Yello, die großen Elektronikpioniere der Schweiz, melden sich nach sechs Jahren mit ihrem neuen Album ”Yello Touch“ zurück. Ein Gipfeltreffen der Producer-Generationen auf dem Züriberg, wo wir im Yello-Studio mit Kalabrese und Boris Blank über bedeutende Einflüsse, Produktionsmethoden und die Besonderheiten der helvetischen Musikkultur sprachen.

Zug
Von Ji-Hun Kim (Text) & Jan-Kristof Lipp (Illustration)

Aus dem Special in De:Bug 136: HELVETIA HOPP!

Die Dolderbahn ist eine alte Zahnradbahn im Osten Zürichs, die gemächlich ihren Weg vom Römerhof auf die 606 Meter hoch gelegene Dolderstation am Adlisberg erklimmt. Dort oben thront das Dolder Grand Hotel, ein Fünfsterne-Ressort, das im 19. Jahrhundert Kurhaus gewesen ist und heute reichen Luxustouristen Obdach gewährt. Ein imposanter Ausblick auf den Zürichsee präsentiert sich hier.

Japanische Millionärsgattinnen mit Burberryquadern und Golfcaddy kreuzen meinen Weg, dicke V8-Motoren in schwarzen Edelkarossen surren die Anhöhe hinauf. 200 Meter weiter unten befindet sich das Yello-Studio. Das Haus der Familie von Sänger Dieter Meier ist seit 20 Jahren Arbeitsstätte von Boris Blank, dem Schrauber und Produzenten des legendären Pop-Duos.

Dieter Meier lebt mit seiner Familie teils in Kalifornien, züchtet edle Rinder in Argentinien und betreibt einen Weinkontor in der Zürcher Innenstadt. Er ist der Unternehmer und Kosmopolit der beiden, wenn auch Boris Blank in seiner gepflegten Eloquenz und seinem Auftreten, der koketten Selbstdefinition des tageslichtscheuen Soundhandwerkers nicht wirklich entspricht.

Weltmännisch gekleidet, voll reicher Gesten und eine Stimme mit warmem Timbre. Profiästheten sind sie wohl beide. Das Studio mit direktem Zugang auf die Veranda betrete ich durch den Gartenweg am Haus vorbei. Ein starker Spätsommerregen zieht auf. Kalabrese, bürgerlich Sacha Winkler, ist wie Blank wohl auch ein musikalischer Grenzgänger. Formelhaftigkeit und Schemata sind in seinen Releases für Stattmusik, Muve und Perlon genauso ein Fremdwort, wie das Bedienen von dancefloortypischen Konventionen.

Sein zweites Album soll bald veröffentlicht werden. Viel seiner letzten Zeit hat er dem Betreiben des Clubs Zukunft gewidmet, dessen Mitinhaber er ist. Boris Blank entdeckte die Musik Kalabreses zu seinem Bedauern erst vor kurzem. Er entpuppt sich bei Kalabreses Betreten des Studios als begeisterter Fan von dessen Soundtüfteleien.

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Debug: Boris, wie intensiv setzt du dich mit der Schweizer Musikszene auseinander?

Boris: Leider nicht so sehr, sonst hätte ich Kalabrese schon viel früher getroffen und wir hätten vielleicht auch bereits etwas zusammen gemacht. Du bist auf der Wunschliste meiner Remixkandidaten. Weil das sehr eigen ist, sehr fein. Ich mochte die Sachen, die ein bisschen versetzt, nicht so im Rhythmus sind.

Sacha: Nicht so tight.

Boris: Ja, aber mit Absicht.

Sacha: Zum Teil ist man natürlich auch nicht fähig, alles so einzuspielen, wie man es will. Aber dann verschiebt man die Parts und irgendwie hinkt dann alles ein bisschen.

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Yello hatte bereits in den 80ern einen starken Clubbezug.

Boris: Klar, waren wir im Kaufleuten oder im Roxy. Da haben wir viel getrunken und Dinge gemacht, die man sonst nicht machen sollte. Aber ich war immer auch ein bisschen verbissen. Ich mag die Arbeit und habe die anderen feiern lassen. Und dann kommt die Zeit, wo ein Kind auf die Welt kommt. Das war bei mir vor zwölf Jahren. Dann wird alles anders. Letztlich hat man mehr Lust auf Fahrten ins Grüne. Ein Kind gedeiht, das ist wunderschön mit zu beobachten. Wie alt bist du Sacha?

Sacha: 36.

Boris: Eben, also bis 45 ging es bei mir voll zur Sache. Dennoch, ich habe es schon immer genossen, wenn man sich wie ein Mönch in Klausur die Nächte im Studio um die Ohren geschlagen hat. Ich genieße diese kindliche Freiheit.

Sacha: An eurer Musik hat mir die Eigenständigkeit immer imponiert. Dass ihr eigentlich immer in eurer eigenen Liga gespielt habt.

Boris: Das ist schön, dass du das sagst, weil wir auch immer ganz naiv an die Sachen dran gegangen sind. Wir können ja Musik weder lesen noch schreiben. Der Dieter versteht schon ein bisschen, wo man Noten wie platziert, aber er betreibt das nicht und für mich kann ich nur sagen, dass ich das nicht verstehe.

Ich habe ein Gefühl für Klänge und Sounds, und das war schon immer meine Welt. Im Umgang mit Klängen ist man sehr befangen, dieses Patchwork zu einem gesamten Klanggebäude zusammen zu basteln und in dieser Naivität kann man davon ausgehen, dass man sich nicht anlehnt an irgendetwas Englisches oder was es schon gibt. Da macht man vor sich hin, was man kann.

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Sacha: Das ist doch das Besondere, dass man von selbst so weit kommt, ohne in Verlegenheit zu kommen, irgendwas zu kopieren.

Boris: In der Schweiz ist der Boden für Musik sehr dünn. Da kann man sich nicht mit britischen, deutschen, oder amerikanischen Sachen vergleichen. Es gibt so viele fantastische Musiker in der Schweiz, aber sie können selber nichts schaffen. Oft werden bekannte Sounds einfach auf Mundart gesungen, da ist wenig Eigenständigkeit zu finden.

Debug: Wie sieht so ein Mönchstag bei Boris Blank aus?

Boris: Das ist wie ein Tag in der Fabrik. Im Gegensatz zu Kalabrese, der wahrscheinlich erst gegen Abend ins Studio geht. Ich bin Tagmensch, gehe um neun ins Studio. Nicht jeden Tag ist die Tür offen in Richtung Fantasie. Dann gibt es Mittagspause und ich mache danach weiter bis 5 oder 6, fahre danach Rad oder mache ein bisschen Sport. Der Abend gehört der Familie. Völlig spießig wahrscheinlich. (lacht)

Sacha: Ich finde das nur konsequent. Klar gibt es Leute wie mich, die ganz anders arbeiten, aber manchmal wünsche ich mir auch diese Regelmäßigkeit.

Boris: Es gibt schon Tage, wo ich ein enttäuscht bin. Meistens merke ich erst am nächsten Tag, dass ich auf einer falschen Fährte war, die Euphorie auf einmal verpufft und ich die Dinge erstmal wieder weglege. Die Arbeitsweise von mir ist wie die eines Malers mit Klang. Ich mische Klangfarben, habe Paletten mit denen ich arbeite. Nach dem ersten Tupfer denke ich, das könnte in diese Richtung gehen, aber dann wird aus einer Rose doch eine Maus, was aber hübsch sein kann.

Meistens bin ich alleine und so kann ich aus den Soundhaufen Türme bauen. Ich habe nie die Idee einer Platte. Ich male meine Bilder. Diesmal waren es 74 Tracks. Oft fange ich mit Patterns an, die ich aufbaue, die mich auch verleiten können. Vielleicht haben die einen guten Groove. Die verstecke ich dann in einem Ordner, wie ein Eichhörnchen seine Nüsse. Ich habe ein gutes Namengedächtnis, ich weiß genau, wo die noch stecken.

Debug: Yello hat auch immer an die Kunstszene angedockt.

Boris: Das wäre ja fast vermessen, so was zu sagen. Wenn ich vom Malen rede, meine ich ja den Prozess. Der Dieter kennt sich besser aus. Ich bin ein Mensch, der gerne Bilder anschaut. Aber ich bin kein Kenner der Kunst. Ich weiß nicht, was die englische Szene im letzten Jahr hervorgebracht hat. Ich liebe dennoch schöne Dinge.

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Debug: Zum Beispiel?

Boris: In der Musik gibt es viel Kunst. Ich stehe auf Musique concrète, Györgi Ligeti, Peter Scherr. Das ist zeitgenössische moderne Musik. In der bildenden Kunst bin ich vielleicht ein bisschen altmodischer. Ich mag de Chirico oder Sachen von Matisse, was vielleicht ein bisschen kommerziell daherkommt. Beim Film sind es Italiener wie Visconti, Fellini, Pasolini, aber auch Buñuel. Das sind Künstler, die mich berühren, weil sie mit einer gewissen Echtheit daherkommen, die ich unmittelbar empfinden und nachvollziehen kann. Ästhetisch, physisch und psychisch.

Debug: Sacha, gab es bei dir einschneidende Erlebnisse, die dich zum Musikmachen bewegt haben?

Sacha: In Zürich gab es in den 80er Jahren viele Unruhen, die wahrscheinlich auch dazu geführt haben, dass die Rote Fabrik entstanden ist. Das war 79/80. Da war ich im Kindergarten und meine Großmutter hat in dem Autonomen Jugendzentrum, wo Junkies, Punks, Politos und Studenten abhingen, in der so genannten Gassenküche gekocht. So bin ich zum ersten Mal in dieser Stadt mit Musik in Kontakt gekommen. Ich war beeindruckt, aber auch verängstigt.

So hat man aber einen Lebensraum zum ersten Mal wahrgenommen, der nicht so funktionierte wie alles andere in der Stadt. Es war sehr laut, in der Roten Fabrik gab es Punkkonzerte, wo auf einmal zwei Gruppen aufeinander losgingen. Zeitgleich kam HipHop auf. Die Breakdancer, die gegeneinander getanzt haben. Diese Energie fand ich unglaublich. Zürich war so gesehen immer wichtig für mich. Gegenüber der elektronischen Szene, die später aufkam, war ich erst sehr skeptisch eingestellt, hatte Vorurteile, weil alles mit der Maschine gemacht wurde.

Boris: Hast du denn damals schon Musik gemacht?

Sacha: Ich habe Schlagzeug gelernt, komme aus dem Proberaum. Ich habe mich viel mit Jazz beschäftigt und dem Spiel eines Max Roach nachgeeifert.

Boris: Das heißt, du hast ein musikalisches Handwerk erlernt. Das hatte ich nicht!

Sacha: Aber gerade die Musik von Yello ist doch sehr rhythmisch. Für mich bist du auch ein Schlagzeuger!

Boris: Rhythmuslastig bin ich allemal, das stimmt.

Sacha: Und dennoch kommt am Ende bei euch meistens so etwas wie ein Song heraus. Und die sind harmonisch teils extrem avanciert. Es passieren Sachen, gerade wenn Dieter Meier singt oder rappt. Es gehen Türen auf, da ist nicht nur ein Rhythmus. Im Techno basiert alles auf Rhythmus und irgendwann gehen diese Türen nicht mehr auf.

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Boris:
Es muss nicht immer ein Song sein. Aber das stimmt schon, es war harmonisch vielleicht nicht immer so interessant, aber es war bildhaft. Das wurde mir häufig vorgeworfen und unterstellt, vor 20 Jahren war bildhafte Musik total verpönt. Das ist für viele Leute Kitsch gewesen. Ich neige aber dazu. Aber wenn Kitsch so gefühlt wird, dass es dennoch echt ist, wenn es in Gefühlen verankert ist, dann finde ich das gut. Vor allem mit Gegensätzen zu arbeiten. Ich liebe das Kontroverse, da müssen Spannungen drin sein.

Debug: Was waren rückblickend die wichtigsten Schritte in der elektronischen Produktion?

Boris: (spielt Musik aus dem iPhone vor) Das ist von 1958! Das ist unglaublich toll. Das ist Raymond Scott. Was er gemacht hat, gehört zum Feinsten überhaupt. Bei mir waren die spannenden Sachen damals die, wie bei den Beatles, die ein Mellotron hatten. Das hat mich fasziniert. Dann kam später das Revox A77, die hatten mehrere Tonköpfe und da konnte man Echos erzeugen.

Sacha: Tape Echos!

Boris: Genau. Von Roland kamen die später auch. Aber die Verzögerung beim Revox, von einem zum nächsten Tonkopf, gerade wenn man das besonders langsam abspielte, das war wunderbar. Das war noch mal was gänzlich anderes, als mit Synthesizern zu arbeiten, nämlich Geräusche umzuwandeln, Loops zu basteln, wo man Tapes genau schneiden und timen musste.

Dazu hat man dann Bongos gespielt, bis man blutige Finger hatte. Das waren schon die Ansätze, die ich gesucht habe, die aber eher aus einen Klangfetischismus heraus entstanden sind. Noch heute trommle ich auf allem herum und versuche herauszufinden, wie etwas klingt. Einige der spannendsten Klänge gibt es in Garagentoren. Die haben eine Zugfeder und wenn die gespannt ist, macht sie unglaubliche Töne.

Die erste große Offenbarung kam dann aber mit dem Fairlight CMI, was damals noch sehr teuer war. Das hatte eine besondere Auflösung. Da habe ich mit dem Finger auf Papier getrommelt und aufgenommen, einzelne Slices genommen. Das war dann der Schritt, wo ich nicht mehr blutige Finger bekommen habe und Dinge einfach wiederholen konnte.

Sacha: Heute hat man so gesehen einen unglaublichen Luxus, was die Arbeitsweise anbetrifft.

Boris: Akzentvariierungen sind heute sehr einfach umzusetzen. Da ist man viel variabler.

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Sacha: Ich finde es dennoch viel schöner, wenn man etwas eigenes kreiert. Ich habe lieber einen echten Cellisten im Studio. Man kann davon lernen. Zu sehen wie ein Cellist spielt, was möglich ist und was nicht. Ich würde mich beschämt fühlen, wenn ich eine Sample-CD in den Computer schieben würde. Eine 303 oder eine 808 haben ein Eigenleben, wenn man die laufen lässt, was die für eine Dynamik entwickeln, das kann man nicht als Preset haben.

Boris: Ich habe mich immer anderer Klänge bedient, die mir gefallen. Mal gibt es ein Drumpattern, das gut klingt und ich verunstalte das dann total. Ich nehme die Slices auseinander und mache was ganz eigenes draus. Aber als Bastler bedarf es auch solchen Grundmaterials. Wie ein Bildhauer, der ein Stück Fels bearbeitet.

(Kalabrese packt eine alte Yello-Scheibe aus, You gotta say yes to another excess)

Sacha:
Es ist ja eine meiner Lieblingsplatten. Die ist so düster.

Boris: Die Melancholie oder das Düstere kommt schon vor. Aber ich verfolge eher das mental Düstere, ein wenig bedrohlich darf es sein. Aber gefährlich oder Angst auslösend darf so etwas bei mir nicht werden.

Sacha: Das Düstere darf auch nicht mit Pathos zusammen kommen, finde ich.

Boris: Sonst kommt irgendwann der Teufel hervor. Ich liebe Dramatik. Wie in der Oper, das lebt ja von den Spannungen.

Sacha:
Seit ein paar Jahren lege ich auf und und “Lost Again” von euch spiele ich immer wieder. Da gibt es einen Edit von Greg Wilson. Das hat eine Spannung, das ist auch heute noch immer klasse. Das ist zeitlos modern, das hat seine Relevanz im Dancefloor-Kontext nie verloren.

Boris: Meine Tochter ist jetzt 12. Die hört jetzt langsam unsere Sachen, auch um herauszufinden, was hat der Alte eigentlich so gemacht. Einige Stücke spielt sie immer wieder, wo selbst ich denke, Olivia, das haben wir jetzt oft genug gehört. Aber vieles kann man heute noch ohne Schmerzen hören. Das ist ein ganz gutes Zeichen. Das sehe ich als Kompliment, wenn junge Menschen noch heute was damit anfangen können.

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Lustig ist, dass ihre Schulkameraden das nun auch hören, und wenn das jährliche Schulfest ist, dann kommen andere Eltern zu mir und sagen: Du Boris, ich mag Yello ja gern, aber mein Kind hört das den ganzen Tag rauf und runter, ich wäre gestern fast ausgeflippt. (lacht)

Es wird nicht das letzte Mal sein, dass sich die beiden Zürcher Produzenten über den Weg laufen werden. Das scheint nach dem Nachmittag klar zu sein. Nummern und Kontakte werden ausgetauscht. Ein kommender Kalabrese-Remix für eines der kommenden Yello-Tracks scheint hier aber schon so gut spruchreif.

Wir fahren zu zweit die Dolderbahn bergab und Sacha lässt mich liebe Grüße an die Jungs von Drumpoet Community ausrichten, die ich später im Kreis 4 treffen werde. Die junge Generation elektronischer Künstler scheint hier vernetzt wie keine zweite. Den Generationsaustausch haben wir aber mit diesem Treffen vorantreiben können.

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Aus dem Special in De:Bug 136: HELVETIA HOPP!

Yello, Touch Yello, ist auf Universal erschienen.

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