He's Techno, you're not!

John Tejada ist einer der ganz großen und wichtigen Produzenten unserer Zeit, aber auch ein Meister des Understatements. Wir haben den notorischen Vielproduzenten anlässlich seines neusten Langspiel-Streichs namens Parabolas getroffen, der – Überraschung! – nicht auf Tejadas eigenem Label Palette sondern auf Kompakt kommt.

“Well, I don‘t know.” Diese Wörter nimmt John Tejada oft in den Mund. Jedoch nicht unbedingt, weil er sich nicht mitteilen will oder kommunikationsunwillig ist. Es ist einfach nicht seine Art, sich über allzu vieles Gedanken zu machen. Man könnte das Stoizismus nennen oder den kalifornischen Leichtgang und so wie beides zutreffen mag, tut es das im nächsten Moment dann doch wieder nicht. Es ist aber auch die Unfassbarkeit des Künstlers John Tejada, seit 15 Jahren Betreiber des Labels Palette, Inbegriff des intelligenten Techhouse in den frühen Nuller Jahren, Schlagzeuger beim impressionistischen Postrock-Duo I‘m Not A Gun, Komponist für Werbespots und TV-Serien in Hollywood und vielleicht einer der notorischsten Produzent ever. Zehn Alben, knapp 60 EPs, dazu kommen weitere knapp 20 EPs und drei Alben mit seinem Partner Arian Leviste, die weiteren Nebenprojekte lassen wir der Übersichtlichkeit mal besser außen vor.

Der Dietmar Dath der Technoszene gewissermaßen, wobei selbst das den Produktionszyklus des John Tejada nur annähernd beschreiben kann. Lieber Taten statt Worte sprechen lassen, dieser Phrasenschweinesatz könnte bei kaum einem in der Branche besser passen. Diskurs und Theoretisierung ist auch nur was für lahme Arschlöcher. Nicht dass Tejada so etwas je sagen würde, die Antwort auf diese vermeintliche Frage wäre ohnehin schon klar: “Well, I don‘t know …”

WTF Kompakt?
Es wirkte im ersten Augenblick überraschend. Ein neues Tejada-Album und dann auch noch auf Kompakt. Jener Kölner Monolith, der sich in der jüngeren Vergangenheit eher durch künstlerorientierte Popalben (Rainbow Arabia, Who Made Who) neu orientierte und deren frühere Dominanz in den Plattentaschen der DJ-Beletage heuer Schwindsucht gewichen ist. “Das ist doch seltsam. Alle Leute fragen mich, wieso zur Hölle Kompakt? Hast du Palette etwa dicht gemacht? Dabei habe ich schon immer Musik auf anderen Labels veröffentlicht. Aber nachdem ich mit ein paar Freunden gesprochen hatte, die auch auf anderen Labels veröffentlichen, dachte ich mir, dass es schön wäre, einfach mal nur kreativ zu sein und mich nicht um die ganzen administrativen Sachen kümmern zu müssen, was ja der Fall gewesen ist, wenn ich meine eigenen Sachen auf Palette veröffentlicht habe. Das war eine Art Wendepunkt für mich. Thomas Fehlmann ist ein guter Freund von mir, der war ein bisschen die Schnittstelle bei der ganzen Angelegenheit. Andererseits war es auch so, dass die Leute mich immer sehr eng mit meinem eigenen Label verknüpft haben. Aus diesem Rahmen herauszubrechen, mal aus einer anderen Perspektive wahrgenommen zu werden, das hat mich gereizt. Es ist ja auch immer mit viel Arbeit verbunden, auf dem eigenen Label zu releasen, und vielleicht wird man dadurch auch betriebsblind. Aber ehrlich, bis jetzt fühlt sich alles sehr gut an. Kompakt hat ein Team, das sich um das Album kümmert. Auch auf eine Art und Weise, die ich so bis jetzt nicht kannte. Ich empfinde das Ganze als eine Art Neustart”, erklärt Tejada in Schneiders Büro, dem modularen Synthesizertempel am Berliner Kottbusser Tor.

LFO-Ringelpiez
Ein wuseliger Andreas Schneider stellt in seinem Showroom emsig Geräte um, man sei nach dem Umzug vom Alexanderplatz nach Kreuzberg noch lange nicht fertig. Ein paar Techno-Touristen fingern verlegen an der ausgestellten Hardware herum, stecken Patchkabel ein und wieder aus, ohne zu wissen, was sie da eigentlich tun. Schneiders neuestes Exponat ist ein analoges Synth-Karussell, eine interaktive Modularmaschine, die kollaboratives Musikmachen ermöglichen soll. Rundlauf mit LFO, Ringelpiez mit Ringmodulator und Sägezahn sozusagen: “Man geht da rein, fängt an, Sounds zu machen und während das Karussell sich dreht und hinter dir Leute nachkommen, bauen alle an einem gemeinsamen Stück Musik”, erklärt Schneider sein neuestes Kind, das demnächst auch auf internationalen Festivals zu bewundern sein wird. John und Andreas kennen sich gut, sehen sich aber selten. Man tauscht sich aus, hält nerdige Gespräche und auch wenn beide sich vollends ihrer eigenen Sache hingeben. Und unterschiedlicher könnten Gemüter kaum sein. Schneider, der genial-wahnsinnig verquaste Hitzkopf und der unvorstellbar gelassene Tejada, der bei einem Spaziergang innehalten würde, um eine Ameisenfamilie den Weg kreuzen zu lassen.

Glücksritter
Parabolas ist ein außergewöhnliches Album. Man erkennt zwar in jeder Sequenz Tejadas eindeutige Handschrift: diese kristallin geschliffenen Sounds, die chirurgisch präzis getimten Beats und dieses Sehnsuchtsvolle in seinen Harmonien, jene Chords, die die darke Quintessenz von Detroit längst hinter sich gelassen haben und wie aufgehende, introvertierte Sonnen über den Hollywood Hills scheinen. Tejadas Sounds sind ein eigener Kosmos. Das musikalische Elternhaus, die Mutter Sopranistin, der Vater Dirigent/Komponist, wird ihn ohne Zweifel zwar beeinflusst haben. Der schwere E-Musik-Duktus liegt ihm dennoch fern. Klangliche Referenzen schafft er sich weiterhin selbst. Das mag zum einen an seiner Elektroniktagesgeschäftsresistenz liegen, aber mit Sicherheit auch an seiner eigenen Versatilität: “Clubmusik ist nur die Hälfte von dem, was ich musikalisch mache. Die meisten reduzieren meine Arbeit aber auf diesen Sound. Ich wollte einfach mal wieder Musik für mich selber machen, wieder dieses glückliche Gefühl bekommen, die eigenen Dinge wieder spannend finden. Ich bin wieder auf dem Weg dorthin, aber auf eine reifere Art und Weise als noch vor 15 Jahren. Einige sagen, dass Parabolas hoffnungsvoll klingt. Aber man darf ja nie darüber nachdenken, was andere über die eigene Musik sagen. Das hemmt nur und führt zu keinen Ergebnissen. Diesmal dachte ich mir, dass es nichts zu verlieren gibt, dass es mich einfach nur glücklich machen sollte, wenn ich mit Sounds experimentiere.”

Geerbte Polyrhythmen
Glück sollte man empfinden und nicht zerreden, das scheint das zu sein, was Tejada zwischen den Zeilen sagen möchte. Aber auch in seinen Produktionsweisen hat er sich selber neue Freiräume geschaffen: “Natürlich klingt es blöd, wenn man sagt, dass dieses Album sehr persönlich geworden ist. Dennoch kann ich es nicht anders beschreiben. Es ging mir aber auch um die Neuorientierung von Prozessen und die Modulationen von alteingesessenen Arbeitsweisen. Diesmal habe ich mit recht langen Phrasen gearbeitet. Auf der Platte gibt es viele Pattern, die 64 Takte oder länger sind, was für diese Art von Musik ja gemeinhin eher ungewöhnlich ist. Vielleicht ist es sogar der späte Einfluss meiner Eltern, der unterbewusst eingeflossen ist.Nicht so repetitiv sein, mehr mit Polyrhythmen arbeiten, die einem aber nicht so offensichtlich ins Gesicht springen und schreien: ‘Guck, wie komplex ich bin!’ Ich war allgemein experimentierfreudiger als in den Jahren zuvor, auch habe ich den Zufällen mehr Platz eingeräumt. All die Dinge, die ich bislang sonst einfach weggeworfen hätte, aber diesmal feststellen musste: Hey, das ist vielleicht gar nicht so uncool! Früher wäre ich verunsichert gewesen, wenn andere gesagt hätten: ‘Das kann man doch nicht spielen, John.’ Endlich habe ich den Mut entgegenzuhalten: Nein, das ist gut so.”

Was willste machen ?
John Tejada protestiert nicht. Er politisiert auch nicht. Das was seine Spät-30er-Altersgenossen im Geschäft ja gemeinhin gerne tun, in dem sie ihren Frust über die plumpe, junge Ableton-Generation rauslassen, the lack of realness konstatieren oder meinen, alles besser zu wissen. Der Kalifornier wirkt eher wie ein Mönch. Er akzeptiert die Welt, in der er seine Rolle einnimmt. Er weiß natürlich auch, was er mag und was nicht. Aber vogelzeigend fluchen oder zetern, das ist seine Sache nicht. Seine Unmutsexplorationen summt er genauso in die Welt wie seine Schilderung vom künstlerischen Glück. Dinge kommen, Dinge gehen, auch etwas, was er gerne immer wieder sagt.

Und dass er es mit Clubs eigentlich gar nicht so hat, damit hat er sich ebenfalls abgefunden. Da gilt es eher einen gesunden Kompromiss zu finden: “Für mich war es schon immer unbedeutend in Clubs zu gehen, um Musik zu hören. Ich mag es viel eher zuhause mit Freunden. Dort kann man entspannt ein paar Biere trinken, dabei reden. Das liegt mir viel eher, ich mag dieses Blöd-in-der-Gegend-herumstehen nicht. Live habe ich festgestellt, dass meine Musik in einigen Städten besser funktioniert als in anderen. Man kann ja nicht alle zufrieden stellen, aber zumindest versuchen, einen guten Job zu machen. Aber gerade bei Livesets ist es bisweilen schon schwierig. Du baust Geräte und Synthesizer auf, verkabelst vorher Zeug auf der Bühne, spielst dein Set und mittendrin kommen Leute auf einen zu und wollen mit dir quatschen oder fragen dich, ob du ihr Portemonnaie irgendwo verstauen könntest. Ich will nicht darüber schimpfen, aber zumindest eine Kleinigkeit tu ich im Augenblick des Konzerts ja dann doch, oder?”

Man tut, was kommt
Selektion ist also das Stichwort. Livesets einfach nicht mehr in der DJ Booth geben. Schauen, dass in Zukunft alles einen angemesseneren Rahmen bekommt. Gerade auch, weil die aktuellen Tracks weniger Clubfunktion als vielmehr persönlicher Output sind. Die Releaseflut der letzten 15 Jahre hat John Tejada ohnehin ein bisschen eingedämmt, was aber auch an der allgemein katastrophalen Vinylsituation liegt. Er scheint indes fokussierter, arbeitet wieder an Aufträgen für TV-Serien. “Wenn es schon keine wirkliche Clubszene in LA gibt, dann ist die Nähe zu Hollywood zumindest etwas, was an meinem Wohnort spannend ist.” Letztes Jahr führte er in der Walt Disney Concert Hall eine konzertante Version von “The End Of It All” mit dem Gay Men‘s Chorus of Los Angeles auf, einem der größten Männerchöre der USA, und mit seiner Mutter habe er auch noch einige gemeinsame Pläne. John scheint in sich zu ruhen, ein bisschen grinst er wie Buddha mit seinem großen Körper und der unaufgeregten Mimik: “Well, you know, ich mache weiterhin mit meinen Freunden Arian und Justin Maxwell Musik, mach dies und das. Dinge kommen, Dinge gehen, im Moment glaube ich, dass vieles richtig läuft. Ich denke nicht wirklich darüber nach. Es kommt einfach raus.” Was auf Tejadas angewandt dann wohl bedeutet: je unspektakulärer die Erscheinung, umso größer das Understatement.


http://www.kompakt.fm
http://www.paletterecordings.com

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Elektronische Lebensaspekte.

6 Responses

  1. De:Bug Musik » Kompakt Sommercamp

    […] ein. Jo führt durch die neusten Platten, ihr nehmt die heissesten blitzendsten Scheiben (die John Tejada nicht vergessen) mit und geniesst obendrein ein kühles Naß im schwülen Pappsommer. Deal? Also ab in die […]

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