Wer mit Techno-Feministinnen auf Japan-Tour geht, kann ganz schön was erleben. Mädchen mit Dutt, Platzangst, Rave-Roboter, Getränkeautomaten in Clubs, Pachinko-Gabba, ehrpusselige Concierges und Windows 7 Whopper. Alles drin, wenn Electric Indigo mit ihrer female:pressure-Gang zwischen Tokio und Okinawa unterwegs ist.

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Foto: Daisuke Takahashi

Bevor es Zeit für die Disko wird, erkunden wir noch Sake-trunken die Gegend, deren Wahrzeichen ein Riesenrad ist, auf dessen runden Gondeln das Mitsubishi prangt. Jenseits der verkehrsreichen Hauptstraßen ist das Viertel eine große Fußgängerzone, in der sich Restaurants, Bars, Videoläden, Mangashops und Spielhöllen aneinanderreihen. Mitten drin finden wir aber auch ein Bierlokal mit Oktoberfestdeko samt deutschen Trinksprüchen (“Je mehr man trinkt, je mehr man dürstet”) und einen Tiergeschäft, vor dem Schoßhunde in Käfigen ausflippen, weil es von allen Seiten lärmt.

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Der Krach lockt uns dann auch in eine Pachinko-Halle, in der die Spielautomaten wie in Las Vegas die Einarmigen Banditen zu Gängen gereiht stehen. Das Spiel, bei dem man Kugeln über ein Nagelbrett kullern lässt, wird uns trotz diverser Versuche und Wikipedia-Checks ein Rätsel bleiben, aber in den Pachinko-Hallen ist Japan sowieso ganz weit draußen: Jede der Maschinen hat einen lärmigen Soundtrack, der aus den kakophonischen Klängen dieser Welt zusammengestellt scheint, und hunderte der Maschinen machen zusammen Noise-Core-Gabba in einem Dezibelbereich, der am ganzen Körper spürbar ist.

Aus dem Geballer der asynchron brüllenden und kreischenden Automaten kreischen periodisch Heavy-Metal-Gitarrensoli, aber die Spieler scheinen ohnehin in einer Welt jenseits des Lärms versunken, eng aufgereiht starren sie auf ihre Automaten und rauchen Kette. Auffällig ist, dass die Spielenden getrennt nach Alter und Stil platziert scheinen, in drei Reihen sitzen ältere Hausfrauen, in den folgenden Reihen nur junge Anzugträger und wiederum in anderen Reihen nur grauhaarige Geschäftsmänner – dabei haben wir kein einziges Mal beobachtet, dass Pachinko-Spieler miteinander kommuniziert hätten.

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Foto: Waldt

Disko
Solchermaßen eingestimmt geht es dann zur Party, die sich gut anlässt, auch wenn der frisch eröffnete Club noch keine eingespielten Routinen entwickelt zu haben scheint. Die Halle von der Größe eines altmodischen Kinosaals ist frisch ausgebaut, die Ausstattung neu und durchdacht, trotzdem wirkt das Geschehen bis zum Ende improvisiert und auf eine charmante Art provinziell. Die Crowd füllt den Raum, auch wenn es nicht richtig eng wird, auf der Tanzfläche hüpfen junge Japanerinnen und Japaner in allen möglichen und unmöglichen Outfits, nur einige wenige scheinen so etwas wie eine Techno-Club-Routine mitzubringen.

Was aber niemanden stört, außerdem erweist sich die Tanzfläche im Laufe der Nacht ambitioniert, euphorisch und ausdauernd. Hier herrscht echte Neugier auf das, was da von weit her hereingeschneit kommt, um interessanten Wumms zu zelebrieren, das Live-Set wird sogar immer wieder mit Pfeifen und Kreischen begleitet. Electric Indigo war ja immer mehr Chicago als Detroit und das gilt auch für ihr Duo mit irradiation. Letztere singt passagenweise und hält Zwiesprache mit dem Publikum, jedenfalls versucht sie es, aber nach einigen Anläufen wird klar, dass die meisten einfach nicht verstehen, was ihnen da englisch entgegenschallt – spätestens mit dem Track, dessen Vocals in der wiederholten Aufforderung “Take off your clothes” münden.

Nicht mal die örtlichen Witzbolde schicken sich zu entsprechenden Gesten oder auch nur deren Parodie an. Egal, denn die Party geht auch so lustig weiter bis der Club zur ortsübliche Zeit um sechs Uhr morgens schließt. Zum Ausklang dropt Electric Indigo eine lange Ambient-Nummer, die Lichter gehen an, auf der Bühne führt die Wiener Fotografin übermütig eine Art indischen Tempeltanz auf, japanische Mädchen auf der Tanzfläche imitieren sie lachend, der Importeintänzer Bernhard liegt auf dem Boden und die letzten japanischen Kids hüpfen feixend um und über die hingestreckte, komische Langnase.

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Foto: Regina Leibetseder-Löw

Ordnung
Am nächsten Tag kommt die kleine Karawane natürlich nur schleppend in Fahrt, dafür kommt der kochende Großvater vom Vorabend zufällig am Hotel vorbei, als wir auf nachzügelnde Wienerinnen warten. Heute im schwarzen Anzug mit weißem Hemd und dünner schwarzer Krawatte sieht er aus wie aus einem Tarantino-RipOff entsprungen aus. Er begrüßt uns überschwänglich und verabschiedet sich gleich darauf herzlich. Als er dann weiterläuft, warten wir darauf, dass er beiläufig einen des Wegs kommenden Bösewicht in den nächsten Getränkeautomaten kickt, aber nichts dergleichen geschieht.

Nach undamenhaftem Geraffel mit Gepäck und Equipment erwischen wir knapp unseren Shinkansen und lernen dabei zwei JR-Regeln: Tickets gibt es nicht ohne Platzreservierung, wenn man den Zug verpasst wird das Ticket wertlos. Außerdem erklärt uns Mieko die Markierungen auf den Bahnsteigen, die exakt zeigen, wo die Türen der Wagons zum stehen kommen, Wagen-Nummer inklusive. Davon abgehend gibt zudem noch Markierungen, die festlegen wo die Schlange für die Tür zu verlaufen hat. Spooky, auch wenn sich offensichtlich nicht alle Reisenden immer daran halten. Im Shinkansen plaudern wir dann mit Electric Indigo darüber, wie es überhaupt dazu kam, female:pressure ausgerechnet in Japan mit einer kleine Tour vorzustellen?

“Am Anfang stand eigentlich die Idee eine große Tour rund um die Welt zu machen, um das Netzwerk auszubauen und zu stärken, aber das ist wohl noch eine Nummer zu hoch gegriffen, denn ohne Sponsoren kriegt man so ein Unternehmen einfach nicht finanziert. Der Verein Statdimpuls Wien hat female:pressure einmal bei der Umsetzung einer Online-Plattform für Produzentinnen geholfen, und irgendwann habe ich mit Gerin von Statdimpuls eher zufällig über die Tour-Idee geredet, wobei klar war, dass das Projekt nicht zum Verein passt, weil es zu global und zu groß ist. Aber nachdem Gerin die Idee wirklich gefiel, haben wir weitergeredet und sind darauf gekommen, dass man ja auch kleiner anfangen kann, indem man mit Wiener Künstlerinnen erstmal ein Land besucht. Japan wurde es dann, weil in Asien generell noch nicht besonders viele Frauen bei female:pressure dabei sind, gleichzeitig gibt es in Japan schon eine etablierte Szene elektronischer Musik. Später stellte sich dann übrigens heraus, dass auch gerade ‘140 Jahre diplomatische Beziehungen Österreich-Japan’ mit einem Kulturprogramm gefeiert werden und da passt female:pressure doch auch sehr gut dazu!”

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Foto: Daisuke Takahashi

Inverse Rauchverbote
Wir setzen das Gespräch mit Diplomatie-Scherzen fort, dann serviert das obligatorische artige Mädchen mit Dutt Getränke und Bentoboxen, die Herren aus Österreich schlagen ordentlich zu, wollen anschließend nichts falsch machen und stehen daher ziemlich dämlich mit ihren Mülltüten in der Tokioter U-Bahn. Später erfahren wir, dass nach dem elften September flächendeckend die Mülltonnen demontiert wurden, weil darin Bomben platziert werden könnten. Als Kollateralschaden wurde in der Folge das Rauchen auf der Straße immer weiter eingeschränkt, während das Rauchen in Innenräumen inklusive Restaurants heute noch niemanden zu stören scheint.

Womit die Rauchverbote in Japan und Europa genau spiegelbildlich funktionieren und grundlegende Einstellungen anschaulich werden: In der japanischen Tradition werden körperliche Freuden an sich nicht mit moralischen Kategorien verbunden, weshalb die Gesundheitsrisiken des Rauchens nicht die Motivation für Verbote darstellen. Dagegen ist es in der auf Konventionen fixierten Gesellschaft, in der höchsten Stellenwert hat “was die Leute denken”, eine achtlos auf die Straße geschnippte Kippe Anlass für hysterische Reaktionen. Und so wird das Rauchen auf der Straße mit absurden Argumenten zu einer schrecklich gefährlichen Sache aufgebläht, zum Beispiel mit dem allgegenwärtigen Hinweis auf die Verletzungsgefahr bei Stürzen – die Zigarette könnte ja unglücklich ins Auge gehen.

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Foto: Waldt

Tradition
Unser Hotel in Tokio liegt in Spuckweite der Station Shibuya, in dieser Gegend gibt sich die Stadt jung, hip und dynamisch, selbst die Angestellten der umliegenden Bürotürme wirken ungezwungen im Vergleich zu ihren verkniffenen Pendant in Ginza. Aber an der Rezeption weht ein anderer Wind, hier empfängt uns ein Mittfünfziger alter Schule, der mit großem Elan ein bürokratisches Ritual zelebriert, inklusive Formularen, Durchschlagzetteln und sorgsam gestempelten Formblättern, in denen sich aber leider, leider nicht alle reservierten Zimmer fanden.

Das anschließende Schauspiel zog sich über eine Stunde und war vom klassischen Kodex bestimmt, der Europäer um den Verstand bringen kann: Zuerst wurde den Männern unserer Gruppe Zimmerschlüsselkarten im Wortsinn auf dem Tablett serviert, und erst anschließend das Palaver mit Mayuri begonnen, die die Zimmer reserviert hatte. Als nach einer halben Stunde unversehens der Zettel mit dem fehlenden Zimmer auftaucht, ist aber mitnichten alles klar! Im Gegenteil, jetzt wird aus dem langwierig-harmlosem Gezicke eine ausgewachsene Staatsaffäre. Unser verstockter Concierge gehört nämlich einer Generation an, in der traditionelle Regeln noch ungebrochen gelten – wohlgemerkt nur Regeln, denn die Werte aus der Redewendung waren in Japan immer eher zweitrangig.

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Foto: Waldt

Dem Mann hinterm Tresen wurden jedenfalls die überlieferten Regeln noch so richtig gründlich eingebimst und dazu gehört auch, Fehler im Beruf niemals zuzugeben, weil das die eigene Ehre beflecken würde. Und Japaner alter Schule sind extrem ehrpusselig, nicht zuletzt weil die Wiederherstellung der beschädigten Ehre ein kompliziertes bis unmögliches Unterfangen darstellt. Es geht jetzt also nicht mehr darum, dass unsere Reisegruppe Zimmer bekommt, es geht in erster Linie darum, die Ehre des Concierge zu retten. Verschärfend kommt dazu, dass ihm mit Mayuri eine Frau gegenübersteht, denn zu den traditionellen Regeln gehört auch eine klare Hierarchie, die Frauen auf ihre Plätze verweist.

Das Eheleben alter Schule wird in Japan beispielsweise nur halb ironisch mit der Befehlsfolge “Meshi! Furo! Nero!” beschrieben, frei übersetzt “Essen! Badewanne! Ruhe!”. Um das Drama am Hoteltresen zu beenden, bleibt Mayuri schließlich keine andere Wahl, als wider besseren Wissens alle Schuld auf sich zu nehmen und für diese Schuld umgehend mit einen Preis zu zahlen, indem sie ein weiteres Zimmer anmietet, für das sie keine Verwendung hat. Wir haben etwas gelernt und endlich können alle in ihre Zimmer, die mit einem Fototapetenblick über Tokio versöhnlich stimmen.

JAPAN: female:pressure on Tour Part 1
JAPAN: female:pressure on Tour Part 2
JAPAN: female:pressure on Tour Part 3

female:pressure
female:pressure ist eine internationale online Datenbank für weibliche DJs, Produzentinnen und bildende Künstlerinnen vor allem aus dem Bereich der elektronischen Musik. Sie kann nach verschiedenen, auch verknüpften Kriterien durchsucht werden und ist in erster Linie ein Werkzeug, um die Existenz der Künstlerinnen in dieser scheinbar männerdominierten Szene zu verdeutlichen. 2008 feiert female:pressure 10-jähriges Jubiläum.

Japan-Tour-Infos mit weiteren Fotos bei female:pressure

Verein Stadtimpuls Wien
Der Verein Stadtimpuls ermöglicht Projekten aus dem Bereich urbaner Alltagskultur möglichst unbürokratisch Starthilfe. Dabei geht es vor allem um Projekte, die als zu “jung” oder zu klein durchs Raster der etablierten Kulturförderung fallen.

Electric Indigo & irradiation – Phytoplankton erscheint Anfang 2010 bei Temp Records.

irradiation – Smoke EP ist im Dezember bei MIRmusic erschienen.

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