Pieces von der Wand in die Wolke

Graffiti Markup Language ist ein von Evan Roth initiiertes Open-Source-Projekt, das es ermöglicht, Bewegungen von Sprayern aufzuzeichnen und zu digitalisieren. Das Piece löst sich von der Wand und hinterlässt seine Spuren in der digitalen Wolke. Diese Form der künstlerischen Transparenz birgt aber auch immense Gefahren für die Szene.

Die verwirrende Zweischneidigkeit offener Datenbankprojekte scheint dieser Tage wirklich allgegenwärtig, wobei bemerkenswerter Weise Widersprüche und dialektische Tretminen meist dort lauern, wo man sie zuletzt vermutet hätte. Das Open-Source-Projekt Graffiti Analysis ist so ein Fall, der zunächst Übersichtlichkeit verspricht, aber irgendwann eine überraschende Wendung nimmt. Über das Projekt sind wir beim Stöbern im Programm des Transmediale-Festivals gestolpert, das Anfang Februar zum elften Mal über die Bühne ging und traditioneller Weise interessante digitale Kulturphänomene bot.

Software, Webcam, Taschenlampe und Stift
Graffiti Analysis ist zunächst aber ein Projekt, das schon eine längere Entwicklungsgeschichte hinter sich hat, die Grundidee hatte der Medienkünstlers Evan Roth nämlich schon 2004: Ein Code zum Aufzeichnen der Bewegungen beim Sprayen von Graffiti oder Taggen, der die exakte Reproduktion in allen denkbaren realen und virtuellen Räumen erlaubt. Genau das leistet die XML-Erweiterung GML (Graffiti Markup Language). Mit dem offenen Standard können Künstler ihre Werke auf zahlreiche neuen Wegen mit Kollegen oder Fans teilen und nicht zuletzt werden jede Menge Anwendungen möglich, die auf GML aufbauen.

Die Software zum Aufzeichnen und Reproduzieren ist Open Source und an und für sich auch gratis, aufbauende Anwendungen wie die GML-App fürs iPhone DustTag können aber durchaus auch Geld kosten. Um Spray- oder Schreibbewegungen aufzuzeichnen, braucht man neben der Software nur eine Webcam, eine Taschenlampe und einen Stift – vorausgesetzt man bringt eine Portion Bastelgeschick mit.

Hacker und Sprayer
Evan Roth hat sein Konzept seit 2004 mehr oder weniger kontinuierlich verfolgt, richtig dynamisch wurde es aber erst 2009 mit der zweiten GML-Version, der bereits 2010 die dritte folgte. Der Erfolg des Projekts misst sich aber in erster Linie daran, inwieweit andere Künstler mitziehen und GML auch wirklich nutzen: Inzwischen wurden über 10.000 Tags im GML-Format auf die Projekt-Site hochgeladen und Dutzende von Anwendungen programmiert, die auf GML aufbauen.

Und darunter finden sich wirklich bemerkenswerte Ansätze, auch wenn sie sich oft als schnöde Schnittstellen-Arbeiten tarnen: beispielsweise wenn Programmierer GML und Sprachen zum Steuern von Robotern zusammenbringen, womit diese die Werke von beliebigen Künstlern reproduzieren können, wenn sie im GML-Format vorliegen. Auch ein netter Kniff ist es, die GML-Daten nicht dazu zu verwenden, das Graffiti selbst zu kopieren, sondern die Bewegungen beim Sprayen als dreidimensionale Skulptur darzustellen.

Eine fast schon unübersichtliche Zahl von Projekten nutzt GML inzwischen, um virtuelle Graffiti in digitalen Räumen oder einer “Augmented Reality” darzustellen, aber natürlich funktioniert der Transfer in beide Richtungen, es können also mehr oder weniger beliebige (Schreib-)Bewegungen in GML übersetzt werden. Das wohl spektakulärste GML-Konzept namens Eyewriter hat es so dem Graffiti-Veteranen Tempt1 ermöglicht, weiter zu taggen und zu sprayen, auch nachdem eine degenerative Erkrankung sein motorisches Nervensystems fast vollständig zerstört hatte: Seine Augenbewegungen wurden aufgezeichnet, in 3D-Modelle übersetzt und als GML-Code gespeichert, der dann wiederum klassische, projizierte und virtuelle Verwendung fand.

Futter für die Fahnder
Evan Roths Idee, Hacker und Sprayer zusammenzubringen, damit auf unterschiedliche Arten Systeme gehackt werden (Codes oder Wände), scheint voll aufzugehen. Die Graffiti lösen sich sozusagen von den Wänden und suchen sich neue Plätze in der digitalen Welt, nicht zuletzt auf der Site von Graffiti Analysis, wo immer mehr Tags und Pieces hochgeladen werden. Auf dem Weg zur größten Graffiti-Kollektion ergibt sich allerdings ein gravierendes Problem, das irgendwann das gesamte Projekt explodieren lassen könnte: Die Polizei und andere Graffiti-Jäger legen bereits seit Jahren erfolgreich eigene Graffiti-Datenbanken an, um einzelnen Sprayern möglichst ihr gesamtes Werk anlasten zu können, wenn sie denn einmal geschnappt werden.

Wann die Strafverfolgungsbehörden GML aufgreifen, scheint wohl nur eine Frage der Zeit und die Projekt-Macher können sich dagegen kaum wehren, schließlich handelt es sich um Open Source. Gerade dass GML offen und erweiterbar ist, könnte der Graffiti-Sprache so zum Verhängnis werden, wenn die Polizei beginnt, nicht mehr nur das Schriftbild, sondern die individuellen Eigenheiten beim Schreiben mit GML zu sammeln.

http://www.transmediale.de
Graffitimarkuplanguage

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