Neue Bücher zum alten Berliner Underground

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Text: Timo Feldhaus

Punk, Techno – 80er, 90er. Dazwischen die Wende. Die zwei dabei gewesenen Kultuberichterstatter Ulrich Gutmair und Wolfgang Müller schreiben zwei exzellente Bücher über Westberlin und Raven nach dem Mauerfall.

Auf dem Cover sitzt Anton Waldt vor dem Friseur und trinkt noch ein Wässerchen aus der Pulle. Seine blaue Bomberjacke ziert ein gelber Smiley-Aufnäher. Der Tag bricht gerade an. Vielleicht wurde das Bild während der Zeit um die Love Parade ’94 aufgenommen. Es war eine gute Love Parade, es war eine gute Zeit. Es ist gerade, ganz ehrlich, mit Berlin und den 90ern, ein bisschen zum Verrücktwerden.

Das hier ist zwar nicht meine Geschichte, aber irgendwie ist es doch die unsere. Mit “Die ersten Tage von Berlin. Der Sound der Wende” des taz-Redakteurs Ulrich Gutmair erscheint nicht nur das Sachbuch eines frühen DE:BUG-Autors, nicht nur kommt (unter vielen anderen) der ehemalige Chefredakteur und Kolumnist Anton Waldt genauso zu Wort wie Mari Lippok, die sich von Beginn an bis heute und morgen wacker um das Marketing dieses Magazins kümmert. Auch Khan kommt in dem Buch vor, das versucht, ebenjenen Geist einzufangen, aus dem dieses Magazin überhaupt geboren werden konnte. Zentral umkreist Gutmair dabei nur fünf, sechs Jahre, von 1989 bis 1995.

Die Zeit eben, als Mitte und Prenzlauer Berg plötzlich offen standen, als der Potsdamer Platz eine gottverdammte Brache und je- des Haus eine Ruine mit ein paar Einschusslöchern war. Und in der heutigen Shopping-Meile, der Alten Schönhauser Allee, nur ein einziges Geschäft stand. Als praktisch in der ganzen Ex-DDR niemand mehr wohnte und man den Leerstand einfach übernehmen konnte für eine Deutschmark fünzig im Monat. War ja wirklich so gewesen. Damals, als man noch West-Zigaretten rauchte und verwirrte Ostdeutsche gebannt vor der knalligen “Test the West”-Reklame standen, da schlüpften gewiefte westdeutsche Künstler, Hausbesetzer, Clubbetreiber, Galeristen, DJs und Raver zwischen den grauen Frauen und Männern hindurch und machten die ehemals kommunistische Hauptstadt zu ihrem eigenen Spielplatz aus Alternativkultur, Musik, Party und gutem Leben.

Ulrich Gutmair ist nicht allein. Genau vor einem Jahr erschien Felix Denks und Sven von Thülens Oral-History “Der Klang der Familie“, die ebenfalls um den Mauerfall herum ansetzt und von den freiliegenden Flächen und Gebäuden erzählt, die mit neuer Jugendbewegung gefüllt und mit neuer Technomusik beschallt werden sollten. Der Film “Berlinized – Sexy an Eis“, erschien 2012 und begibt sich auf dieselbe Zeitreise. David Bowie singt in diesem Jahr plötzlich wieder darüber, wie er Ende der 70er in seiner Stammdiskothek “in the Dschungel on Nürnberger Straße” saß und färbt seine Künstlerpersona in real existierendes Vintage-Berlin. Auf seiner ersten Single-Auskopplung stellt er mit “Where are we now” die richtige Frage, eine Antwort lässt er aber offen und schwelgt statt dessen wohlklingend durch die Vergangenheit.

Bowies Zeit überschneidet sich zum Teil mit der von Wolfgang Müller. Anfang diesen Jahres erschien der Riesenwälzer des Mitbegründers der Punk-Band “Die tödliche Doris” mit dem sperrigen Titel “Subkultur. Westberlin. 1979-1989. Freizeit“. Das von Philo Fine Arts herausgegebene über 500 Seiten starke Buch sieht zwar recht bieder aus, drinnen allerdings liest man von Blixa Bargeld im Risiko und Martin Kippenberger im SO36. Ratten-Jenny räkelt sich in Bowies Dschungel und guckt finster drein, während dessen Mitbewohner Iggy Pop in Kreuzberg in einer Telefonzelle steht und von innen gegen die Tür klopft. Warum, weiß keiner. Müllers eigene Historisierung ist der der 90er-Jahre exakt vorgelagert; “Die ersten Tage von Berlin” beginnen aber genauso wie “Westberlin” mit dem Fall der Mauer.
Danach und davor mehr oder weniger dasselbe Bild: die Geschichte der ungenutzten Räume, der ungenutzten Sachen, der ungenutzten Zeit – die große Garnichtsnutzung, auf die es aber ankam, aus der heraus man sich selbst und das Vorgefundene dann neu- oder mindestens zwischennutzen konnte. “So bilden sich”, weiß Müller zu berichten, “Traumzonen, es entsteht Raum für Unwirklichkeitsgefühle”.

Gegen “Neo-Individualliberalismus”, das merkt man beim Lesen, helfen “Readymade-Lokale”. Wo man in den 80ern gegen Öko-Spießer und Altlinke fightete, hatte man in der alten DDR kaum mehr einen Feind. Es war der Nährboden des “Friede, Freude, Eierkuchen”, den Dr. Motte einige Zeit später als Slogan für die Love Parade auserkor. Leute wie Motte zeigen auch, inwiefern sich eine gleichzeitige Lektüre der Bücher lohnt. Der “Betonmischer und Dose werfende Punk aus Tempelhof” war in den 80ern noch Helfershelfer der Tödlichen Doris. Aus Matthias Roeingh wurde wenig später die Motte, aus Liebe entwickelte er den großen Umzug. Die Stadt hatte dann den Salat – und wir die Erinnerung ihrer Mitläufer.

Von der Love Parade geraten wir, immer mittendrin, zur Party im Elektro. Von diesem offenbar ominösesten Club der Mittneunziger in dem besetzten Haus in der berühmten Mauerstraße 15, erzählt uns bei Gutmair Slavko der Weltenbummler: “Die Menschen saßen wie Blumen auf den Straßen. Alle strahlten. Es war eine Kultur, ein Traum von einer besseren Welt, durch Internet, durch Frieden, durch Sex. Das klingt vielleicht idiotisch. Aber es war eine Bewegung, eine Weltanschauung. Und das Elektro war das Beste, was es in Berlin gab. Wir haben im Zentrum der Welt gelebt.” Wer würde das in der Schlange vorm Berghain schon behaupten?

Westbam, der seinerseits mit der ersten Single zu seinem neuen Album “Götterstraße” an genau dem hier beschriebenen Mythos rührt, sagte kürzlich in der taz auf die Frage, ob er heute einen Club von damals vermissen würde: “Natürlich kenne ich solche Verweile-doch-Du-bist-so-schön-Momente. Wenn man mich fragen würde: Der Planet an der Köpenicker im Jahr 1991, der war perfekt. Aber halt nur in meiner subjektiven Wahrnehmung. Wer weiß denn, wie sehr ich das alles verkläre?”

Verherrlichen denn die schlauen und gewandten Autoren vor unseren Augen ihre Jugendzeit? Natürlich handelt es sich nicht um die “ersten Tage von Berlin”, wie der Autor es auf dem Cover verspricht, da widerspricht ja bereits das andere Buch, das die zehn Jahre vor ’89 erzählt. Gutmair weiß das natürlich und hat dennoch diesen provokanten und pathetischen Titel gewählt, der sprachbildtechnisch die “Entdeckung Amerikas” aufruft und direkt anschließt an die imperialen Träume Großberlins. Während Anekdoten-Onkel Müller sich selbst gerne mal angenehm ironisch unterläuft, findet sich bei Gutmair kaum ein Wink, der die eigenen Aneignungsstratgieen des westdeutschen Künstlertypen, der die Ex-DDR zu seiner Südsee machte, auf doppelten Boden pflanzen würde.
Aber Gutmair wäre nicht Gutmair, wenn er Gutmair nicht hin und wieder dann doch entargumentieren würde, zum Beispiel, wenn er mit viel Witz die Unverständlichkeit beschreibt, die den klassischen Ostdeutschen überkommt, wenn dieser mitansieht, wie der Hausbesetzer-Wessi-Teenie sich Straßenschlachten mit der Polizei liefert, in offenbar völlig hirnloser Weise und nur dem eigenen Fun verpflichtet. Was wollen die in den alten Häusern in der Mainzer Straße? Und vor allem: Können die das nicht leiser machen?

Die Dichte des unnützen Wissens, die Wolfgang Müller selbstverliebt vor uns ausbreitet, macht irre Spaß. Gerade, dass er dem eigenen Anti-Existentialismus des Punk noch immer nachhängt, die wildesten Widersprüche und Wiederholungen eingeschlossen, machen das Werk zu einem großen Gewinn. Ulrich Gutmair dagegen wahrt den Überblick. Sein hervorragend geschriebenes Geschichtsbuch erweist sich als das perfekte Gegenstück zum “Klang der Familie”. Aus dem Gewirr der Stimmen, die immer nur ihre eigene Sicht der Dinge vermitteln, schafft es der Autor von “Die ersten Tage von Berlin” weltenverbindend zwischen den Interviews und durch die Zeiten zu springen. Von der frühen Stadtgeschichte zur neuesten Brachentheorie.

Wenn er von den Temporären Autonomen Zonen erzählt, die Münchener Räterepublik anbei stellt und erklärt, warum die DDR wie Facebook ohne Netz war, doch dabei nicht vergisst, wie viel zu schnell das kommunistische Land die Geschichte seiner Nazis vergessen hat. Zwischen Partytalk, Soundscape und Ruinenreligion bringt er nonchalant die Bombennacht des 3. 2. 1945 in Stellung, als 939 Flieger der Air Force in den Luftraum über Berlin eindrangen und 4.000 Sprengbomben, 150.000 Stabbrandbomben, 500 Flüssigkeitsbomben niedergehen ließen, die Tausende Tote forderten und so erst die Freiflächen der 90er ermöglichten. Besonders schön aber ist das Buch dann, wenn Gutmair vom kleinen Mann erzählt. Von Klaus Fahnert etwa, dem Bettler und Straßenmenschen vom Oranienburger Tor, der anfangs im Club stand und irgendwann einen kleinen Bücherstapel vor einem Kiosk aufbaute, von allen Bürgermeister genannt wurde und von dem sich Joschka Fischer morgens gerne einen Rat abholte.

So hinterlassen uns beide Bücher auch immer melancholisch. Denn heute, schreibt Gutmair, verschwindet auch das Verschwinden. “Historisierung und Vergessen sind manchmal nur unterschiedliche Formen desselben Vorgangs. (…) Wo sind die Brachen hin, die uns als Raver halfen zu verstehen, was es heißt, den Krieg zu verlieren?” Natürlich werden diese Geschichten auch deshalb geschrieben, weil es ein womöglich einmaliges Projekt der Positivbesetzung freilegt, dass die Nachwendezeit in Berlin bot. Aber die Dichte der Publikationen zeugt noch von etwas anderem: Sie alle schreiben die Geschichte ihrer Entstehung und Entstehungsmythen, weil nun endgültig eine neue Zeit angebrochen ist.

Als Schatten fliegt immer die Gegenwart über die Seiten dieser Bücher. Und die sagt: Das alles ist vorbei! Der Prenzlauer Berg ist weggeschwäbelt, Neukölln wird den Bewohnern unterm Arsch weggekauft, der Potsdamer Platz sieht zu und scheiße aus. Die Geschichten sind Geschichte, und sie geben sich zu erkennen als Vorläufer des Kreativkapitalismus, der zwar auch heute immer noch nicht voll erfolgreich, aber stets anwesend ist. Jenseits des Mainstreams und ökonomischen Verwertungsdrucks war die Welt extrem in Ordnung, inwiefern aber auf dem Rücken dieser goldenen 90er Jahre das Pop-Prekariat, die Start-Up-Hauptstadt und ewige Gentrifizierung erst vorbereitet wurden, lässt sich heute nachlesen.

Ulrich Gutmair, “Die ersten Tage von Berlin. Der Sound der Wende”, ist im Tropen Verlag erschienen.

Wolfgang Müller, “Subkultur. Westberlin. 1979-1989. Freizeit”, ist im Philo Fine Arts Verlag erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.

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