“Techno Primitivism” – das ist der Name des neuen Albums von den zwei in Amsterdam lebenden Israelis Juju & Jordash, die erneut mit allen Traditionen brechen und den Hörer auf eine psychedelische Reise in die Zukunft schicken, dabei aber mit uraltem Antrieb zu Gange sind.
Wer hat nicht schon einmal versucht, sich die ideale Party vorzustellen. Das perfekte Setting. Das traumhafteste Line-Up. Danach in einem Interview befragt, sah Jordan “Jordash” Czamanskis Vision folgenderma- ßen aus: ein dunkles Warehouse, Hasch, diverse andere psychedelische Substanzen und dazu Musik von Theo Parrish, Daniele Baldelli, Art Esemble Of Chicago, Lee Perry und Cabaret Voltaire anno 1979. Das war 2009, und Jordash hatte gerade mit seinem Partner Gal “Juju” Aner das viel beachtete zweite Album als Juju & Jordash auf dem Amsterdamer Label Dekmantel veröffentlicht. Seitdem dürfte sich an dieser Vision, die gleichzeitig auch recht genau den vielschichtigen, sich jeder allzu klaren Kategorisierung entziehenden Sound von Juju & Jordash beschreibt, nichts Grundsätzliches geändert haben. Was diverse Maxis auf Labels wie Golf Channel, Rush Hour oder eben Dekmantel bewiesen haben. Techno, House, Dub, Post Punk, Italo Disco, Krautrock, Jazz, das sind nach wie vor die ungefähren Koordinaten in Juju & Jordashs stark psychedelisch angereichertem Sound-Universum. “Music from the future gazing deeply into the past” haben die beiden das einmal sehr poetisch beschrieben. Mit “Techno Primitivism” erscheint jetzt das dritte Album der beiden in Amsterdam lebenden Israelis, und es scheint wie der Rest ihres Schaffens aus einem Paralleluniversum zu kommen, in dem jegliche Formalismen einem konstanten Forschen und Sich-entwickeln-lassen gewichen sind.
Knapp achtzig Minuten, verteilt auf drei Maxis, ist das neue Album lang. Dass Casper Tielrooij und Thomas Martojo, die beiden Dekmantel-Macher, “Techno Primitivism” erst gehört haben, als es komplett fertig war, sie Juju & Jordash quasi Carte Blanche gegeben haben, zeigt, welchen Stellenwert die beiden Freigeister mittlerweile haben. Ihre Platten mögen sich den tradier- ten Techno-Formalismen verweigern und klassische Funktionalitätskriterien in einem undurchdringlichen psychedelischen Amalgam aus Sound auflösen, aber ähnlich wie bei seelenverwandten Technoalchimisten wie Morphosis oder seinem Upperground Orchestra hören immer mehr Menschen verzückt hin und entdecken den Dancefloor als geheimnisvollen, labyrinthischen Ort neu. Unvorhersehbarkeit ist nach wie vor Programm bei Juju & Jordash. Und “Techno Primitivism” strahlt in noch mysteriöserem Glanz als alles, was sie vorher gemacht haben.

Debug: Euer letztes Album war ja eher eine Compilation von bereits bestehenden Tracks, die Caspar von Dekmantel ausgewählt hat. Wie war der Produktionsprozess bei “Techno Primitivism”?
Jordash: Dieses Mal war es eine bewusste Entscheidung, ein neues Album zu produzieren. Daher kommt mir die Platte wahrscheinlich auch kohärenter vor als ihr Vorgänger. Der Entschluss kam vor etwa neun Monaten. Wir saßen im Studio und haben uns gesagt, ab jetzt ist alles, was wir machen, potenzielles Album-Material.
Juju: Und dann haben wir angefangen zu jammen. Sehr viel zu jammen. Wir haben fünf Monate lang nichts anderes gemacht und jede Session erst mal aufgenommen. Dann haben wir uns alles noch mal angehört und die Jams ausgewählt, die uns besonders gefallen haben. Dabei musst du wissen, dass sie meistens mindestens eine Stunde lang waren, wenn nicht sogar noch länger. Es gab also viel zu hören. Die Sachen, die uns am meisten angesprochen haben, waren dann das Rohmaterial, aus dem wir das Album destilliert haben. In solchen Sessions kommen und gehen ja viele Ideen.
Jordash: Meistens sind wir damit beschäftigt, zu kürzen und uns von allem Überflüssigen zu trennen, damit wir uns auf die Elemente konzentrieren können, die wirklich wich- tig sind. Die werden dann herausgearbeitet. Mittlerweile wissen wir, dass im Laufe eines unserer Jams an irgendeinem Punkt gute Musik entsteht. Wir sind sehr streng mit uns, aber bei aller Selbstkritik habe ich es so langsam immer besser raus, mich auf meine Intuition zu verlassen, anstatt mich immer wieder umzuentscheiden.

Debug: Kommt es vor, dass ihr versucht, einzelne Ideen, die im Jam vielleicht nur kurz anklingen, im Nachhinein noch einmal nachzubilden?
Jordash: Nein, das ist eigentlich unmöglich. Wir nehmen zwar jede Spur einzeln auf, aber nach einer Stunde Improvisation sind die Einstellungen auf den Synthies komplett anders und auch die Beats sind meistens nicht mehr die, mit denen wir angefangen haben. Zu versuchen, einzelne Ideen oder Momente nachzubauen, macht für uns keinen Sinn. Es geht uns ja gerade um diesen flüchtigen Moment. Manchmal nehmen wir später noch Overdubs auf, das war es aber.
Debug: Ihr seid beide klassisch ausgebildete Jazz-Musiker. Ich habe immer mal wieder von Techno-Produzenten, die vom Jazz kommen, gehört, dass sie, als sie mit Techno anfingen, erst mal wieder vieles vergessen mussten – und das als Befreiung erlebt haben. Wie geht es euch damit?
Jordash: Ich bin gar kein klassisch ausgebildeter Musiker. Ich habe nur etwa ein Jahr lang Musik studiert und hatte dabei das Glück einen Lehrer zu haben, der extrem offen war.
Juju: Ich bin der klassisch Ausgebildete. Wenn es überhaupt etwas ist, dann ein Vorteil. Es gibt mir eine größere musikalische Perspektive. Das heißt nicht, dass wir beim Musikmachen sehr analytisch wären und ständig Akkordfolgen und Melodien untersuchen. Es ist aber einfach manchmal hilfreich zu wissen, was zusammen funktioniert und was nicht.
Jordash: Wir hatten beide sehr offene Lehrer. Wenn die die ganze Zeit neben uns gestanden hätten, um uns bei jedem schrägen Ton mit einem Lineal auf die Finger zu hauen, dann würden wir heute vielleicht anders Musik machen. Aber sie haben uns die wichtigste Lektion überhaupt beigebracht: nämlich, dass es nicht darum geht, Regeln zu befolgen, sondern wirklich hinzuhören. Mit die- ser Offenheit gehen wir ins Studio. Die Art, wie wir uns heutzutage Club-Musik nähern, unterscheidet sich letzt- lich kein bisschen von unserer Herangehensweise, als wir noch in Israel in einer Jazz-Band gespielt haben.
Juju: Improvisation und Offenheit, was die Form anbelangt, sind zwei Kernelemente von Jazz, die ganz wichtig sind in unserer Musik. Egal, ob im Studio oder live im Club. Tatsächlich spiegeln unsere Live-Sets, seitdem wir sie komplett improvisieren, viel mehr das wider, was wir sowieso immer im Studio machen, wie wir dort arbeiten. Der Fokus ist natürlich ein etwas anderer. Die Leute sind in einem Club, sie wollen tanzen, da würde ein vierzigminütiger Ambient-Jam nicht so viel Sinn machen.

Debug: Das neue Album heißt “Techno Primitivism”. Gibt es zu dem Titel eine Geschichte? Juju: Nein, nicht wirklich. Erst mal klingt der Name gut. Ein anderer Grund für die Wahl des Titels ist, dass die meisten Instrumente, die wir auf dem Album benutzt haben, aus der Zeit stammen, bevor es mit Techno losging. Aus den späten 70ern und frühen 80ern. Die Soundästhetik ist damit dicht an den ersten Industrial-Sachen und 70er- Synthesizer-Musik.
Jordash: Musikalisch ist es eine wahnsinnig interessante Ära. Die Einführung von Drum Machines, komplett elektronischer Pop. Wir mögen einfach, wie Platten aus dieser Ära klingen, diese ganzen Proto-Techno-Sachen. Platten aus Detroit waren für uns zum Beispiel der Einstieg in Techno. Und in vielen dieser Platten scheint diese rohe industrielle Ästhetik durch, die von europäischen Industrial- und Post- Punk-Platten aus den späten 70ern und frühen 88ern beeinflusst ist. Dem wollten wir ein bisschen Tribut zollen.
Debug: Industrial und Post Punk sind als Stichwortgeber und Einfluss wieder voll rehabilitiert. Das dürfte auch der Rezeption eurer Musik zu Gute kommen, oder?
Jordash: Generell herrscht eine Offenheit, die vor zehn Jahren noch nicht existierte. Zumindest ist das mein Eindruck, wenn ich mir anschaue, was für Platten heute als “clubby” angesehen werden und sich tatsächlich auch noch gut verkaufen, beziehungsweise viel gespielt werden.
Juju: Es wird zur Zeit wirklich viel großartige, eigenwillige Musik produziert. Und das Interesse daran ist auch größer als noch vor ein paar Jahren. People these days are digging deeper, I guess.

Juju & Jordash, Techno Primitivism, ist auf Dekmantel/Rush Hour erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.

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