In der Mode kippt der Generationskonflikt um: Vierzigjährige Streetwear-Auskenner treffen auf Jugendliche im Granny-Look.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 124


Die Geschichte der Jugendkulturen ist eine Geschichte der Generationskonflikte. In der Mode heißt das: Die Jugend scheißt auf die Konventionen der Alten, die Alten regen sich erst auf, sind dann aber clever genug, aus dieser Scheiße modisches Gold zu machen – und damit wieder neue Konventionen, gegen die die nächste Generation rebelliert. Aber alle paar Jubeljahre wird dieses Verhältnis auf den Kopf gestellt. Konservativ ist das neue Rebellisch, Alt das neue Jung.

So viel plüschige Romantik war lange nicht mehr in der Mode. Die zwei aktuellen Tendenzen, 70er-Revival und neo-klassische Garderobe, steuern auf ein Revival zu: Der Granny-Look steht vor der Tür. Rüschen, Spitzen, Broschen, Uhrenketten, schwere Stiefel, Filz-Rucksäcke, Brokatwesten und Samtjacken ziehen wieder in die Mode ein, wenn sich der Leinen-Sommer ausgeflattert hat. Als Reaktion auf die schreienden 60er schon einmal Anfang der 70er modern, wird der Granny Look die Neon-Zeiten ablösen. Der Jugend macht es Spaß, alt auszusehen.

Die Alten sind längst als potente Konsumenten im Visier, oder auch als die Übermacht, die den Jungen die Butter vom Brot nimmt. Weil die Alten heute nicht mehr alt sind, heißen sie aber nicht mehr so. Best-Ager trifft das neue Selbstbewusstsein der Gruppe ab 60 viel besser. Der Begriff alt und die Vorstellungen vom Alter sind absolut in Misskredit geraten. Niemand möchte mehr mit Ruhestand in Verbindung gebracht werden, bunt und dynamisch ist das Alter heute. Absolut unromantisch, ohne Spuren gelebten Lebens, ohne Spuren einer vergangenen Welt. Zeit für eine romantische Neu-Besetzung des Begriffes “alt”.

In den 70ern favorisierte die Jugend schon einmal den Granny-Look, um die Alten zu schocken, die längst dem Jugendkult von Fitness und Dynamik in technisch-praktischer Casual-Garderobe hinterhertatterten. Der Streetwear-Boom seit Anfang der 80er vereinte alle Generationen unterm Windbreaker-Diktat. Die Jungen sahen wieder jung aus und die Alten immer jünger. “Papi, leihst du mir heute deine Air Force 1, oder hat Opa sich schon angemeldet?”

Trendumkehr
Dieser Trend kehrt sich um. Jetzt wollen die Jungen wieder aussehen wie ihre Ur-Großeltern vor dem Krieg. Die Neil-Jordan-Poster werden von der Wand genommen. Die Ausleihrate von Louis-Trenker-Videos schießt in die Höhe. Ein altertümlicher Romantiklook spitzt die Tendenz zu erwachsener Garderobe zu.

Auch bei männlichen Vorzeige-Idolen wie dem Model Patrick Petitjean oder den Musikern Gonzales, Sebastien Tellier und Scott Matthew zeigt sich der Umschwung ganz klar: haarige Männer mit Bärten statt Jungs mit Milchschaum auf der Oberlippe übernehmen das Style-Ruder. Ich bin gespannt, wann in der Bravo Tipps geschaltet werden, wie man seinen Bartwuchs vor der Pubertät anstachelt.

Und die Erwachsenen, wo bleiben sie in diesem Spiel alt vs. jung? Einer, der dieses Spiel seit Jahren mit englischem Spleen, perfekter Hingabe und ironischen Rauchwölkchen aus seiner Pfeife perfekt zelebriert, ist Gustav Temple, Chefredakteur der englischen Pflichtlektüre für Gentleman, “The Chap“. Er diktiert uns das “Do’s and Dont’s“ aller Chaps und Chapettes in die mechanische Reiseschreibmaschine. Daneben porträtieren wir drei Mode-Profis, die das Teenager-Alter glücklich hinter sich gebracht haben. Wir zeigen Hikmet Suekret, Sneaker-Spezialist und Inhaber des Special-Editions-Sneakertempels “Solebox“, Florian Horwarth, Musiker und “Essenz“-Designer zusammen mit Frank Leder, und Feride Uslu, MakeUp-Profi und Inhaberin der Kosmetikfirma “Uslu Airlines“, in ihren aktuellen Lieblingsoutfits. Und wir fragen sie, wie sie die Entwicklung sehen: Wird die Mode in den nächsten zwanzig Jahren mit ihnen altern? Und vor allem, wie sehen sie sich selbst, die Mode-Fanatiker, die genau an der Grenze zwischen jung und alt stehen?

Hintendran folgt der Coffeetable-Teil mit den unverzichtbaren Accessoires, die einen aus dem Jugendlichkeits-Knast befreien.

Mehr Texte zum Thema in: De:Bug 124.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.