Der Doctor Rockit steht wieder in der Tür. Nach vier Jahren veröffentlicht Matthew 'Herbert' Herbert ein neues Album unter seinem Freistil-Alias. Und mit grossem Chor geht's gegen die korporate Informationsindustrie zu Felde.

/house/elektronika/ Eine Hymne auf die Information Doctor Rockit Der Doktor ist zurück! Wurde auch höchste Zeit, schliesslich haben sich seit 1996 massig Daten und Erfahrungen angesammelt. In den vier Jahren, die seit “The Music of Sound” vergangen sind, drohte Matthew Herbert in seinem eigenen Informationsfluss zu ertrinken, dringend musste wieder prozessiert, organisiert und sublimiert werden. Und was mit seinen funktionaleren Parallelprojekten (Herbert, Radioboy und Wishmountain) nicht geht, scheint mit Doctor Rockit um so schamloser zu funktionieren: Klassische Streicher, Soul, Breakbeats und sogar französische Akkordeon-Folklore fügen sich zu einem hybriden Cluster zusammen, das wie immer verspielt, vertrackt und verdaddelt, aber nichtsdestotrotz tief und groovend ist. Abermals werden Alltagsgeräusche aus der Matthew Herbert-Welt zu einer verworrenen Geschichte zusammengesampelt: Quietschende Türen, australische Verkehrsgeräusche, einen um Ruhe bettelnden Nachbarn etc… Leicht zu durchblicken ist dieses Hörspiel nicht gerade; ebensowenig wie der kryptische, experimentelle Mikrofunk, der aber nicht zuletzt durch Dani Sicilianos Stimme dennoch bezaubernd warm, tief und groovend ist. “Während Herbert songorientierter House ist und Radioboy in Richtung Techno geht, mache ich als Doctor Rockit eher experimentelle Sachen. Wobei ich nicht glaube, dass sich Komplexität und Schönheit ausschliessen müssen”, so Matthew Herbert. Mikrologie und Kleinteiligkeit, das bedeutet bei Doctor Rockit aber keineswegs, dass eine schnuckelige Bastelzimmerromantik abgebildet würde (auch wenn private Erlebnisse eine wesentliche Rolle spielen). Denn auf “Indoor Fireworks” geht es auch um Grösseres: Politik, Information und die Bösewichte der westlichen Welt. In “Hymnformation”, dem inoffiziellen Hit der neuen Doctor Rockit-Platte, singt (!) Matthew seinen Ekel hinaus. Weiter auf Seite… CO VER ENDEEEEE Information über alles! Weil “Indoor Fireworks” eine sehr persönliche Platte werden sollte, hat Matthew fast alle Instrumente (Gitarre, Piano, Akkordeon, Violine, Bass) selbst eingespielt und auf jegliche Vinylsamples verzichtet. “Ich finde es viel aufregender, komische Geräusche zu sampeln, als irgendwelche Platten. Der Sound eines zusammenstürzenden Hauses ist doch viel interessanter als ein James Brown-Sample.” Trotz der vielen konkretistischen Umgebungsgeräusche auf “Indoor Fireworks” ist die Suche nach einem wahren Erfahrungskern hinter den Klangerzählungen müssig und langweilig. Zwar heisst es im Presseinfo: “It’s a personal journey through the world of the doctor and there’s a story inside it – if you can figure it out” – doch lässt sich diese verborgene Geschichte nicht so einfach auf eine authentische Herbert-Welt zurückrechnen. “Die Platte ist schon eine Art Tagebuch meines Lebens, in dem viele Orte, Leute und Ereignisse vorkommen. Trotzdem wird nicht meine ganze Geschichte erzählt. Auch wenn die Platte sehr persönlich ist, gibt es noch genügend unverständliche Sounds. So bleibt Platz für die Hörer, sich ihre eigenen Geschichten auszudenken”, sagt Matthew. Er lacht nur verschmitzt, wenn man ihn fragt, ob es den meckernden Nachbarn, der auf “Indoor Fireworks” zu hören ist, wirklich gibt. “Dazu sage ich nichts, es muss auch noch eine Mysterium bleiben.” “Indoor Fireworks” ist somit als Aufforderung zu verstehen, eine fiktionale Geschichte zu geniessen und die subjektiven und objektiven Wahrheitsraster explodieren zu lassen… Auf der Platte finden sich allerdings nicht nur ästhetische, sondern auch politische Daten. In “Hymnformation”, dem Monty Python-haften Highlight, singt Matthew erst alleine und später im 20-köpfigen Chor von Freunden: “I require more information!” Die Adressaten dieser witzig-aggressiven Agitprop-Hymne sind die neuen kapitalistischen und medialen Verhältnisse im allgemeinen und New Labour und Rupert Murdoch im besonderen. In der fulminanten Klimax dieser Politpoesie werden sie als “pus” (Eiter) bezeichnet. Darauf angesprochen, verfällt Matthew in eine ausschweifende Rede über politics und die fuckedupness dieser Welt, die hier unmöglich in Gänze zitiert werden kann: “‘Pus’ – das ist alles mögliche: Die skandalöse Tatsache, dass ausbeuterische Unternehmen wie Regierungen agieren und sich ihre eigenen Regeln geben, Musikmagazine wie “MixMag”, die keine Musiker, sondern nur noch nackte Frauen auf dem Cover zeigen, die Heuchelei der britischen rechts-konservativen Presse, die für family values eintritt, sich aber selber an den sexuellen Eskapaden von Prominenten aufgeilt. Vor allem geht es in “Hymnformation” aber um die Macht, die diese rechte Presse in England hat. Rupert Murdoch, der fast alle tabloids besitzt, hatte vor der letzten Wahl ein Treffen mit Tony Blair, bei dem er ihm seine Unterstützung zusicherte. Im Gegenzug hat Blair ihm Dinge versprochen, über die wir nie etwas erfahren werden. Es sind solche unerträglichen Vorgänge, auf die ich aufmerksam machen will.” Dieser Verbalradikalismus verwunderte mich schon ein wenig, hielt ich Matthew Herbert aus der Ferne doch eher für einen eingeigelten Frickel-Nerd. Pustekuchen! Doctor Rockit holt das politische Statement zurück in die digitalen und analogen Studioräume und kämpft gegen die Informationskorporationen der westlichen Welt: “‘Indoor Fireworks’ ist mein erster Versuch, mich in der Musik politisch zu äussern. Ich lese sehr viel über Politik, und ich wollte meine Informationen in die musikalische Arbeit überführen. Das ist bei den Sachen, die ich mit Herbert mache, natürlich nicht so einfach; ein Vocal-House-Track, in dem über die Probleme in Zimbabwe gesungen wird, wäre eher peinlich. Es fällt mir aber immer schwerer, mich damit abzufinden, dass das, was ich am liebsten tue – Musikmachen – nichts an den ökonomischen und politischen Missständen ändert. Im Gegenteil: Die Musikindustrie ist Teil der Misere.” Dass die Internetkultur den globalen Machtverhältnissen und Konzentrationsbewegungen etwas entgegensetzen könnte, glaubt Matthew nicht. “Das Internet eignet sich für utopische Visionen, aber ich glaube nicht, dass sich irgend etwas davon verwirklichen wird. Okay, das Netz kann Menschen verbinden, aber dadurch kommt noch lange keine Wahrheit zustande. Im Internet gibt es Unmengen von Meinungen, die aber keine Fakten sein müssen. Es müsste ein Weg gefunden werden, das Internet so zu regulieren, dass der Wahrheitsgehalt von Informationen überprüft werden kann. Aber das wäre dann wiederum so George Orwell-mässig, weil es dann jemanden bräuchte, der entscheidet, was die Wahrheit ist.” Starke und schwache Sender Je undurchdringlicher die grossen korporativen Strukturen der “Hymnformation” werden, desto dringlicher wird die Frage, wie und wo sich noch so etwas wie informationelle Selbstbestimmung erreichen lässt. Wie kann man als schwacher Sender absehbare Kommunikationswirkungen erzielen? Neuerdings legt Matthew Herbert grossen Wert auf die Kontrolle über die Kommunikations- und Distributionsmedien und hat mit Soundslike, Lifelike und Accidental gleich drei (!) neue Label gegründet. Soundslike ist das “Herbert”-, Lifelike das “Doctor Rockit”- und Accidental das “Radio Boy”-Label. Ausserdem sollen noch andere Produzenten gesignt werden. “Es war einfach der Zeitpunkt gekommen, etwas Eigenes zu machen. Die Labels, mit denen ich vorher zusammengearbeitet habe, haben einfach zu viele Fehler auf meine Kosten gemacht. Man schuldet mir immer noch Geld. Klar, ich weiss, dass das Risiko ist, wenn man Platten unabhängig produziert. Aber ich wollte einfach Kontrolle über das haben, was ich mache – auch wenn ich noch nie im meinem Leben so gestresst war wie jetzt mit diesen drei Labels. Wenn ich mich nicht um meine selbständige Existenz kümmern würde, müsste ich wahrscheinlich irgendwann fiese R’n’B- oder Trance-Tracks machen, um zu überleben. So kann ich aber die drei Dinge tun, von denen viele Menschen träumen: Reisen, mein eigenes Unternehmen leiten und kreativ sein. Deshalb bin ich ein glücklicher Mensch.” Dr. Rockit: Indoor Fireworks ist auf Lifelike erschienen und wird von Neuton vertrieben.

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Elektronische Lebensaspekte.

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