Mit 25 Jahren wurde der Schotte Nick Currie zu Momus. Ein halbes Jahrhundert später verliert das Internet mit der Einstllung seines Blogs imomus einen seiner interessantesten Protagonisten. Wir sprechen mit dem Pop-Musiker, Buchautor und Performance-Künstler über japanischen Cybersex, traditionelle Mode, den absoluten Stil und die Verbindung aus Rassismus und Robotern.

Anfang des nächsten Jahres wird das Internet mit Nick Currie aka Momus eine seiner interessantesten Figuren verlieren. Auf seinem Weblog imomus.com publiziert der Schotte seit sechs Jahren täglich ein Essay, das bis zu 200 Mal aus aller Welt kommentiert wird. Die Themen umfassen Zeitströmungen in Design und Architektur, japanischen Pop, Porno, aktuelle Kunstbesprechungen und das Internet itself.

Bekannt wurde Momus, benannt nach dem Gott des Spottes, vor langer Zeit als Musiker. Inspiriert von David Bowie und der Frankfurter Schule spinnt er seit Mitte der 80er bis heute etwa 20 Konzeptalben voll abstruser Folksongs. Später schreibt er Musik für JPop-Stars wie Kahimi Karie, auf Biennalen hält er Peformances, zuletzt ist er in der New York Times mit der Kolumne “The Post-Materialist“ vertreten.

Dieses Jahr hat Momus seine ersten beiden Bücher veröffentlicht: The Book of Scotlands veranschaulicht 156 mögliche alternative Realitäten für das heutige Schottland. The Book of Jokes ist hingegen sein erster Roman. Er beschreibt ihn als pervers und lustig. Momus trägt eine Augenklappe, seitdem er seine Kontaktlinse mit griechischem Leitungswasser gewaschen hat und die Augenkrankheit Acanthamoeba Keratitis ihn auf diesem Auge blind werden ließ.

Als ich sein Wohnzimmer betrete, fallen mir die wandfüllenden Projektionen auf. Es sind Bilder einer Japanreise von Albert Kahn, die Momus hier an die Wand wirft. Kahn war zu Beginn des 20. Jahrhunderts einer der reichsten Männer Europas. Der Franzose baute das damals größte ethnologische Foto- und Filmprojekt, das “Archiv des Planeten“. “Magst du etwas trinken?”, fragt Currie, “ich habe aber eigentlich nur etwas chinesischen Sake da.”

Wir möchten mit Momus über Japan sprechen, denn er ist japanophil. Und über Stil, denn seine ausufernde, selbstreferentielle Art zu Schreiben macht ihn zu einem Stilkritiker ältester Schule. Aus dem Gespräch zum Lieblingsthema sollte das Portrait des Künstlers entstehen.

De:Bug: Anfang des nächsten Jahres wirst du nach sechs Jahren an deinem 50. Geburtstag dein Blog schließen, auf dem du täglich ein langes Essay geschrieben hast, warum?

Momus: Es hat zuviel Zeit meines Lebens in Anspruch genommen. Ich möchte nun lieber mehr Fahrrad fahren, schwimmen und wandern. Wieder das Leben eines Nomaden führen. Ich habe gerade damit begonnen, Bücher zu schreiben, das macht mir großen Spaß. Ich werde sicher nicht ganz aus dem Internet verschwinden.

De:Bug: Wenn man so lange ein öffentliches Leben geführt hat, das rege kommentiert wurde, wird dir nicht etwas zur Existenz gewordenes fehlen?

Momus: Ich glaube nicht. Es ist eben auch ein täglicher Wettbewerb mit sehr vielen Zuschauern und Auseinandersetzungen. In all meiner Arbeit hatte ich immer das Bild der Figur Scheherazade vor Augen, die sich bewußt mit einem König vermählen ließ, der jeden Tag eine andere Frau heiratete, um sie am nächsten Tag zu töten. Sie erzählte ihm am Abend den Beginn einer interessanten Geschichte, die er unbedingt zu Ende hören wollte und blieb so am Leben. Täglich ein gute Geschichte zu erzählen, hat auch mich praktisch lebendig gehalten, denn durch das Blog ergaben sich ja erst die Journalisten- und auch die Performance-Aufträge.

De:Bug: Andere Netzaktivitäten machen für dich keinen Sinn?

Momus: Nein, ich mag Facebook und Twitter nicht. Wenn du jemanden wirklich lesen willst, dann möchtest du auch Tiefe. All das, was auf Twitter passiert, geht in den Äther. Das Ephemere ist natürlich auch das tolle daran, aber ich will zurück gehen, ich will zurück zum Buch.

De:Bug: Wann hat deine Auseinandersetzung mit Japan begonnen?

Momus: Mit sechs war ich um Urlaub auf einer schottischen Insel und begegnete gab dort einem japanischen buddhistischen Mönch. Der erste Song, den ich je geschrieben habe, ich war etwa in dem selben Alter, hieß: “I can see Japan“. Meine Freundin ist Japanerin. Wer mit Japanern lebt, lebt mit einem Display über den Augen, ganz ähnlich einer Augmented Reality.

STILKRITIK
De:Bug: Ich würde gerne über japanischen Stil sprechen. Wenn es denn so etwas überhaupt gibt, wir müssen es einmal annehmen, oder?

Momus: Es gibt eine neue Form der Isolation in Japan, in der sich auch eine traditionelle japanische Form der Kleidung des 19. Jahrhunderts, das Sakoku, re-etabliert. Diese war gerade en vogue als die Marktöffnung zum Westen stattfand. Daneben gibt es gerade den Trend des “mori girl”, das Mädchen aus dem Wald und des “yama girl”, das Mädchen vom Berg, die von dem tollen Shop Tokyo Bopper und dem Magazin Meris Hike eingeführt wurde.

De:Bug: Kürzlich hast du an der Bento Box den so eleganten Stil japanischer Alltagsprodukte beschworen. Vielleicht könnte man von dort aus beginnen, über Stil zu sprechen. Was ist eigentlich Stil?

Momus: Stil ist die adverbiale Natur von Kultur. Kultur ist, was du tust und Stil ist, wie du es tust. Was du machst, wäre dann das Verb, und wie du es machst, das Adverb. Ich habe immer gefunden, dass auch kleinste Dinge in Japan viel eleganter gestaltet sind. Mir scheint, der Style wird in Japan nicht den Reichen überlassen.

De:Bug: Könntest du deklinieren, was einen Stilkritiker ausmacht, vielleicht sogar, was dich zu einem macht?

Momus: Interessant wird es immer dann, wenn dich jemand von etwas überzeugt, was du vorher nicht mochtest. Wenn du daran denkst, als Hässlichkeit das Konzept einer Kategorie des Schönen wurde: Das war so etwas wie die Avantgarde des Style.

De:Bug: Steht nicht Rei Kawakubo, die japanische Modedesignerin des Avantgarde-Labels Comme des Garcons, wie keine andere für diese Form der Hässlichkeit? Jedenfalls war das die Einschätzung der Pariser Modemenschen, als sie dort 1981 erstmals ihre Kleider zeigte.

Momus: Ich denke, es lag eher daran, dass ihre Kleider so streng, schwarz und nach der Kleidung armer Leute aussah. Sie war sehr beeindruckt von August Sander, dem Fotografen der Weimarer Republik, der Arbeiter in ihrer Kleidung portraitierte.

LOB DES SCHATTENS
De:Bug: Jun’ichir? Tanizakis Buch “Lob des Schattens“ von 1933 ist noch heute die Fibel japanischer Ästhetik. Interessant fand ich, dass er die japanische Frau mit einem dünnen Stock vergleicht, über den verschiedene Lagen Kleider drapiert werden. Damit scheint er recht treffend das heutige Schönheitsideal zu fassen. Außerdem beschwert er sich darüber, dass Japan den amerikanischen Lebensstil zu sehr imitiert. Hat dieses Klischee auch heute noch seine Berechtigung?

Momus: Ich glaube, dass der ganze Appropriation-Ansatz perfekte modische Kopien zu bilden extrem zurückgegangen ist. Das Spannendste an dem Tanitaki-Buch finde ich, dass viele der Sachen, die er als zeitlos und essentialistisch japanisch bezeichnet, heute wirklich anders herum gedacht werden. Anhand neuer Architekten wie Sanaa oder Sou Fujimoto lässt sich die Hauptthese Tanitakis, japanische Gegenstände würden erst im Dämmerlicht zu sich kommen, kaum mehr aufrechterhalten. In diesen neuartigen Häusern findest du überhaupt keine Schatten mehr.

De:Bug: Wenn man nun Schatten, Subtilität und Selbstreferentialismus als hervorstechende Merkmale unserer Kommunikation über Japan zusammenfasst, findest du dich selbst darin wieder?

Momus: In Japan herrscht meiner Meinung nach ein anderer dialektischer Code. Ich bin als sehr westlich, protestantisch geprägter Mensch in Kategorien wie schwarz-weiß und gut-böse verhaftet, sowie auf Konfrontation und Auseinandersetzung aus. Japan funktioniert für mich als das gute Beispiel für die Dinge, die ich nicht bin.

VON JAPAN LERNEN
De:Bug: Kürzlich habe ich eine Dokumentation gesehen, die einen Zusammenhang erstellt hat zwischen der extrem schrumpfenden Population, der erschütternden Einwanderungspolitik …

Momus: Ja, sie haben Roboter.

De:Bug: Genau, gleichzeitig haben sie die höchste Anzahl an Robotern pro qm und die weltweit geringste Sexaktivität. Kannst du dir da einen Reim drauf machen?

Momus: Cybersex ist natürlich ein großes Ding. Japaner hören in der Regel auf Sex zu machen, wenn sie Kinder haben. Männer beginnen ihre Frauen dann Mutti zu nennen oder Mutter. Mit deiner Mutter Sex zu haben, ist natürlich nicht sehr hübsch.

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Elektronische Lebensaspekte.

6 Responses

  1. H W Wessells

    "ich will zurück gehen, ich will zurück zum Buch" Momus interviewed (in de:bug)  http://tinyurl.com/ygyxbf9

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  2. barbara

    Schönes Interview! Danke. Nur ein kleiner Hinweis: Was er da auf der schottischen Insel getroffen hat war kein buddhist monkey, sondern ein buddhist monk, ein Mönch. Ist auch plausibler :).

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