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Man kann dem Mann aus Brooklyn glatt ein gewisses Maß an populistischem Kalkül vorwerfen. Neben der von ihm herausgegebenen Anthologie “Hipster. Eine transatlantische Diskussion“ erschien Anfang des Jahres auch Mark Greifs Essay “Rappen lernen“ in deutscher Sprache. Mit beiden Publikationen setzt er einen verbindlichen Rahmen für aktuelle Hype-Debatten zwischen Rap und Röhrenjeans. Der Literaturwissenschaftler ist Herausgeber der Zeitschrift n+1 und Dozent an der New Yorker New School. Im Interview erklärt der neue Stern am Poptheorie-Himmel, was Hipster und HipHop abgesehen vom etymologischen Ursprung noch gemeinsam haben.

Debug: Wo siehst du die Parallelen zwischen HipHop und Hipstertum?

Mark Greif: Beide Namen gehen zurück auf das Wort “hip“ und die Erfahrungen der Afro-Amerikaner in den USA der 1940er Jahre, nicht Teil des weißen Mainstreams zu sein und diskriminiert zu werden. Für mich ist es überraschend, dass HipHop und die Hipster-Kultur zumindest in den USA immer sehr weit voneinander entfernt waren – eine Trennung, die entlang der Hautfarben zu verlaufen scheint. Es gab eine frühere Ära der Hipster in den 1940er und 1950er Jahren, als eine schwarze Subkultur neue Spielarten des Jazz entwickelte und weiße Menschen daraufhin beschlossen, sich bewusst von ihrer dominant-weißen Kultur zu lösen, indem sie der schwarzen Hipster-Kultur nacheiferten. Jetzt gibt es mit HipHop und Hipstern zwei eigenständige, ziemlich lebendige Kulturen, aber die traditionellere Funktionsweise des Hipstertums, dass weiße Leute die Trennung zwischen den Hautfarben überwinden wollten, hat wahrscheinlich mehr mit der Community von weißen Rap- und HipHop-Fans zu tun als mit den heutigen Hipstern.

Debug: Sind diese beiden Kulturen darüber hinaus miteinander verknüpft?

Greif: Hipstertum und HipHop verknüpft die Tatsache, dass beide Kulturen immer wieder über ihre Verbindung zu Veränderungen in den Städten und Nachbarschaften nachdenken müssen, sowie darüber, was passiert, wenn man mit Geld und Kapital in Berührung kommt. HipHop scheint sich ausgiebig mit dem Fehlen von Geld auseinandergesetzt zu haben, aber auch damit, Zugang zu immensen Summen zu erlangen. Es ging häufig um die Fantasie oder auch Realität, in den Sozialwohnungen in Queensbridge oder den Marcy Houses geboren zu sein und dann zum CEO von Columbia Records aufzusteigen, einen Mercedes zu fahren, Champagner zu trinken und so weiter. Wohingegen die Hipster als Kultur sich vielleicht nicht ausreichend damit auseinandergesetzt haben, wo das Kapital herkommt, das ihre neuen Nachbarschaften hervorbringt und ihnen erlaubt, andauernd vergangene Stile aufzugreifen.


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Debug: Wirkt HipHop anziehend auf Hipster, weil für beide Ironie, Witz und sprachliche Eloquenz sehr wichtig sind, mehr als beispielsweise im Indie-Rock?

Greif: Ja, vielleicht. Ein Crossover aus HipHop-Texten und Indie-Musik würde wahrscheinlich eine sehr interessante Musik hervorbringen. Ich habe Indie-Rock immer gemocht, aber er gibt den eigenen, inneren Erfahrungen zu viel Realität, nach dem Motto: “Mir geht es so schlecht, niemand hat sich je so schlecht gefühlt wie ich, ich bin so besonders.“ Etwas mehr Witz und ein künstlerischer Umgang mit Ironie durch Wortspiele und Scherze würden Indie-Rock gut tun. Das Beunruhigende an der Hipster-Ironie ist ja, dass sie auf einem Unvermögen basiert, Dinge überhaupt noch ernsthaft zu sagen oder zu meinen. HipHop aber steht in einer ganz anderen Tradition, in der den Dingen dadurch, dass man sie in eine spielerische Form bringt, immer auch Nachdruck verliehen wird. Ich denke also, dass das eine ideale Konvergenz wäre.

Debug: Die ursprünglichen schwarzen Hipster der 1940er Jahre und auch die ersten Rapper nutzten, so deine These, ein spezielles, nicht-weißes Wissen, das sich einige Weiße im Nachhinein aneigneten. Hältst du das für einen Erfolg oder ist es eher problematisch?

Greif: In dem Moment, als weiße Leute damit begannen, Schwarze nachzuahmen und als identifikationsstiftende Projektionsfiguren für die eigene Wut und Entfremdung zu verstehen, begann man auch, sich zu fragen, ob man das als einen wohlwollenden und solidarischen Impuls werten soll, der den Wunsch zum Ausdruck bringt, in einer tatsächlich gleicheren Welt zu leben. Oder ob es sich dabei um Exotismus handelte, bei dem man sich nicht die Mühe machte, zu verstehen oder gar zu versuchen, sich in den Dienst oder die Lehre dieser Kultur zu begeben, sondern lediglich seine Fantasien von Gewalt, Stärke und alledem darauf projizierte. Der Unterschied ist, dass HipHop Anfang bis Mitte der 1970er Jahre erst in Queens, dann in New York City entsteht, und sich in den 1980er Jahren schnell zu einem weltweiten Phänomen ausbreitet, das von Menschen in verschiedenen Ländern auf je eigene Weise verarbeitet wird. Das ist also eine fortdauernde Geschichte, die sich über Jahre und Dekaden erstreckt, bis zu dem Punkt, an dem wir heute sind. Wohingegen man bei Hipstern von zwei völlig unterschiedlichen Subkulturen spricht, die zeitlich ganz und gar voneinander getrennt sind. Am Anfang wurde das Wort für schwarze Fans von Bebop-Jazz gebraucht, dieser neuen, intellektuellen Form von Jazz, die die Leute mit ihrer vorsätzlichen Kompromisslosigkeit und Rebellion vor den Kopf stieß. Aber dann gab es zwischen 1945 und 1960 diesen Moment, als weiße Hörer und Fans sich bewusst dieser Kultur anzuschließen versuchten, so wie heute im HipHop. Es ist nicht klar, ob es irgendeine starke Verbindung zwischen diesem Moment in den 1940ern und 1950ern und diesem Moment im 21. Jahrhundert gibt. Die große Überraschung war also, dass dieser alte Name, der vergessen oder historisch schien, zurückkehrte, aber zunächst nur auf beleidigende oder satirische Weise als Bezeichnung für jemanden, der nicht angemessen authentisch oder engagiert ist.

Debug: Viele deutsche Hipster-Rapper kümmern sich vom Artwork bis zum Vertrieb um die gesamte Produktions- und Distributionskette ihrer Musik selbst, auf klassische Label-Strukturen wird derzeit noch gerne verzichtet. Woher könnte diese DIY-Mentalität kommen? Ist das etwas Hipsterspezifisches?

Greif: Der frühe HipHop basierte vor allem auf Straßenvertrieb, dennoch war in vielen Rap-Texten der Wunsch präsent, einen großen Plattenvertrag zu bekommen, um so der eigenen Nachbarschaft entkommen zu können. Ungefähr zeitgleich wollten die Leute, die insbesondere in den USA an Postpunk beteiligt waren, nicht mehr Teil der Plattenindustrie sein und bauten stattdessen eigene Labels und Verkaufsstrukturen auf. Das begründete eine alternative Welt, die in vielerlei Hinsicht besser war als die Welt der Major-Labels. Natürlich war das nur möglich, weil diese Leute nah genug an der Mittelschicht waren und über das nötige Kapital verfügten, überhaupt einen Laden oder ein kleines Label aufbauen zu können. Wenn diese DIY-Kultur durch das Internet tatsächlich wiederhergestellt würde, dazu noch ohne die Notwendigkeit, ein Geschäft oder ein Label zu starten, das Geld kostet, wäre das spektakulär. Ich denke nämlich, dass es einer Menge Leuten helfen würde, die sonst sehr hart kämpfen müssten, obwohl sie talentiert sind. Eine Konvergenz von DIY und HipHop wäre also großartig und wünschenswert.

Mark Greif (Hg.), Hipster. Eine transatlantische Diskussion, ist im Suhrkamp Verlag erschienen.

Mark Greif, Rappen lernen, ist ebenfalls im Suhrkamp Verlag erschienen.

http://www.suhrkamp.de

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