Wer mit Techno-Feministinnen auf Japan-Tour geht, kann ganz schön was erleben. Mädchen mit Dutt, Platzangst, Rave-Roboter, Getränkeautomaten in Clubs, Pachinko-Gabba, ehrpusselige Concierges und Windows 7 Whopper. Alles drin, wenn Electric Indigo mit ihrer female:pressure-Gang zwischen Tokio und Okinawa unterwegs ist.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 138

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Foto: Daisuke Takahashi

Abends spülen wir die Concierge-Affäre mit Bier hinunter und lernen unsere nächsten Club-Lektionen, dieses mal im coolen Amate-Raxi, das keinen internationalen Vergleich zu scheuen braucht, wenn es um Anlage, Licht oder Barpersonal geht. Mieko macht das Warm-up mit harten, tribalen Sounds, die die durchböllernde Bassdrum meistens durch raumgreifend dominierende Bassfiguren oder gebrochene Bassdrums-Patterns in technoider 8-Takt-Manier ersetzen.

Club-Regeln
Die Tanzfläche füllt sich, wir verzweifeln am Bierpreis knapp unter 8 Euro, der übrigens gleichermaßen an den Bars wie an den Getränkeautomaten vor den Klos gilt, eine Einrichtung die europäische Clubs doch bitte sehr zügig übernehmen sollen. Jedenfalls wollen wir oberschlau eine billige Runde Bier beim Minisupermarkt an der nächsten Ecke einlegen, um zu lernen, dass es in japanischen Clubs keine Stempel gibt und sich der Türsteher nicht an uns erinnern mag – Aber Langnasen sehen ja auch alle gleich aus. Zum Glück kommt gerade Mayuri des Weges und lotst uns wieder in den Club, wo irradiation und Electric Indigo gerade ihr Live-Set beginnen und alles tanzt, sogar Gerin, der nicht nur sehr lang, sondern auch sehr voluminös ist (der Österreicher würde “blad” sagen).

Den vergleichsweise zwergenhaft wirkenden japanischen Ravern scheint er nicht ganz geheuer, weshalb sie auf Sicherheitsabstand gehen, für Gerin springt dafür der neue Spitzname “Floorfiller” heraus. Bei aller Begeisterung fällt unterdessen auf, dass die Tanzenden strikt zur DJ-Kanzel ausgerichtet sind und abweichendes Hüpfen sich nicht gehört. Später bringen wir in Erfahrung, dass das Phänomen keineswegs auf den Abend beschränkt, sondern vielmehr allgemein gültig ist. Unser Musiktechnik-Autor Benjamin Weiss, der als Teil von Toktok schon ungezählte Gigs in Japan absolviert hat, berichtete beispielsweise von Partys, bei denen DJ-Pult und Live-Act an verschiedenen Seiten der Tanzfläche angeordnet waren, wodurch bei Wechseln eine kollektive Vierteldrehung erfolgt.

Foto: Daisuke Takahashi
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Sind japanische Raver nachher einfach Tanzroboter? Der Tanzflächen-Ordnung förderlich ist jedenfalls auch, dass scheinbar keinerlei illegaler Konsum stattfindet, oder die Druffen sich wahnsinnig gut im Griff haben, auch wenn wir uns nicht vorstellen können, was daran dann lustig sein soll. Zurück in Berlin erklärt uns eine japanische Exilantin, dass es natürlich auch in Tokio chemische Drogen gibt, allerdings zu Mondpreisen (30 Euro für ein Ecstacy). Aber warum auch immer, an diesem Abend verhalten sich die Raver hochgradig diszipliniert, wobei ein Schlacks mit puscheligen Katzenohren und -Schweif die berühmte Ausnahme gibt, indem er immer wieder zu einem gedehnten “Halooo” Oralsexgesten vorführt, um anschließend in ausgedehntes Kichern zu verfallen.

Gegen 5 Uhr morgens sind die meisten Tänzer aber todmüde oder sehr betrunken, wir beobachten die Szenerie von der Bar aus, wo Gerin als Vertreter des Tour-Sponsoren mit den Worten “lecker Output” ein erstes, zufriedenes Fazit zieht. Unsere japanischen Begleiterinnen Mieko und Mayuri können unterdessen nicht fassen, dass es in Österreich für so lustige und coole Dinge auch noch Mittel aus der Kulturförderung gibt, und dass der Abgesandte einer gewissermaßen amtlichen Institution dann auch noch persönlich über die Tanzfläche hüpft. Wir verabschieden uns derweil, weil das bittere Ende auf japanisch mit Schlafenden in jeder Ecke einhergeht, was irgendwie deprimierend ist.

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Foto: Waldt

Shopping-Sonntag
Beim Frühstück am nächsten Nachmittag erzählt Bernhard, dass wir tatsächlich eine Afterhour verpasst haben, nur wenige Blocks entfernt in einer etwas abgehalfterten Kellerbar mit Tanzfläche, wo aber erst mal nichts los war. Der DJ hatte schon die ganze Nacht Disco aufgelegt und wollte 24 Stunden weitermachen, um auf ein 30-Stunden-Disco-Set zu kommen, leider hatte Bernhard nicht herausgefunden, warum es gerade 30 Stunden sein sollten. “Der DJ hatte 2.000 Disco-Platten hinter dem Pult, natürlich auch jede Menge Raritäten. Für mich heißt Disco ja, dass sich schwitzende Körper zum pulsierendem Takt reiben, aber da gab es definitiv keine Erotik am Floor. Techno passt wohl besser zu den Japanern als Disco.”

Auf dem anschließenden, ruhigen Nachmittagsspaziergang wird dann nichts, weil Sonntag der große Ausflugs- und Einkaufstag der Japaner ist, die unter der Woche und oft auch Samstag schlicht zu lange arbeiten, um etwas mit der Familie zu unternehmen. Die Straßen sind überall so belebt wie sonst nie, Halloween-Kinderpartys sind an diesem Sonntag das große Ding, obwohl Halloween eigentlich erst in 10 Tagen ist, aber wieso kleinlich sein, wenn der neue Blockbuster “The Rebirth of Buddha” von allen Plakatsäulen zu Gelassenheit mahnt.

In einer eher ruhigen Seitenstraße werden wir Zeuge, wie ein paar HipHop-Kids scheinbar ohne Anlass von vorbeikommenden Polizisten gründlich gefilzt und befragt werden, dann entdecken wir den “Windows 7 Whopper”, mit dessen sieben Fleischlagen die Nerds in Akihabara das neue Betriebssystem feiern, während der Technics MK II offensichtlich in der Ausverkaufsphase angekommen ist, die Plattenspieler werden für 160 Euro verschleudert, was definitiv nichts Gutes bedeutet. Und Japan mag zwar eine gewöhnungsbedürftige Clubkultur haben, aber dafür wird an jeder Ecke der Getränkeautomatenkultur gefrönt, an die wir uns wirklich gewöhnen können, überall gibt es kalte und heiße Flüssigspezialitäten in einer beeindruckenden Vielfalt.

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Foto: Regina Leibetseder-Löw

Okinawa-Calvin
Am nächsten Tag zog die female:pressure-Karawane nach Okinawa weiter, während wir den Heimflug antraten. Später telefonieren wir noch einmal mit Electric Indigo, um zu erfahren, was wir in Okinawa verpasst hatten:

“Der Club war klein, aber ein amtlicher Techno-Club, der von enthusiastischen Idealisten betrieben wird. Die Party war eigentlich fast die beste, weil die Leute am herzlichsten waren. Calvin, der Veranstalter war auch ganz begeistert und hat die nächsten Tage immer wieder davon geschwärmt. Auch dass so viele Frauen bei der Party gewesen seien, für die die Veranstaltung auch Motivation gewesen sei, Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Das fand ich natürlich toll, es kam mir aber etwas übertrieben vor. Dann erzählte Calvin einmal, dass er ja mit seiner Frau viel ausgegangen wäre, dass das aber nicht mehr ginge, wegen des Kindes. Unseren Vorschlag, dass er ja einmal zuhause beim Kind bleiben können oder sich überhaupt alle Aufgaben mit seiner Frau teilen, fand er dann aber absurd. So selbstverständliche Gleichberechtigung scheint selbst für einen jungen, liberalen und fast alternativen Mann noch eine befremdliche Vorstellung zu sein. Aber insgesamt waren die Partys und die entstandenen Kontakte natürlich ‘lecker Output’.”

JAPAN: female:pressure on Tour Part 1
JAPAN: female:pressure on Tour Part 2
JAPAN: female:pressure on Tour Part 3

female:pressure
female:pressure ist eine internationale online Datenbank für weibliche DJs, Produzentinnen und bildende Künstlerinnen vor allem aus dem Bereich der elektronischen Musik. Sie kann nach verschiedenen, auch verknüpften Kriterien durchsucht werden und ist in erster Linie ein Werkzeug, um die Existenz der Künstlerinnen in dieser scheinbar männerdominierten Szene zu verdeutlichen. 2008 feiert female:pressure 10-jähriges Jubiläum.

Japan-Tour-Infos mit weiteren Fotos bei female:pressure

Verein Stadtimpuls Wien
Der Verein Stadtimpuls ermöglicht Projekten aus dem Bereich urbaner Alltagskultur möglichst unbürokratisch Starthilfe. Dabei geht es vor allem um Projekte, die als zu “jung” oder zu klein durchs Raster der etablierten Kulturförderung fallen.

Electric Indigo & irradiation – Phytoplankton erscheint Anfang 2010 bei Temp Records.

irradiation – Smoke EP ist im Dezember bei MIRmusic erschienen.

4 Responses

  1. ron

    wo/wie ist denn das letzte bild entstanden?