Wer von der Nato attackiert wird, kriegt die Bombenlast stets unter einem klangvollen Label verpasst. Wir erinnern uns: "Enduring Freedom", "Shinig Hope" oder "Amber Fox". Das jugoslawische Medienkunstkollektiv Urtica hat das ultimative Onlinegame zu den Namen der NATO-Operationen entwickelt. Debug hat Violeta Vojvodic und Eduard Balaz von Urtica in Novi Sad getroffen.

NATO bittet zum Memory-Spiel
Das Medienkunstkollektiv Urtica aus Jugoslawien

Novi Sad, Hauptstadt der Provinz Vojvodina in der Bundesrepublik Jugoslawien. Knapp hundert Kilometer nordwestlich von Belgrad, auf halber Strecke in Richtung Ungarn. Seit 1999 international bekannt wegen der von NATO-Bomben zerstörten Donaubrücken. Die Universitätsstadt ist im Vergleich zur serbischen Kapitale wohltuend relaxed. Es überrascht wenig, wenn hier ästhetisch schlichte und prägnant konzipierte Medienkunst entsteht. Novi Sad ist die Wirkungsstätte von Urtica, einem inzwischen dreijährigen Kollektiv. Debug traff Creative Director Violeta Vojvodic und Art Director Eduard Balaz zum Mittagessen beim Griechen, Espresso und Plaudern beim Italiener – dazwischen Sightseeing in der schnuckeligen Altstadt. Neben einem Penner, der eben abgekratzt ist und provisorisch mit einem Leintuch bedeckt in der Fußgängerzone liegt, sind die Auslagen mit Diesel, Nokia, Swatch und anderem Markenschrott voll gestopft, der von jungen Frauen in arschbetonten Jeans und J-Lo Brillen begutachtet wird. An die Synchronität von kaputt und trendy muss man sich in Jugoslawien einfach gewöhnen.
Violeta und Eduard fallen in dieser Lifestyleeinöde auf. Beide sind schlank und groß gewachsen, Brillen- und Strickjackenträger. Er trägt ein Bärtchen, sie eine unprätentiöse Kurzhaarfrisur; ein bisschen wie sich das Klischee Intellektuelle oder Existentialisten vorstellt. Beide absolvierten Kunsthochschulen in Novi Sad und Belgrad. Seit 1997 arbeiten die 30 -jährigen an gemeinsamen Projekten, seit drei Jahren bilden sie zusammen mit Olivera Stosic das Medienkunstkollektiv “Urtica”, eine “Independent Media and Art Research Group”. Die Namensgebung stammt von einem Projekt mit dem Titel “Urtica medicamentum est” – Brennessel ist die Medizin -, einer multimedialen Werbekampagne, die das heilende und beißende Kraut als “Social Healing Therapy” vorstellte – mit Nesselkleidern, Nesselbetten und Nesselkuren soll die Gesellschaft therapiert werden.

DeBug:
Was meint ihr genau mit “Social Healing”?

Violeta:
Es geht uns in erster Linie darum, über Dinge zu sprechen, die zwar alle sehen, aber niemand anzusprechen wagt – oder anders gesagt: Wir wollen den Finger in die Wunden der Gesellschaft halten. Ausgangspunkt für unsere Arbeiten ist stets ein sozialer Brennpunkt, den wir zuerst mit Recherchen ergründen und dann mit einer künstlerischen Arbeit umsetzen.

DeBug:
Weshalb seid ihr anlässlich eures Gründungsprojekts mit einer Werbekampagne aufgetreten?

Violeta:
Nachdem wir unsere Kunst jahrelang in Galerien und Ausstellungen präsentiert hatten, suchten wir einen Ort für unsere Arbeiten, der ein breiteres Publikum anspricht. Und das waren die Massenmedien. In den Galerien war man unter sich. Das war zwar nett, aber entsprach nicht unserer Vorstellung von Kunst. Außerdem war das soziale und kulturelle Klima im Jugoslawien der späten 90er Jahren derart frostig, dass sich viele Leute in die eigenen vier Wände zurückzogen. So blieb uns nichts anderes übrig, als die Massenmedien zum Kanal unserer Arbeit zu machen.

DeBug:
Wie war es denn möglich, die Werbung für eure – zum Teil recht absurden – Brennessel-Produkte bei den großen Medienhäusern unterzubringen?

Violeta:
Da wir unsere Spots als Werbung für reale Produkte angepriesen haben, war das kein Problem, außerdem wurde unsere Kampagne im Rahmen von Mediensponsoring für ein Festival unterstützt.

Eduard:
Bei der unabhängigen Fernsehstation B92 konnten wir unsere Spots zudem in einer Art offenem Kanal ausstrahlen lassen.

Das aktuelle Projekt von Urtica heißt “Lapsus Memoriae”, zu deutsch: Gedächtnislücke. Eine farblich dezent in schwarz/weiß und Grautönen gehaltene, sowie gestalterisch an einfachen und klaren Formen orientierte Flash-Oberfläche lädt zum Memory-Spiel ein; Kärtchen aufdecken, respektive am Bildschirm anklicken und hoffen, dass man auf zwei identische trifft. Banal und harmlos, ist man versucht zu sagen, wäre da nicht der politisch brandaktuelle Inhalt des Spiels. Auf den Spielkarten sind die Namen von NATO-Operationen der vergangenen zwölf Jahre als Icons visualisiert. Deckt man zwei nicht identische Kärtchen auf, erscheint die Fehlermeldung “Lapsus Memoriae” auf dem Bildschirm, was in diesem Kontext so viel bedeutet, wie: Du hast die NATO-Terminologie noch nicht verinnerlicht: Weiterspielen! Der Urinstinkt des Spielers, nämlich möglichst erfolgreich abzuschneiden, lässt ihn die Kriegsrhetorik verinnerlichen. Schafft man es zwei identische Felder anzuklicken, wird zur Belohnung in einer Laufschrift der historische Kontext der betreffenden Kriegsaktion, sowie verschiedene Bedeutungen der Operationsnamen eingeblendet. Aus sämtlichen ihnen verfügbaren Wörterbüchern haben Urtica die Begriffe zusammengetragen. Und siehe da: Mit Krieg hat höchst selten einer der Termini etwas zu tun.

Debug:
Inwiefern ist “Lapsus Memoriae” im Kontext des NATO-Luftkriegs gegen Jugoslawien vor drei Jahren zu lesen?

Violeta:
Der jugoslawische Hintergrund war nicht allein der Anlass für die Entwicklung von “Lapsus Memoriae” – er hatte aber sicher einen großen Einfluss. In erster Linie sind wir an Themen wie Werbung und Branding interessiert. Was die NATO mit ihrem Operationen betreibt, ist im Prinzip nichts anderes als ein Branding. Mit “Lapsus Memoriae” wollen wir an einem konkreten Beispiel die Double-Standards von vermittelter und realer Information auf spielerische Weise aufzeigen.

Debug:
“Lapsus Memoriae” lebt stark von der visuellen Komponente. Woran habt ihr euch bei der Umsetzung orientiert?

Eduard:
Es ist eine Mischung aus Illustrationen, welche die Namen der NATO-Operationen visualisieren, sowie Logos, die den gleichen Gesetzen gehorchen wie im kommerziellen Kontext. Auch auf der grafischen Ebene haben wir versucht einen ironischen Touch reinzubringen.

Das Icon für die NATO-Waffeneinsammelaktion “Essential Harvest” in Mazedonien zum Beispiel sind drei leicht geneigte Ähren, die ebenso gut als Logo für einen Getreidegroßhändler stehen könnten. Ursprünglich war “Lapsus Memoriae” als interaktive Installation im öffentlichen Raum vorgesehen, scheiterte aber an fehlendem Finanzen für den Kauf der erforderlichen Hardware. Deshalb ist das Projekt nun auf CD-Rom und im Web zugänglich.

Debug:
Inwiefern dient euch bei der grafischen Umsetzung das urbane Umfeld in Novi Sad und anderswo als Inspirationsquelle?

Eduard:
In keiner Weise. Wir gehen sehr abstrakt ans Werk und orientieren uns an der Aussage unserer Projekte. Ich lasse mich kaum von städtischer Umgebung beeinflussen. Mir geht es einzig und alleine um die visuelle Strategie und das Konzept.

Debug:
Welchen Einfluss hat der Umstand, dass in Serbien zwei Alphabete – das lateinische und das kyrillische – verwendet werden, auf euer Schaffen?

Eduard:
Es gibt tatsächlich einen Zusammenhang zwischen unserem Branddesign und dem kyrillischen Alphabet. Im Gegensatz zu den lateinischen Buchstaben, lassen sich die kyrillischen Schriftzeichen in einen quadratischen Rahmen einpassen.

Violeta:
…und haben dadurch eine kompaktere oder massivere Erscheinungsweise.

Ob man als Medienkünstler in Jugoslawien (über)leben kann, wollte Debug von Urtica noch wissen. Doch, das sei durchaus möglich. Neben Stipendien – die letzten drei Monate des vergangenen Jahres haben Violeta und Eduard als Artists in Residence in Wien verbracht – und eher bescheidenen Preisgeldern, finanzieren sich die beiden das Leben als Freelancer in der noch kleinen Werbewirtschaft Jugoslawiens. Eduard arbeitet regelmäßig bei einer Agentur als Art Director und realisiert kommerzielle Aufträge für beliebige Produkte, Violeta hat erst jüngst als Freelancerin an der neuen Corporate Identity von Novi Sad als “Stadt der Künste” mitgearbeitet. Doch die Kunst steht im Vordergrund und das nächste Projekt ist bereits in Vorbereitung. Quasi als logische Fortsetzung von “Lapsus Memoriae” entwickelt Urtica ein interaktives Wörterbuch, das sich mit den üblichen sozial konnotierten Missverständnissen im alltägliche Sprachgebrauch befasst. Wir sind gespannt.

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Elektronische Lebensaspekte.

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