Die Suchmaschine Google hat den besten Ruf als freundliches Unternehmen. Mittlerweile ist man allerdings durch weitere Ankäufe im Bereich von Blogs und - jetzt neu geplant - Email zu einem Wissensimperium angewachsen, das Zugriff auf einen beträchtlichen Teil dessen hat, was im Internet vor sich geht. Grund genug zur Sorge, denn von so vielen Datenbanken ist es nur noch ein kurzer Weg zu einer möglichen Überwachung. Noch dazu in einem Land, das einen seltsamen "Krieg" gegen den Terror führt. Was einem daran komisch vorkommen könnte, zeigt uns, so kurz vor Googles Börsengang, Mario Sixtus.

Die Google-Story revisited/2004

Die öffentliche Meinung ist bekanntlich ein launiges Ding. Das wissen nicht nur Popstars, Fußballer und Politiker, auch Religionsrepräsentanten und die ihnen mental verwandten “Markenmacher” kennen das unstete Wesen der gesellschaftlichen Zuneigung. Anfang April konnten nun auch die drei Obergoogler, CEO Eric Schmid und die beiden Firmengründer Sergey Brin und Larry Page, herausfinden, wie sich medialer Gegenwind anfühlt. Offenbar völlig unvorbereitet trafen verbale Pfeile wie “datenschutzrechtlich bedenklich”, “Verletzung des Briefgeheimnisses” oder “Missbrauch eines Kommunikationskanals” die verdatterten Googlianer direkt in ihre wunden Punkte. Bürgerrechtler und Privacy-Aktivisten schrieben offene Briefe, machten behördliche Eingaben und verfassten Gastkolumnen in Massenblättern, in denen sie vor den Machenschaften des Bunte-Bällchen-Imperiums warnten. Was war geschehen? Kann die allgemeine Stimmung so schnell kippen? Gehören “Die-sich-vom-Grateful-Dead-Koch-bekochen-lassen” in den Augen der Allgemeinheit plötzlich und unerwartet zur dunklen Seite des Netzes? Wohnen sie nun auch in jener sonnenlichtabweisenden Region der Matrix, wo die Netzgemeinschaft bis Dato nur Gehörntes und Pferdefüßiges à la Microsoft und SCO vermutet hatte? Eindeutiges Jein. Es war vielmehr ein allgemeines, diffuses Unbehagen, das sich da langsam an die Oberfläche gebohrt hatte. Eine leichte Beklemmung, die sich zwar augenscheinlich in der Kritik an Googles geplantem Email-Dienst Luft machte, die aber auch einen Paradigmenwechsel aufzeigt: Die Googleplex-Bewohner werden plötzlich von Journalisten nicht mehr auf Händen zu ihren Segway-Scootern getragen, sondern kritisch begleitet. Das ist neu, das ist toll und wir sagen euch warum.

Googlewerbung liest Email
“Google goes Email” hieß die Meldung, die am ersten April langsam aus den Zapfsäulen der Newstanken tröpfelte. Viele Agenturen hatten die entsprechende Pressemitteilung zunächst für einen Aprilscherz gehalten und waren daher nur zögerlich auf die Nachricht eingestiegen. Sagenhafte 1000 MB sollte so ein Gmail-Postfach groß sein. Genug, um bis ans Ende seiner Tage die Urlaubsgrüße von Tante Tilly darin aufzubewahren, zumindest, wenn man ab und an die Dateianhänge eliminiert. Der Google-Email-Dienst würde außerdem nichts kosten und obendrein ganz gratis, umsonst und gebührenfrei sein. Genau das Richtige für die Generation Geiz™, mögen sich die Google-Lenker gedacht haben. Finanziert werden soll der ganze Spökes über die bekannten Google-Text-Ads, die einen mittlerweile von jeder zweiten Seite zwischen Spiegel.de und Strickblog.net anblicken. Bis auf die Mailboxgröße also eigentlich gar nichts Neues. Mit Reklame bestückte Gratis-Webmail gehört schließlich zu den Standard-Give-Aways, seit dereinst die Internet-Bubble aufgepumpt wurde. So what? Einen winzig kleinen Unterschied gibt es dann allerdings doch. Die Google-Ads erscheinen bekanntlich kontextrelevant auf den einzelnen Seiten, ergo müsste Google über den Inhalt jeder einzelnen Email informiert sein, um die passenden Reklametexte einzublenden. Diese Vorstellung war dann vielen zu viel. “Stellen Sie sich vor, sie telefonieren gerade mit einem Freund und tauschen Reisepläne aus”, versucht sich der Netzspezialist Pablo Engelbart in Vergleichen, “und plötzlich erklingt eine Stimme aus dem Off, die sagt: ‘Sie wollen verreisen? Wir haben da ein paar tolle Angebote unserer Partner für Sie …’” Die Ausweitung von inhaltsbezogener Werbung auf einen Kommunikationskanal wäre tatsächlich ohne Vorbild. Aber wäre das so dramatisch?
Schließlich wären es nicht Menschen, sondern Maschinen, die sich da durch die Zeilen arbeiten und jeder Kunde eines Providers, der Server-seitigen Spamschutz einsetzt, muss schließlich damit leben, dass ein Computerprogramm seine eingehende Post durchliest. “Es spielt keine Rolle, dass es Maschinen sind, die die Mails lesen”, sagt Pam Dixon vom World Privacy Forum. “Maschinen sind sogar noch effizienter.” Dixons größte Furcht wird durch die Vorstellung ausgelöst, das Unternehmen könnte Informationen über Suchanfragen einzelner User mit deren Email-Daten verknüpfen: “Google muss sich verpflichten, diese Informationen nicht miteinander zu verbinden.” Genau dieses Versprechen will Google aber nicht wirklich abgeben. Zwar würde man “momentan” diese Daten nicht miteinander in Verbindung bringen, dieses sei auch “nicht geplant” und würde “nicht der Politik des Unternehmens” entsprechen, sagt Wayne Rosing, Vizepräsident für Technik gegenüber der Presse, es könne aber Situationen entstehen, in denen man “gezwungen” wäre, solche Informationen miteinander abzugleichen. Hiermit meinte er offenbar rechtliche Verpflichtungen gegenüber Ermittlungsbehörden und Geheimdiensten.

Handfeste Panik auf Grund technischer Verknüpfungen
Mailverkehr und Suchanfragen miteinander verknüpfen? Wenn das die momentan größte Angst der guten Frau Dixon ist, dann wollen wir ihr doch kurz zu einer handfesten Panik verhelfen. Zunächst wäre da der berühmte Cookie, den Google jedem Besucher bei der ersten Suchanfrage in den Browser klebt und der eine längere Lebensdauer hat als die meisten Kettenraucher. Warum so ein Datenplätzchen, das jeden User identifizierbar macht, für eine reine Suchmaschine überhaupt von Nutzen ist, konnten oder wollten bisher weder die Google-Macher erklären, noch ist irgendeinem anderen klugen Kopf dafür eine schlüssige Erklärung eingefallen. Werbeeinblendungen auf der Trefferseite optimieren? Pustekuchen. Die werden je nach eingegebenem Suchbegriff über die Seite gestreut und zwar in der Reihenfolge der Zahlungsbereitschaft ihrer Inserenten. Vielleicht eine Verbesserung der Suchergebnisse? Vielleicht, aber wie? Jedenfalls haben Vergleichstests zwischen cookiefizierten und jungfräulichen Browsern niemals unterschiedliche Ergebnisse geliefert. Also was soll das Dingens, wenn nicht die Nutzer der unterschiedlichen Dienste und deren Verhalten abgleichen?
Aber wir wollten Frau Dixon doch noch ein paar schlaflose Nächte bereiten. Dazu schauen wir uns nur einmal kurz die Einzelfragmente des Google-Reiches an. Google weiß, wonach Menschen suchen (Google), wohin sie surfen (Google-Toolbar), worüber sie schreiben und wohin sie linken (Blogger.com, Gmail, Google-Groups), welche Dienstleistungen oder Produkte sie anbieten (Adwords), was sie gerne kaufen würden (Froogle) und mit wem sie sich so herumtreiben (Orkut, Gmail) und obendrein, wo sie wohnen und welche Telefonnummern und Bankverbindungen sie haben (Adsense, Adwords). Geht’s noch, Frau Dixon? Vielleicht ein Schluck Wasser? Sie sehen so blass aus. Vielleicht sollten wir dann ja nicht noch einmal über die merkwürdige Partnerschaft mit dem obskuren Datensammelhaus Alexa reden, dessen Schnüffelsoftware direkt in Windows XP integriert ist und überhaupt Amazon … schon gut, schon gut, das wärmen wir jetzt nicht noch mal auf. Noch einen Schluck Wasser?

Zunächst sind die Informationen, die durch Googles Dienste gewonnen werden, natürlich Stückwerk. Technisch wäre es jedoch überhaupt kein Problem, diese miteinander zu verbinden und so mehr über das Leben eines Menschen zu erfahren, als ein ganzes Heer von Schlapphüten es je könnte. Klar, Google weist solcherlei Verdächtigungen weit von sich. Und schließlich heißt es in sämtlichen Unternehmens-Selbstdarstellungen auch Heiligenschein-weiß: “Google won’t be evil” oder auch “Luke, I am your father!” (Na gut, Letzteres ist gelogen.) Nach eigenen Angaben will Google schlicht die beste Internet-Suchmaschine sein und alles andere sei nur Beiwerk. Nehmen wir einmal an, das stimmt. Und fahren wir spaßeshalber kurz die Brainstormingmaschine zum Begriff “Suchen” hoch. Freies Assoziieren on: Suchen – Finden – Wandern – Orientieren – Verlaufen – den Weg finden – Kompass – Auf die Karte schauen – Wunde Füße. Halt! Was hast du gesagt? Ich? Wunde Füße. Nein, davor. Irgendwas mit Karte glaub ich … Genau! Das ist es!

Von Menschen und ihren Beziehungen
Wer die ultimative Suche im Web anbieten will, der muss das Netz kartografieren. Und zwar dynamisch, denn die Landschaft ist permanent in Bewegung. Um das zu tun, muss man erst begreifen, woraus das Netz eigentlich besteht. Und wer jetzt “Computer” brüllt, der wird zu einem AOL-Account nicht unter fünf Jahren verdonnert. Das Netz besteht aus Menschen und ihren Beziehungen, aus Gesprächen, Diskussionen, Transaktionen, Verhandlungen, Gruppenbildungen und -zersplitterungen kurz, äh, aus Menschen und ihren Beziehungen. Wer eine Karte des Webs zeichnen will, der darf darauf Kirchen, Brücken und Flüsse ebenso wenig abbilden wie Netzknotenpunkte und Datenleitungen. Die Menschen bilden die Fix- und Wandersterne, nach denen man navigieren muss. Die Menschen bestimmen das Wetter und die Gezeiten, ihre Aktivitäten lassen Kontinente verschwinden und Inselgruppen entstehen. Wer würde sich zutrauen, die Karte solch einer Welt zu erstellen? Google? Keine Ahnung. Und falls wirklich: prost Mahlzeit. Denn dann würden die lustigen Leute aus Mountain View wohl zumindest mittelfristig nicht drumherum kommen, ihre Einzelfolien übereinander zu legen. Ist das die Strategie? Ein Abbild des Netzes durch permanente Schnappschüsse seiner Bewohner? Jetzt sind wir aber mit dem Brainstorming wohl ein wenig über das Ziel hinausgeschossen, oder?

Google
Alles nur Spekulation. Blutdruck wieder senken. Greifen wir stattdessen doch einen Spruch auf, den jeder schon gehört hat, der das Wort “Datenschutz” bei Deutschland-sucht-den-Super-Buchstabierer fehlerfrei lispeln kann: “Wo Daten sind, wecken sie Begehrlichkeiten.” Vielleicht wollen Larry, Sergey und Eric ja wirklich nur in Ruhe und auf ihren Segways, diesen motorisierten Kickboards im Rasenmäherformat, ihre Eier durch Kalifornien schaukeln und uns dabei mit der besten Suchmaschine ever beglücken? Vielleicht wollen sie wirklich gut sein. Wer weiß? Aber was ist mit den Datenbergen von Usern auf den geschätzten 100.000 Servern im Googleplex? Diese Realtime-Informationen müssen doch für Geheimdienste so verlockend sein, wie ein frischer Kackhaufen für eine Schmeißfliegenfamilie. Speziell das Anfang 2002 unter den Eindrücken der WTC-Anschläge gegründete “Information Awareness Office” (IAO), eine Unterabteilung der DARPA, ist bekanntlich bemüht, eine Datenbank sämtlicher nur denkbarer öffentlicher und privater Informationen aufzubauen, um nach Mustern für terroristische Aktivitäten zu suchen. Könnte es sein, dass der Stöpsel der IAO längst im Google-Serverpark steckt und dass ebendort Profile miteinander abgeglichen werden und fröhlich Informationen miteinander verknüpft werden? Möglich. Und gemäß der aktuellen US-Gesetzeslage dürften die Google-Chefs das noch nicht einmal ausplaudern. Der Schreihals Daniel Brandt, der die umstrittene Website Google-watch.org betreibt, verweist in diesem Zusammenhang gerne auf die Venture-Kapital-Unternehmen Kleiner Perkins und Sequoia Capital, die beide größere Anteile an Google halten und die das Unternehmen mit ihren Kapitalspritzen überhaupt erst aufgebaut haben. Der Kleiner-Perkins-Partner Floyd Kvamme gehört immerhin zum technischen Beraterstamm George Bushs. Und sein Sohn Mark Kvamme, zufälligerweise Partner von Sequoia Capital, trifft sich regelmäßig mit Donald Rumsfeld und beteiligt sich obendrein finanziell an militärischen Projekten. (Nebenbei: Kleiner Perkins hat auch die Segway-Bauer mit frischem Geld versorgt, aber das ist eine andere Geschichte.) Nun ja, Google-watch.org Betreiber Daniel Brandt ist eine Mischung aus Michael Moore, Stefan Raab und Matt Drudge. Wir zitieren ihn hier nur der Vollständigkeit halber. Dem einen oder anderen mögen in diesem Kontext allerdings die Worte von Wayne Rosing noch im Ohr nachklingen, während der eine oder andere diese schon wieder vergessen hat und jetzt mühsam diesen Text wieder nach oben kriechen muss …

Hallo, Frau Dixon. Sie können wieder aufwachen. Sie haben nur schlecht geträumt. Google ist gut. Ganz bestimmt. War noch was? Ach ja. Google geht an die Börse.

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Elektronische Lebensaspekte.

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