Darknet dritter Ordnung, Google-Löscher, Nutzer in App-Zwangsjacken und Daumenschrauben an allen 10 Multitouch-Fingern.

Photo: Jeroen Hofman

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Das Internet hat die eigentlich erwartbare Eigenschaft sich zu verflüchtigen. Wir erwarten – und sind merkwürdigerweise weiter bereit dafür zu kämpfen – eine Vernetzung von allem mit allem, a “series of tubes”, meinethalben ein Internet der Dinge. Mit dieser Erwartung einer allgegenwärtigen Vernetzung geht auch die Vorstellung einher, dass das Internet in die Ritzen der Unwahrnehmbarkeit diffundiert und sich im Alltag verflüchtigt. Beide Prozesse sind in vollem Gange und ihre Vermischung führt zu einem Darknet dritter Ordnung, in dem sich bezeichnenderweise Anwälte mit “Intellectual Property”-Businessstrategien pudelwohl fühlen, die dem freien Informationsfluss einen Hahn nach dem anderen abdrehen und das intellektuelle Kapital in Bahnen treiben, die eher einem Mandelbrotbaum gleichen, als einer befreienden, wenn auch beängstigenden Vision endloser Netze.

Abgeschaltet
2012 war das Jahr, in dem die Internetnutzung zum ersten Mal abgenommen hat. Nicht weil sie abgenommen hätte, sondern weil den meisten einfach nicht mal mehr bewusst ist, dass sie jedes Mal, wenn sie ihr Handy zücken, ins Netz gehen, oder einfach ständig online “sind”. Beim Wandel des Internets von einer Aktivität zu einem Seinszustand droht ganz nebenbei das seit Jahren umkämpfte Grundprinzip der Offenheit in einem neuen Unwissen zu verschwinden, einem neuen Unbewussten. Man führt den Kampf gegen das Vergessen des Netzes nicht mehr gegen eine Schar von Ludditen, die nicht mal Browser buchstabieren können. Die Ewiggestrigen, die schlicht keine Ahnung von Technik haben, sind von gestern. Der neue Feind ist die Normalität, die die Technik eingeholt hat, eben weil das Netz kein Ausnahmezustand mehr ist. Das ist die Ursuppe der aufsteigenden Hauntologie, mit der wir uns auseinanderzusetzen müssten. Nicht das visuelle Hui-Buh der Oberflächen.

Photo: Jeroen Hofman

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Daumen drauf
2012 war ein gutes Jahr für Patentklagen, eine wirtschaftliche Zermürbungskriegsstrategie bei dem Patente als Bauern des geistigen Eigentums strategisch auf dem Brett geopfert werden, um Konkurrenten von der Entscheidungsschlacht fernzuhalten. In einer skurrilen Wandlung der Weltwirtschaft, in der die Veröffentlichung eines neuen iPhone bis zu 1 Prozent des amerikanischen Bruttoinlandsproduktes ausmachen kann, sieht man eins der merkwürdigsten Internet-Gesetze am Werk, das schon Bill Gates um den Schlaf gebracht hat: Man darf höchstens Zweiter werden. Mobile, der Wachstumsmotor der gesamten Internetindustrie, ist auf Hardware-Ebene ein Spiel, bei dem es neben Apple und Samsung nur Verlierer gibt. Statt erwarteter Prosperität bis in die letzten Haarspitzen des Long Tail scheint auf allen Netz-Märkten und solchen die es werden sollen, der Kampf um die Weltherrschaft ausgebrochen zu sein, in der neben einer Dualiät (der zweite, ehemals böse Gegenspieler) kein Platz ist. Eine Milliarde sollte Samsung an Apple zahlen. Wofür? Ein paar nahezu lächerliche Interface-Designs, die unseren natürlichen Tastinstrumenten, den Fingern, ein neues Spitzengefühl vermitteln. Banalitäten einer Hand-Auge-Koordination, mit deren Erlernen sich sonst Zweijährige rumschlagen, unter denen Touchscreens aus genau diesem Grund der Hit sind, werden an Stelle von Innovation zum Feuerschwert der Marktbeherrschung, das tiefe Scharten in unsere Zukunfts-Optionen schlägt. Den Markt Internet erobern heißt längst nicht mehr der Offenheit als Grundprinzip zu frönen, sondern den endlosen digitalen Strom gewinnbringend zu kanalisieren und die Konkurrenten am langen Arm verhungern zu lassen. In ständigen Akten der Beschneidung unserer Möglichkeiten tobt in Mobile ein paradigmatischer Kampf, der waghalsige Nullsummenspiele wie Googles Nexus-Geräte oder Amazons Kindles zu völlig unhaltbaren Preisen auf den Markt wirft, die jedes “Geiz ist geil”-Geschrei vor Ehrfurcht verstummen lässt.

In der App-Zwangsjacke
2012 war ein gutes Jahr für geschlossene Ökosysteme. Die Reduktion von Möglichkeiten, die schön bunt von der schier endlosen App-Unzahl überspielt wird, spiegelt sich in der Unzumutbarkeit unvereinbarer Betriebssysteme, deren DRM-gefüttertes Sicherheitspolster mittlerweile eine fette Bank ist. Wer seit Jahren in den App-Ausbau seines Handys investiert hat, für den wird jeder Wechsel nicht nur eine dezente Umgewöhnung vertrauter Fingerbewegungen, sondern ganz banal sehr teuer. Zeigt mir die Apps, die man von iOS auf Android oder gar Windows Phone mitnehmen kann. App-Portability? Eines der Gespenster, die den Markt regieren, regulieren, kanalisieren sollen. Redet kein Mensch drüber. Eine Zwangsjacke wie Amazons Android-Derivat, das an einer Front kämpft, die – das sollte man nie vergessen – unsere Zukunft ist. Diese schöne Welt, die wir uns mal als Web 2.0 vorgestellt hatten, als ein Gewusel offener APIs und endloser Vernetzungsmöglichkeiten, die wir nur deshalb vorerst nicht vermissen, weil es neben den knallharten Grenzen merkwürdigster Weltherrschaftsfantasien, mit denen wir uns täglich herumplagen müssen, immer noch genügend Spielzeug gibt. Sharing ist das Opium des Volkes. Die Dealer, ihre Machtkämpfe, ihre neuen Territorialkämpfe um Leitungsverknappung unser schimmeliges Brot. Wir finden Google scheiße, aber suchen immer mit Google, wir finden Facebook scheiße, aber hängen da ständig rum, wir finden Apple scheiße (Mist, auch die sind keine Guten mehr), aber können uns alternativ nur in den Schwanz beißen und wieder bei Google landen. Wir leben in einer Zeit, in der man Microsoft schon als Underdog denken kann, auch wenn nichts ferner der Realität wäre.

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Null Plateaus
2012 war ein gutes Jahr für Erfrierungstode auf einsamen Plattformen. Aus der “Firehose” tröpfelt es nur noch. Twitter drehte den Zugang gleich reihenweise ab. Womit selbst eine Firma deren gesamtes Wachstum sich auf Drittentwickler stützt, quasi ein Wunderkind des Netzgedankens, die Plattform der Plattformen, Start-Ups und Konkurrenten reihenweise nach majestätischem Gutdünken den Ast absägt, auf dem, nach einer immer noch florierenden Netzidee, leckere parasitäre Früchte wachsen sollten. Während Google+ sich seit gefühlten Ewigkeiten nicht mal mehr die Mühe macht, eine Write-Portion ihrer API als Lendenschurz zu schreiben, setzt Twitter einen drauf und reduziert einen zentralen Bestandteil unserer Kommunikationswege auf den bösen alten Zentralismus. Kontrolle statt Zugang. Überall die gleiche Geschichte. Es liegt an den technischen Gegebenheiten, dass jeder Zugang – lasst euch nicht von Piratenmärchen vernebeln – kontrolliert werden kann, und je offener die Zugänge scheinen, desto mehr Kontrolle haben sie in der Hinterhand. Aber wird das neue böse Twitter-Gesicht Wellen schlagen? Twitter muss man scheiße finden, finden wir auch gut. Reiht sich ein in das neue Netzuniversum, in dem es nur noch die Bösen gibt, die Alternativlosigkeit nach dem Börsengang, zu dem normalerweise die wahren Gesichter aufgesetzt werden. Die neue Qualität daran ist nicht zuletzt die Vernichtung der selbstaufgebauten Vernetzungs-Infrastruktur, mit der wir schlauerweise (oder weil es so praktisch war) dem Netz begegnet sind. Aber jetzt ist der Wechsel in alternative Netze plötzlich ähnlich problematisch und sozial destruktiv geworden, wie ein Umzug auf einen anderen Kontinent vor der Erfindung des Telefons. Die digitale Einsamkeit ist nicht mehr: du und dein Rechner allein zu Haus, sondern die Unmöglichkeit der Wahl eines neuen Identitätsproviders. Als Jammern auf hohem Niveau erscheint in diesem Licht die Page-Rank-Debatte unter dem Mäntelchen des “du musst zahlen wenn du auf Facebook gesehen werden willst”. “If you’re not paying for it, you’re the product”, scheint alle in ihrem Produktwillen so vereinnahmt zu haben, dass das mitschwingende Gegenstück – “Irgendwer zahlt immer” – irgendwo in der Wolke unserer Unwissenheit verschwunden sein muss.

Nach der Wolke die Sinnflut
2012 war ein gutes Jahr für die Wolke. Cloudservices über alles. Egal ob Musik (kaufen? wozu? du hast doch die Wolke), Betriebssysteme (sichern? wozu?) oder Mobile (SD-Slot? wieso?). Die Wolke steht über unseren digitalen Köpfen und verspricht datenlastfreien Sonnenschein für immer. Kein Wunder, dass es ständig regnet. Man könnte die Wirren, die ein Selbstversuch in der Wolke zwangsläufig erzeugt, den Kinderschuhen der Technologie zuschreiben, aber letztlich sind es knallhart am neuen Paradigma von Ausschließung und Kontrolle orientierte Systemfehler. Angefangen bei den endlosen Musikwolken, die dieses Jahr von der Verheißung eines endlosen Zugangs geträllert haben, als wären sie das uneheliche Kind aus Filesharing und Künstlerverarmung. Nichts, null, gar nichts hat sich erwarteter Weise in Sachen Portability getan, nicht mal eine Überwolke gibt es, die einen geshareten Track aus Wolke Spotify nahtlos in einen Rdio-Track für den Freund in der benachbarten Abo-Falle übersetzt. Noch absurder wird es, wenn man die Hirngeburt der iCloud betrachtet, die es tatsächlich fertigbringt, TextEdit-Dokumente zu erzeugen, die auf iOS nicht zugänglich sind, weil selbst die Entkoppelung von Programm und Dokument der neuen Eingrenzungswut zum Opfer gefallen ist. Wann immer wir in diesem Jahr von neuen Schnittstellen zum Sharen gehört haben, konnten wir sicher sein, das es bedeutete: aber nur unter Gleichen. In einer Geste unnachahmlicher Arroganz digitaler Fürstenwillkür sind die “walled gardens” gerade ob ihrer Dysfunktionalität so en vogue. Social zeigt dieses Jahr sein Gesicht nicht als jeder mit jedem, sondern alle gegen alle. In der Flut des Facebook-Streams geht jedes Aufbäumen eh unter.

Photo: Jeroen Hofman

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Flagge zeigen
2012 war ein gutes Jahr für Nationalisten. Wir hielten das chinesische Modell der Netzüberwachung immer für den letzten skurrilen Rest der Grenzzäune kalter Kriege, aber zusehends scheint es als Erfolgsmodell zum Exportschlager einer IP-geilen Hirngeizwelle zu werden. Man mag die Killer-Überreaktion auf ein Trashvideo in der Welt des Internet-Halal noch für einen Ausdruck des Steinzeitalters halten, aber spätestens wenn Russland eine Totalüberwachung und willkürliche Sperrung von Inhalten rechtlich gesichert durchgeboxt hat, muss einem mulmig werden, auch wenn das nur gängige Praxis zementiert. Die Deutschen gehören nach wie vor zu den eifrigsten Google-Löschern, Kanadier versuchen in einer eher ulkigen Geste YouTube-Videos löschen zu lassen, in denen ein Staatsbürger seinen Pass anpinkelt und selbst ein paar anrüchige Webgerüchte über unsere Ex-First-Lady wurden erfolgreich ins Nirvana verschoben. Bis vor kurzem hatten wir die Idee des Leistungsschutzes noch für den Wahn einer komplett überalterten deutschen Medienlandschaft, eine Art späte Rache der Gnade der späten Geburt gehalten. Doch mittlerweile gibt es dank des ehemals Open-Source-freundlichen Brasiliens einen ersten Testrun der freiwilligen Irrelevanz einer ganzen Garde von Medien. Die Meldung kam wie eine Heilsbotschaft in der deutschen Presse an. Kein einziger war bereit auch nur ein Mal bei Google News Brasilien nachzusehen, ob die führenden Tageszeitungen auch wirklich aus dem Index verschwunden sind (nope). Und dann setzten die bösen Googles auch noch Frankreichs Medien mit der Drohung einer Indexlöschung unter Druck. Die Nation unter Zugzwang (neuerdings das gängige Pseudonym für Zugang) ist nie schön anzusehen. Wir würden all das gerne als ein letztes Aufbäumen der Irrelevanz von Nationalitäten vor der Sinnflut der endlosen Weiten des Internet sehen, aber das Gerede vom Zusammenbruch der EU stimmt nicht gerade optimistisch, und das Schliddern der Weltwirtschaftsschieflage in eine als schier ausweglos prognostizierte Dominanz von China noch weniger.

The Spice Must Flow
2012 war ein gutes Jahr für keinen Boden unter den Füßen. Selbst an den Basistechniken, die unser gutes altes Web 2.0 ausgemacht hatten, wird immer weiter gerüttelt. Es mag nur eine Randnotiz sein, dass selbst Apple den RSS-Support im hauseigenen Browser wegrationalisiert hat. Aber der Abbau der nerdigen Feeds sprudelnder Offenheit erscheint immer mehr als Vorbote einer entnetzten Version des Netzes, dessen Leitungen weder transparent noch durchlässig sind, sondern in der Vermischung mit dem Alltäglichen immer klebriger und unsichtbarer werden. Voller künstlicher Verengungen, geplanter Targeting-Strategien, wirr in den Raum geworfener Verknappungen von Zugang in einer Welt, in der – daran wird sich irgendwann niemand mehr erinnern, denn Kurzzeitgedächtnis ist die neue Zukunft – irgendwann einmal der Browser als das weit offen stehende Tor zu einer neuen Welt gedacht wurde. Die Daumenschrauben an allen 10 Multitouch-Fingern sitzen bombenfest. Das Netz ist kein Ort mehr, sondern ein Tretminenfeld schwarzer Löcher, die uns mit ihrer Magie anziehen, zerreißen, vergessen lassen, längst die Realität und die Zukunft geschluckt haben und als Ausweg bestenfalls ein schnell-durch-das-jetzt anbieten. Und dabei ist es nicht mal ein Feld der Alternativlosigkeiten, die offenen Gegenstücke sind ja längst alle da. Aber eben auch zur Irrelevanz verdammt, weil sie gegen die neue Heimat der geschlossenen Ökosysteme aus Medien, Multiformat-Hardware, Providern und den zwangsneurotischen Tropf der App Stores nichts ausrichten können. Noch? Wir lassen das mal offen.

Die Fotos entstammen der Serie “Playground” des Fotografen Jeroen Hofman. Für das gleichnamige Fotobuch hat er Übungsplätze von Militär, Feuerwehr und Polizei in Holland fotografiert. Dort wird für den Ernstfall trainiert, und doch ist beim Anblick der Bilder schnell klar: Erst der Trubel und das Leben an einem Ort machen diesen lebendig. Leere Übungsplätze hingegen gleichen surrealistischen Geisterstädten.
Der 130-seitige Bildband gibt es für 55 Euro. http://www.jeroenhofman.nl

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Schreibmaschine. Tippse. Reviewweltmeister und so Dinge.

2 Responses

  1. Wurstbrot

    Wer Brot predigt, sollte nicht Schinken essen.
    (Gerade werde ich bei dem Besuch auf eurer Seite von 8 Trackern ausspioniert. Aber das nur so am Rande, schließlich muss man ja von irgendwas leben, gell.)

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  2. terrybell

    cloud computing is keine neue technologie, sondern ein modebegriff der IT-industrie. früher hieß das mal software as a service und noch davor einfach nur internet.

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