Die Formensprache des Hongkong-Kinos hat Hollywood vor rund zehn Jahren den Action-Arsch gerettet, woran Regie-Legende John Woo maßgeblichen Anteil hatte. Nach Hollywood-Ausflügen legt Woo jetzt den etwas hüftsteifen Monumetalschinken ”Red Cliff“ vor, während sein Kollege Johnnie To mit “Mad Detective” die erfreulicheren Hongkong-Traditionen weiterführt.

Noch bis in die 90er Jahre hinein hielt das Hongkongkino unter westlichen Kinofans einen unumstrittenen Kultstatus. Nicht unwesentlich dazu beigetragen hat John Woo, der mit ”The Killer“ (1989) und ”Hard-Boiled“ (1992) zwei der besten Action-Filme aller Zeiten inszeniert hat, und dabei die Kunst der Ballerei im Kino wie kein anderer Regisseur zur Perfektion getrieben hat.

Die nahezu vierzigminütige Schießerei am Ende von ”Hard Boiled“, seinem letzten Hong-Kong-Film, ist nach wie vor in seiner Exzessivität unerreicht, zieht doch Woo hier mit Zeitlupen, Freeze Frames, Time-Overlaps und entfesselten Plansequenzen alle Register der filmischen Bewegungschoreographie. Ein Action-Rausch sondergleichen, der eine französische Filmtheoretikerin dazu hinriss, im Montage-Wahnsinn von ”Hard Boiled“ das zeitgenössische Gegenstück zu Eisensteins ”Panzerkreuzer Potemkin“ zu sehen.

Was danach folgte, war eher durchwachsen: Wie viele seiner damaligen Kollegen folgte John Woo dem Lockruf Hollywoods und drehte zunächst die zwei soliden Einstandsfilme ”Hard Target“ und ”Operation: Broken Arrow“. Nach den hyperbarocken Blockbustern ”Face/Off“ und ”M:I:2“ folgten zwei desolate Streifen (”Windtalker“ und ”Paycheck“), mit denen er sowohl künstlerisch als auch kommerziell unterzugehen drohte.

Währenddessen hat das Hongkongkino schleichend seinen Ruf als eines der aufregendsten asiatischen Kinoländer sukzessive an Südkorea, Thailand und den Philippinen abgegeben: Ehemals so große Regisseure wie Wong Kar-Wai verlieren sich in ihren letzten Filmen in kunstgewerblichen Selbstzitaten.

Staatstragende Ästhetik
Konsequenterweise hat John Woo Hollywood den Rücken gekehrt und ist mit ”Red Cliff“ scheinbar wieder zu seinen Roots zurückkehrt: Den veränderten geopolitischen Verhältnissen entsprechend ist jedoch ”Red Cliff“ keine Hongkong-Produktion, sondern ein 80 Millionen Dollar schweres großchinesische Prestige-Epos von viereinhalb Stunden Länge geworden.

Der Plot des Films liest sich wie ein nachträglicher ironischer Kommentar zu der Wiedereingliederung der ehemaligen Kronkolonie in das chinesische Festland: Im China des Jahres 208 versucht der machtgierige Cao Cao (Zhang Fengyi), Kaiser der Han-Dynastie, zwei abtrünnige Reiche im Süden und Westen zu erobern. Doch die beiden Feldherren der attackierten Reiche, Zhou Yu (Tony Leung Chiu-wai) und Liang (Takeshi Kaneshiro, Fallen Angels), schließen eine militärische Allianz und stellen sich am Roten Felsen der finalen Schlacht gegen die zahlenmäßig überlegene Armee von Cao Cao.

Die scheinbar machtkritische Erzählung von der Widerstandskraft der Rebellen wird leider durch den Stil des Film selbst konterkariert: In vielen Szenen des Films wirkt “Red Cliff”, als hätte ihn nicht Woo, sondern Zhang Yimou inszeniert, der in seinen letzten Produktionen vom einstigen Dissidenten zum Opportunisten der Staatsmacht mutiert ist und in pompösen Kostümspektakeln die Pracht der herrschaftlichen Repräsentation abfeiert.

In diesem Sinne scheint auch “Red Cliff” vom Zhang Yimou-Syndrom angesteckt: Immer wieder berauscht sich der Film an den geometrischen Formationen der Armeen, die durch den Ordnungsblick der filmischen Vogelperspektive gerastert werden. “Red Cliff” ist ein Film, der im ganzen Ausstattungs-, Kostüm- und Statisten-Overkill zu ersticken droht. Aber Kunstgewerbe ist nicht automatisch Kunst: So agiert auch die Topgarde der Hongkong-Stars seltsam leblos unter ihren gepanzerten Anzügen und wirkt wie eine Vielzahl dekorativer Objekte einer totalen und irgendwie auch unangenehm totalitären Ästhetik des Massenornaments.

Von dem schwerelosen Action-Ballet seiner früheren Filme ist nur wenig übrigeblieben, so sehr sich Woo auch bemüht, mit schnellen Kamerafahrten und sorgfältig drapierten Blutspritzern Dynamik zu erzeugen. Was bleibt, ist ein schwerfälliger Monumentalfilm, der zwischen gigantomanischen Schlachtszenen und statischen Dialogsequenzen hin- und herwechselt. An den endlosen Debatten über Kriegsführung und Kampfmanöver mögen sich vielleicht Militärstrategen erfreuen können; Woo erreicht es jedoch nicht, die “Kunst des Krieges” (Sun Tzu) in eine adäquate filmische Form zu bringen. Nur in einigen Momenten der endlosen Finalschlacht gelingt es “Red Cliff” seinem hohlen Bombast einen gewissen Mehrwert abzutrotzen: Wenn sich unter einem Hagel von Feuerbomben die Schiffsarmee von Cao Cao in ein apokalyptisches Flammenmeer verwandelt, schlägt tatsächlich Quantität in Qualität um und man lässt sich von der Überwältigungsstrategie des Films doch noch kriegen.

Trotzdem bleibt “Red Cliff” für Fans von Woo eine große Enttäuschung und wird den Eindruck nicht los, dass der Mann seine Integrität verkauft hat. In Deutschland kommt der Film erst gar nicht ins Kino und erscheint gleich auf DVD, in einer im Vergleich zur Originalfassung über zwei Stunden gekürzte Fassung. Aber so richtig schade ist das nicht.

Schizo jagt Schizo
Im Gegensatz zu John Woo ist Johnnie To der Versuchung Hollywoods nie erlegen und seiner Heimat Hongkong konsequent treu geblieben. Auch To gehört zu den großen Action-Choreographen des Kinos: Wenn die Action bei Woo tendenziell zur melodramatischen und opernhaften Überhöhung tendiert, bekommt sie bei To oftmals eine komische, geradezu burleske Note.

Ihm gelingt es in seinen Filmen der klassischen Shoot-Out-Situation (inklusive dem von Woo geprägten “Mexican Standoff”) immer wieder neue, feine Variationen abzuringen, wie zuletzt bei “Exiled” (2006), in der eine Red-Bull-Dose eine tragende Rolle der Action spielt. Sein Output ist beträchtlich mit über 50 Filmen bislang und schwankt zwischen eher seriöseren Genrestücken und völlig durchknallten Filmen.

Wie schon der Titel vermuten lässt, gehört der jetzt auf DVD erscheinende “Mad Detective” von 2007 der zweiten Kategorie an. Mit seinem langjährigen Drehbuchautor Wai Ka-Fai und seinem Regular Lau Ching-Wan in der Hauptrolle hat To einen Film gemacht, der nicht nur von einem psychotischen Protagonisten handelt, sondern auch filmisch ziemlich abgedreht ist: Der verrückte Polizist Bun (Lau Ching-Wan) ist überzeugt davon, die innere Persönlichkeit eines jeden Menschen sehen zu können.

Sein Kollege Ho (Andy On) bittet um Hilfe in einer Reihe von Mordfällen, die mit der Waffe eines verschwundenen Polizisten begangen wurde. Bun erkennt den Partner des Verschwundenen – den ebenfalls schizophrenen Ko Chi Wai (Ka Tung Lum) – als den Täter, da dieser sieben verschiedene Persönlichkeiten in sich birgt, die zu den verschiedenen Mordvarianten passen. Nur Bun kann die verschiedenen Personen auseinanderhalten, was sich aber seinen “normalen” Kollegen nur schwer vermitteln lässt.

Ein Schizo, der einen anderen Schizo jagt: Herausragend an “Mad Detective” ist, dass er die psychotische Wahrnehmung überhaupt nicht pathologisiert, sondern vielmehr selbst zu eigen macht. Im Laufe des Film wird es immer schwerer zu unterscheiden, ob es sich um objektive Bilder des Geschehens oder um die subjektiven Halluzinationen von Bun handelt. Während konventionelle Filme über Geisteskrankheit diesen Unterschied zwischen Realität und Fantasie deutlich markieren, hebelt “Mad Detective” die Grenze zwischen Innen und Außen mit lustvoller Fabulation immer wieder aus.

So feiert der Film den Triumph der Einbildungskraft über das Realitätsprinzip. “Mad Detective” ist auch eine witzige Allegorie auf das Vermögen des Kinos, die Fantasie dem Besitz des Einzelnen zu entreißen und für alle teilbar und erfahrbar zu machen. Das Ende ist mit einer Reminiszenz an die berühmte Spiegelkabinettszene von Orson Welles Film Noir “The Lady from Shanghai” mehr als konsequent.

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Elektronische Lebensaspekte.

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