Wie hat sich Graffiti entwickelt? Aus den vermeintlich bedeutungslosen Symbolen sind verschlüsselte Aussagen geworden, stellt Jo Preußler mit Blick auf Baudrillards "Kool Killer" fest und fragt sich, wohin das tag verschwunden ist. Kommt stattdessen die Invasion der Streetart? Oder die Rückkehr der "leeren Signifikanten"?

THE UNDEADS
Die rebellischen Zeichen schlagen zurück

Die rebellische Wirkung von Graffiti besteht seit dem Aufkommen von schnell hingeschmierten Tags auf Wänden, wild umgestalteten Blech-Leinwänden der Verkehrsbetriebe sowie mehrfarbigen Bildern auf urbanisierten Oberflächen in erster Linie durch schwer entschlüsselbare und auf nichts verweisende Namen und Kürzel. Seit mehreren Jahren streiten sich gerade in Berlin die städtischen Beobachter um den ästhetischen Gehalt dieser Schrift- und Bildinterventionen. Die Kultur der tanzenden Marker und Sprühflaschen war noch nie so heterogen, der Nachwuchs noch nie so einfallsreich und rücksichtslos.
Ich erinnere den euphorischen und fast dreißig Jahre alten Aufsatz “Kool Killer oder der Aufstand der Zeichen” von Jean Baudrillard, in dem er das “Hereinbrechen der Graffiti” in die codierten Koordinaten des Urbanen in New York als Attacke gegen die “Semiokratie, diese neue Form des Wertgesetzes” verteidigt: In den “leeren Signifikanten” der Tags, Throw-Ups und Bombings sieht er die Sprengkraft, die den mit gefüllten Zeichen beschriebenen Stadtraum verletzen und symbolisch besetzen. Was bedeutet es heute in der Hauptstadt Berlin, wenn ich auf ihren Mauern, Rollläden oder Stromkästen CRIME TRASH FAME MUSIC SUPER VIRUS und mit Blick auf die andere Straßenseite YSCK HEMK KEOR RWRZ BROA PSOK lese? Egal, ob bekannter Wortschatz oder Neubildung – das Fehlen einer Referenz macht die Herkunft des Gesprühten unbestimmbar und wirft seine Botschaft auf sich selbst zurück. Von Warschau bis Kopenhagen begegnen wir Sprühlack und wasserfester Tusche, die – nach Baudrillard – das gewöhnliche Benennungssystem der Stadt aus der Fassung bringen.
Inzwischen haben die elegant gedrechselten Tags, die aufgeblähten Buchstabenblocks und aufwendig gesprühten Pieces Verwandtschaft bekommen. Die Vielfalt der Streetart okkupiert auf ihre Weise den Stadtraum: Kreidebilder, ein ganzer Zoo von Tier- und Phantasiewesen, Adaptionen brasilianischer Pichaçãos, Arbeiten mit Farbrolle, Pochoirs, tapezierte Scherenschnitte, 3D-Bombings, Stickerinvasionen und absonderliche Ampelmännchen mit Maschinengewehren bevölkern die Wände. Mit Dosen bewaffnete Halbstarke stören sich wenig an dieser Konkurrenz, denn die Grenzen zwischen Streetart und purem Graffiti sind fließend geworden. Streetart hat die Unlesbarkeit und das Gestammel der Fatcaps so sehr befruchtet, dass Graffitigruppen in neuen Zusammenhängen auftauchen. Sie studieren die Möglichkeiten von Verständigung im urbanen Raum, okkupieren Galerien und bedienen sich neuer Techniken des Bombings. Mit dem teilweisen Medienwechsel von Sprühlack und Marker zu Kreide, Aufkleber und Plakat vollzieht sich auch eine Verschiebung vom Schriftlichen zum Bildlichen. Genaueres und vorbereitetes Arbeiten ist möglich, der Tag verschwindet. An seine Stelle treten das Logo, die Comicfigur und die Karikatur.

DIE REFLEKTIERTE STREETART
Die gepinselten Gossengemälde, Kreidesprüche und die kaum verfolgte Aufkleberei treffen die Aufmerksamkeit der Stadtbewohner, weil sie leichter lesbar sind und nicht in erster Linie mit Sachbeschädigung in Verbindung gebracht werden. Anders als herkömmliches Graffiti, sprich “unleserliche Schmierereien”, ist die Streetart viel reflektierter, anders motiviert und einfacher zu bewerten. Ihre Botschaft erinnert nicht selten an Werbedesign und herkömmliche Illustrationen, welche die Graffitisten mit ihren illegalen Nadelstichen in die Haut der Stadt konterkarieren. Sicherlich eröffnet der Streetart-Boom eine willkommene ästhetische Pluralität, um die privatisierten und kommerzialisierten Räume der Stadt symbolisch zurückzuerobern. Aber das Häßliche, Illegale und Impulsive des Graffiti wird übertönt. Während die Graffitiindustrie mit Street Wear, Hard 2 Buff -Markern und neuen Dosenkollektionen Geld verdient, bedienen sich Sprüher und Streetartisten ebenso den Strategien der Werbemedien, den Tricks des Plakatwesens und der Kommunikationsguerilla. Trotz Graffiti-Aufträgen, Sprayer-Computerspielen und Werbestrategien, die der Jugend-Subkultur ihren Mehrwert abziehen, ist die Sprüherszene noch lange nicht am Ende. Nicht jeder Sprüher wird zum Streetartisten oder Auftragsmaler. Die avancierten Berliner Writer steigen von Buenos Aires bis Moskau in U-Bahnschächte, überwinden Lichtschranken, Bewegungsmelder und Kameras, um im sagenhaft verdreckten Untergrund faszinierende “panels” zu malen, von denen sie nur Fotos mit nach Hause bringen. In ihrem globalen Graffititourismus geht das Risiko Hand in Hand mit Schöpfungsdrang und dem Wunsch nach elitärem Ritterschlag. In der eigenen Stadt ist es schwieriger geworden, Fame zu sein. Sprüherkids chromen aufwendige Bilder aus, Graffiti-Notdienste sandstrahlen Tags und Bombings und Streetart bindet das Interesse an sich stetig entwickelnde Spielarten und Kunst-Kontexte.

DER POTENTIELLE DIALOG
An die Stelle der rigorosen Serialität der Namen und Gruppen, die sich in den Körper der Stadt einschreiben, tritt die Exklusivität des Verkünstelten und des Designs. Die Streetart-Verwandtschaft malt und klebt leichter zu lesende Zeichen. Die Erben von Keith Haring wollen mit ihrer Straßenkunst eben am liebsten alle ansprechen. Der elitäre Schreib- und Lesezirkel Graffiti wird durch diesen Willen nach Verständlichkeit bedroht. Die Botschaft des leeren Signifikanten verfliegt, wenn die Straßenkunst das vandalistische Moment des Graffiti zu sehr überlagert. Die Referenzlosigkeit des frühen Graffiti ist ambivalenten Aussagen und verrätselten, als auch sich selbst parodierenden Wandbildern gewichen.
Die Vermischung von grenzüberschreitenden Streetart-Künstlern und Graffiteros, die auch den neu zugezogenen Nachbarn ansprechen wollen, erweitert den Aufstand der Zeichen durch einen potentiellen Dialog. Fame ist natürlich nicht ausgeschlossen, auch wenn Illegalität und breite Anerkennung sich selten vertragen. Doch schon empfiehlt ein Kunstkritiker die gesprühten Fäuste entlang der Kastanienallee. Die sprühenden Aktivisten setzen auf eine neue Aufmerksamkeit. Nicht nur Tags und Bilder, sondern auch freundliche und entgegenkommende Streetart-Elemente schmücken die Stadt. Graffiti befindet sich in einer merkwürdigen Schwebe zwischen elitärer Codierung und dem Wunsch nach Alphabetisierung der Bevölkerung durch Figuren, Sprüche und Verweise. So entstehen an Hausdächern riesige gestrichene Losungen, wie THE UNDEADS, gefakte U-Bahnwerbung fährt durch die Stadt und an der S-Bahnstrecke pflanzen einige der “Überlebenden” riesige Buchstabenbeete aus Blumenzwiebeln.

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Elektronische Lebensaspekte.

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