Was wie ein Scherz begann, setzt sich ernsthaft in Positur. Der Wahlberliner Paul Davis veröffentlicht unter dem Schenkelklopfer-Alias "Junkie Sartre" Deephouse mit dem Quentchen an verspieltem Eigensinn, der sich freut, wenn er Kitsch unkitschig einbauen kann.

Der Teufel in den Sounds

Wie kommt Paul Davis zu dem Künstlernamen Junkie Sartre? Vor drei Jahren produzierte er ein paar Tracks mit Ulrich Schnauss. Der erzählt ihm, ein Bekannter benenne seine Stücke grundsätzlich nach Drogen oder Literatur. “Ah, wie Junkie Sartre!”, scherzt Paul und Ulrich Schnauss schreibt es auf die frischgebrannte CD zu seinem eigenen Pseudonym Hexaquart. Ab geht die Post zum Label. Ergebnis: Die EP “Ignorance” auf Force Tracks und für Paul das Etikett seiner zukünftigen Releases. “Inzwischen mag ich den Namen. Es ist ein Scheißname, aber den merkt sich jeder.”

Paul produziert House. Mal deeper (erscheint auf Decore), mal technoider (Raummusik) – die Rhythmik und die Arrangements sind ziemlich gerade. Bei Junkie Sartre steckt der Teufel in den Sounds. Reduziertes gefällt ihm gut. Allerdings setzt Paul es gehäuft ein. Von Minimalismus kann also keine Rede sein. Schmatzende Geräusche wie von einem Monster aus einem Cronenberg-Film oder ein geloopter Plattenkratzer überraschen manchen House-Hörer, die Puristen monieren gar eine Themaverfehlung. Doch gerade der Stil-Mix kickt Paul und nur zu gerne gibt er seiner Schwäche für Dub-Effekte nach. Warme, verbindliche Akkorde, ein lebendiger, stets ausbalancierter Bass und Vocal-Bits einen das breite Spektrum zu einer eigenständigen Handschrift. Die Musik funktioniert.

Bei unserem Treffen gibt sich der Londoner zunächst zurückhaltend. Nach einer kurzen Aufwärmphase entpuppt er sich jedoch als vielschichtiger Gesprächspartner mit einem wunderbar trockenen Humor.

ATARI STATT AUTOBIOGRAFIE

DEBUG: Du hast erwähnt, du hättest früher andere Musik gemacht…?
PAUL: Ich habe schon in Bands gespielt und auf die eine oder andere Art Musik gemacht, seit ich 18 bin. Zuerst war ich Bassist in einer Band, die klangen wie die Beatles auf Speed. In den frühen 90ern trat ich mit einer akustischen Gitarre solo auf. Ich sang verrückte Lieder über Ex-Freundinnen und Ähnliches. Es gab einige nette Songs, aber dann hatte ich keine Lust mehr, dauernd über mich selbst zu singen, und kaufte mir einen Atari ST. Als ich 1997 nach Berlin kam, produzierte ich aus irgendwelchen Gründen haufenweise seltsame Drum and Bass-Tracks. Das Ergebnis war eine CD auf dem längst eingegangenen “Base Daddy”-Label. Ich mache keinen Drum and Bass mehr, die Platte gefällt mir und meiner Freundin aber immer noch.

DEBUG: Was war der Auslöser für dich, selber elektronische Musik zu machen?
PAUL: Das Schlüsselerlebnis waren Sachen von Aphex Twin, Orbital, Detroit Techno und etwas später Deep House aus Chigaco. Die Sounds faszinierten mich und außerdem der Gedanke, dass diese Sachen hauptsächlich von Leuten in ihren Schlafzimmern produziert wurden, die einfach machten what the fuck they liked. Vielleicht weil die Strukturen den frühen Punk-Zeiten so ähnlich waren, als jeder, der eine Platte rausbringen wollte, es einfach tun konnte. Es war so ein Unterschied zur Pop-Szene, in der Bands ein Album pro Jahr veröffentlichten.

DEBUG: Dub- und Electronica-Sounds, House und Techno: In deiner Musik höre ich ganz unterschiedliche Einflüsse…
PAUL: Ich mische eben gerne Stücke aus verschiedenen Stilen zusammen. Dub, Techno, Jazz, Pop, Soul oder Filmmusik: In gewisser Weise sind die Unterschiede zwischen diesen Ausdrucksformen nur ganz subtil und sie können zusammenpassen, wenn man lange genug rumprobiert. Ich versuche sogar, einem wirklich reduzierten Tech-House-Track ein wenig Soul einzuhauchen, ein bisschen was von mir selbst rein zu geben. Ich möchte interessante Tracks machen, die im besten Fall ein paar Überraschungen bereithalten.

DEBUG: In allen deinen Tracks und auch in deinen DJ-Sets verwendest du konsequent Vocals!
PAUL: Ich mochte keine Vocals in Techno oder House – bis ich Platten von Leuten fand, die wussten, wie man sie einsetzt, ohne dass sich ein Stück kitschig anhört. Manchmal finde ich ein bisschen Kitsch ok, das muss nicht gleich kommerzieller House sein. Ich nehme Stimmen her, weil sie etwas Reales und Menschliches in die Musik bringen. Außerdem können sie einfach großartig klingen.

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Elektronische Lebensaspekte.

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