Antye Greie-Fuchs und Jotka schließen sich auf ihrem fünten Album "Filesharing" immer symbiotischer zusammen, um dann mit den offengelegten Samples die ganze Welt zum Mitmachen einzuladen. Laub im offenen Prozess, aber musikalisch so dezidiert wie nie.

Weiß, weiß, weiß ist alles, was ich habe

Während die Urheberdebatte weite Wellen schlägt und man die kleinen Zwischenergebnisse bis zur endgültigen Lösung aus dem Auge verliert, trödeln Laub nicht lange herum. Antye Greie-Fuchs und Jotka legen mit ihrem fünften Album “Filesharing” auf Kitty Yo die eigene Grundeinstellung zur Diskussion dar. Totale Transparenz ist das Motto, und so ist ihre Art des Filesharing-Gedankens ein Angebot an den User, wie es das bis dato nur selten gab. Mit der Kombination von Audiofiles und einem CD-Rom-Teil geben Laub dem Nutzer die Chance, einen umfassenden Blick hinter die Kulissen werfen zu können und das Gesehene auch weiter zu verarbeiten. Neu in diesem Kontext ist, dass man Samples der einzelnen Stücke findet, die in ungewöhnlich hoher Qualität und mit Speicherbutton daherkommen und zum Bearbeiten einladen. Wer also mag, kann sich Laub aus allen Perspektiven betrachtend ins Haus holen und selbst in kreativer Auseinandersetzung emphatisch nachfühlen. Bei den Anwendungen hat man sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner aller User geeinigt, einen Browser hat jeder auf seinem Rechner.

“Filesharing” ist die zugänglichste Platte von Laub. Aber Vorsicht mit dem P-Wort. Man muss ja nicht alles Pop nennen, was sich an Stimme und Melodie(-teilchen) ausrichtet, vor allem nicht, wenn es wie bei Laub trotz allem Entgegenkommen so ostentativ und selbstbewusst nach der Grenze zwischen sperrig und unsperrig tastet. Der Begriff Pop wird aber von Laub, mangels anderer Beschreibungsalternativen, in Konfrontation mit Laptop und eben dem Filesharing-Gedanken gesetzt. Pop als der Glamour, den man teilen kann. Während der Begriff “Pop” im allgemeinen als defensive Ratlosigkeit eingesetzt wird, meint es bei Laub den ästhetischen Sieg über die “Irgendwie-Drum and Bass-mit Gesang” Einengung. Mittlerweile haben Laub es geschafft, dass man nicht mehr nach der stilistischen Herkunft fragt, sondern danach, was vom ‘Nullpunkt’ Laub aus nach vorne möglich ist.

Musikalisch gibt “Filesharing” die persönlichen Entwicklungen und Arbeitsweisen von Antye und Jotka wahrscheinlich am besten wieder. Beide sind dicht dran am Netz, Jotka führt eine Webdesign-Firma und Antye thematisiert auf Seiten verschiedenster Content-Anbieter und auch allein den Umgang mit Neuen Medien und Technologien. Nebenbei hat Antye nach diversen Kooperationen wie mit Vladislav Delay auch ihr erstes Soloalbum “agf – head slash bauch” auf Kit Claytons Label “Orthlong Musork” veröffentlicht. Antye sieht “head slash bauch” als für sie wichtiges Experiment an, bei dem sie unabhängig von Tempo und Melodien Stimme und Text, also nur ihre eigene Freiheit, in die Totale setzt. Umtriebig also, die beiden. Und nebenbei hat sich das Filesharing auch als die optimale Arbeitsweise über die Jahre etabliert. So dass man eben nun nicht mehr, laut Antye, riesige Bandmaschinen durch die Gegend trägt, sondern sich nur noch die Files per Mail zuschiebt. Laptop-User mit Open Source-Parteibuch eben.

AEROBE ZWISCHENWELTEN

Auf “Filesharing” klingen dann auch Antyes Vocals gleichberechtigt zum abstrakten Sound der Elektronik, die sich zwischen offensichtlicher Referenz zu Clicks and Cuts und digitaler Ästhetik bewegt. Die Stimme und die oft gezielt deskriptiv wirkenden, simplen Texte lösen dabei mit einer Leichtigkeit die Schwere des Klangs auf und fügen sich warm und versöhnlich ins Gesamte ein. Antye schlängelt sich geradlinig über die knispernden Beats und liegt doch wie ein nahezu transparenter Film darüber. Kooperationen im Sinne des Filesharings so wie mit Mathias Schaffhäuser bei “Mofa”, Craig Armstrong oder Interludes von Anima/ Vladislav Delay, der auch das Vocaldesign übernommen hat, in Kombination mit von Jotka eingespielten Gitarrensamples geben der Platte Weite. “Kleine persönliche Sachen wie die Interludes sollen der Platte Luft geben und eine Geschichte zwischen den Stücken erzählen. Damit können wir auch eine andere Welt aufzeigen, die zwischen uns und den musikalischen Einflüssen steht”, so Antye.

Das Thema Pop steht für Laub allerdings immer noch zur Debatte, greift sich aber nicht an konventionellen Definitionen fest, sondern will anders angepackt werden. Antye dazu: “Wir haben immer versucht, mit Laub Popmusik zu machen, ohne uns um den EINEN Weg zu kümmern. Ob das jetzt über Musik und Sound oder Beats, Stimme, Lyrics geht oder die Frage, wie Sachen aufgebaut werden. All das haben wir immer versucht in Frage zu stellen und anders zu machen. Was jetzt auf dem neuen Album gar nicht mehr so stark ist, aber wir wollten uns am klassischen Modell orientieren, also Strophe, Refrain. Eigentlich wollten wir immer Popmusik mit einem anderen Hintergrund von Sounds machen. Wir sind beide Soundfreaks. Wir sehen uns musikalisch also ganz klar beeinflusst aus allen Richtungen. Ob das Drum and Bass war Mitte der Neunziger oder Techno und House. Die einzelnen Strömungen waren zwar nie wirklich für uns gemacht, haben uns allerdings beeinflusst, wie jetzt die Clicks and Cuts-Entwicklung.” Die Definition des Begriffes Pop in bezug zu Laub legt Jotka dann noch in eine ganz andere Richtung: “Pop als Wort hat auch noch eine andere Assoziation für mich. Es hat immer was mit dem Gefühl von zu Hause sein zu tun, eigentlich ein Einen-in-die-Arme-nehmen-Gefühl. Also auch Erinnerungen an Songs, die einem mal wichtig waren. Es wurde uns ja immer vorgeworfen bei den anderen Platten, dass wir eben dieses Gefühl Leuten verweigert haben. Und genau das haben wir bei dieser Platte wieder versucht.” Antye entgegnet, “ich weiß nicht, ob wir das verweigert haben. Richtige Laub-Fans haben sich am Ende dann doch mit den Songs eingeschlossen. Und das war ja immer so ein Traum, Platten zu machen, die so persönlich sind, dass einem nichts anderes bleibt, als sich mit ihnen einzuschließen”.

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Elektronische Lebensaspekte.

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Laub Jochen Ditschler Gibt es eine schönere Zeit für Pop als den Herbst? Geheimnisvolle Schwaden geronnener Feuchtigkeit klopfen an dein Fenster, das Blattwerk rottet munter am Boden vor sich hin, oder es findet sich im übertragenen Sinne in deinem CD-Player wieder. Aus Berlin naht wieder einmal die Rettung, metropolitaner, hmm, “kopflastiger” Deutsch-Pop mit wundersamen Gesang, Drum’n’Bass und Gitarren – ja bitte! Nachzuhören auf dem aktuellen “kopflastig”-Album auf Kitty-Yo, zum Gegenlesen hier das Thesenpapier von Antye (A: ) und Jotka (J: ), lang lebe die FUNKTIONALE GROSSSCHREIBUNG !! Biodaten J: Fonky Start mit 15, 3 Gitarrenakkorden und erster Band (schrammel!), Hardcore-Aktivist im kleinen süddeutschen Städtchen und immer weiter gemuckt, probiert, gefallen, weitergemacht. 92 Antye kennengelernt. Kurzes gemeinsames musikalisches Intermezzo, 94 wieder getroffen, seitdem Zusammenarbeit, woraus Laub entstanden ist. 95 Job. Wohnung. Konsum aufgekündigt und zwecks konzentrierter Arbeit an der Musik nach Berlin gezogen, die Idee war, sich aus allem auszuklinken. Großstadtmusik in der Großstadt, eine lebendige Musikszene ist eben immer noch immer “mehr” interessant als Fernsehen. A: Im Osten Gitarrenpopmusik mit Band. Jugendsünden. In englischer Sprache gesungen, bis Mauerfall. Dann nach Berlin. Wohnung besetzen, Ostkreuz, neu orientieren angesagt. Verzettelung. Liebe. Süddeutschland. Jotka getroffen, wieder getrennt. Wollte elektronische Musik machen. 93 nach London. Mit Pipicomputer der ersten Stunde. Commodore 64. Zum Beispiel “tanze” ist dort entstanden. Und die deutsche Sprache hat mir immer viel bedeutet, zwischen lauter englisch Sprechenden. Ganz alleine tapfer durch Pubs getingelt. 94 zurück nach Deutschland. Weil Liebe. Band zusammenüberredet. Jotka dabei, seitdem für nichts anderes gearbeitet. Als für das was jetzt Laub ist. Verirrungen. Trennungen. Mein Traum. Elektronische Lebensaspekte. Musik. Sprache. Intensität… Veröffentlichen. Nach ausführlicher Sound- und Labelsuche war ja dieses Jahr schon mal ein bißchen ein Glücksjahr. Berlin ist wundervoll. Kitty-Yo auch. Vernetzung. Feedback, du weißt schon. Man fühlt sich hier nicht so alleine. Meistens jedenfalls und dann gibt’s ja zum Glück noch Computer. Pop J: Pop bedeutet erstmal populär und nichts weiter. So gesehen besteht unser Pop aus den für uns populären Elementen und das kann eben auch eine Bassdrum, eine verfremdete Stimme, die eher nervt denn einlullt, Fiepssounds der Gitarre sein. Vorbildcharakter hat dabei eher das Lustprinzip, denn konkrete Musikstile. Produktionen, Künstler, natürlich sind wir nicht unbeeinflußt von dem, was um uns herum passiert. Favourites sind da genauso Trommel und Bass wie Coltrane, letztendlich kann man musikalische Einflüsse genausowenig ausschließen, wie man sie konkretisieren kann. Musikalische Initiation geschieht subtil über Jahre. Wenn man Glück hat, hört sie nie auf. A: Da gibt’s für mich nichts hinzuzufügen. Mayor vs. Kitty-Yo A: Verirrungen konkretisieren. Ich wollte Musikmachen. Und leben. Deshalb die Naivität, einen Majordeal einzugehen. Alles Verzettelung. Unhaltbare Kompromisse. Alle viel zu langsam. Letztendlich hat Kitty-Yo den Zuschlag bekommen. Weil wir dort den größtmöglichen künstlerischen Freiraum genießen. Vor allem im Kopf macht das verstaubte oder nie da geglaubte Türen auf. Außerdem wollen wir unbedingt alleine und zu Hause produzieren. Was Soundnachteile in manchen Ohren haben kann. Aber für mich hatte Ungestörtheit Priorität. Lyrics vs. Stimminstrumentale Klangmalerei feat. Favourites A: Stimminstrumentale Klangmalerei ist nicht schlecht. Auch wenn das keiner gerne hört. Trotzdem ist deutschsprachig natürlich schwierig und hör ungewohnt (außer Schule, HipHop. Kindermusik oder Petry). Ich arbeite seit 93 an meiner Version von Wort und Melodie, Sprachfluß, Nichtfluß und Inhalten im Zusammenhang mit elektronischer Musik. Mir sind keine ähnlichen Produkte bekannt gewesen zum Zeitpunkt der Produktion (später fand ich die Wohnton von Oval. So mit Melodie und Elektronik. Da hab ich ein bißchen Seelenverwandtschaft gespürt und bei Kinderzimmerproductions wenn sie sprechen: manchmal wünsch ich mir, daß jemand wissen will, was mir was bedeutet…. aber das war später). Ich hatte also keine Bezüge, Vorbilder. Ich persönlich halte meine Inhalte und deren Herkunft für geheimnis- bzw. nicht zerredenswürdig. Allerdings freu ich mich, wenn andere es tun. Das finde ich spannend. Deutsch ist meine Sprache und ich finde, empfinde es als Herausforderung, mich mit ihr zu beschäftigen. Wobei das auch eher schlampig geschieht. Ich sitze nie lange irgendwie und feile… dafür habe ich keine Geduld. So ist vermutlich Inhalt eher in meinem Unterbewußtsein zu suchen. Was nicht zu Kopflastigkeit paßt. Aber kopflastig sind auch nicht die Worte. Wirklich. Eher die Beurteilung von Intuition. Aussieben. Danach. Für die Welt da draußen sollen es freie Assoziationsfelder sein. Assoziationen aufkommen lassen. Reflektieren. Provozieren. Für mich persönlich ist Reflexion das zweitwichtigste im Leben. Was mir besonders am Herzen liegt? Miniversum unbedingt (darauf bin ich schonmal ein bißchen stolz)…. Intensität wenn du mit mir…. Risse. Ist Erinnerung an N.Y.C…. tanze. Meine ersehnte Zwangsisolation in London. Zu mir. Eine nicht ausgelebte Liebe. Frei. Mein anstrengendster Freund…. ja so eben… Produktion und Schöpfung J: Antye bereitet die Grundstruktur am Sequenzer vor. Die Gitarren entwickeln die Harmonien weiter. Fiepst. Zwischen. Vor. Hinter der Stimme. Soundsuche, Soundschichtung. Verdichtung, Suche nach akustischen Räumen , von da ab ständiger Wechsel der Arbeitseinsätze. Die meist unabhängig voneinander passieren, Kommunikation ist oft nur per Zettel aufm Küchentisch, per Aufnahmen, per Sequenzer möglich. Stimme von Antye, gemeinsames unabhängiges Ausarbeiten der Programmings, im Mix passiert dann noch ziemlich viel. A: Am Anfang steht Soundsuchen. Editieren. Programmieren. Spielen. Sammeln. Testen. Basteln. Das macht am meisten Spaß. Dann Songstrukturen einflechten. Worte suchen. Dann Auseinandersetzen mit Jotka. Dann Produktion. Viel lernen. Und wenig schlafen. Selten essen. Schichten=Geld verdienen gehen…dann endlich mal wieder Freunde sehen und Musik hören. Den Trost der Welt. Genießen. Tritop/Drum ‘n’ Bass j: Tritop. Unser Zweitprojekt. Ab nächsten Frühjahr auf infracom!. Wurde mal locker ausm Ärmel für eine Party entwickelt. Die Idee war, mit weniger Programmings und Vocals ein drum n bassiges Live-Impro-Set zu spielen, Tritop ist also kein Drum ‘n’ Bass-Projekt, eher eine analog beeinflußte Crossovergeschichte, die erste Tritopveröffentlichung wird ein Beitrag auf dem im Februar erscheinenden infracom!-Sampler sein, etwa zeitgleich wird eine Vinyl-Maxi erscheinen und im Mai dann der Longplayer. A: DnB spielt eine große Rolle für mich. Ich bin 93 in London das erste Mal mit Jungle und DnB-Ansätzen in Berührung gekommen. Und weiß noch genau, wie ich am liebsten in das Soundsystem reingekrochen wäre. Mit staunenden Augen. Die Bässe :-)))))))). Natürlich waren die Tracks damals unüberschaubar für mich. Ich ahnte, daß es für mich die schlüssigste Musik werden sollte und ich bin ja schon eher ein Liebhaber des geschmackvollen minimalistischen oder des kranken DnB. Vermutlich Musik, die unter Hardlinern nicht als DnB anerkannt wird (an die liebe Dnb-Polizei.) Was mich nicht !!!! interessiert ist: was DnB sein darf und was nicht. Und warum. Ich bin an jedwedem Prinzipienbrechen und Brechen zum Prinzip Machen interessiert. Und die Elemente von DnB sind die besten Mittel das auszudrücken. HipHop ist mir zu schwer, Techno zu einspurig, House zu lustig, Electro zu fiepsig, Jazz zu jazzig. Ich suche die Wege danach. Die Geschwindigkeiten in verschiedenen Ebenen. Die B-Seiten und elektronischen Kreuzungsversuche mit dem Mensch/Musiker. Außerdem reizt mich das hohe Niveau dieser Musik. Tritop soll hauptsächlich instrumental dastehen. Wenig Vocals. an der Schnittstelle DnB. Triphop. Elektro. Analog und digital. Du weißt schon. Kieken was danach kommt. Was noch keinen Namen hat. Club- vs. Couchkontext J: Die Laubsongs sind auf Tonträger eher was zum allein hören, man muß sich schon drauf konzentrieren, Laub kann man nicht so nebenbei hören. Dann ist die Musik eher stressig. Ein Feedback das wir sehr oft bekommen ist, daß Leute sagen, die CD hätte sich bei ihnen bei jedem Mal hören mehr erschlossen. Ihre Verwunderung darüber, daß es immer tiefer reingeht, die Entdeckung nicht nach dem 5. Mal hören aufhört, sondern erst anfängt. Weil man die Offensichtlichkeiten hinter sich lassen kann. Live wird die Sache eher nachvollziehbar, wir arbeiten mit einem Drummer und ich sample und loope die Gitarre auf der Bühne in Realtime. D.h., die Leute sehen dann eher, wo die vielen komischen Sounds herkommen, die man beim bloßen Hören nicht der Gitarre zuordnet . A: Wir wissen nicht, in welchem Kontext wir stehen. Es gibt ihn nicht. Wir sind absolut autonom. Leben im Herbst J: Frisch verliebt sein. Weiterarbeiten. Wachsen. Auch im Herbst. A: Nach Jörg Sundermeier. Den Fall ausnutzen. Den Moment auskosten, frei zu sein. Und danach sehnsüchtig sein. Nach Fallen und darüber nachdenken, wie es war. Und dann sterben und von vorn anfangen zu programmieren. Im Winter muß man soviel wie möglich programmieren. Weil Sonne ernten ist.

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