Unsere Autorin lebt seit sechs Jahren abwechselnd in Tokio und Berlin. Nun reist sie das erste mal nach Wien um die feinen Unterschiede von Ost und West aufzuspüren. Sie klärt dabei große Fragen wie diese: Warum darf man in japanischen Discos keine Orangen essen?
Text: Mika Hosoi aus De:Bug 138


Foto: dickes B

Ich kenne ein bisschen Musik aus Wien, sowohl Techno als auch HipHop, und in der Kombination mit Informationen aus einem Reiseführer ergab sich das Bild einer Stadt, in der es sehr sauber, fein und kultiviert zugeht. Gleichzeitig scheint man in Wien auch einen Sinn für die Schönheit der Schattenseiten zu haben, der Sound der Waxolutionists ist zum Beispiel nicht immer sauber, sondern auch ein bisschen dirty, was ich sehr mag.

Genauso ist Wien irgendwie auch: Viele alte, mit wunderbarem Stuck verzierte Häuser, elegant geschwungene Laternen, überall gut angezogene Menschen – Punks und Penner sucht man dagegen vergeblich. Es gibt aber auch Dinge, die zu den vielen schönen Dingen einfach nicht passen wollen: Enge Gassen in denen Neonlampen traurig von Seilen zwischen den Gebäuden hängen, keinen Platz für Bäume und alles ist bis zum letzten Fleck zubetoniert.

Electric Indigo
Ich bin von DJ Electric Indigo als Gast eingeladen. Die nächsten fünf Nächte werde ich in einem der alten Gebäude wohnen, in denen hinter der Türschwelle eine andere Welt liegt, die einem Bühnenbild ähnelt. Schon im Treppenhaus ist von den Bodenfliesen über das Geländer bis zum Stuck an der Decke alles sehr alt und eigenartig schön. Leider hat Indigo Tag und Nacht gearbeitet, als wäre sie eine Japanerin.


Foto: dickes B

Freundliche Verbote
In Wien habe ich dann ein paar witzige Dinge entdeckt, die man auch in Japan einführen sollte. Zum Beispiel die Aschenbecher in Zigarettenform, die an Mülleimern befestigt sind. Oder das Schild in Hündchenform, das Hundebesitzer zu Sauberkeit auffordert (“Nimm ein Sackerl für mein Gackerl.”) Oder das Plakat gegen das Plakatieren. So freundlichen Schildern leistet man gerne Folge, im Gegensatz zu den japanischen Schildern, auf denen nur schriftliche Warnungen und Verbote stehen.

Von allen Seiten springt einen das unfreundliche “Verboten!” an, was Abwehrreaktionen und Stress produziert. Aber japanische Beamte werden wohl auch in 100 Jahren nicht kapieren, dass originell verpackte Verbote besser funktionieren. Nett für Touristen ist auch, dass sich in jeder U-Bahn-Station Toiletten befinden, das gibt es in Tokio nirgendwo. Im WC eines Cafés stolpere ich übrigens noch über einen komischen analogen Lichtschalter, an dem man wie bei einer Küchenuhr einstellt, wie lange das Licht brennen soll. In der Kabine dann leichte Panik: “Ich habe nur 3 Minuten eingestellt”. Aber wie lange dauern 3 Minuten eigentlich? So mysteriös ist es nur im Ausland.

Fragen nach dem Weg
Egal wo ich gerade bin, werde ich nach dem Weg gefragt. In Japan ist das nicht bemerkenswert, in Europa dagegen schon – unvorstellbar, dass sich ein Japaner in Tokio an einen europäischen Besucher wendet. In Wien wurde ich sogar drei Mal nach dem Weg gefragt. Was ich lustig fand, aber auch toll, weil es bedeutet, dass Europäer völlig unvoreingenommen kommunizieren. Ohne großartig nachzudenken den ersten Menschen anzusprechen, der des Weges kommt, finde ich vorbildlich.


Foto: dickes B

Freitag
Am Wochenende habe ich meine Gastgeberin zu ihren Auftritten begleitet. Weil Electric Indigo dort auflegen sollte, ging ich davon aus, dass es auf eine Techno-Party geht. Stattdessen fand ich mich auf einem Konzert experimenteller Musik wieder: Eine Frau spielte Subbass-Blockflöte und Electric Indigo einen Synthesizer. Das Publikum war viel gemischter als in Techno Clubs, Dance Music wurde an diesem Abend gar nicht gespielt. Dass ein Techno-DJ auch ganz andere Musik spielen kann und das Publikum sich neugierig überraschen lässt, ist eine europäische Besonderheit, die mir gut gefällt.

Samstag
Samstagabend ging ich mit Patricia aka Irradiation und dem Techno-Produzenten Digilog in den Ragnarhof, wo meine Gastgeberin Platten auflegte. Anschließend ging es weiter in den Club Planetarium. Dass große Partys an den unmöglichsten Orten stattfinden können und Behörden und Anwohner dies tolerieren, kenne ich nur aus Europa.

Die Party im Planetarium war ordentlich und hielt – genau wie Wasser im Thermalbad nicht zu heiß und nicht zu kalt sein darf – eine angenehme Balance. Das Publikum bestand nicht nur aus kaputten Leuten wie in Berlin, aber es gab auch nicht so viele Schlafende wie in Tokio. Die Leute waren sehr freundlich zu mir, ein netter Barmann erklärte mir, dass Apfelschorle in Wien „Apfel gespritzt´s“ heißt und auf dem Klo lud mich ein sehr junges Mädchen zum Konsumieren ein.

Auch wenn ich solche Einladungen immer freundlich ausschlage, fehlt mir in japanischen Clubs die liberale Atmosphäre, in der solche Dinge überhaupt möglich sind. Vor allem die großen Clubs in Tokio sind generell sehr streng zu ihren Gästen. Ohne Ausweis darf auch ein Sechzigjähriger gar nicht erst rein und an der Kasse gibt es keine Stempel: Wer einmal den Club verlässt, kommt nicht wieder rein.

Ich habe aber auch schon Ärger bekommen, weil ich auf einer Treppe saß und eine Orange aß! Es war verboten, auf dem Boden oder einer Treppenstufe zu sitzen, genauso wie Orangenschalen in einen Aschenbecher zu legen. Die Orange, die ich noch in der Tasche hatte, wurde beschlagnahmt. Der Abend war aber sowieso gelaufen und japanische Clubs sperren auch generell früh zu, allein weil viele Leute nur auf den ersten Zug warten, der zwischen 3 und 4 Uhr fährt. Am nächsten Tag rackern dann wieder alle für die Steigerung des Bruttosozialprodukts.


Foto: dickes B

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