Berlin Future City

“The Berg” Konzept für eine mögliche Umnutzung des ehemaligen Templehofer Flughafens von Jakob Tigges.http://www.the-berg.de

Wer zieht in Berlin die Strippen? Natürlich: Politik und Wirtschaft. Wäre da nicht der bewegte Bürger, der vermehrt Anstrengungen unternimmt, sich den städtischen Nahraum wieder anzueignen. Auf eigene Faust. Gemeinsam mit Holm Friebe, Autor, Trendforscher und Geschäftsführer der Zentralen Intelligenz Agentur, dem Multiplicities-Gründer, Geographen und Polit-Berater Prof. Dr. Bastian Lange und der Filmemacherin und Permakultur- Aktivistin Nana Yuriko lesen wir der Stadt aus der Hand. Berlin zwischen Wachstum und zarten Pflänzchen.

Der Berliner gräbt. Mit den Händen im Mutterboden. Es wird gesät, gegossen und geerntet, jede Brache ein Versprechen, jedes Flachdach ein grünes Eldorado. Vorbei die Zeiten hämischer Frotzelei über kleinbürgerliche Schrebergärtner. Die umweltbewusste Intelligenzia, Vorfront der Nachhaltigkeit, macht in urbane Gemeinschafts-Farmerei. In den Kreuzberger Prinzessinnengärten wachsen glückliche Kohlrabi in aufgeschnittenen Tetra-Packs direkt neben der öffentlichen Gartenküche, die Warteliste für eines der 300 Beete des Allmende Gartens auf dem Tempelhofer Feld wird täglich länger und auf dem Dach der Schöneberger Malzfabrik plant das Startup-Unternehmen “Efficient City Farming“ Berlins erstes Aquaponic-Projekt:
Ein Fischteich versorgt die anliegenden Hydrokulturen mit Dünger und Wasser, was oben gedeiht, soll eins drunter verarbeitet und im Erdgeschoss verkauft werden. Kurze Wege, lokal statt global. Sind sie das nun, die Zeichen der Zeit, die Vorboten einer heilbringenden Zukunft, das postkapitalistische Selbstversorgungsutopia, Berlin, die Ackerstadt?

Simona Koch, STADT – Berlin/Brandenburger Tor, 2012 http://www.en-bloc.de

Simona Koch, STADT – Berlin/Berliner Dom, 2012 http://www.en-bloc.de

Subversion durch Affirmation

Nein. Erstmal kommt das Geld, erklärt uns Holm Friebe:
“Alle Klischees über Berlin – die Stadt sei überbevölkert von digitalen Prekariern und spitzwegerigen, armen Internet-Poeten – haben längst aufgehört zu stimmen, wenn sie denn jemals gestimmt haben. Statt dessen stehen amerikanische Venture Capitalisten und Ashton Kutcher Schlange, Berliner Startups mit ihren Millionen zuzuschmeißen, und man findet kaum noch bezahlbare Programmierer in der Stadt. Berlin hat die besten Voraussetzungen, einen substantiellen Beitrag zur Wertschöpfung des mittleren 21. Jahrhunderts zu leisten. Diese wird mehr an der Schnittstelle von kreativen und technischen Disziplinen und Gewerken stattfinden. Der Modus der Arbeit wird zunehmend heuristisch, nicht algorithmisch sein. Mit anderen Worten: Vorn ist da, wo sich keiner auskennt. Das braucht man in Berlin, dem Welthauptquartier des Durchwurschtelns, niemandem zu erklären. Zudem ist Berlin auf dem Weg, eine wirklich internationale Stadt zu werden. Auch das wird zwangsläufig Geldströme nach sich ziehen. Bis es soweit ist, schnorren wir uns einfach noch ein bisschen mittels Länderfinanzausgleich durch.”

Die Durchwurschtler auf kapitalem Erfolgskurs, muss das sein? Will der neue, partizipatorische Bürger zwi- schen Urban Gardening, Co-Working-Spaces und Gentrifizierungs-Protesten nicht genau das Gegenteil? Die Beschleunigung aufhalten, weniger Weltstadt und mehr sozialen Raum?
“Wir haben ja Versuche erlebt, aus dissidenten oder subversiven Motiven den kompletten Bruch mit der Gesellschaft zu vollziehen”, sagt Holm Friebe,“in den 1960ern und 1970ern die Hippies und Drop-outs, die Landkommunen bildeten oder nach Portugal zogen und versuchten, Subsistenzsysteme auf die Beine zu stellen. In den 1980ern die Autonomen, die, wie ihr Name schon sagt, mit der Gesellschaft nichts mehr zu tun haben wollten. Beides hat mäßig funktioniert. Hermetisch geschlossene Gegenkultur-Enklaven verkommen zu Monokulturen und ersticken an sich selbst, weil der Stoffwechsel mit der Umwelt fehlt. Das ist eine fast ökologische Wahrheit. Die spannenderen Modelle folgen eher dem Prinzip ‘Subversion durch Affirmation’, sie zielen auf Veränderungen im Hier und Jetzt und beweisen etwa, dass auch andere Arbeitskulturen möglich sind, die ein entspannteres und selbstbestimmteres Leben und Arbeiten ermöglichen. In wie weit man sich dabei mit dem Schweinesystem einlässt, hängt natürlich von der individuellen Ideologie und Schmerzgrenze ab. Ich erlebe gerade in Berlin die eben nicht pathetisch formulierte, aber praktisch probierte Vision solidarischen Arbeitens in kleinteiligen und selbstorganisierten Strukturen. Ob das mit dem Hype um Urban Gardening zu tun hat, kann ich nicht beurteilen”.

Florian Reischauer, Berlin Bilder, A Piece Of Wasteland I http://piecesofberlin.com

Mehr als Beschäftigungstherapie für entfremdete Großstädter
Als “Hype” würde Nana Yuriko, gerade zurückgekehrt von der European Permaculture Convergence in Escherode, den internationalen Urban Gardening Trend nicht bezeichnen wollen – vielmehr fände hier ein essentielles Bedürfnis seinen dauerhaften Ausdruck. Ihr selbst geht es um genau die von Friebe angesprochenen Veränderungen im Hier und Jetzt. Sie sieht keinen Sinn mehr darin, “die hundertste Styroporverpackung aus dem Supermarkt nach Haus zu schleppen.” Yuriko ist Mutter, verheiratet und beschäftigt sich neben ihren Dokumentarfilmprojekten, wie dem kürzlich erschienenen Bar 25 Film, mit den holistischen Prinzipien des in den Siebziger Jahren in Australien entwickelten Permakultur-Konzepts: “Earth Care, People Care und Fair Share sind vereinfacht gesagt die Säulen der Permakultur. Ökologische Kreisläufe sollen beobachtet, verstanden und die Erkenntnisse auf alle Lebensbereiche übertragen werden. Schritt für Schritt.” Wer hier zynisch von Beschäftigungstherapie für entfremdete Großstädter spricht, vergisst, dass es gerade die kleinen aufkeimenden kollektiven Sehnsüchte sind, die einen realen Wandel der Gesellschaft nach sich ziehen können. Das ganz persönliche Glück, die ersten selbstgezogenen Tomaten aus dem biodynamischen Balkongarten in den Salat schnibbeln zu können, möchte nicht mehr allein ausgekostet, sondern zum Wohle aller geteilt werden, mit dem Nachbarn, der Stadt und am Ende der ganzen Welt. Tauschen und sharen, ein selbstverwaltetes Wir-Gefühl, das wenig mit Vereinsmeierei, aber viel mit dem verloren gegangenen Glauben an die Politik und dem Unverständnis für die abstrusen Mechanismen der Finanzmärkte zu tun hat. Und vielleicht auch als RealLife-Indikator für die Wechselwirkungen zwischen den globaldigitalen Communitys, Social Media, Cloud-Computing etc. und der diffus im Borg-Modus schwebenden Volksseele zu sehen ist. Vom Gemeinschaftsgarten zum autonomen Deutsch-Türkischen Umweltzentrum, vom Betahaus Co-Working Space zum nachhaltigen Stadtentwicklungsprojekt Holzmarkt an der Spree – occupy your city. Der Trend hat sich herumgesprochen bis hoch in die Amtsstuben – unlängst stattete auch Landwirtschaftsministerin Aigner, mit ein paar Journalisten und Kameras im Schlepptau, zwei der Berliner Farming-Projekte einen Besuch ab, um sich medienwirksam ins Bild setzen zu lassen.

Holzmarkt, Vorschlag zur Nutzung des ehemaligen Bar25 Geländes,holzmarkteg.de

Karen Linke, Chantier Berlinois, karen.linke.book.picturetank.com

Karin Linke, Chantier Berlinois karen.linke.book.picturetank.com

Wie erlebt der Stadtforscher und Berater Prof. Dr. Bastian Lange die Reaktionen von Politik und Wirtschaft auf die erstarkte Initiativkultur der Hauptstädter?

“Hier wird hochgradig Stress produziert für die formalisierte Ebene der Politik und ihrer Verwaltung”, meint Lange. “Und – das sieht man beim Co-Working-Thema ganz stark – vor allem für die großen Unternehmen. Da gab es Anfragen von globalen Dienstleistern wie TUI, die gerne wissen wollten, wo sie Abteilungen in diese Co-Working-Milieus hineinsetzen könnten, um zu erlernen, was dort für Wertigkeiten gelten, warum so eine große Zufriedenheit herrscht, warum auffallend mehr Menschen die Selbstständigkeit, also freie selbstbestimmte Mikroarbeitsorte wählen, statt Karriere innerhalb der fixierten Einheit eines Unternehmens zu machen. Es sind aber auch Institutionen wie das Goethe-Institut interessiert, die gerne wissen wollen, was für eine Artikulation von Kultur hier stattfindet und wie diese zu nehmen und zu nutzen ist.”

Als “fast subversives Moment” beschreibt auch Lange die anpassungsfähigen, und für die, die sie generieren, in hohem Maße Vertrauen schaffenden Modelle der kleinteiligen Initiativen, die vielleicht gerade erst selbst begreifen, dass sich mit ihnen eine Post-Wachstums-Ökonomie herauszuschälen beginnt. Wer genau sind nun die Menschen hinter den Initiativen? Das möchten auch Langes Auftraggeber wissen: “Ich bekomme da die verschiedensten Anfragen, manche suchen nach dem Typus des neue Städters, andere suchen das Typus des neuen Handwerkers und wieder andere suchen das Typus des neuen Unternehmers. Natürlich versucht man diese ganzen Subjektpositionen zu aktualisieren, was vielleicht auch notwendig ist – ich fin- de es aber viel zielführender, wenn man das Verhältnis zwischen dem Individuum und seiner Mikropolis anschaut. Was sind das für Milieus, was sind das für Beziehungen? Und das ist auch für Berlin absolut entscheidend: Es handelt sich bei den beschriebenen Phänomenen eben nicht nur um homogene Berliner Communitys, sondern translokale. Keiner dieser einzelnen Co-Worker-Urban-Gardening- Freaks würde es faktisch hier schaffen, wenn nicht ein zumindest europaweites Netz an potentiellen Auftraggebern und Gleichgesinnten existierte, für Vorträge, kleine Studien, Praxisbeispiele, Workshops, Seminare und so weiter. Das bildet natürlich auch noch einmal diese Figur ‘Berlin als Laboratorium’ heraus, was zunehmend abhängig ist von anderen Wissensnetzwerken und Auftraggebernetzwerken auf europäischer Ebene.”

Strunzdumme Politik
Und so pendeln die Friebes, Lobos, Langes allwöchentlich heraus aus ihrem Kreativlabor Berlin in ganz andere Städte, um zu beraten und Innovationen anzuschieben, während die Berliner Politik in vorauseilendem Gehorsam die bereits erreichten Freiheiten und Durchlässigkeiten Berlins zur Disposition stellt und an einer vermeintlich standortfördernden Normalisierung im Sinne Frankfurts oder Münchens arbeitet.
“Die zentrale politische Frage sollte die nach dem neuen Bürger sein und was die Stadt Berlin eigentlich an Angeboten entwickelt, die auf Zukunft gestellt sind und nicht nur auf Bestandsicherung des Althergebrachten. Das Ungleichgewicht liegt aber auch darin, dass diese Stadt eigentlich so rummsvoll ist mit schlauen Menschen, wir aber eine strunzdumme Fachpolitik und keine gescheiten Leute mit Weitsicht und einem intellektuellen Standing auf der Landesebene haben”, ärgert sich Bastian Lange, und: “Berlin hätte die Chance, eine absolut starke Nische, einen Claim für sich aufzubauen. All diese Hochkulturprojekte, Wirtschaftswachstum- und Finanzkapital-Ideen sind doch bereits besetzt. Die Leute kommen ja auch nicht in die Stadt, weil sie wissen wollen, wie es jetzt um Mediaspree bestellt ist. Unlängst tauchte aber z.B. die Hongkonger Wirtschaftsministerin unangemeldet bei uns im Co-Working-Space Betahaus auf, um zu verstehen, wie so ein Space, so ein Entwicklungsmodell funktioniert.”

Da stehen wir nun in unserer schönen, internationalen Stadt und baden in Ambivalenz. Der wertekonservative, sozial engagierte Stadtfarmer, der liebevoll und klimaschonend altes Saatgut in die Erde bringt und dann ins nächste Flugzeug steigt, um den Workshop in Barcelona nicht zu verpassen. Die Politiker mit ihren Stiftungen und Stippvisiten, die sich brüsten mit den sexy Durchlässigkeiten ihrer Stadt und dem Unternehmergeist ihrer Bürger und am Ende doch wieder in die Großprojekte investieren. Gestresste Global Player wie TUI oder BMW, die die Paradigmenwechsel in den Konsumerseelen möglichst schnell für sich zu kapitalisieren suchen und die ausländischen Delegationen, Touristen, Zugezogenen, die sich ver lieben in das bunte Berliner Stadtlabor und dabei stetig in die Großstadtisierung der ach so gemütlichen Hauptstadt einzahlen. Und dann kommt noch Ashton Kutcher vorbei, zückt die Brieftasche und die Programmierer können in ihre neuen Townhouses in Kreuzberg einziehen – war da nicht mal dieser Garten? Schade, dabei hatten wir uns doch schon auf die Kartoffelernte vorm Brandenburger Tor gefreut. Und was erhofft sich Prof. Dr. Lange für die Zukunft Berlins? “Ich würde mir in der Praxis – nicht nur im ‘wording‘ – mutigere Politiker wünschen, mehr Radikalität, Auseinandersetzung und Annahme, eigentlich einen Generationswechsel, das wäre schon notwendig.” Immerhin: Laut einer aktuellen Umfrage aus der ZEIT wünschen sich acht von zehn Bundesbürgern eine neue Wirtschaftsordnung. Na dann, schaut auf diese Stadt, pflanzt ein paar Kohlköpfe und fabbt euch die Welt, wie sie euch gefällt. Wir bleiben alle.

Zu den Bildern:
Die deutsche Künstlerin Simona Koch arbeitet seit 2005 an der Bildserie “STADT”: Sie verbindet bekannte Berliner Stadtansichten mit fiktiven Naturszenarien, um die Notwendigkeit eines Gleichgewichts zwischen urbanem und Natur-Raum aufzuzeigen. Ähnlich funktionieren auch die mächtig dräuenden Bergfantasien von Jakob Tigges. Während bei Florian Reischauer das reale Berlin mit seinen wildwachsenden städtischen Brachen die Fiktion beinahe eingeholt hat zeigen nachhaltige Bauprojekte wie die Hochsitz-Häuser von “Raumlabor” oder die familienfreundliche Bar-25-Erwachsenen-Kommune am Holzmarkt wie die nächsten logischen Schritte Berliner Stadtplanungspolitik aussehen könnten.

Im Herbst erscheint Simona Kochs Buch “Organisms” im Verlag für Moderne Kunst

Holm Friebe: http://www.trend-update.de
Nana Yuriko: permakultur-akademie.net
Prof. Dr. Bastian Lange: http://www.multiplicities.de

Bergglück, Nutzungsvorschlag von Raumlabor für das Gelände des ehemaligen Palasts der Republik.

Moritzplatz, Entwurf von Raumlabor im Rahmen des Wettbewerbs “Linie 8”.

4 Responses

  1. prof. dr. dr. dr.

    Seit wann ist denn Dr. Bastian Lange auch Professor? Fehler?

    bastianlange.de/Download/BL_CV.pdf

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