Heimat statt Hype

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Klassisches Songwriting im elektronischen Gewand? Tagesgeschäft. Da tut es gut, dass James Chapman ein neues Album gemacht hat, der Brite beherrscht das Genre perfekt und hat es entscheidend mitgeprägt.

“Was, die ist schon draußen?”, staunt James Chapman aka Maps fast ein halbes Jahr nachdem “mbv”, die erste LP von My Bloody Valentine seit 1992, erschienen ist. Er versteht die Welt nicht mehr: “Das ist ziemlich komisch heutzutage mit dem Internet und den Veröffentlichungsterminen. Ich habe das Album auf Youtube gehört und dachte, sie haben es bislang nur dort veröffentlicht.” Von jemandem, dessen Musik nicht nur gern mit den britischen Shoegaze-Legenden assoziiert wird, sondern der die Band auch selbst als wichtigen Einfluss nennt, hätte man anderes erwartet.

Vielleicht ist eine Erklärung dafür, dass sich Chapman die letzten Monate einsam in sein Kämmerchen verkrochen hat, um wieder eigene Musik zu machen – unterbrochen nur von Spaziergängen durch die Felder bei Northhampton, wo er herkommt und nun in einem kleinen Dorf in dessen Nähe wohnt. Dort, zwischen den Wiesen der Midlands und einem Dorfbahnhof, der das für James interessante, aber zu stressige London nur eine Stunde entfernt macht, ist das dritte Maps-Album entstanden: “Vicissitude”.

Heimat statt Hype, Ruhe statt Rummel – das hätte auch anders ausgehen können. Nachdem Chapmans Früh-Releases als Short Break Operator eher moderat beachtet wurden, nahm der New Musical Express die Maps-Single “Lost My Soul” in seine Top 50 des Jahres 2006 auf. Im Folgejahr erschien die Debüt-LP “We Can Create” auf dem Traditionslabel Mute. Die britischen Musikblätter dichteten eine Lobeshymne nach der anderen auf diesen synthielastigen, schwelgerischen wie kraftvollen elektronischen Pop und plötzlich sah sich Chapman, der “Aphex Twin with tunes” (The Guardian), auf der Nominiertenliste für den Mercury Prize.

“Das hätte ich in meinen wildesten Träumen nicht erwartet. Als ich jünger war, habe ich die Mercuries im TV angeschaut – nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich da mal landen würde. Es war total seltsam, surreal, großartig, wie ein Wirbelsturm, der dich mitreißt.” Den Preis musste er den Klaxons überlassen, und auch den großen Ruhm haben andere erlangt. Aber das macht James nichts aus: “Manche Leute sind auf so etwas vorbereitet, aber ich bin nach wie vor der komische Kauz, der es geschafft hat, einen Plattenvertrag zu bekommen. Es klingt klischeehaft, aber ich bin glücklich, solange ich Musik machen und sie rausbringen kann. Ich sorge mich nicht zu sehr darum, was die Leute darüber sagen. Das war früher anders.”

Veränderungen
“Vicissitude” handelt genau davon: “Das übergreifende Thema ist der Wandel, aber es geht auch um einen optimistischen Blick in die Zukunft.” Von den Spannungen und Wirrungen, die Veränderungen so gerne begleiten, lebt “Vicissitude”. Wo Freude ist, spürt man auch Melancholie, und Hoffnung liegt in der Schwere. “Es ist kein Hands-in-the-air-Album, es handelt von dem Prozess, sich zu verändern und damit in die Welt wiederzukehren. Ich habe mich mit einigen Problemen herumschlagen müssen, was auf jeden Fall auf die Platte eingewirkt hat.” Bei aller Introspektion sollte es aber “nicht nur um mich gehen, also habe ich es für die Interpretation der Hörer offen gehalten.”

Dabei fällt auf: Von einem Ich singt James selten. Oft spricht er ein fiktives Du an und beschreibt sich selbst als eine Art Erzähler. Die Musik ist weniger tanzbar als auf dem Vorgänger-Album “Turning The Mind” von 2009, das Chapman im Techno-Rausch produzierte. Ihre Energie haben die neuen Songs zweifellos, sie ziehen sie nur woanders her als aus engen, verschwitzten Clubräumen. Maps meint: “Mein letztes Album klang ziemlich klaustrophobisch – dieses wollte ich größer und offener klingen lassen. Ich habe viel darüber nachgedacht, was Maps eigentlich ist, und wollte zu meinen Wurzeln zurückkehren. Viele meiner neuen Stücke sind Song-orienterter – ich glaube, im Herzen bin ich ein Songwriter! Ich habe mich bemüht, die besten Songs zu schreiben, die ich konnte, und erst viel später über so etwas wie HiHats nachgedacht.”

Stattdessen vergewisserte er sich seiner alten Helden wie den Stone Roses, Spiritualized oder eben MBV: “Ich habe mich an all die Bands erinnert, die mich antrieben, Musik zu machen – sie alle basierten auf Gitarren.” So hat James für “Vicissitude” auch seine eigene wieder ausgepackt: Zum ersten Mal entwarf er alle Songs zunächst an der Akustikgitarre und nicht wie gewohnt am Synthie-Tisch. Und hatte er sich auf “Turning The Mind” noch, ganz der “Rock & Roll is dead”-Raver, Gitarrenverbot auferlegt, dürfen die jetzt wieder mitspielen und zieren so eine der typischen Maps-Hymnen: “Left Behind” – ein leichter, verträumter und zugleich zupackender Song.

Bei all diesem Wandel dominiert auf “Vicissitude” trotzdem das Maps-Markenzeichen – ein großer Wasserfarbkasten aus verschiedenen Synthie-Sounds, fast immer mehrere Spuren gleichzeitig, oft sphärisch über- und ineinander schwebend. Gerne doppelt James seine Vocals mit identischen Synth-Melodien und manchmal, wie in “I Heard Them Say”, gibt die Elektronik ein stoisch arpeggierendes Bassfundament. Das hat sich auch der 2012er-Durchstarter Andy Stott für seinen Remix des Songs als Ausgangspunkt genommen, der zusammen mit dem Original und einem Maps-Remix im Frühjahr als streng limitierte 12″ auf Mute erschien. Noch mehr Prominenz verbirgt sich am Mischpult im Studio: Nach Produzenten von Sigur Rós, Death In Vegas und den Chemical Brothers verfeinerten diesmal Ken Thomas (Sugarcubes, M83) und sein Sohn Joylon (S.C.U.M., Telepathe) den Maps-Sound.

In dem fließen Synthies, Vocals (“Für mich ist die Stimme nicht das Wichtigste in einem Song”), Gitarren und die elektronischen Drums zu einem homogenen Ganzen zusammen. Auch für Soundspielereien ist genug Platz zwischen all den weit ausholenden Melodien. Auf “Vicissitude” treffen knackige Synthie-Pop-Hymnen wie die Vorabsingle “A.M.A.” auf zarte Stücke wie “Adjusted To The Darkness”, die die Grenze zum Ambient mindestens zur Hälfte überschweben. Ein Faible für das Weite, Sphärische hat James Chapman auf jeden Fall. Wäre Maps kein Mensch, sondern tatsächlich eine Karte, dann würde sie den Weg durch die Gestirne weisen.

Maps, Vicissitude, ist auf Mute/Good To Go erschienen.

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