Matthew Herbert will mehr bewegen als nur die Ärsche. Er hat es satt, dass sich die meisten Menschen mit so schlechten Lebensmitteln sättigen.
Text: Florian Sievers aus De:Bug 93

Ich habe es satt!
Matthew Herbert

Matthew Herbert blickt in die Kochtöpfe der Welt – sein neues Album “Plat Du Jour“ handelt vom Essen in den Zeiten der Globalisierung. Herbert, 33, hat dafür wie ein Radioreporter eine Hühnerfarm besucht oder ist in die Wasserkanäle seiner Heimatstadt London gekraxelt. Mit den dabei erbeuteten Authentizitätsfetzen im Rücken kotzt er sich jetzt über postmodernen Relativismus aus.

Auf der Webseite zu deinem neuen Album schreibst du: “Ich riskiere es, das Mysterium der musikalischen Welt zu verlieren, die ich zu erschaffen versuche. Aber wenn das Ergebnis davon ist, dass nur eine Person künftig ausschließlich zurückverfolgbares Fleisch kauft oder lokales, saisonales Gemüse, dann ist das ein Preis, den ich zu zahlen verpflichtet bin.“ Was willst du damit sagen?
Matthew Herbert: Nun, eigentlich ist es das Ziel dieser Platte, dass ich die Ernährungsweise wenigstens eines Menschen ändere, ohne ihn oder sie persönlich getroffen zu haben.

Und was meinst du mit dem “Mysterium der musikalischen Welt“?
Herbert:
Dass mir die Naivität von früher abhanden kommt, je mehr ich mich mit bestimmten Themen beschäftige.

Und das hat es dir ab einem bestimmen Punkt unmöglich gemacht, weiter einfach nur Dancetracks ohne darüber hinausgehenden Inhalt zu produzieren?
Herbert:
Es hat in mir den Drang erzeugt, etwas bewegen zu wollen. Das kommt auch vom Leben mit all seinen Widersprüchen. Denn einer davon ist, dass ich durch meinen Job die Möglichkeit habe, viel von der Welt zu sehen und das unglaublichste Essen zu probieren. Und zugleich fällt mir bei meinen Reisen immer stärker auf, wie schrecklich die Welt geworden ist. Überall ist T-Mobile und McDonald’s und Nike. Diese seelenlosen Versionen von Communities.

Aber mal ein bisschen ketzerisch gefragt: Vermitteln dir die nicht auch manchmal das Gefühl, selbst im entferntesten Winkel der Welt zu Hause zu sein?
Herbert:
Ja, so funktionieren sie, das ist ihr Reiz. Aber das ist wie eine zusammengematschte Sprache, wie Esperanto. Seelenlos. Man fügt sich dem, man gibt nach, weil es bequem ist.

Gehört zu dieser Seelenlosigkeit auch Beyoncé Knowles, die du auf deinem Track “Celebrity“ disst?
Herbert:
Absolut. Sie ist eine fähige, unabhängige, talentierte schwarze Frau, die all das nur dazu nutzt, um reich zu werden. Und sobald sie das geschafft hat, verkettet sie ihren Namen mit den billigsten, schlechtesten Nahrungsmitteln, die man sich vorstellen kann. Sie hat diese ganze Macht, und die benutzt sie nur dazu, sich noch reicher zu machen.

Unterwegs sieht man ja alle möglichen globalisierten Marken und Branchen, von Tankstellen bis zu Mobiltelefon-Providern. Warum dreht sich dein neues Album nun gerade um Lebensmittel?
Herbert:
Weil Essen etwas ist, das jeder Mensch jeden Tag muss, um am Leben zu bleiben. Man muss nicht jeden Tag telefonieren. Aber essen. Dadurch wird es zur Grundlage für jede Kultur und zu einem guten Indikator für ihren inneren Zustand. Was die Menschen essen, wie es produziert, verteilt und verkauft wird. Das alte Sprichwort gilt immer noch: Du bist, was du isst. Kein Wunder, dass die Hälfte aller Amerikaner wie Doppelwhopper aussieht. In England geht es auch so los. In vielen Ländern, hier auch.

Für deine Untersuchung des Verhältnisses der Menschen zu ihrem Essen samplest du Geräusche von Nahrungsmitteln und ihrer Produktion. Warum?
Herbert:
Es ist meine Aufgabe als Künstler, etwas zu nehmen und es in etwas anderes zu transformieren. Ich nehme also diese Essensgeräusche und mache sie zu Musik. Und versuche zugleich, diese Nahrungsmittel mit ihrer Vergangenheit, mit ihrem Inhalt zu verbinden. Es geht darum, die Lebenswirklichkeit von Menschen zu verändern.

Aufgrund deiner Geräuschsamples könnte man dich ja zunächst für einen Geistesverwandten der klassischen Musique Concrète halten.
Herbert:
Nee, mit denen habe ich nichts zu tun.

Bestimmt nicht, denn der ging es vor allem um Reflektion der Lebenswirklichkeit. Und du willst verändern. Zum Verändern brauchst du aber immer Linernotes und Extratext auf deinen Platten, sonst merkt doch niemand, was du da gesamplet hast.
Herbert:
Ja, das ist die Crux an der Sache. Ich könnte auch einfach Liedtexte schreiben. Aber ich möchte es über Sounds machen. Vielleicht hört ja jemand zum Beispiel diese Geräusche von den schlüpfenden Hühnern und denkt sich, dass er oder sie so etwas noch nie gehört hat. Und fängt dann vielleicht an nachzudenken. Dafür dass es so wichtig ist, wird Essen doch von den meisten Menschen unglaublich geringschätzig behandelt. Es weiß doch kaum jemand, wo sein Kaffee herkommt oder was genau in seinem Brot ist. Mein Job ist es, Leute über Sounds zu unterrichten und sie zugleich dazu anzuregen und zu verführen, mehr wissen zu wollen.

Das kann allerdings auch in die Hose gehen. Ich fand es zum Beispiel ziemlich prätentiös und pathetisch, als du bei den Radioboy-Konzerten zu “Mechanics of Destruction“ vor ein paar Jahren BigMäcs gegen eine Wand geworfen und Gap-Tüten zerrissen hast.
Herbert:
Ja, über die Platte gab es ein paar negative Diskurse, um es mal so zu sagen. Aber das war doch auch etwas Gutes, dass die Leute nach den Konzerten darüber diskutiert haben. Mit der Platte wollte ich sowieso niemanden überzeugen, es ging mir erst mal nur um Zorn als eine direkte Reaktion auf transnationale Konzerne, die meine Welt im Griff haben. Und um ein anderes Bild von diesen Produkten und Unternehmen. Die neue Platte ist einen Schritt weiter, komplexer, zweideutiger.

Na ja, darauf leitest du zum Beispiel die BPM-Zahlen der Tracks aus Statistiken über Nahrungsmittel ab …
Herbert:
Ja, aber weißt du was? Ich habe dieses akademische, ironisierende, postmoderne Relativieren satt, diesen Unwillen, eine klare Position zu beziehen. Wenn man all diese Bücher gelesen hat, dann kommt irgendwann der Punkt, da muss man es einfach tun. Man muss dann irgendwann einfach mal sagen, was nicht richtig läuft in unserer Gesellschaft. Ich werde damit nicht die Welt verändern, klar, aber, fuck, es ist immerhin ein Anfang.

Und offensichtlich hast du keine Angst, dich dabei zum Idioten zu machen.
Herbert:
Ich bin keiner. Aber wenn das der Preis ist – bitte sehr. Guck mal, jetzt sitzen wir hier und reden die ganze Zeit über politische Inhalte. In einem Interview für Debug. Ist das etwa nichts?

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Elektronische Lebensaspekte.

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