verlaub gesagt, eine ziemlich beeindruckende Revolutionsbilanz ist.

Die Kids sind wohl doch alright. Aber sie interessieren sich nicht dafür, das von den Altvorderen bestätigt zu bekommen. Sie haben das spießige Dekadenmodell von Rebellion, Hype und Massenanerkennung überwunden und das gewohnte Koordinatensystem außer Kraft gesetzt. Jugend, Subkultur und ästhetische Differenz treten nicht mehr gemeinsam auf, die Zahl der Optionen explodiert und verwirrt die alten Säcke, die auf dem Peter-Pan-Syndrom hängen bleiben.

Texte zum Thema in De:Bug 124:
Die dritte Generation- Immer noch Techno
Das Ende der Jugendkulturen – Locker bleiben
Junge Säcke, alte Hüpfer – Textile Verwirrung
The Chap Magazine – Jugend ist grässlich
Role Models – Tradition für das Jetzt
Der Granny Look – Schön alt anziehen
Magic Sunday – 40jährige Club-Gourmets

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Elektronische Lebensaspekte.

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