Der Körper des Computers

Die Antwort auf das Laptop-Performance-Dilemma muss nicht immer analoge Nostalgie sein: Hier nimmt eine Künstlerin den Rechner als intimes Instrument ernst, macht seine elektrische Spannung hörbar oder verschaltet ihn mit ihrer Stimme.

Vielleicht ist es an der Zeit, den musikalischen Beitrag von Blümchen zur elektronischen Musik einer ernsthaften Revision zu unterziehen. Wenn man den Worten von Holly Herndon Glauben schenken darf, hat die erfolgreichste deutsche Solokünstlerin der Neunziger entscheidenden Einfluss auf die elektronische Sozialisation der US-Amerikanerin genommen: “Als ich in Tennessee aufwuchs, war ich mit elektronischer Musik nicht besonders vertraut, abgesehen davon, dass meine Mutter bei uns zu Hause Mannheim Steamroller spielte. Bis ich mit 16 bei einem Schüleraustausch mitmachte und bei einer Familie in Berlin wohnte. Das hat mir sehr die Augen geöffnet, ich wurde wie eine Erwachsene behandelt und ging zum ersten Mal in Clubs, was mich völlig überwältigt hat. Ich kann mich erinnern, dass ich eine Reihe von Blümchen- CDs gekauft habe und total ausgeflippt bin, weil sie so euphorisch waren. ‘Heute ist mein Tag’ ist immer noch einer meiner Favoriten. Anscheinend hat mich also Blümchen in die Spur gesetzt!” Diese ungewöhnliche Inspiration erscheint umso bemerkenswerter, wenn man sie mit dem vergleicht, was Holly Herndon selbst an Musik produziert. Hitparaden- und Großraumdisco-Ambitionen kann man ihrem Album-Debüt “Movement” jedenfalls kaum nachsagen. Stattdessen macht die in San Francisco lebende Musikerin elektronische Musik, die von abstrakten Etüden bis zu Club-Experimenten ein Spektrum abdeckt, das eher nicht auf Eingängigkeit setzt.
Als Absolventin des Mills College, an dem unter anderem Pauline Oliveros, Terry Riley oder Anthony Braxton lehrten und zu dessen Alumni Künstler von Laurie Anderson bis Steve Reich zählen, studierte Herndon bei Experimental- Ikonen wie Maggi Payne, Fred Frith, Roscoe Mitchell oder John Bischoff. Eine Erfahrung, die ihrem Ansatz noch einmal eine entscheidende Richtung gab: “Zu Beginn meines Studiums hatte ich zwar eine Menge Kenntnis davon, wie Musik in der Praxis funktioniert, doch ich hatte immer das Gefühl, dass ich die Dinge ein bisschen zusammenwerfe. Am Mills College habe ich gelernt, wie ich meine eigenen Instrumente und Patches entwickle. Da ich meine Stücke auf großartigen Anlagen aufführen konnte, habe ich während dieser Zeit High-Fidelity wirklich schätzen gelernt.”

Pro Laptop-Performance
Ein Thema, das Herndon besonders interessiert, ist der Laptop als Performance-Instrument. Anders als der elektronische Mainstream, der zur dominanten Bühnenpräsenz klappbarer Rechenmaschinen ein zunehmend verschämtes Verhältnis entwickelt hat und für den Auftritt oft zu analogen oder anderen “handfesteren” Alternativen greift, steht er bei ihr im Zentrum des Geschehens. In ihrer Master-Arbeit untersuchte sie dann auch die Frage der “embodied electronic music”: “Ich wollte in meiner Arbeit dieses falsche Dilemma von ’embodied’ und ‘disembodied’ Performance überwinden, in dem sich viele Leute verheddern. Es hat mich wirklich genervt, immer dieselben Klagen zu hören, dass Laptop-Performer nur auf ihren Bildschirm starren, begleitet von dieser puritanischen Behauptung, der Laptop sei grundsätzlich weniger einnehmend als ein Instrument mit einer gestischeren Sprache wie die Violine oder die Gitarre.”


Holly Herndon, Movement,
ist auf RVNG Intl. erschienen.

Für Herndon ist dieses Bild von emotional berührenden (akustischen) Instrumenten einerseits und sterilen Laptops andererseits auf ein verkürztes Verständnis davon zurückzuführen, was ein Rechner überhaupt ist oder sein kann: “Der Laptop hat das Potential, zum expressivsten Instrument zu werden, das wir je hatten. Während eine Gitarre zum Beispiel über figurative Mittel verfügt, um Gefühle und Erfahrungen mitzuteilen, ist ein Computer buchstäblich in der Lage, Informationen über einen Performer zu erfassen und zu übersetzen – das möchte ich genauer erforschen. Dein Laptop kann die Erinnerung an eine liebevolle E-Mail deiner Mutter bewahren, an die Websites, die du dir ansiehst, wenn du dich einsam fühlst, und sogar deinen Gesichtsausdruck zu diesen verschiedenen Variablen in Beziehung setzen. Er weiß mehr über uns als wir selbst, wir haben nur noch nicht herausgefunden, wie man diese Informationen richtig übersetzt.”

hollyweb

Doch nicht nur die Informationen, die der Computer über seine Nutzer speichert, sind für Herndon als Material interessant. So schreckt sie mitunter auch vor offensichtlichen Methoden nicht zurück: “Ich habe buchstäblich damit begonnen, die physikalische Struktur meines Laptops in Live-Performances zu ‘streichen’, indem ich durch hochempfindliche Mikrofone mit der elektrischen Spannung spiele. Das ist einigermaßen absurd, aber auf diese Weise möchte ich seine Gegenwart und sein Wesen anerkennen, statt ihn unter dem Tisch zu verstecken, wie es viele andere Performer tun.”
Ein Hilfsmittel, dessen sich Herndon bei ihrer Arbeit im Konzert bedient, ist ihre Stimme, um die herum viele ihrer Stücke aufgebaut sind. “Die Sachen, die ich mit meiner Stimme anstelle, sind nur durch meinen Computer möglich, wobei die Leute merken und sehen können, dass das, was ich da tue, live geschieht. Wenn die Leute sehen, wie ein Sänger den Mund öffnet, beginnen die Spiegelneuronen zu feuern, um sich in die Absichten des Performers einzufühlen. Auf diese Weise ist es mir gelungen, ein größeres Publikum dafür zu interessieren, sich mit dem Laptop als Instrument zu beschäftigen.“
Die elektronische Bearbeitung ihrer Stimme stellt für Herndon keine “Entkörperlichung” dar, vielmehr ist elektrische Musik in ihren Augen immer schon “inkarniert”. “Bearbeitung und Musik sind lediglich eine Erweiterung der Stimme, eine weitere kontextuelle Dimension, die Leute wahrnehmen können, um ein Verständnis dieser Person – also von mir – zu entwickeln. Die Stimme ist nur eines von vielen Attributen einer Person, allerdings zugleich eines der Mittel, das wir am längsten verwendet haben, weshalb manche Leute irrtümlicherweise meinen, sie sei ein ‘reineres’ oder ‘wesentlicheres’ Attribut.”

Man höre sich ein Stück wie “Breathe” an, in dem Herndons Atmung in einer Weise verfremdet wird, die an heftigen Keuchhusten denken lässt und einen durchaus beunruhigenden Effekt auf den Hörer haben kann. Das Stück beruht, wie viele ihrer Arbeiten, auf Echtzeitbearbeitung und erzielt seine Wirkung mit einem denkbar sparsamen Einsatz von Material: “‘Breathe’ kann man live mit einem einzigen Stimmen-Input aufführen, es ist unglaublich, welche Möglichkeiten einem diese Tools heutzutage bieten.” Ihre Tools sind dabei in erster Linie Max/MSP und die Echtzeitbearbeitungsprogrammiersprache Chuck, für das Arrangieren und Editing nimmt sie Ableton Live zu Hilfe.
Am Ende aber, so Herndon, geht es bei aller Technik immer noch um menschliche Ausdrucksformen: “Große elektronische Musiker beherrschen es meisterhaft, sich über scheinbare Distanzen hinweg mitzuteilen, so wie jemand wie Mika Vainio mit den einfachsten Oszillator-Mustern Seele und Tiefe vermitteln kann. All diese Mittel wurden von Menschen und für Menschen geschaffen, und umso ausgeklügelter diese Mittel werden, desto eher werden all die Sorgen um Entkörperlichung irgendwann ziemlich alt aussehen.”

2 Responses

  1. Norient Blognotes #6

    […] und Performerin Holly Herndon reicht «von abstrakten Etüden bis zu Club-Experimenten» (De:Bug). Eben erschien ein neues Video der Laptop-Künstlerin. Im Lead zu einem Interview mit Herndon […]

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