Beim Arbeiten hinterlässt man Spuren, die zu pathetischen Zeiten auch gerne mal "Ausdruck" genannt wurden. Man kann sich diesen Spuren aber auch von den Rändern der Intention nähern. Die Schweizer Malerin Maya Roos umgeht hier über den Shortcut eines Computerprogramms alle Fallen. Und dass das Subjektive etwas mit Fragmentierung zu tun hat, war uns ja immer schon klar.

Speed Disk Paintings

Mit dem Subjekt ist das so eine Sache. Von Theorieangriffen stark zugerichtet, bleibt es beharrlich und schiebt sogar in den Computer seine Spuren ein, die wie cooles, farblich angenehm durchkomponiertes Loungedesign aussehen. Zumindest auf dem Macintosh. Was sich erst einmal etwas wirr anhört, bringt die Künstlerin Maya Roos zusammen. Ihre “Speed Disk Paintings” bilden eine Serie von abstrakten Leinwandbildern, die Porträts diverser Personen und Institutionen vorstellen. Der Titel der Serie ist im wahrsten Sinne des Wortes Programm. Denn “Speed Disk” ist ein Systemtool der Mac-Software “Norton Utilities” und kümmert sich um Dateimanagement. Der kleine Ordnungshelfer nimmt sich der durch Datenakkumulation entstandenen Fragmentierung der Dateien an, schichtet um, fügt zusammen und verschafft der Festplatte einen optimalen Arbeitszustand. Fragmentierung wird durch Optimierung ersetzt. Um dem User seine angerichtete Unordnung vor Augen zu führen, hat sich Doktor Norton eine Visualisierungsmethode des Festplattencontrollings ausgedacht. Verschiedenfarbige horizontale Streifen – rosa für Programme, weiß für freien Speicherplatz, gelb für Systemdateien – ergeben ein Bild der momentanen Disposition des Computers. Oder genauer: seines Benutzers. Jeder potenzielle Screenshot ist individuell und erzählt auf seine Weise von der Arbeit seines Anwenders. Das ist der Einsatzort von Maya Roos Umgang mit der Gattung Porträt im besonderen, sowie mit abstrakter Malerei im allgemeinen. Die horizontalen Farbstreifen sind exakt und von perfekter Oberflächenglätte. Da kann man schon mal auf die Idee kommen, es seien gar keine gemalten Bilder, sondern Plots. Mit der auf der Bildoberfläche suspendierten Autorschaft trifft sich Roos zwar mit Maltraditionen wie dem Hard Edge, doch an der Basis des Bildes hat eine entscheidende Verschiebung stattgefunden, die das harte Kompositionsregelwerk von Hard Edge & Co komplett unterwandert. Stattdessen gibt es subtile Ironie. Mimetische Abbildungsverhältnisse von Computerbefindlichkeiten, die aber mehr über den Zustand einer Person aussagen als physiognomische Literalsinnmalerei. Mit “Speed Disk Paintings” gelingt Maya Roos im formalsemantisch falschen Fahrwasser eine unvermutete Variante des Repräsentationsporträts. Roos hat im abstrakten Malereikosmos einen Systemfehler freigelegt. Da freut sich das Subjekt.

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Elektronische Lebensaspekte.

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