Martyn muss mit seinem zweiten Album niemanden mehr etwas beweisen. Er hat gerade “Retromania” von Simon Reynolds gelesen, aber seine Musik klingt bei allem Blick zurück so “2011″ wie kaum noch etwas. Und das liegt nicht allein am Sound, sondern auch an der Musikerexistenz, die ihr zugrunde liegt. Zwischen Detroit und Sounddesign spielt sich Martyn aus dem Dubstep-Schatten.

An analog kiss, a digital glance / face painted impassive, a perfect mask / hold me, sing to me, kiss me on my spine / a slow motion reflex, oblivious to time / paranoid humanoids, look beneath your sun / cause all human beings move closer to machines / They say that only humans can love the way they do / don’t you know that we are just extensions of you?

So raunt der Dub-Poet Spaceape zur Eröffnung von Martyns neuem Album “Ghost People”. Es ist der gute alte Blues von der Menschmaschine, der Traum von den elektrischen Schafen, und er passt zu den begleitenden Klängen wie die Hand in den Datenhandschuh: Synth-Drones hallen an unsichtbaren Glasfassaden wider, der erste einsetzende Bass klingt metallisch wie gebranntes Chrom, die Drums erzählen vom unbarmherzigen Rhythmus der Metropolen. Es ist ein Science-Fiction-Szenario, aber doch retro, die Stichworte kommen immer noch aus den selben Quellen: Alvin Toffler, Blade Runner und Neuromancer, den Gibson ja noch in eine mechanische Schreibmaschine hackte. Heute träumt der Taufpate des Cyberspace seine Romane bekanntlich im Präsens. Und auch jene Musik, die von ihre Geburt an dem Sci-Fi-Diskurs verbunden ist, sei es Techno, Drum’n’Bass oder Dubstep, scheint in einer ästhetischen Kreisbewegung gefangen: Je schneller die Entwicklung der Produktionsmittel voranschreitet, desto mehr füttern ihre Benutzer sie – wie Gibson in seiner legendären Dub-Sequenz ahnte – mit Archivdaten. Welcome to the Afterfuture!

Retromania in Höchstform
Für den seit einigen Jahren in der Nähe von Washington DC lebenden Niederländer Martijn Deykers ist diese Zeitfalle ein heißes Thema. Tatsächlich hat er sich jüngst, auf einem Transatlantikflug in die alte Heimat, Simon Reynolds’ Buch zum Thema zu Gemüte geführt: “Kennst du ‘Retromania’?”, fragt er via Skype. “Es ist sehr gut geschrieben und spricht viele dieser Dinge an, von denen du redest. Speziell im House hörst du das, wo einige wirklich die Musik von 1987 machen: Arid House, den sie so alt wie möglich klingen lassen. Auf der anderen Seite hast du Musik, die auf ältere Stilistiken zurückgreift und dennoch futuristisch ist. Die Produktionsqualität ist besser und die Musiker schaffen neue Zusammenhänge für alte Ideen. Ich hoffe, dass ich in die zweite Kategorie gehöre. Zwar kannst du die alten Einflüsse hören – Drum’n”Bass, Detroit Techno. Aber die Art und Weise, wie ich es mache, ist trotzdem sehr 2011. Das Buch war interessant in Bezug auf die Frage, wo anderer Leute Musik sich positioniert, und wie du dich selbst als Künstler positionierst. Es gibt auch ein Mini-Kapitel über Flying Lotus. Seine Musik sei sehr ‘Web 2.0′, heißt es da, eine wirklich charmante Beschreibung.”

Es ist kein Zufall, dass Martyn das Wunderkind aus L.A. erwähnt, denn Steven Ellison alias Flying Lotus ist mit dem Release der Digital-EP “Masks/Viper” zu Martyns Labelboss geworden. Die Geschichte begann, als FlyLo den Track “Vancouver” von Martyns erstem, selbsterklärend “Great Lengths” benannten Album ins Herz schloss und auch in den Controller-gesteuerten Bewusstseinsstrom aufnahm, der seine Live-Auftritte bildete. Kurz darauf erhielt Martyn eine Einladung, an zwei Low-End-Theory-Abenden in San Francisco und L.A. an der Seite von Hudson Mohawke und Kode9 zu spielen. Und so wurde der Niederländer Martijn Teil der Brainfeeder-Familie, obwohl zwischen seiner Musik und der des fliegenden Lotus’, dieses so spektakulär aus der Art geschlagenen Coltrane-Erben, Welten liegen.

“Als ich ihn traf,” erinnert sich Martijn, “kannte ich nur sein Album ’1983′, das ich sehr mochte – wie es nach Mittneunziger-Warp klang, nach Autechre, und den Artificial Intelligence-Compilations, und natürlich auch den J Dilla-Einfluss.” Obwohl dies auch für seine eigene Arbeit gilt, im Besonderen für das aktuelle Album, beharrt Martijn ausdrücklich auf seiner Eigenständigkeit. “In seinem Feld ist Flying Lotus eine Insel, viele imitieren ihn, aber keiner kommt an ihn ran. Also mag ich ihn, aber nicht unbedingt alle, die nun auch solche Musik machen. Ich mag Nosaj Thing, aber das betrachte ich als eine andere Sorte Musik. Ich mag Daedelus, weil er eine tolle Live-Show hat, und Samiyam, weil er noch mehr HipHop ist.” Von den schlingernden, instabilen, ADS-affinen Sound-Vorkommnissen der Brainfeeder-Kollegen grenzt sich “Ghost People” mit einem nachdrücklichen Tanzpuls von ganz alleine ab. Martijn erklärt das damit, dass das Album gewissermaßen “auf Tour” entstanden ist, und via Ableton in verschiedenen Entwicklungsstufen auf Effektivität getestet werden konnte. “Auch ging es nicht mehr darum, wie auf ‘Great Lengths’, zu beweisen, was ich alles kann – HipHop, Breakbeat, Dub, Techno. Ich kann mich nun einem Thema zuwenden und es ausgiebig erforschen.”

360°-Blick und Surround-Sound
Was auch immer auf “Ghost People” an irregulären, abenteuerlichen und mitunter fordernden Sound-Manipulationen geschieht, es ist eingebettet in einen Strom aus unnachgiebigen Bassdrums und Basslinien. Detroit, seit jeher eine feste Größe in Martyns DJ-Sets (am ohrenfälligsten auf seinem Mix für den Londoner Club Fabric), und Sounddesign ist so präsent wie schon lange nicht mehr. HipHop grätscht als Public-Enemy-Sample in die Gleichung, Dubstep – das Label, unter dem Martyn mit dem Track “Broken” bekannt wurde – ist nicht mehr als ein schwaches Echo. Aber diese Dubstep-Geschichte ist ohnehin immer etwas breiter ausgewalzt worden, als es dem mit einem gesunden 360°-Blick ausgestatteten Niederländer lieb sein konnte: “Schon in meiner regulären DJ-Nacht ‘Red Zone’ habe ich eine Stunde Drum’n’Bass gespielt und dann eine Stunde Techno. Dazu kamen später frühe Garage- und 2Step-Sachen, ich habe also immer alles Mögliche gemocht und gespielt. Dann habe ich auf Tempa veröffentlicht, viel mit Kode9 gespielt und bin dadurch irgendwie einer von ‘ihnen’ geworden,” lacht er. “Aber wenn heute Leute nach meinen Sets fragen, warum ich denn kein Dubstep spiele, haben sie offenbar in den letzten zwei Jahren kein Stück von mir gehört.”

Nicht zuletzt um diese Schräglage zu beheben, hat sich Martijn in den letzten Monaten auf die Erarbeitung eines Livesets konzentriert. “Ich liebe DJing vom ersten Tag an. Aber das Problem war, dass ich in den letzten zwei Jahren auf Festivals immer zwischen zwei Live-Acts gespielt habe. Die Leute mochten es zwar, aber sie wussten nicht, was ich selbst für Musik mache. Auch weil ich immer wieder vergessen habe, meine eigenen Stücke zu spielen. Kurz: Ich konnte mich nicht richtig präsentieren. Und im Zusammenhang dieses Albums habe ich mir vorgenommen, wirklich live zu spielen, damit die Leute endlich hören, was zur Hölle ich eigentlich mache.”

Club der langen Nächte
Bei seinem Auftritt im Berghain im Oktober, das er auch für den “besten Club der Welt” hält, spielte er am Freitagabend ein Liveset, und beschallte 36 Stunden später als DJ die Panoramabar. “Das war mein Wunsch, anlässlich des Album-Releases beides zu machen. So habe ich das beste beider Welten. Und wenn ich mich nicht irre, bin ich erst der dritte, der zwei Mal an einem Wochenende im Berghain gespielt hat. Der erste war Robert Hood, der andere Green Velvet.” Ein feine Gesellschaft, in die Martyn da aufgestiegen ist. Die Krönung einer langen Geschichte, die mit Drum’n’Bass-Nächten im heimischen Eindhoven begann, in Rotterdam mit “Red Zone” seine Fortsetzung fand, und mit seinem Label 3024 (gegründet mit dem Grafiker Rosie) manifestierte.

Wenn Martyn seine Musik als “2011″ bezeichnet, dann verweist das auch nicht allein auf den Sound, sondern auch auf die Musikerexistenz, die ihr zugrunde liegt: Aus DJ-Sets werden Ableton-gestützte Echtzeit-Mosaike, ein Label mit Rotterdamer Postleitzahl wird erfolgreich von Washington aus geführt, ein holländischer Drum’n’Bass-Veteran gewinnt das Herz eines elektroiden Freejazz-Gurus. Und was auf “Rund Black Ghosts”, der ~scape-Compilation, die Martyn auf dem deutschen Markt einführte auf leisen Pfoten daherkam, findet nun mit “Ghost People” einen nachdrücklichen Donnerhall: vertraute Musik, Retro-Sci-Fi, aber auch sehr spezielle, persönliche Musik für schwitzende Massen, die mit “Dubstep” nicht töricht genug beschrieben ist. Eher: ein Amalgam aus dem Detroit der 80er, dem Rotterdam der 90er, dem London der Nuller und dem Amerika der Gegenwart.

Martyn, “Ghost People”, ist auf Brainfeeder/Rough Trade erschienen.

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