Beton, Brache, Berlin

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Text: Thaddeus Herrmann

Ich habe ein Déjà-vu.

Berlin, Detroit, die Express-Autobahn. Befahren von den Cosmic Cars, im Radio läuft “Phylyps Trak”. Zwei Städte, zwei Geschichten, viele Parallelen, viele Anknüpfungspunkte. Helden auf beiden Seiten des Atlantiks. In Michigan: die Originators. Mensch, Maschine, Automation, raus aus der Sackgasse der sozialen Frustration. Atkins ist einer von ihnen. In Berlin: staatlich subventionierte, aber nicht weniger verbrannte Erde. Mensch, Maschine, Mauer. Abgeschnittenheit, Abgeschiedenheit und Isolation sind die Stichworte für die Schnittmenge zwei vergessener Metropolen. In Detroit dreht Atkins an Maschinen, die noch nicht in Nullen und Einsen kommunizieren, sondern in Wellenformen; in Berlin spielt von Oswald Schlagzeug. Schnell und pointiert, denn Berlin muss aufholen. Wie immer.

Atkins und von Oswald sind zusammen 102 Jahre alt und teilen sich diese Bürde brüderlich genau zu gleichen Teilen. Man kennt sich, man mag sich, man respektiert sich, hat oft voneinander gelernt und auch profitiert. Zusammen veröffentlicht haben die beiden das letzte Mal vor ziemlich genau zwanzig Jahren, damals gemeinsam mit Thomas Fehlmann. 3MB hieß das Projekt und wenn Atkins keine Zeit hatte, sprang Eddie Fowlkes ein. Oder andersrum. Es war die Zeit, als die Katalognummern von Tresor Records einstellig und die Basic-Channel-Würfel noch nicht gefallen waren. Aufbruchstimmung in Berlin. In Detroit drängte derweil die zweite Generation auf die vorderen Plätze.

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Ich habe immer noch ein Déjà-vu. Denn das gemeinsame Album von Atkins und von Oswald klingt wie ein Berlin, das es so nie gab; ein Abziehbild erschöpfter Nächte und dem, was danach kam. Endlos pulsierende Beats, bepflanzt mit Sounds, die auf den Brachflächen Berlins nur für einen Bruchteil der Zeitachse zu hören waren. Wenn die Natur durch den porösen Beton nach oben drückte und glaubte, sich zurückholen zu können, was ihr gehörte. Urban Gardening ohne das Regulativ der Notwendigkeit. Es gab diese Momente in Berlin. Momente, in denen die Sonne nicht untergehen und der Mix nicht enden wollte. Atkins und von Oswald referenzieren diese Zeit auf “Borderland”. Eine Zeit, die es so bestimmt auch in Detroit gab, aber anders klang.

Der Versuch, solche Momente wieder auferstehen zu lassen, steht unter dem Generalverdacht des Scheiterns. Auf “Borderland” funktioniert es. Vielleicht, weil die hier niedergeschriebene Hinführung schlicht falsch ist, eine fixe Idee, um eine grandiose Platte noch fokussierter auf langsam verblassende Erinnerungen zuzuschneiden. Die Hinweise sind erdrückend, dass es hier um eine Aufarbeitung, Fortsetzung und Konkretisierung gemeinsamer Ideen geht. Der “Electric Garden”, gleich das erste Stück, ist der in viel Hall und wedelnde HiHats gegossene Soundtrack für den Tresor-Garten, für den Innenhof des Friseurs und den Bürgersteig vor dem Elektro. “Footprints” nimmt ein Überbleibsel des Basic-Channel-Œuvres auf und löst es erstmalig nach zwanzig Jahren Rillendasein auf, erzählt die Geschichte weiter.

Eine Geschichte, die ein Happy End nicht nur immer verdient, sondern, wie wir jetzt lernen, auch immer schon in den Tiefen des Chords programmiert hatte. Es ist ohnehin einer der besten Tracks, nicht nur wegen der offenkundigen Anschlussfähigkeit, sondern vor allem, weil es genau die Jahrzehnte an Erfahrung braucht, um eine 909 in den HiHats derart swingen zu lassen, ohne dabei aufdringlich zu wirken. Solche Tricks werden schon lange nicht mehr tradiert. Es ist ein kurzer Moment der Euphorie, ein geplanter Ausbruch aus dem stillen Fluss des Jammens, des Laufenlassens. Und genau das hat Atkins und von Oswald so groß gemacht.

Juan Atkins & Moritz von Oswald, Borderland, ist auf Tresor erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.

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