Mercedes Bunz und Simon Rogers vom englischen Guardian untersuchen das Feld Datenjournalismus

2011 wird der Datenjournalismus das noch größere Ding. Ob das in unserer Mediengesellschaft dieselbe Hysterie wie Blogger auslösen, ist noch unklar. Das Zeug dazu hätten sie.

Veröffentlichungen von Daten aus US-amerikanischen Archiven zu den Kriegen im Irak und in Afghanistan haben dem Genre in den letzten Monaten zum nötigen Ernst verholfen. Wikileaks kam an Daten aus den US-Archiven zum Krieg heran, war sich aber nicht sicher wie das Material einzuschätzen ist. Sie gaben also das Material an die Datenjournalisten des Guardian, der NY-Times und von Spiegel-Online und baten sie um ihre Expertise.

Für den Guardian hat Simon Rogers zusammen mit den investigativen Reportern des Hauses die 92.000 Datensätze durchkämmt. Gerade sitzt er im Großraumbüro vor seinem großen Monitor und wälzt Excel-Tabellen. “Man muss gar nicht programmieren können, wichtiger ist es, die richtige Frage zu stellen”, sagt er und sortiert sich durch eine Pivot-Tabelle aus Material, das dem Guardian gerade zugespielt wurde – eine ellenlange Excel-Liste, Details zu Ausgaben der Regierung.

Rogers hat den Eindruck, dass der Zeitungsleser seine Arbeit grundsätzlich wichtig findet: “Sie trauen den Medien nicht wirklich über den Weg. Sie wollen wissen, was sich hinter einer Geschichte verbirgt, und sind an den Fakten interessiert, auf denen eine Nachricht basiert.“ Der Guardian verfolgt auch deshalb explizit einen “Open Data”-Ansatz, stellt Daten zum Herunterladen auf seine Website und fordert seine Leser auf, selber Apps oder Visualisierungen zu erstellen. Stolz zeigt Rogers, was Leser in den Afghanistan-Irak-Logfiles gefunden und sichtbar gemacht haben – eine Straße in Baghdad etwa, entlang der sich die Todesfälle auffällig häufen. “Da wird eine Reportagen-Story sichtbar”, sagt er.

Genau dieser Journalismus wird zunehmen. Doch Datensätzen könne man im Grunde ebenso wenig trauen wie Statistiken, meint Rogers, man braucht Expertenwissen, um die Datenberge einschätzen zu können – nun entdecken Journalisten die Suchfunktion an ihrem Computer, um die Datenberge mit ihrem Wissen zu durchforsten. “Eigenartiger Weise haben Journalisten traditionell Angst vor Daten, wahrscheinlich, weil sie Angst vor Mathematik haben. Sie finden Datenmaterial wenig attraktiv, es gilt als unkreativ. Sie hinterfragen es deshalb nicht sehr tief. Durch die Wikileaks-Veröffentlichung ist das Interesse erwacht.”

Der Nahost-Kriegsstatistik-Datenberg markiert für ihn den wichtigsten Moment für Datenjournalismus, nach dem Skandal um die Spesen britischer Abgeordneter, deren 485.832 Seiten der Guardian auf einem Google-Spreadsheet ins Netz gestellt hat, mit der Aufforderung den eigenen Abgeordneten zu checken. Wichtig war 2010 sonst noch die detaillierte Veröffentlichung statistischer Daten über die Ausgaben der einzelnen Ministerien der britischen Regierung, COIN.

Dass statistische Daten den Bürgern gehören, ist in Großbritannien die Überzeugung – kein geringerer als der Erfinder des WWW, Tim Berners-Lee, hat dabei ein wenig nachgeholfen, und 2010 mit data.gov.uk eine eigene Plattform gelauncht. “Auch die USA sind ganz gut, und Kanada holt gerade auf, vor allem auf regionaler Ebene”, sagt Rogers, und erwähnt auch Indien. Premierminister David Cameron ist gerade mit einer Delegation aus Hackern im Schlepptau dort gewesen, um einen HackDay zum Thema “civil society” zu veranstalten.

HackDays sind für Datenjournalismus entscheidend – beim Guardian ein gern gesehener Weg, um Interesse zu wecken und Kontakte außerhalb der eigenen Journalismusblase zu knüpfen. Rogers ruft die neue Guardian-Development-Seite auf, die der Entwicklungshilfe gewidmet ist. Hier wird man Daten zu Ländern, Hilfsaktionen, und Entwicklungshilfe finden.

Gefragt, was er vom nächsten Jahr erwartet, betont er noch einmal: “Wichtig ist weiterhin das Finden und Kuratieren von Daten. Ein Faktor, der dabei für uns arbeitet, ist im übrigen Design. Leute lieben gute Grafiken.”

Simon Rogers Data-Blog

Data-Store des Guardian

Statistische Daten von der britischen Regierung

9 Responses

  1. blind

    Liebe de:bug Authoren, bitte keine Daten in jpgs packen, die kann mir kein Computer vorlesen! Ich bin fast blind … Danke!

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