Interfaces im Spiel endloser Spiegel

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Neue Schnittstellen vermitteln nicht Arbeitsleistung, sondern erleichtern das Leben. Unser Autor schaut sich Interfaces an, die uns alltäglich umgeben, ohne, dass wir davon überhaupt etwas mitbekommen: Von der Lichtschranke zum Autofokus, dem Lenkrad hin zu Qi und Google Glass. Inwiefern befinden wir uns schon inmitten einer von Maschinen gesteuerten Welt und wohin werden uns aktuelle Entwicklungen führen?

Text: Benedikt Bentler

Spätestens mit der Erfindung der Lichtschranke in den 30ern änderte sich das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine grundlegend. Plötzlich war eine Maschine in der Lage, selbst etwas zu “sehen”. Natürlich handelte es sich dabei noch immer um einen letztlich elektro-mechanischen Vorgang, eine Stromunterbrechung, und nicht um eine tatsächliche Verarbeitung von visuellen Daten. Trotzdem dürfte das einer der ersten Momente gewesen sein, in der eine Maschine einen außerhalb ihres Systems liegenden Reiz gezielt verarbeiten konnte – ihre Steuerung also eher indirekt erfolgte. Die Schnittstelle war ein abstraktes Prinzip – Anwesenheit beziehungsweise Bewegung -, kein mechanischer Vorgang. Die Lichtschranke ist damit ein Fühler, ein Sensor. Sie ist aktiv und nicht nur ein passiver Schalter – und damit der Vorbote einer Bewegung, die heute als Internet der Dinge Konjunktur feiert.

Die Maschinen lernen sehen
Erst dieses inhärente Prinzip, die flexible Störbarkeit ermöglichte den Interfaces zu verschwinden. Und nichts kennzeichnet diesen Siegeszug in den Hintergrund besser als die Erfindung des Autofokus. Das Prinzip ist ein vergleichsweiser Lowtech-Hack der Schnittbild-Fokushilfe in alten Spiegelreflexkameras. Maßgeblich ist allerdings, dass dank Autofokus die Kamera erst auslöst, sobald das Bild scharf ist. Dem Menschen ist die Entscheidung zum Auslösen der Kamera aus der Hand genommen, Technik schiebt sich zwischen Handlung und Tätigkeit. Der Mensch sagt nur noch: Ab jetzt bitte im richtigen Moment fotografieren! Fotoapparate sind Massentechnologie, ein einfacher Umgang bei tollen Bildern ist ein Verkaufsargument. Heutige Kameras registrieren, ob die zu fotografierende Person lacht oder nicht oder sortiert Gruppenaufnahmen per Gesichtserkennung automatisch ins Familien- oder Freundealbum.

Zwar muss der Fotograf immer noch auf den Auslöser drücken, die Kamera handelt somit nicht autonom, aber warum sollte das nicht der nächste Standard sein: Wenn die Kamera uns immer genauer vorschreibt, wann der beste Zeitpunkt für ein Foto ist, dann kann sie auch gleich das Auslösen übernehmen. Die Schnittstellen der Kamera, allen voran die Einstellräder für Blende und Verschlusszeit, befinden sich ja bereits seit Jahrzehnten auf dem Rückzug. Keine Einsteigerkamera lässt sich noch manuell bedienen, in dem Sinne, dass der Fotograf jede Entscheidung zu den Einstellungen selber treffen kann. Eine Schnittstelle, ein Interface, ist immer eine Vereinfachung, um eine komplexe Maschine steuern zu können. Wenn die Komplexitätsreduktion nicht gefragt ist, entfällt das Interface.

Der Mensch wird autogefahren
Das andere große Alltagsfeld, in dem unsichtbare Schnittstellen dem Menschen die Bedienung abnehmen, ist der Verkehr. Von der Makro- zur Mikroebene wird die Verkehrssteuerung automatisiert:
Autobahnen wissen über ihre Nutzung und passen Umwege und Geschwindigkeitsbegrenzungen automatisch an, Ampelschaltungen werden mit Busfahrplänen, Rettungseinsätzen und Menschenmassen synchronisiert – und selbst im Auto werden Steuerfunktionen automatisiert. Warum sollte Mensch in der Risikomaschine Auto auch tun, was eine Maschine viel besser – und damit sicherer, effizienter – könnte? Während Autofahren jahrelang ein enormes Multitasking erforderte, handelt das Automobil dank allerhand Sensortechnik heute zunehmend autonom. Beim Bremsen hilft ABS, Regenwischer und Scheinwerfer schalten sich selbstständig ein, und hey – manche Kids, die heute ihren Führerschein machen, werden niemals lernen wie man schaltet. Zu sagen, dass das Lenkrad irgendwann verschwindet ist nicht absurd oder verrückt, sondern logisch. Die größte Hürde ist nicht die Technik, sondern das Versicherungswesen.

Wireless Kabelsalat
Während Schnittstellen an Kameras und Autos wegfallen, weil der Mensch nicht mehr zur Bedienung benötigt wird, werden sie dort, wo Maschine mit Maschine in Kontakt tritt, einfach nur unsichtbar. Das ist vor allem zwei Entwicklungen geschuldet: der drahtlosen Datenübertragung und der grundsätzlichen Vernetzbarkeit über kompatible Übertragungsprotokolle. “Das Internet der Dinge” ist im Grunde die Hoffnung, dass emergent etwas Großes entsteht, wenn man die Dinge miteinander plaudern lässt, wenn man also universelle Maschine-Maschine-Schnittstellen einrichtet. Dieser Universalschnittstellen-Gedanke ist derzeit ein Erfolgsmodell. Zeigte bei Heimelektronik ein harmloser Stecker, der Universal-Serial-Bus (in Wirklichkeit natürlich: der Super-Adapter), welchen Erfolg eine einheitliche Schnittstelle haben kann, werden wohl zunehmend über Bluetooth, Infrarot und W-Lan immer mehr Schnittstellen an technischen Geräten unsichtbar werden, und mit ihnen auch hoffentlich der Kabelsalat. Die Infrastruktur der Datenübertragung wird unsichtbar, und auch an dieser Stelle findet eine Entmündigung von uns Nutzern statt. Denn eine Datenübertragung, die keine haptische Infrastruktur benötigt, entzieht sich unserer Kontrolle.

Wir wussten nie genau, welche Daten an irgendwen gesendet werden, aber jetzt wissen wir auch nicht mehr, wann und von wem überhaupt Daten gesendet werden. Die Zeiten, in der eine Verbindung durch das Anschließen eines Kabels oder das Umlegen eines Schalters erst aufgebaut werden muss, sind vorbei. Datenversand wird ein Standard-Feature und damit der Wunsch nach einer Schnittstelle (also: einem Ausschalter) immer unerfüllter: Die Verbindung steht permanent. Die einzige bisher unverzichtbare Schnittstelle für elektrische Geräte war der Stromanschluss, der ultimative Ausschalter. Qi nennt sich der vom Wireless Power Consortium angestrebte internationale Standard, der kabelloses Laden von Mobiltelefonen ermöglicht und sich gerade zur Grundausstattung neuer Smartphones mausert. Das MIT, die Intel Corporation, sie alle arbeiten daran, die kabellose Stromübertragung weiterzuentwickeln, und in wenigen Jahren schon wird sich die sichtbare Schnittstelle zwischen Gerät und Stromversorgung verabschieden.

It’s all Google
Letztendlich fallen Schnittstellen also weg, oder werden unsichtbar, da der Mensch zur Bedienung nicht mehr benötigt wird. Summiert man diese Idee der sehenden und autonom agierenden Maschine mit der Drahtlostechnologie, landet man zwangsläufig bei den beiden Vorreiter-Entwicklungen von Google, beziehungsweise deren zukünftiger Verschmelzung: Google Glass und Google Now. Die Brille, die sieht, was wir sehen, in dem Moment, in dem wir es sehen, wird, in Verbindung mit der App, die uns situationsbedingte Informationen liefert, das Gadget der Zukunft sein, das Schnittstellen endgültig in den Hintergrund treten lassen wird. Wozu einen QR-Code scannen, wenn die Brille uns das Kinoprogramm liefert, sobald wir ein Filmplakat anschauen? Augmented Reality. Sie wird kommen. Versprochen. Nur wird ihr Kennzeichen nicht eine Fülle von neuen Interaktionsmöglichkeiten sein, sondern das Verschwinden eben derer.

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Elektronische Lebensaspekte.

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