Siriusmos Album Mosaik bricht Herzen

“Technik interessiert mich nicht besonders“, sagt Siriusmo. Wir sitzen in seinem Studio in Berlin-Friedrichshain, gut versteckt in einem Gewerbehof. Gerade ist die Heizung ausgefallen, die Kälte kriecht langsam aber stetig gen Kopf. Das mit der Technik könnte man Moritz Friedrich fast glauben, wenn man sich hier umsieht. Klar, da steht ein dicker Rechner, sonst sind die Gerätschaften aber aus einer längst vergangenen Zeit.

“Kurz nach der Wende habe ich vom Pfarrer meiner Gemeinde über Umwege eine Orgel bekommen. Das war damals perfekt, denn wir hatten in Berlin-Köpenick eine Band und haben 70er-Fusion gespielt. Gleichzeitig habe ich HipHop gehört und ich glaube mich daran zu erinnern, dass ich bei einer Platte von Jamiroquai zum ersten Mal wirklich hörte, wie man die unterschiedlichsten Einflüsse in einer Musik fassen kann. Da habe ich mir einen Sampler zugelegt.“

70er, Jamiroquai und Orgel sind unerwartete Stichworte für einen Produzenten, der 2008 auf Boysnoize sein erstes Album veröffentlichte, kurz im New-Rave-Rahmen verhandelt wurde und aktuell mit “Mosaik“ der erste Album-Künstler auf dem Modeselektor-Label Monkeytown ist. Man kennt sich eben. Schon immer. Genau wie die Jazzanovas, die Moritz einst die Sache mit Cubase erklärten und sich dafür gleich mal sein Rhodes borgten.
Mosaik“, das ist ein ganz und gar unglaubliches Album, vor allem, weil es sämtliche Regeln des Dancefloors kategorisch bricht und eben den dennoch in Schutt und Asche legt.
Ein komplettes Wechselbad der Gefühle.
Und des Sounds. Der ist bei Siriusmo besonders, anders, einzigartig. Mitreißend, aber ohne Klischees, in seiner immer wieder angedeuteten Brachialität herzensbrecherisch fragil, glitzernd poppig, randvoll mit Andeutungen, Referenzen, die einen nur noch tiefer reinspringen lassen.
Keine Tools für eine x-beliebige Nacht, Siriusmo ist die Nacht. Nur eben anders.

Verschanzt hinter Holz
Siriusmo sitzt vor seiner Lieblingswaffe, wenn es um Sound geht, dem Korg Trident. Der ist fast so alt wie er selbst und war eigentlich ein Fehlkauf:
“Im Second-Hand-Laden hab ich nur die Holz-Panele gesehen und dachte: Orgel! Ist ja aber ein Synth. Das war eine ziemliche Überraschung im Proberaum. Aber wir haben uns angefreundet. Damals hab ich auch angefangen, ganz andere Arten von Musik zu hören. Drum and Bass ging gerade los, Techno, House und ich fand das alles sensationell. Mit dem Trident bin ich schnell, komme ratzfatz zu Ergebnissen. Und der hat eine Wärme, die ich im Rechner nicht hinbekomme.“
Wie war das noch mal mit der Technik?
“Technik regt mich auf. Ich will einfach nur, dass alles funktioniert.

Das tut sie mittlerweile bei Siriusmo, zumindest meistens. Dennoch ist Moritz niemand, der ständig neue Dinge ausprobiert, auf Update-Jagd ist oder bestimmte Aufgaben mit spezieller Software erledigt. Entweder Cubase oder gar nicht und irgendwie geht dann schon immer alles. Das ist insofern bemerkenswert, als dass “Mosaik“ eine hoch komplexe Angelegenheit ist, detailreich bis in den letzten Breakdown, so als würde Soundforschung das Credo der Sesamstraße sein.
Wer das für despektierlich hält, hat Jim Henson nicht verstanden.
“Ich mache ja keine Musik, um als DJ erfolgreich zu sein, ich habe also nicht die obligatorischen Tools und Strukturen im Anschlag. Das ist keine Sache von mehr oder weniger Herzblut, ich will da nicht falsch verstanden werden. Hier auf dem Gelände sind viele Studios, in denen ganz klassisch Techno und House produziert wird. Die Jungs machen das mit genauso viel Engagement. Ich will aber kleinteilig arbeiten, Sachen ausprobieren, eher musikalisch als technisch.

Die Frage nach dem perfekten Track beantwortet Siriusmo dann auch entsprechend. Nicht die kollektive Abfahrt im Club mit der eigenen Musik, der magische Moment kommt vorher, schon bei der Entstehung, wenn der Chord plötzlich sitzt, der verschwurbelte Quietscher genau im Timing losschlägt. Und er sich dann noch dazu zwingen kann, den Track wirklich fertig zu machen. Kickt es im Club: umso besser. Denn natürlich hat Siriusmo nichts gegen diesen Kosmos, der ihn immer mehr wertschätzt, nur seine kategorische Bühnenangst kann er nicht überwinden. Unten aber, auf dem Floor, fühlt er sich pudelwohl.

Lauter, doller, bumm, klatsch
Das ist der Kontext, in dem Siriusmo vor allem wahrgenommen wird. Bislang zumindest.
Ich finde das auch gar nicht schlimm, ich höre mir gerne eine Justice-Platte an und auf Boysnoize habe ich ja sogar releast. Ich stehe aber vor allem in dieser Reihe, weil ich die Kompression nicht im Griff habe. Ich fahre alles an die Wand. Unwohl fühle ich mich erst, wenn meine Platten im ‘Electro‘-Fach einsortiert werden. Dann ist Schluss.
Für den klassischen Dancefloor hätte er gar nicht die Ruhe, sagt er dann. Und es stimmt: Die Sounds purzeln viel zu schnell in seine Tracks, klarer Aufbau, die einzelnen Zutaten genau gewichten, immer eine nach der anderen reinschieben … ach nee. “Ich habe meine Party schon hier im Studio“ und schaut noch mal in Richtung Korg Trident. “Ich will meine Musik auch nicht in Genres denken, das ist mir alles egal.“

Und genau das ist es, was Siriusmo ausmacht. Die oldschoolige Liebe zur Musik bestimmt sein Handeln, Daft Punk, 70er Funk, Dubstep, da gibt es keine zwingenden Euphorie-Unterschiede. Analog, digital, letztendlich ist das alles die gleiche Ursuppe, und wenn man den Sound vom PlugIn XY, in den man sich gerade verliebt hat, auf einer anderen Produktion hört, dann ist das eben so. Es kommt immer der nächste Track, die nächste Stimmung, die nächste Dringlichkeit, Cubase wieder anzuschmeißen, Samples zu drehen, die Makrobrille aufzusetzen und nur seinem Herzen zu folgen.

Siriusmo, Mosaik ist auf Monkeytown/Rough Trade erschienen.

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