Edits Adé - Goodbye Slow House

Mark Evetts galt neben der Posse um 6th Borough Project und The Revenge eigentlich stets als der Fachmann für das Auseinandernehmen, Neuschreiben und Ergänzen von Tracks und stellte dies zuletzt auch auf seiner Werkschau unter Beweis, die die Jahre 2005 bis 2009 Revue passieren ließ. Darauf zu hören: bester Slowhouse, der meist gerade so an der magischen Grenze von 110 Disco-Schlägen pro Minute vorbeischrammte und seine hypnotische Wirkung dabei genau so wenig verfehlte wie den Anspruch auch im Club zu funktionieren. Er nahm sich Zeit und Muße für seine absoluten Favoriten, sezierte sie behutsam, loopte sie liebevoll in Richtung 10-Minuten-Marke und fügte sie – um das nötige Etwas ergänzt – zu groovender Neuware zusammen.

Mit seinen Medits [sic!] arbeitete Mark E sich dabei komplett durch die Musikgeschichte. Mitunter optimierte die musikalische Neukontextualisierung die angestaubten Schmonzetten noch gehörig oder drehte ihren Drive gar ein ganzes Stück weiter. Man erinnere sich nur an die astreine Bearbeitung des Diana-Ross-Funkers “You Are The One” – mehr Discowichserei am Spannungsbogen ging nicht. Ganz anders, aber nicht minder fantastisch: der trippig-getriggerte Janet-Jackson-Rework “R&B Drunkie”.

Edits für den Eigengebrauch
Was schon immer auffiel, war der Respekt, mit dem Mark sich der Tracks annahm.
Eine Behutsamkeit, die er im Remix- und Re-Edit-Wahn der letzten Zeit vermisst: “Ich war zum Beispiel großer Fan der ’Say Something’-12″ von Mariah Carey, Pharrell Williams und Snoop Dogg. Der Sound war schon im Original so schön dubby und verdrogt, dass ich zu dem unglaublich präsenten Bass nur noch ein paar Synthies packte.

So habe ich das eigentlich immer gemacht: nicht auf Teufel komm raus an den neuen Sachen herumdrehen und vollkommen uninspiriert den Anfang loopen, sondern den Song nach meinem eigenen Geschmack ergänzen und ausarbeiten. Ich wollte immer nur an der Musik herumwerkeln, die ich liebe, respektiere und wertschätze.”

Obwohl Mark E dafür bekannt ist und sich erst über seine Edits einen Namen gemacht hat, ödet ihn dieser Aspekt elektronischer Musik mittlerweile gehörig an: “Es machen einfach zu viele Leute Edits. Natürlich gibt es auch qualitativ gute Arbeiten, aber das Niveau sinkt zunehmend. Jetzt in eine andere Richtung zu gehen ist in meinen Augen eine natürliche Entwicklung und als eine Art Abschied von den Anfangstagen meiner Karriere zu sehen. Ich mache natürlich immer noch Edits für meine DJ-Gigs. Und ich weiß auch zu schätzen, wohin mich meine Arbeiten gebracht haben. Aber es geht darum, neue Musik zu machen, die zeitlos und relevant ist. Auch wenn diese Dinge ein Teil der Discokultur sind, muss ich als Künstler reifen und mit der Zeit gehen.”

Schmaler Grat zwischen Low und Slow
Mark E’s Edits und die losen Veröffentlichungen der letzten Jahre einte stets ihr gedrosselter Charakter. Die Ursprünge für die vermeintlich langsamere Gangart der sonst recht uptempo-lastigen House-Musik liegen für Mark E in den späten Neunzigern. Tracks von Amp Fiddler, Raphael Saadiq oder Erykah Badu ließen den zum Studieren nach Birmingham gezogenen Twen immer tiefer in die Welt des echten Soul eintauchen.

“Plötzlich hörte man Tracks, die diese Songs auf eine damals vollkommen absurde Weise loopten und bearbeiteten. Ich mochte es, weil es frisch und neu war”, erinnert er sich. Es war der dreckige, tiefe und mitunter recht entspannt kickende Deephouse von Vorreitern wie Theo Parrish, Moodymann oder 3 Chairs, der Mark E inspirierte und animierte.

Mit einfacher Musiksoftware tüftelte Mark am heimischen Computer herum, erstes Feedback in diversen Foren ermuntert den Studenten schließlich dazu, seinen Edit des Womack&Womack-Schunklers “Baby, I’m Scared Of You” an Gilles Peterson zu schicken. “Eine Woche später klingelt das Telefon, Gilles war dran und sagte, er würde den Track spielen – ich bin ausgeflippt.”

Seinem verhältnismäßig ruhigen, den frühen Sound-Signature-Tagen ähnelnden Produktionsstil bleibt Mark E von da an treu. Einen Tick verlangsamt, bei 100 bis 110 BPM, recht weit unten groovend.
Die Disco im SloMo-Modus, kurz: Slowhouse.

Wenngleich seine Produktionen der letzten Jahre stets diesen hatten, vermeidet Mark E das langsame Auflegen mittlerweile. Denn entgegen der Vermutung, bei einer Fuhre an runtergepitchten Tunes eine irritierte Crowd vor sich zu haben, erlebte Mark E zwischenzeitlich den klassischen Overkill.
“Ich habe in der Vergangenheit beim Auflegen gerne das Tempo verändert. Das ist natürlich auch riskant. Aber die Leute bei meinen Gigs erwarteten mehr und mehr, dass ich wirklich die ganze Nacht Disco-Edits auf 100 BPM spiele. Das kann es auch nicht sein. Mittlerweile ist diese Slowhouse-Geschichte für mich einfach nicht mehr sonderlich reizvoll, da plötzlich alles irgendwie langsamer klingt. Das Genre Slowhouse hat sich selbst verloren.”

Man merkt im Gespräch immer wieder, wie sehr Mark E mittlerweile vom Edit-Hype und dem ständigen SloMo-Sermon abgeturnt ist. Die Gespräch kommt auf sein Debütalbum “Stone Breaker”.

Auf den Tracks zieht der Brite das Tempo deutlich an. Samples? Wenig bis gar nicht. Edit-Charakter? Fehlanzeige. Vollzieht Mark E mit seinem Debüt also die komplette Abkehr vom Slowhouse?
“Ich spiele es ab und an noch live, aber meine Passion war immer schlicht und einfach House.
Das hört man eben auch auf dem Album. Es gibt viel Uptempo-Zeug, einiges im Midtempo-Bereich, aber eben wenig Langsames.”

Das Konzept “Album”
Nachdem Mark per Auftragsarbeit bereits im vergangenen Jahr einen Remix für Wave-Connaisseur Matthew Dear anfertigte, hielt der Kontakt zur Detroiter House-Autorität Ghostly/Spectral.
“Die Zusammenarbeit freut mich sehr. Die Strukturen bei Spectral sind großartig und man kümmert sich an allen Ecken und Enden darum, dass mein Release etwas wird – bis hin zur Grafik. Außerdem klingt mein Sound mittlerweile ganz anders als noch zu den Anfangstagen.”

Verdammt richtig, denn dem recht losen und willkürlichen Veröffentlichungsrhythmus ist eine Konzeptionierung in Form des klassischen Albums gewichen. “Ich glaube, jeder Künstler, der Musik macht, hat irgendwann das Verlangen oder den Drang danach, ein Album zu machen. Eine Zeit lang war ich letztes Jahr wie in einer Art Fluss: Ich brachte ständig neue Tracks und Edits raus. Irgendwann hatte ich wieder fünf Tracks zusammen und hätte sie auch als 12″ herausbringen können. Da kam mir zum ersten Mal der Albumgedanke”, so Mark E.

Und tatsächlich hört man “Stone Breaker” die Entstehungszeit an.
Der Sound wirkt elektronischer, straffer, schneller – und rekurriert nur selten auf den SloMo-Sound. “Mein Anspruch war es, etwas komplett Neues zu schaffen. Natürlich sind die Einflüsse des frühen House durch die vielen Percussion-Elemente und die ab und an eingearbeiteten Vocalsamples noch hörbar – aber es sollte eigen klingen.”

Getreu dem Titel bricht Mark E also mit dem angestaubten Fundament seiner Discografie.
Man nehme nur den rumpelnden Opener “Archway” oder das Acid-affine “Belvide Beat” – geschliffen und komplettiert von roughen Drums von fast industriellem Charakter. Und gerade wenn man denkt, dass die ganze Geschichte etwas zu verkopft wird, kommen auch wieder ein paar urtypische Disconummern wie “Black Country Saga” oder “The End” zum Vorschein.

“Man darf die Stücke und das Album nicht überlagern. Ich denke, dass man ’Stone Breaker’ durchaus anhört, dass ich älter geworden bin und mir noch mehr Gedanken über die Musik gemacht habe. Ich wollte etwas schaffen, dass nicht nur auf dem Floor wirkt, sondern eben auch zu Hause.”
Also doch Dancemusik für arrivierte Erwachsene? “Nein”, lacht Mark.
“Am Schönsten wäre für mich, wenn ich alle Leute erreichen könnte – die jungen Clubgänger genau so wie die schon 30- oder 40-Jährigen, die in meinem Sound vielleicht ihre ganz eigenen Referenzen erkennen. Es heißt immer, Mark E ist der Disco-King des Slowhouse oder der Edits – aber mir ist wichtig, ohne diese Labels auszukommen. Ich benutze nicht mehr die Namen oder die Sounds anderer Leute um mir einen Namen zu machen. Es geht um mich und meinen Sound. Und der ist neu, originell und eigen. Ich denke, es ist die beste Musik die ich bis jetzt gemacht habe.”
Ansage.

Mark E, Stone Breaker, ist auf Spectral/Alive erschienen
Mark E, The Day, erscheint am 21. Juni auf Ghostly/Spectral
Mark E`s Label findet ihr hier.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

One Response

Leave a Reply