Bild und Ton gehen immer enger zusammen – nur die Designer der beiden Disziplinen nicht. Damit das aufhört und die Zusammenarbeit effektiver wird, wurde in Düsseldorf das Institut für Medien und Musik gegründet. Professorin Heike Sperling erklärt, was die glücklichen 25 Studenten pro Jahr erwartet.

Audiovisuell gerüstet
Ein Studiengang für Debug-Leser/innen

Geht man in Berlin über die Internationale Funkausstellung, wird man von audio-visuellen Reizen überflutet. Ob Werbefilme oder rein imageträchtige Projektionscollagen mit Musik – alle versuchen den Betrachter mit vertonten, bewegten Bildern in den Bann zu ziehen. Messestände oder Event-Veranstaltungen sind ohne Film nicht mehr denkbar. Aber auch im Kleinen hat sich unsere Wahrnehmung verändert. Im Umgang mit interaktiven Medien erwarten wir meist auch ein audio-visuelles Feedback, um einfach durch Menüs von Telefonen, Internet oder Digitalen TVs zu navigieren. Im Theater und der Oper finden sich mehr und mehr filmische Inszenierungen. VJs verlassen ihren Club-Kontext und werden plötzlich von Produktherstellern für Events und Markteinführungen gebucht. Es gibt kaum eine Band, die Musik ohne ein Video produziert. Und ein Hollywood-Film ist ohne die Filmmusik nur das halbe Vergnügen. Damit sich dies nicht im Medien-Rauschen verliert, müssen Medienproduzenten Erfahrung bei der visuellen Gestaltung mit Musik entwickeln.

”Ton- und Bildtechniker“ heißen die Fachingenieure, die gemeinsam von der Robert Schuhmann Hochschule Düsseldorf und der Fachhochschule Düsseldorf seit 1949 vorwiegend für das öffentlich-rechtliche TV ausgebildet werden. Da sich jedoch die Märkte und auch die Jobprofile gerade in den letzten zehn Jahren grundlegend verändert haben, muss auch die Ausbildung neu strukturiert werden.

Deshalb wurde im vergangenen Jahr an der Robert Schumann Hochschule und der Musikhochschule der Landeshauptstadt Düsseldorf das Institut für Medien Und Musik (IMM) gegründet. Das Ziel: neue Bachelor- und Masters-Studiengänge zu entwickeln – mit verschiedenen Schwerpunkten. Schon heute werden die Studenten parallel zum technischen Teil in audiovisueller Gestaltung ausgebildet. Dies soll in Zukunft noch verstärkt werden. Man möchte dem Leitthema Musik der Hochschule verbunden sein, aber ”marktgezielt“ folgende Bereiche verbinden: künstlerische Praxis, Mediengestaltung und Theorie und Wissenschaft.

2004 wurde Heike Sperling als Professorin für Digitale Bildmedien an das IMM berufen. Seit vielen Jahren arbeitet sie erfolgreich als Creative Direktorin und Produzentin im Bereich TV Design. Bis 2003 war sie Head of Design für das WDR Fernsehen. Für den Musiksender VIVA PLUS entwickelte sie 2001 als freie Creative Directorin und Produzentin das On-Air-Erscheinungsbild zum Sendestart.

Es ist ja eher ungewöhnlich, dass eine Designerin sich in die Welt der Musiker begibt. Warum hast du dich entschieden, nicht an einer Design-Hochschule zu unterrichten?
Als Motion-Graphics-Designerin arbeite ich seit Ende der 80er-Jahre immer gemeinsam mit Musikern an meinen Projekten. Bei bewegten Bildern ist das Zusammenspiel mit der Vertonung Voraussetzung für Qualität. Und ich weiß, wie schwierig es ist, als Designer gleichberechtigt mit einem Sounddesigner zu arbeiten. Normalerweise wird der Sounddesigner erst zum Schluss gebeten, sich etwas für einen Film zu überlegen. Meistens ist er nicht am Konzept beteiligt – und der visuelle Designer ist häufig der Auftraggeber. So kommt es zu Missverständnissen und Problemen in der Zusammenarbeit. Ich kann aus Erfahrung sagen, dass ich die besten Arbeitsergebnisse in meinem Job immer nur durch eine gemeinsame Arbeit erreicht habe. Mir ist es ganz wichtig, visuelle Gestaltung nicht losgelöst vom Sound zu unterrichten. Die meisten Design-Hochschulen stimmen mir zwar zu, setzen diesen Ansatz jedoch fast nie in die Tat um. Umso toller ist es für mich jetzt an einer Musikhochschule zu sein – mit dem expliziten Fokus auf Bild UND Ton. Wie großartig ist es, hier als Designer unter Musikern zu sein und nicht an einer Design-Hochschule als Nicht-Musiker auf diese besondere Sichtweise pochen zu müssen?!

Wie siehst du im Idealfall die Zusammenarbeit von visuellem und Sound-Design?
Meine feste Überzeugung ist, dass man nur gemeinsam ans Ziel kommt. Das heißt aber auch, dass die Zusammenarbeit schon beim Kundenbriefing beginnt. Von der Konzeption an muss gemeinsam gedacht werden. Beide müssen Entwürfe und Ideen schon hier austauschen. Das ist für viele Kreative schwierig. Ich habe beobachtet, dass es für die Designer übrigens viel schwieriger ist, sich von einem Sounddesigner kritisieren zu lassen – aber umgekehrt …

Es entsteht an eurem Institut gerade ein neuer Studiengang. Wie unterscheidet sich dieser von dem bisherigen Studiengang für Bild- und Tontechnik?
Der bisherige Studiengang Bild- und Tontechnik ist zu zwei Dritteln ein technischer und zu einem Drittel ein künstlerischer Studiengang. Mit der Einführung der Bachelor- und Master-Studiengänge in 2007 wollen wir Schwerpunkte setzen. Es wird weiterhin den Studiengang mit technischem Schwerpunkt geben – als Bachelor und Master in Musik und Medien. Hinzu kommen die beiden neuen Abschlüsse – Bachelor und Master in Musik und Medien -, die eine deutlich künstlerische Orientierung haben werden. Das Spektrum wird groß – aber ich muss auch sagen, einzigartig in Deutschland. Neben der Ton- und Bildtechnik werden wir Musikproduktion, AV-Medienproduktion, Musikinformatik, Musik- und Medientext und Musik- und Medienmanagement anbieten. Von der Komposition, Präsentation, Konzeption, Gestaltung über Musik- und Medienjournalismus und die Programmierung eigener PlugIns für Software-Programme bis zu wirtschaftlichen Themen für Musik- und Medienmanagern – ich denke, dass dies ein spannendes Umfeld für Musikinteressierte wird.

Was sind die Perspektiven für die Studenten mit einem Bachelor oder Masters of Arts?
Die Perspektiven sind erstaunlich vielfältig. Vom Musikproduzenten, sicher der Traum vieler Studenten, über audiovisuelle Inszenierung als VJ, in der Oper oder bei großen Events bis zu Musikjournalisten und Medienmanagern. Und ein für Deutschland völlig neues Arbeitsfeld kommt hinzu, der Music Supervisor. In Hollywood gut bezahlter Bestandteil jeder Filmproduktion, wählt der Music Supervisor die Songs für den Film aus, die einmal den Film unterstützen und außerdem durch die CD-Compilation eine zweite Einnahmequelle bedeuten. Music Supervisor wie Brian Reitzell für ”Lost in Translation“ sind Stars. In Deutschland gibt es gerade mal zwei Menschen mit diesem Berufsprofil und ihr Können wird für Film und Fernsehen immer wichtiger. Auch der Bereich Musikinformatik bietet neue Perspektiven für das Leben nach der Hochschule. Entscheidend aber ist für alle Bereiche die Ausdifferenzierung der Sprache, d.h. sich über Musik und Medien, Bild und Ton ausdrücken zu können. Audiovisuelles Gestalten ist Teamarbeit, je besser sich die Studenten über die Produktionen vermitteln lernen, desto größer sind ihre Chancen, Aufgaben zu finden, die ihnen liegen und mit denen sich Geld verdienen lässt.

Was werden die Vorraussetzungen sein, um sich 2007 für den Studiengang zu bewerben?
In jedem Fall das Bestehen der Eignungsprüfung auf einem Instrument und die Einreichung einer medienbezogenen Arbeit (Bild und/oder Ton).

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Elektronische Lebensaspekte.

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Go Audiovisualistik! GROSS Fernsehdesign und Heike Sperling KLEIN Vicky Tiegelkamp vicky@snafu.de Heike Sperling behauptet von sich, eine Generalistin zu sein. Also jemand, dessen Interessen nicht auf ein spezielles Gebiet festgelegt sind. Ihr ist es wichtig, sich immer wieder neu für verschiedene Medien und Themen zu interessieren, hauptsache, es handelt sich um bewegte Bilder. Daß das für sie der richtige Weg ist, zeigt sich in ihrer Biographie: 1992 wurde sie, damals 27 Jahre alt, damit beauftragt, als Director of Presentation für den TV-Sender Vox ein visuelles Erscheinungsbild zu entwickeln. Sie holte Designer aus der ganzen Welt, koordinierte den gesamten Ablauf. Sie wollte intelligentes TV-Design und hatte nach einem Jahr geschafft, was seitdem keiner mehr versucht hat: Coole Trailer, Sound und Bild waren stimmig – ungewöhnlich, so etwas anderswo als auf MTV zu sehen. Das konnte in Deutschland nicht lange gut gehen, nach sechs Monaten wurden die Trailer abgesetzt und das Design auf den normalen uninspirierten Stand der Kabelkanäle gebracht. Danach ging sie für ein Jahr nach San Francisco, arbeitete bei dem Online-Magazin “Hotwired” und schrieb nebenher für “Elle” eine Internet-Kolumne. Internetdesign fand sie langweilig. “Das erinnerte mich so an Printdesign. Kein Film, kein Ton.” Zurück in Köln arbeitet sie seitdem als Produzentin, Regisseurin und Creative Director. Mit ihren Werbespots, Vorspännen und Trennern gewann sie in den letzten Jahren mehrere Preise, 1997 mit einem Werbecommercial für Gauloises Blonde beim Werbefilmfestival in Cannes den bronzenen Löwen. Dessen Idee: Ein Text-Film, der den Zuschauer zwingt, drei durchs Bild laufende Zeilen gleichzeitig zu lesen, und sich darüber lustig macht, daß das nicht klappt. Das perfekte Zusammenspiel von Film und Ton ist der rote Faden in ihren Arbeiten. Schon bei Vox war ihr das wichtig, und mit Jan Werner (Mouse on Mars), der dort als Sound Director arbeitete, hatte sie den idealen Gegenpart gefunden, diese Ideen gemeinsam umzusetzen. In den letzten zwei Jahren hat sie sich wissenschaftlich mit dem Thema auseinandergesetzt. Ihre gerade fertiggestellte Promotion bei Bazon Brock, Ästhetikprofessor in Wuppertal, über das Thema “Integrative Audiovisualistik”, ist eine Anleitung für einen neuen Studiengang. Pausen scheint es in ihrem Leben nicht zu geben. Als ich sie im Mai in ihrer Wohnung in der Kölner Weidengasse besuchte, war sie kurz davor, ein Video für die neue CD von Pluramon zu produzieren. COVERSTORY HIER ZUENDE De:Bug: Wie war das damals, als Du beauftragt wurdest, das Corporate Design für den Sender Vox zu entwickeln? Heike Sperling: Die Idee war nicht – wie bei Premiere z. B. – ein einheitliches Design für den ganzen Sender zu machen, sondern jede Sendung als eigenständiges Produkt zu sehen. Meine übergeordnete Vision war die Negation: keine 3D-Geschichten mit trudelnden Logos, keine Melodien im Sound, nichts zum Nachpfeifen. Es sollte eher einen Soundtrackcharakter haben oder gesampelt klingen. Man sollte hören, auf welchem Sender man ist. Am Anfang habe ich die meiste Zeit damit verbracht, rumzureisen, um Leute kennenzulernen. Ich habe mir Showreels angeschaut, mit Leuten gesprochen und schließlich die ausgewählt, die für die einzelnen Sendungen – insgesamt 25 Stück – eine eigene CI machen sollten. Mir war wichtig, daß das Bild auf den Ton reagiert und umgekehrt. Deconstruct to construct! Fernsehdesign also komplett aufbrechen, weg vom Aalglatten und Geleckten und von diesem Punkt aus etwas Neues aufbauen. Lieber Super 8 als 35 mm. Typographie als Bestandteil von Bewegung. Zu dem Zeitpunkt spielte Schrift im Fernsehen ja noch keine Rolle. Sie wurde einfach reingesetzt, war aber kein bewegtes Gestaltungselement. Handwerklich, Klebearbeit und billig De:Bug: Wie habt ihr gearbeitet? HS: Nachdem die CI der einzelnen Sendungen fertig waren, mußten die Sendungen weiter bedient werden. Das haben dann nicht mehr die Designer aus Amerika, Österreich, Polen usw. gemacht, sondern die, die im Haus gesessen haben. Wir haben auf Super 8 gedreht, den Film entwickeln lassen, projiziert und mit einer Videokamera abgefilmt. Das Material wurde digitalisiert und bearbeitet. So wurde es auch mit Animationen gemacht. Wir haben Filme auf Stoff projiziert, mit dem Stoff rumgewackelt, die Schrift abgefilmt und schon hat man eine Typoanimation! So ist sehr viel passiert. Handwerklich, Klebearbeit und billig. Analog war das große Wort. De:Bug: Wie war die Reaktion nach dem Sendestart von Vox? HS: Ich habe von der ersten Woche an Streß gekriegt. Als wir auf Sendung waren – wir wußten noch gar keine Einschaltquoten – da flogen die ersten Sachen schon raus. Ich hab Glück gehabt, daß sich am Anfang, in der Konzeptionsphase, keiner für uns interessiert hat. Die haben gedacht: Design! Als alles fertig war, wollten sie es sehen und dann war es zu spät. Dabei habe ich das Design immer kommuniziert, habe endlose Thesenpapiere geschrieben. Jede Redaktion hat mit den Designern eng zusammengearbeitet. Wir wurden von den Redaktionen sehr lange unterstützt. Und als nach sechs Wochen die ersten – schlechten – Einschaltquoten da waren, war ich schuld. Design ist viel leichter zu kritisieren als Inhalte. Es läßt sich ja auch viel schneller ändern, und jeder kann sofort rummäkeln. Inhalte zu ändern bedeutet viel Arbeit. Irgendwie war es auch klar, daß es da zu einem Knall kommen mußte. Die ganzen Ideen wurden auf Papier präsentiert. Als wir anfingen, die einzelnen Sendungstrailer zu produzieren, gab es ja noch gar keine Sendungen. Viele Sendungen waren am Anfang auch ganz anders geplant, vor allem vom Intelligenzgrad und der inhaltlichen Reichweite her. Am Ende paßten einige Sendungen nicht mehr zu ihrem Design. Dann muß man sich überlegen: hebt man das Niveau der Sendung, oder läßt man das Niveau des Designs fallen? Was mich beruhigt ist, daß die ganze Geschichte Nachwirkungen gehabt hat. Allein diese Wackeltypo, so etwas gab es 1993 nirgendwo. Viele haben das nachgemacht, und für mich ist das ein Erfolg! De:Bug: Einige ehemalige Vox-Mitabeiter sind ja heute mit anderen Projekten erfolgreich. HS: Andi Toma und Jan Werner – später Mouse on Mars – haben sich über diese Arbeit kennengelernt. Und Felix, der jetzt mit Schlammpeitziger zusammen Holosud macht und alleine als F.X. Randomiz auf A-Musik veröffentlicht, hat mit Jan den Sound bei Vox gemacht. Auch einige Designer, die jetzt erfolgreiche Agenturen haben, haben dort als Praktikanten angefangen. De:Bug: Gibt es irgendwo TV-Design, daß du gut findest? HS: Bei Arte gibt es hin und wieder Sachen, die ich mag. Was mich im Moment allerdings viel mehr interessiert, sind Musikclips. Es gibt eine Menge Schrott, weil eins nach dem anderen fließbandmäßig z. B. für VIVA produziert wird, und das Budget meist nicht hoch ist. Aber als ich das Video von Aphex Twin “Come to Daddy” gesehen habe, hatte ich das Gefühl: Das ist noch mal ein Meilenstein. Musikvideo ist ein super Format. Es ist sehr schwer, damit sein Leben zu finanzieren. Von Mille Plateaux bekomme ich für das Pluramon-Video gerade mal soviel, daß ich das Material bezahlen kann. Musikvideo, Werbung: Formate De:Bug: Du hast schon mal ein Video für Pluramon gemacht. HS: Ja, im letzten Jahr das Video für das Stück “self”. Das war auch eine Low-Budget Produktion. De:Bug: Und wenn das Geld nicht reicht, machst du alles alleine? Von der Idee bis zum Schnitt? HS: Ich bin kein professioneller Cutter – ein Spezialist kann das sicher besser. Ich will aber auch kein Spezialist sein, sondern ein Generalist. Ich organisiere gerne große Projekte, wie z. B. ein Werbeclip für T-Online. Optimal finde ich es, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die besser sind als ich und von denen ich lernen kann. Immer Schüler sein! Deswegen kann ich auch Videos schneiden. Und ich entscheide gerne und streite mich auch um Entscheidungen. Ich brauche niemanden, der mir sagt, in welche Richtung ich laufen soll. Als Produzentin arbeite ich direkt mit den Agenturen. Entwickle das Konzept, präsentiere die Idee, und wenn ich das Geld bekomme, organisiere ich alles, um die Idee im Film zu realisieren: Kameraleute, Cutter … Ich habe die Verantwortung für das Gesamtprodukt. Das ist für mich ideal. Wenn man nur Regie macht, kann man sich selten die Leute aussuchen. Ich kann nicht sagen: Ich will nur Musikvideos machen, oder nur Werbung. Ich finde es wichtig, daß Menschen zu Generalisten ausgebildet werden. Bazon Brock, den ich seit 1984 kenne und bei dem ich gerade promoviere, sagt über sich, er sei Generalist. Als Ästhetikprofessor ist für ihn Ästhetik das Mittel zur Kommunikation. Er definiert es als Diskrepanz zwischen dem, was du denkst, und dem, was du sagen willst. Das ist nie deckungsgleich. Das, was übrigbleibt und was man nicht ausdrücken kann, das ist die Ästhetik, und die geht über Bild und Ton hinaus. Davon bin ich geprägt. Was man dann eigentlich als Medium wählt, interessiert mich nicht. Für mich zählt allein die Symbiose aus Bild, Ton und Typographie – als Restfragmente von Sprache. De:Bug: Planst du, in Zukunft weitere Videos zu produzieren? HS: Im Sommer würde ich gerne eine Stop-Motion-Geschichte mit kleinen Aliens drehen. Für die Realisierung eines solch aufwendigen Projektes muß man mit sechs Wochen rechnen, und die Leute können kein Geld dafür bekommen … Das geht nur, wenn jemand wirklich Spaß daran hat, so was zu machen. Das Filmmaterial, die Entwicklung und das Abtasten auf Video muß bezahlt werden. Oder man ist so genial wie Chris Cunningham (“Come to Daddy”-Video): Man macht einmal so ein Video, das übrigens auch nur mit einem kleinen Budget finanziert wurde, und danach, wie er gerade, ein Video für Madonna. Da ist man fein raus! Das Video für Pluramon zu machen, bedeutet Spaß – aber es gibt kein Geld dafür. Meine Moral ist: Je weniger Geld, desto mehr Freiheit. (Lacht) De:Bug: Und du kannst es genau so machen, wie du dir das vorstellst. HS: Mir geht es nicht um Selbstverwirklichung, sondern immer um die audiovisuelle Umsetzung. Der Medienkritiker Flusser sagt, daß Audio und Video nicht mehr zu trennen sind. Das Wort “audiovisuell” ist somit eigentlich bescheuert, weil es diese Trennung noch vornimmt. Er nennt es “tönende-technische Bilder”. Auch nicht richtig gut, da hat man wieder das Wort “Bilder” im Kopf. Für mich gehören Bild und Ton zusammen. Du siehst nur die Hälfte, wenn du das Bild siehst, und hörst nur die Hälfte, wenn du den Ton hörst. De:Bug: Das ist ja auch das Thema deiner Arbeit: “Integrative Audiovisualistik”. Du gibst damit die Idee zu einem neuen Studiengang. Wie kamst du darauf? HS: Es geht darin um die Kommunikation von wissenschaftlichen Weltbildern mit audiovisuellen Mitteln. Von Bazon Brock kam die Idee, mir den amerikanischen Studiengang “Imaging Science” näher anzuschauen. Man lernt dort, wie man naturwissenschaftliche, komplexe Zusammenhänge audiovisuell darstellt. Das ist ein Riesen-Thema! Ein Biologe kann sich nicht mit einem Physiker unterhalten! Deswegen werden in diesem Studiengang “bildgebende Verfahren” entwickelt. Das bedeutet, daß eine Kommunikation über “bildgebende Verfahren” möglich ist. Es geht hier noch nicht mal darum, daß die verschiedenen Naturwissenschaftler sich dann darüber unterhalten, sondern alle die gleiche Methode der Darstellung anwenden. Dinge darzustellen, die durch Licht nicht sichtbar sind: Galaxien oder Radiowellen beispielsweise. Durch einen Rechenvorgang können sie sichtbar gemacht werden. Du kennst doch sicher diese Aufnahmen von Gehirnen, wo mit Hilfe von unterschiedlichen Farben die unterschiedlichen Funktionen darstellt? Da sind natürlich die Farben gestaltet. Das Gehirn hat keine Farben. Imaging Science Mir geht es noch um etwas anderes. Überall entstehen unterschiedliche Vorstellungen. Wie interpretiere ich die Welt, die ich mit meinen Sinnen wahrnehme? Allein in der Philosophie gibt es so viele Ansätze. Und in der Kunst und der Musik wieder andere. Mich – als Pragmatikerin – interessierte: Wie setze ich das um? Ich sehe die Gefahr, daß Naturwissenschaft zu einer neuen Religion wird. Sie wird auf ein Höckerchen gestellt. Man muß sie hinterfragen. Bei der Mathematik einigt man sich ja auch auf nicht wirklich bewiesene Theorien. Das ist nicht die Wahrheit, sondern nur festgelegt. Es gibt also auch nicht nur ein Weltbild. Niemand kann behaupten: Das eine ist wahr! Bei der Genetik z. B. hat man ja auch das Gefühl, wir übergeben die Verantwortung den Wissenschaftlern, und die werden dann schon wissen, was sie tun. Diese Leute haben auch unterschiedliche Weltbilder und entscheiden danach. Und übernehmen Verantwortung oder eben nicht! De:Bug: Als ich die Einleitung deiner Arbeit gelesen habe, dachte ich direkt, daß das auch interessant für die Umsetzung in TV- Dokumentationen ist: mit Hilfe von 3D-Animationen komplexe Inhalte darzustellen. HS: Ja, natürlich. Zwischen den Wissenschaften, dann von der Wissenschaft zur Öffentlichkeit und aber auch zur Wirtschaft und zur Politik. In Amerika bekommt die Wissenschaft sehr viel Geld aus der Wirtschaft. Wer die schönsten Diagramme hat, bekommt die Kohle. Ob der Inhalt stimmt oder nicht, ist nicht nachvollziehbar. Wenn man Kommunikationsdesign studiert hat wie ich, dann ist man dazu angehalten, eine Aussage mit anderen Mittel zu kommunizieren als durch Sprache allein. Bewegtbild und Ton ist für mich das Kommunikationsmittel der Zukunft. Du mußt eine Idee möglichst einfach darstellen, damit sie verstanden wird. Keine Verwirrungsstrategie. Flusser sagt, Mathematik ist die neue Geheimsprache der Gegenwart. Früher haben die Kirchen verboten, daß die Leute lesen lernen. Es gibt Ansätze, Mathematik zu visualisieren, und dann ist es gar nicht mehr so schwer, sie zu verstehen. Mir geht es um Aufklärungsarbeit im Wissenschaftsbereich und hin zur Öffentlichkeit. De:Bug: Besteht nicht die Gefahr der Verdummung, wenn die Leute nicht mehr lesen, sondern eine visuelle Wahrheit vorgesetzt bekommen? HS: Das ist eine Diskussion, die man nicht mehr führen kann. Ich habe heute morgen in einem Essay gelesen, daß Leute aus der Goethe-Zeit noch nicht mal einen Werbspot verstehen würden. Die wären völlig überfordert. Wir sind visuell anders ausgebildet. Die Menschen schauen täglich mehrere Stunden Fernsehen. Und andersherum: früher, als es noch kein Fernsehen gab, war auch nicht alles Geschriebene intellektuell wertvoll. Es geht mir auch nicht darum, Sprache abzuschaffen. Du kannst mit den drei Ebenen Bild, Ton und Schrift parallel Dinge prozessieren. Und das passiert in Werbespots eigentlich schon. Geballter als da geht es kaum. De:Bug: Was hältst Du vom virtuellen Studio? HS: Ich find das schon cool. Man könnte super Sachen machen. Was gerade gemacht wird, ist Scheiße. De:Bug: Das mein ich auch… Immer diese Mamorräume, Säulen etc… Alles sehr statisch. HS: Wenn du dir die ersten Filmaufnahmen Anfang des Jahrhunderts anguckst, da ging es auch immer ums Medium. Oder mit 3D-Logos, die einfach nur aussagen: Hey, wir haben ein 3D-Programm. Das ist mit dem virtuellen Studio genauso: Wir haben ein virtuelles Studio… !!! Wenn du das nicht mehr merkst, dann wird es gut. Wie bei dem Film “Titanic” ja auch. Da nimmst du gar nicht wahr, welche Technologie dahintersteckt. Es ist ein inhaltlicher Fluß, und das ist spannend. Oder die kaputte Version davon bei Kalkofe, der in einer Blue Box steht und immer in die Fernsehsendungen reinhüpft und intelligenten Haß verbreitet. Das macht Spaß, weil es inhaltlich Sinn macht. ——————————————————————- Links zum Thema: Imaging Science: http://cis.bsd.uchicago.edu/docs/cis-intro.html Vilem Flusser: http://www.tv-hoeren-und-sehen.de/homepage29/Flusser.htm Bazon für Brockisten: http://www.uni-online.de/helios/brocki/brocki.html Virtuelles Studio: http://www-cui.darmstadt.gmd.de/visit/Activities/Vist/Introduction/index.deutsch.html A-Musik: http://www.a-musik.com/ ——————————————————————- ZITATE: Wir haben Filme auf Stoff projiziert, mit dem Stoff rumgewackelt, die Schrift abgefilmt und hatten eine Typoanimation. In Amerika bekommt die Wissenschaft sehr viel Geld aus der Wirtschaft. Aber: Wer die schönsten Diagramme hat, bekommt die Kohle.

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