Der Versuch einer Antwort auf ”Mainstream der Minderheiten“ anlässlich der aktuell, verhandelten ”Krise des Popdiskurs“
Text: Rüdiger Lang aus De:Bug 131


Der Versuch einer Antwort auf ”Mainstream der Minderheiten“ anlässlich der aktuell, verhandelten ”Krise des Popdiskurs“ (siehe Pop am Nullpunkt in De:Bug, 131) .

Wer wollte nicht behaupten, dass Popkultur etwas mit Begehren zu tun hat. Mit dem Wunsch nach Erfüllung und Glück, der sich zwar leider so nicht einstellt, sich aber zumindest in den seltenen Momenten der Begeisterung und vielleicht sogar der Ekstase als Möglichkeit immer wieder in die Zukunft der Populärkultur einschreibt.

Es ist das Begehren, das immer wieder die nötige Energie liefert, Brüche einzuführen, Parties, Clubs, Fanzines, Blogs, Tracks und vielleicht sogar Zeitschriften aus dem Boden zu stampfen, meist ohne Aussicht auf materiellen Erfolg oder gar Anerkennung.

Als die ersten Protagonisten des Pop-Metadiskurses – das ist die Unterhaltung im (Sub-)Pop über Pop als kreatives und oftmals subversives Potential und Strategie, später auch als poplinke Minderheit im linken, klassischen Mainstream des Anti-Pops bezeichnet – von Spex und Sounds bis Frontpage und De:Bug auf die subkulturelle Bühne traten, und die konsequente Fansprechperspektive in ihre Auseinandersetzung mit der Popkultur eingeführt hatten, ausgestattet mit dem ”coolen“ Wissen, den Mainstream von der Subkultur geschieden zu haben, und die nun damit begannen, in dieser nach den geheimen Ursprüngen, dem rhiziomatischen Untergrund, der Popkultur zu forschen, taten sie dies wie Wissenschaftler, deren radikale Distinktion und deren Potential für Subversion auf ihrem Spezialistentum beruht, ihrem Expertengeheimwissen, und die damit ihre Zugehörigkeit zu einem möglichst überschaubaren Kreis Auserwählter auszudrücken gewillt waren, zu dem nur Zugang erhält, wer sich die richtigen Codes und Namenlisten anzueignen weiß: also durch Wissen.

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Dass dieses Expertentum sowohl unter subversiven, politischen Aspekten wie, nicht zuletzt, auch innerhalb der Logik des popkulturellen Spektakels extrem produktiv war, lässt sich retrospektivisch leicht feststellen. Die Hoffnung auf die Entfaltung kreativen Potentials basierend auf einem effektiven Ausschluss der popkulturellen Mehrheit, um dann von dieser Perspektive aus nicht nur über den Mainstream der Popkultur zu reflektieren, sondern mit der Erforschung seiner Wurzeln diesen sogar verändern oder zumindest beeinflussen zu können, also sich gleichsam die geheimen Zentren der Macht der Popkultur zu erobern, um von dort so gut es eben ging so etwas wie Einfluss, vielleicht manchmal sogar Kontrolle, ausüben zu können, diese Hoffnung war zu Beginn der 80er Jahre sicherlich weniger offensichtlich begründet wie sich dies heute, rückblickend, darstellt. Ein zentrales Elements des Erfolgs, der sich wider Erwarten relativ schnell einstellte, war die effektive Nutzung und Kanalisierung von positiver, gleichwohl extrem selektiver Information, gleich den Informationskanälen der Expertensysteme mit ihren Diskussionszirkeln, Fachzeitschriften und Referenzsystemen.

Der exklusive Zugang zu relevanter Information (dem ”heißen Scheiß“) via popkultureller Elemente wie Freunde, Szene, und Fanzine waren die Basis für den subkulturellen Vorsprung, den sich die Poplinke gegenüber anderen Subkulturen schnell erwirtschaftet hatte, und den man kreativ sowohl in Kritik als auch in die Produktion von Neuerungen (der Erfindung von Trends und Hypes) zu investieren wusste, die gar nicht mal so viel später, aber nicht ganz freiwillig, dem Kapitalismus zur Endverwertung zur Verfügung standen – unter den argwöhnischen Blicken der Rückverwertungs- und Referenzmaschine Popdiskurs.

Dies war der Stand der Dinge bis Mitte der 90er Jahre, als Tom Holert und Mark Terkessidis in Mainstream der Minderheiten die zu diesem Zeitpunkt extrem virulent gewordene Frage aufwarfen, wie sich unter den Bedingungen der auf Hochtouren laufenden Rückverwertung, den Erfolgen des Graswurzelziehens, der bisher so produktive Weg von ”Pop als Widerstandsmedium gegen die Disziplinar- und Kontrollgesellschaft“ aufrechterhalten ließe. Die Antwort blieb bis heute aus! Was hingegen nicht ausblieb war eine kongeniale und bis heute gültige Ansammlung detaillierter Analysen, dass genau das passierte und bis heute passiert, was nicht passieren sollte, oder zumindest zugegebener Maßen niemand wollte.

Was damals bis heute unterblieb, war eine Analyse der verdrängten Abgründe des Prinzips Popdiskurs, sozusagen dessen äußerer Referenzpunkt, der, wie bei jedem geschlossenen, logisch funktionalen System, nötig ist, um es positiv zu setzen, also zu postulieren. Was fehlte, war und ist der Meta-Meta-Diskurs über einen Geburtsfehler der Informationsfabrik Popdiskurs der Poplinken, der sich immer wieder erfolgreich im Diskurs über den beklagenswerten Prozess der kapitalistischen Schlussverwertung von Subkulturen in der Disziplinar-, Kontroll- Sicherheits- etc. Gesellschaft verstecken, und damit offensichtlich verdrängen ließ: Begehren (also das popkulturelle Moment) ist eben kein positives Resultat einer Kritik des Mainstreams.

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Begehren ist nicht positiv, mittels eines alternativen Referenzpunktes, einer alternativen Bewegung mit ihren exklusiven Zugängen zu Codes und Tags, herstell- und erlebbar. Begehren ist kein positiver Effekt des Expertentums oder einer exklusiven Informationspolitik. Begehren ist nicht aus einem positiven Reflex, also zum Beispiel als Antwort auf eine negative Kritik, zu erhalten. Begehren ist, um es mit Adorno auszudrücken, ”die Negation der Negation“, die sich nicht ins Positive auflöst und niemals auflösen wird. Begehren entsteht aus der Anerkennung der Tatsache, dass wir niemals diesen einen Punkt erreichen werden, an dem wir genau wissen, wer wir (selbst-identisch) sind, auch nicht mittels einem unendlichen (Über-)Angebot an Codes, Szenen, Namen, Differenzen, das heißt Identifikationsmöglichkeiten.

Begehren, und damit Popkultur und ihr Spektakel, entsteht vielmehr aus der permanenten Abwesenheit von geglückter Identifikation. Begehren entsteht aus Hass, Liebe, Ignoranz, die alle auf dieselbe Leerstelle in uns verweisen, dass dort wo das ”Ich“, das Subjekt, sein sollte, nur ein ”mich“ zu Hause ist, das Lacan’sche ”petit a“, also das Spiegelbild des großen Anderen (”A“), jedoch nicht das eigentliche Subjekt selbst.

Die Anerkennung, oder besser die Akzeptanz dieses Begehrens, und damit des popkulturellen Moments an sich, ist gerade nicht die positive Identifikation mit den, wenn auch geheimen, Codes einer Subkultur oder eines wissenschaftlichen Expertenzirkels, ist gerade nicht die Akzeptanz von Wissen und Information als Grundfesten der Subversion. Die Anerkennung des Begehrens gründet in der Anerkennung der Leerstelle in uns, des auf Nimmerwiedersehen ins Unbewusste verschwundenen, niemals mehr positiv zu benennenden Ichs. Oder, um nochmals Adorno zu bemühen, die Anerkennung des Begehrens ist der Aufstand des Nicht(mit-sich-selbst)identischen gegen die Identifizierung.

Poplinke Strategien innerhalb des Popdiskurses haben, um weiter im psychoanalytischen Bild zu bleiben, zu lange dem Mythos aufgesessen, dass Popkultur vor allem mit der Befriedigung elementarer Triebe und Bedürfnisse zu tun hat: also mit Sex, Material und vor allem Differenz, als Gegenleistung für Eintritt und/oder Engagement beziehungsweise Selbstausbeutung. In der modernen Nachkriegsgesellschaft hinterlässt aber, wegen vielfältigster Triebbefriedigungs- und Differenzierungsmöglichkeiten, das Wiederdurchlaufen der frühkindlichen Frustrations- (androgyner Sex) und Privatationsphasen (Differenz), oder auch von Aneignung und Unterscheidung, viel weniger neurotische Spuren, die auf die Frustration von Begehren hinweisen, als immer wieder postuliert wird.

Im Gegensatz dazu stellt die Unterordnung unter die symbolische Ordnung, die dritte frühkindliche Phase bis zur Pupertät, in der ”Mann“ etwas zu “be-deuten“ hat ein ständiges Problem dar. Deswegen sind auch die meisten neurotischen Probleme die wir heutzutage kennen nicht ein Ausdruck von frustrierten Trieb- oder Differenzbefriedigungsbedürfnissen sondern von frustrierten Anerkennungsbedürfnissen. Das positivistische Bild: Erkenne wer du bist, erkenne zu welcher Szene du wirklich gehörst, ist der Mythos der Popkultur der Nachkriegszeit bis heute, der irrender Weise über die positive Identifikation mit den Codes der (Sub-)gesellschaften an eine Rückgewinnung des seit jeher von der empirischen Bühne verschwundenen Subjekts glaubt.

Die materielle und ideologische Grundlage von Zeitschriften wie Spex und De:Bug, aber eigentlich auch des gesamten erweiterten Kreis des identifikationsstiftenten Kulturverwertungsangebots von Zillo bis schöner wohnen (inklusive des klassischen Feuilletons, obwohl dies in der Popkultur einen bürgerlichen Sonder(un)fall darstellt) war und ist das Angebot von exklusivem Wissen, Analyse, und Information. 95% aller Plattenkritiken in Poplinken Magazinen sind positiv bis wohlwollend. Nur ein verschwindend geringer Teil (vor allem wenn das Volk zu Wort kommt, wie zum Beispiel Intro’s ”Platten vor Gericht“.) ist negativ bis abwertend.

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Darin unterscheiden sich Spex und De:Bug in keiner Weise von Musikexpress und Rolling Stone. Im Gegenteil, der Anteil des Positiven ist in poplinken Magazinen sogar meist größer als in Mainstreampublikationen. Warum? Weil die Kritik des Mainstreams mittlerweile fast vollständig implizit über die positive Selektion erfolgt. Das heißt, dass kaum, oder nur über volkstümliche Umwege der Kategorie ”heimliches Liebeslied“, mit Genuss negativ über das neue Album eines Mainstreamkünstlers berichtet wird, oder über 90% des sonstigen Outputs der pro Minute kommerziell wie nicht-kommerziell, Mainstream wie Subkultur, veröffentlicht wird, sondern ausschließlich positiv über die neuesten Errungenschaften der Subkultur, deren hervorstechendstes Merkmal es ist, dass sie eo ipso noch keiner kannte.

Dieser Ansatz hat in der Tat viele Jahre lang jede Menge Spaß gebracht. Je fortgeschrittener und einfacher sich aber die Verbreitung von exklusivem Wissen und Information über Internet und neue Datenformate gestaltet, desto weniger lässt sich der exklusive Zugang zu Wissen produktiv, kreativ oder gar subversiv umsetzen oder vermarkten. Wo jeder die abgefahrenste Liste der nie zuvor gehörten Tracks selbst im Internet zusammenstellen kann, sind die Plattenbesprechungsselektionen überflüssig geworden, da sie von jeher mehr auf der Tatsache der exklusiven Selektion an sich beruhten, also einer ”nur“ impliziten Kritik des Mainstreams, als dass in den Besprechungen selbst diese Kritik vorkam oder ihren Ausdruck fand.

In dem Moment, da eine über die exklusive Auswahl zu erlangende Distinktion verschwindet, bleibt lediglich die reine Kaufempfehlung übrig, die zwar weiterhin ihren Wert behält, mit Subversion, Spaß und Spektakel aber sicherlich nichts mehr zu tun hat. Selbst der Differenzaspekt der frühkindlichen Privatationsphase ist mittlerweile weggefallen, und allenfalls eine mehr oder weniger gute Dienstleistung des Wissens- und Informationszeitalters übriggeblieben.

Die Party findet mittlerweile, wenn überhaupt, anderswo statt. Nämlich dort wo das ewige Spektakel des Begehrens, das ewige Versprechen, und vor allem seine ewige Nichteinlösung tatsächlich anerkannt wird. Denn nur das ist und war schon immer die eigentliche Maxime der Popkultur, dass dort, wo eine Anerkennung der elementaren Lücke im Sein, des negativen Offenhaltens aller Zuschreibungen, tatsächlich stattfindet, das Spektakel der Subversion, der Aufstand der Nicht-Identifikation, der Spaß, sein Zuhause hat.

Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass sich die Kritik als ewiges Prinzip, als die Lust auf Durchdringung und tieferem Verständnis, als Spaß und (Kastrationsangst-)Befriedigungsargument etabliert. Die Subversion des positiven Wissens und der Informationsgesellschaft ist der Rausch der Negativität, die Negation der Negation, und die Anerkennung einer Unmöglichkeit des Identischseins, also des Positiven an sich.

In einem kurzen Moment der in De:Bug zwischen Rainald Goetz, Christoph Gurk, Rene Walter und Tanith geführten Diskussion zum Thema ”Ende des Popdiskurs“ schien es auf diesen Punkt der Negativität tatsächlich zuzulaufen, nur um ihn im nächsten Moment wieder aus den Augen zu verlieren. Der Moment kulminierte in der Feststellung Taniths, dass der Popdiskurs ”auch konfrontativ auf Sachen zugehen“ müsse. ”Ich vermisse Schreiber, die polarisieren. Wo Leute sagen: So ein Arschloch … das kann ich nicht lesen!“

Es ist bemerkenswert wie beharrlich der Popdiskurs mit der Strategie der positiven Distinktion während der letzten 13 Jahre, seit Erscheinen von Mainstream der Minderheiten, in sein Verschwinden steuerte, und dies ohne auch nur ein einziges Mal das Offensichtliche zu denken, nämlich dass es an der Zeit ist für echte Negativität. Dass eine Zeitschrift über und für Popkultur zu 98% aus Kritik und negativer Bezugsrethorik, aus explizit uneinlösbaren Versprechungen, anstatt aus impliziter Differenz, bestehen müsste, um genau damit das so schmerzlich vermisste Element des Begehrens, das Spektakel der Popkultur selbst, einzulösen.

Wo ist die Zeitschrift bei der die eine gute Plattenkritik auf Ostern und Weihnachten zusammen fällt. Wo das Fanzine dem kein Stil, keine Identität gut genug ist. Dass das Offensichtliche, die Kritik der Kritik, noch nicht gemacht noch nicht gewagt wurde, ja nicht einmal gedacht zu sein scheint, weist auf eine effektive Verdrängung dieses Geburtsfehlers des Metadiskurses über Popkultur durch die Poplinke hin. Es ist also an der Zeit den Spieß herumzudrehen und die Party mit Negativität neu in Gang zu bringen: und sei es nur um zu verhindern, dass irgend jemand anderes das Haus rockt!

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Elektronische Lebensaspekte.

One Response

  1. ralle

    Negativität zulassen als neuartiges Rezept? Like Dieter Bohlen never happened?