Wer mit Techno-Feministinnen auf Japan-Tour geht, kann ganz schön was erleben. Mädchen mit Dutt, Platzangst, Rave-Roboter, Getränkeautomaten in Clubs, Pachinko-Gabba, ehrpusselige Concierges und Windows 7 Whopper. Alles drin, wenn Electric Indigo mit ihrer female:pressure-Gang zwischen Tokio und Okinawa unterwegs ist.

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Foto: Daisuke Takahashi

Der Japan-Rappel kommt mit einem Tag Verzögerung. Überfallartig senkt sich die Ahnung einer gigantischen Last auf die Schädeldecke. 127 Millionen Japanerinnen und Japaner ohne Punkt und Komma! Der Shinkansen flitzt mit 300 km/h über die japanische Hauptinsel Honshu, ob der meistens leicht erhabenen Trassenführung schweben die Wagons scheinbar über die Landschaft. Die Züge auf der ältesten Hochgeschwindigkeitsstrecke der Welt sind nicht besonders modern, aber natürlich Tip-Top gepflegt, zudem die Passagiere ohne Ausnahme ein vorbildliches Nutzerverhalten zur Schau stellen.

Vandalismus gibt es nicht einmal in Form verhuschter Gewaltfantasien, gleiches gilt fürs Kleckern und natürlich fläzt sich der Shinkansen-Passagier nicht in die Sessel, er sitzt vielmehr ruhig auf seinen obligatorisch reservierten Platz und schont die Sitzbezüge. Sessel und Beinfreiheit sind übrigens im Vergleich zum ICE mehr als großzügig dimensioniert, man sitzt bequem.

Säurebad Suburbia
Draußen hat es 21 Grad und die japanische Herbstsonne taucht die Vorortlandschaft in mildes Licht. Eigenheimgegenden, deren Häuschen sich durch ihre verwinkelte Architektur noch winziger machen, wechseln sich mit urbanerem Panorama ab: Für das europäische Auge eine planlose Ansammlung von Apartmentblocks, Lagerhallen, Hotels, Büroklötzen Fabriken, Einkaufszentren und auffällig vielen Gebäuden, die wie Kirchen aussehen. Landmarks sind allerdings die alles überragenden Netzkonstruktionen gegen Querschläger von Driving-Ranges und Baseballfeldern.

Ab und an lockert sich die Bebauung etwas, kleinteilige Felder liegen zwischen zersiedelten Dörfern und kleinen Wäldchen. In den zwei Stunden seit der Abfahrt in Tokio ging es die längste Zeit durch dichtes oder überquellendes Stadtgebiet. 500 Kilometer Vorort. Die 20 Prozent Japans, die nicht von Gebirge bedeckt werden, scheinen restlos vollgestopft, keine Lücke ist zu klein oder zu verwinkelt für ein weiteres Häuschen oder einen hydraulischen Stapelparkplatz.

Die Vorstellung in einem der Häuschen zu leben oder auch in einem der sechsstöckigen Apartmentblocks, die sich landauf, landab allein durch die Farbe der Fassadenkacheln unterscheiden, kommt unwillkürlich und triggert den Japan-Rappel. Der Gedanke, dass es jenseits der Enge dieses Vorort-Clusters nur Berge und den Ozean gibt, verursacht Platzangst, gleichzeitig scheint die Unendlichkeit des suburbanen Konglomerats plötzlich als Säurebad jeglicher Individualität. Unheimlich. Wahrscheinlich nur das Produkt einer überspannten Jetlag-Fantasie.

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Foto: Regina Leibetseder-Löw

Exotic missing
Bis zum kurzen aber heftigen Rappel im Shinkansen hatte sich Japan als überraschend friedlich, gemächlich und fast erschreckend vertraut dargestellt. Die vielfache Warnung erfahrener Japan-Besucher, dass Tokio den frisch Ankommenden zur Begrüßung mit Gewusel, Lärm und Eindrücken plättet, hatte sich in Wohlgefallen aufgelöst. Niemand versuchte uns in überfüllte U-Bahnen zu quetschen, der Schriftzeichen-Voodoo wurde von freundlichen arabischen Zahlen im Zaum gehalten und mit harten Euros in der Tasche ist Tokio eine geradezu wohlfeile Metropole.

Es gab viel Pittoreskes, wenig Verwirrendes und definitiv keinen Kulturschock – Exotic was missing somehow. Hat die Globalisierung schon alle kulturellen Unterschiede zu mundgerechten Häppchen abgeschliffen? Nach dem verblüffend unspektakulären Start geht es am folgenden Tag mit dem Shinkansen nach Osaka. Denn der Japan-Trip ist nicht nur ein unterhaltsamer Ausflug, wir haben auch eine Mission: Das feministische Techno-Netzwerk female:pressure ist auf Tour in Japan, genauer gesagt Initiatorin Electric Indigo mit einer Gruppe DJs und VJs aus ihrer Heimatstadt Wien. Wir sind also hier um einen experimentellen Kultur-Clash zu beobachten, in dem Mentalitäten im Allgemeinen und Geschlechterrollen im Besonderen aufeinander treffen.

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Foto: Daisuke Takahashi

Mädchen mit Dutt
Die erste Party soll in Osaka steigen, daher sitzen wir jetzt mit den japanischen Netzwerkerinnen Mayuri und Mieko im Zug, während die Österreicherinnen per Direktflug anreisen. Mayuri ist DJ, Veranstalterin eines der größten und ältesten japanischen Techno-Festivals namens Metamorphose und jetzt für den japanischen Teil der Party-Organisation zuständig. Die Mittvierzigerin scheint uns nach japanischen Maßstäben nicht auffällig, höchstens dass sie etwas zu resolut in ihren weißen Stöckelschuhen durch die Gegend dampft, könnte man als undamenhaft auslegen. Kaum in den Zugsitz gefallen, pudert sie sich routiniert die Nase, was aber außer uns niemandem aufzufallen scheint.

Mieko im Sitz neben ihr gibt das Kontrastprogramm: Auch für japanische Verhältnisse eine zarte Person, werden ihre harten, kantigen Gesichtszüge durch einen asymmetrischen Iro betont. Ihr Gang ist definitiv nicht damenhaft, sie stiefelt im Wortsinn in Boots und dunkler Designer-Punkware durch die Szenerie, wofür sie mit unverkennbar missbilligenden Blicken bedacht wird. Dass Mieko seit kurzem in Berlin lebt, passt hervorragend ins Bild – auf die Frage, ob sie ihre Landsleute bewusst provoziert, will sie leider nicht richtig eingehen. Derweil trippelt die mädchenhafte Anti-These in Japan-Rail-Uniform durch den Mittelgang, einen chromblitzenden Wagen mit Getränken, Snacks und Bentoboxen vor sich her schiebend. Als sie uns passiert, entdecken wir ihren farblich auf die Uniform abgestimmten Dutt, doch damit nicht genug: Beim Verlassen des Wagons vollführt sie eine anmutige Drehung, um sich noch einmal zu verbeugen.

Später entdecken wir, dass der Dutt wirklich zur Uniform gehört und fragen uns, ob Japan Rail ausschließlich junge, wohlerzogene Frauen, deren Haare lang genug sind, um einen Dutt zu ergeben, als Servicepersonal einstellt. Zur traditionellen Vorstellung von werktätigen Frauen würde diese Dutt-Personalpolitik allerdings sehr gut passen, danach sollen junge Frauen nämlich in Servicejobs arbeiten bis sie heiraten und dann erneut, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Klingt mittelalterlich, aber erst seit dem Jahr 2000 ist es Arbeitgebern explizit verboten, frisch verheiratete Frauen zum Ausscheiden aus dem Berufsleben zu drängen – früher war diese Praxis eher Regel als Ausnahme.

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Foto: Daisuke Takahashi

Rotlicht-Menu
In Osaka scheint ein besonders laues Lüftchen zu wehen, denn während es in Deutschland schon die ersten Frostnächte gab, klettert das Thermometer hier auf fast 25 Grad. Unser Hotel liegt scheinbar mitten im Amüsier- und Rotlichtviertel der Stadt und während wir die besonders ausführlichen Eincheckformulare für Ausländer ausfüllen, beseitigt der Auftritt eines biederen Geschäftsmannes um die 50 alle Unklarheiten über unser Quartier: Er hat einen vielleicht Zwanzigjährigen im Schlepptau, der nach J-Pop-Manier aufgebrezelt ist, die dazugehörige, coole Mimik unter seiner verspiegelten Sonnenbrille eingefroren. Am Empfangstresen schnappt sich der Geschäftsmann mehr oder weniger im Vorbeigehen den eilig gereichten Schlüssel, dann verschwindet er mit dem J-Pop-Boy zielstrebig Richtung Aufzug.

Das Hotel ist trotzdem umsichtig gewählt, denn der Club, in dem nachts die erste female:pressure-Party steigt, liegt nur zwei Minuten entfernt und die Zimmer sind natürlich nicht einmal ein bisschen schmuddelig. Vor der Party gibt es aber noch die große Begrüßungsrunde in einem winzigen Lokal, das nur aus einer Bar mit Platz für ein knappes Dutzend Gäste besteht und von einem Ehepaar im Rentenalter geführt wird, das ein surreales Kontrastprogramm zum grellen Treiben auf der abendlichen Straße veranstaltet: Während die Großmutter serviert, Bier zapft und das abgetragene Geschirr immer sofort abspült, bereitet der Großvater vor den Augen der Gäste das Menü. Die Speisefolge ist traditionell und einfallsreich, eisgekühlte Meeresfrüchte, gedämpfter Fisch, blitzgebratenes Fleisch und Merkwürdigkeiten mit passierter Füllung wandern den Tresen entlang und werden mit großem Hallo begrüßt.

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Foto: Waldt

An einem Ende der Bar sitzen die Wiener Visual-Artists C++ und Jade im gedeckten Grafiker-Chic, daneben die quirlig-lilahaarige, chronisch netzbestrumpfte irradiation und Electric Indigo, die außer ihren DJ-Sets auch gemeinsam ein Live-Set spielen. Aus Wien sind zudem die Filmemacherin Regina Leibetseder-Löw und Gerin Trautenberger vom Toursponsor, dem Kulturverein Stadtimpuls Wien angereist, letzterer in Begleitung seines Kumpels Bernhard, einer baumlangen Frohnatur mit Hang zu ironisch übertriebenen Outfits. Mieko diskutiert mit Großväterchen Koch die nächsten Menüpunkte und füllt die Europäer mit Sake ab, insgesamt dürfte die Gruppe dem einzigen japanischen Gast, einem zerknitterten Geschäftsmann um die 50, ein ziemlich exotisches Bild bieten, aber dessen Aufmerksamkeit gilt ausschließlich den grotesken Pilzspezialitäten, die das Großmütterchen in Töpfchen und Tüchern präsentiert.

JAPAN: female:pressure on Tour Part 1
JAPAN: female:pressure on Tour Part 2
JAPAN: female:pressure on Tour Part 3

female:pressure
female:pressure ist eine internationale online Datenbank für weibliche DJs, Produzentinnen und bildende Künstlerinnen vor allem aus dem Bereich der elektronischen Musik. Sie kann nach verschiedenen, auch verknüpften Kriterien durchsucht werden und ist in erster Linie ein Werkzeug, um die Existenz der Künstlerinnen in dieser scheinbar männerdominierten Szene zu verdeutlichen. 2008 feiert female:pressure 10-jähriges Jubiläum.

Japan-Tour-Infos mit weiteren Fotos bei female:pressure

Verein Stadtimpuls Wien
Der Verein Stadtimpuls ermöglicht Projekten aus dem Bereich urbaner Alltagskultur möglichst unbürokratisch Starthilfe. Dabei geht es vor allem um Projekte, die als zu “jung” oder zu klein durchs Raster der etablierten Kulturförderung fallen.

Electric Indigo & irradiation – Phytoplankton erscheint Anfang 2010 bei Temp Records.

irradiation – Smoke EP ist im Dezember bei MIRmusic erschienen.

3 Responses

  1. De:Bug » Japan

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