Längst versteht man unter Graffiti nicht mehr bloß an Häuserwände geschmierte Zeichen. Richtig ernstgenommen wird Graffiti aber weiterhin nicht. Die Organisatoren der Hamburger Ausstellung "Urban Discipline" kämpfen für die Anerkennung von Graffiti als Kunstform. Das ist zwar nicht neu, verlangt aber ständige Neubetrachtung und Diskussion.

Wandkunst

Von Baudrillard in den 70ern als Medium klassifiziert, von der öffentlichen Hand zu Vandalismus und Sachbeschädigung degradiert, von den Sozialwissenschaften als Ausdruck einer Subkultur charakterisiert oder von Liebhabern als Stadtverschönerung wahrgenommen – bis heute gibt es in der Begegnung mit Graffiti unterschiedlichste Positionen und Perspektiven. Zu einer Begegnung mit diesem Phänomen lädt zum dritten Mal die “Urban Discipline Graffiti-Art” Ausstellung im Rahmen der Maximum HipHop Tage in Hamburg ein. Die Ausstellung widmet sich einem Blick auf die Werke von Graffiti-Künstlern, die alle über ihre Arbeiten im öffentlichen Raum hinaus mit Hilfe von verschiedenen Untergründen, Techniken und Medien experimentieren; gemeinsamer Nenner bleibt die Arbeit mit der Sprühdose.
Organisiert wird die Ausstellung von Getting-Up alias Mirko Reisser (Daim), Christoph Hässler (Stohead), Heiko Zahlmann (Daddy Cool) und Gerrit Peters (Tasek). Die 1999 gegründete Ateliergemeinschaft im Graffiti-Standort Hamburg sieht sich dabei in Kuratorenfunktion, die Kräfte und Energien bündelt, da ansonsten eine solche Ausstellung kaum möglich wäre, wie Gerrit Peters betont: “Was ja definitiv auch der Philosophie von Getting-Up ganz nahe kommt. Jeder hat seine Connections, seinen Schwerpunkt und seine Meinung und das kombiniert macht die Ausstellung erst möglich.” Getting-Up, die sich vor allem als Austauschplattform und Vermittlungsforum verstehen, fällt die Auswahl der einzuladenden Künstler zwar schwer, wie Mirko Reisser erklärt: “Aber was für mich an erster Stelle steht, ist, dass es eben nicht der typische Jam-Graffiti-Sprüher ist, der coole Styles auf Wänden malt, wir gucken, wer sich in andere Richtungen orientiert und experimentiert. Jemand muss uns sozusagen ins Auge fallen, ohne dass wir an ihm vorbeigucken konnten. Und dann ist es richtig, ihn hier zu zeigen.”
Dem Graffiti als globalem Phänomen und als einem Netzwerk, das durch Austausch und Zusammenarbeit gekennzeichnet ist, wird bei der Urban Discipline durch die Einladung von Künstlern aus aller Welt Rechnung getragen. Mit dabei sind: Os Gemeos, Vitche, Herbert, Nina (Sao Paulo/Brasilien), Puzle (Melbourne/Australien), Mear (Los Angeles/USA), Joker (Portland/USA), Banksy (London/UK), Zedz (Amsterdam/Niederlande), CMP (Kopenhagen/Dänemark), Stak, HNT, Andrè, Oedipe/AlexOne (Paris/Frankreich), Nami/La Mano (Barcelona/Spanien), Dare (Basel/Schweiz), Toast (Bern/Schweiz), Loomit, Sat One (München), ECB (Landau), Viagrafik (Mainz), Seak (Köln), Peter Michalski (Dortmund), Stuka (Braunschweig), Esher (Berlin) und Tasek, Daim, Daddy Cool, Stohead (Hamburg).

Die Urban Discipline trägt “Graffiti-Art” im Untertitel, wobei es Getting-Up weniger um die Frage Kunst ja oder nein geht, als viel mehr darum, Graffiti den Platz einzuräumen, den es verdient: um die Anerkennung als eine mögliche Sprache innerhalb der zeitgenössischen Kunst. Die etablierte Kunstwelt stellt in vielen Bereichen für Getting-Up sowieso kein Ziel dar, da hier keine Zusammenarbeit gewollt und gefördert wird, wie es in der Graffiti Szene üblich ist, so Mirko Reisser. Graffiti soll laut Getting-Up allen zugänglich gemacht werden, daher auch der Gang in Museen und etablierte Kunsträume. Getting-Up war im Mai beispielsweise mit einer Ausstellung im Freiraum des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe zu Gast. Mirko Reisser: “Sehr viele Leute sind ja inzwischen auch außerhalb der Graffiti-Szene von Graffiti beeinflusst. Die Sprache wird ein bisschen offener oder von mehr Leuten verstanden, was wir fördern und suchen: Dieser Austausch, das Experimentieren und sich auch mal auf eine andere Sprache einlassen.” Und das auch, wenn aus den eigenen Reihen Vorwürfe gegen den Gang in geschlossene Räume erhoben werden oder Theoretiker die Beschränkung auf die Leinwand beispielsweise als Beschneidung des Graffiti um seinen Kontext empfinden.
Die Ausstellung lädt zu einer Auseinandersetzung mit Graffiti ein, daher ist der Großteil der Sprüher auch während der gesamten Ausstellungsdauer vor Ort. Der Besucher wie die Künstler sollen ihr Verständnis von Graffiti überprüfen und diskutieren, wie Mirko Reisser und Gerrit Peters betonen: “Der Austausch oder das Experimentieren kann sich auch in eine Richtung bewegen, in der es vielleicht nicht mehr so viel mit Graffiti zu tun hat. Der ein oder andere kommt sicherlich in die Ausstellung und sagt: Was hat das mit Graffiti zu tun? Darüber muss man reden.” Und: “Wir wollen mit der Ausstellung keine Aussage machen, was Graffiti ist, sondern damit auch die Frage aufwerfen: Was ist möglich?”

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Elektronische Lebensaspekte.

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