Vivaldi ohne Warteschleifen

Fotos: Erik weiss

Zum ersten Mal seit Bestehen der “Recomposed”- Reihe der Deutschen Grammophon hat ein Komponist wirklich das getan, was der Titel verspricht: Max Richter hat sich Antonio Vivaldis Welthit “Le quattro stagioni” vorgenommen und von Anfang bis Ende umkomponiert. Und sich dabei ein gnadenlos zu Tode gespieltes Werk neu angeeignet.
Marketing braucht Slogans. Das gilt für Elektronik- Fachmärkte ebenso wie für Tonträger mit klassischer Musik. Oft halten die Slogans zwar überhaupt nicht, was sie versprechen, aber das ist nebensächlich, solange sie beim Publikum ankommen. Auch die Reihe “Recomposed” der Deutschen Grammophon muss sich mit jedem weiteren Titel die Frage gefallen lassen, ob unter ihrer Überschrift neue Musik auf Grundlage älterer Vorlagen geschaffen wird oder bloß der Katalog des Hauses für zusätzliche Käuferschichten erschlossen werden soll.
Bis jetzt zumindest. Denn mit “Recomposed by Max Richter: Vivaldi – The Four Seasons” ist tatsächlich etwas Neues im Programm. Arbeiteten die Vorgänger der Serie ausschließlich mit Aufnahmen aus dem Deutsche- Grammophon-Archiv, hat sich der britische Komponist Max Richter, der unter anderem den Soundtrack zu Ari Folmans Film “Waltz With Bashir” schrieb, die Mühe gemacht, Vivaldis “Le quattro stagioni” neu zu komponieren. Das heißt, die Originalpartitur Vivaldis diente ihm als Ausgangslage für eine eigene Komposition, in der er die “Vier Jahreszeiten” zitiert, um sie dann kräftig umzuarbeiten.
Richter selbst war es, der das Projekt bei der Deutschen Grammophon vorschlug: “Ich hatte die Idee rund zehn Jahre mit mir herumgetragen. Ich dachte mir: Die ‘Four Seasons’ sind so ein attraktives Musikstück und so schön gemacht, dass es großartig wäre, dieses Material wieder aufzugreifen und darin ein wenig herumzuwandern. Ein bisschen so, als würde man bei jemandem ins Haus gehen und etwas die Möbel verrücken. Ich wollte schauen, welche neuen Formen und Patterns sich mit dem Material entwickeln lassen und mit ihnen spielen.”

»Es ist so, als würde man bei jemandem ins Haus gehen und etwas die Möbel verrücken. Ich wollte herausfinden, welche neuen Formen und Patterns sich mit dem Material entwickeln lassen.«

Die Recomposed-Reihe kam Richter da genau recht. Die Platten seiner Vorgänger kannte er nicht, entschied sich auch bewusst, sie nicht anzuhören, sondern wurde lediglich mit seinem Konzept vorstellig. Anfänglich sprach man über ein Remix-Projekt im Stil der anderen Beiträge. “Als ich begann, daran zu arbeiten, merkte ich, dass ich mit einem Remix nur einen Bruchteil dessen erreichen kann, was mir vorschwebte. Ich fühlte mich wie ein Kind im Süßigkeitenladen, das sich nur die Regale ansehen, aber nichts anfassen darf. Denn technisch gesehen, ist es nicht möglich, einzelne Noten im Stück hin und her zu bewegen – also, man kann das sicher irgendwie machen, aber es dauert Wochen, um die einfachsten Dinge zu tun, die man in fünf Sekunden mit einem Stück Notenpapier und einem Orchester hinbekommt. Ich sagte mir also: Ich werde eine neue Partitur schreiben, und das werden wir dann neu aufnehmen müssen. Erstaunlicherweise waren sie richtig scharf darauf.”

Statt mit Remixen Reklame für alte Deutsche-Grammophon- Scheiben zu bieten, betreibt Richter lediglich Werbung in eigener Sache – und für Vivaldis Musik. Und sich selbst machte er damit neue Lust auf ein Stück, das er seit seiner Kindheit kennt. Der Jahreszeiten-Zyklus von Vivaldi, eigent- lich eine Sammlung von vier Violin-Konzerten, die durch ihre thematische Klammer verbunden sind, ist ein frühes Beispiel für Programmmusik, also ein Stück, das mit instrumentalen Mitteln eine (außermusikalische) Geschichte erzählt. Vivaldi hatte dazu kleine Texte in die Partitur eingefügt, die beschreiben, was man sich im Einzelnen beim Hören vorstellen soll.

Keine Angst vor Gassenhauern
“Die Musik ist illustrativ und hat lauter wunderbare Eigenschaften”, so Richter. Warum dann überhaupt noch daran herumarbeiten? Richter ging es darum, einen neuen Zugang zu Vivaldi zu finden, sich das Werk neu anzueignen. Denn nach seiner ersten Bekanntschaft mit der Musik begegnete sie ihm ein paar Mal zu oft: “Später dann hörst du es die ganze Zeit um dich herum. Und wenn du ein Stück zu häufig hörst, nimmt das einiges vom Zauber der Musik, ganz gleich, was es ist. Du wirst die Sache ein bisschen leid, und es fällt dir schwer, Neues darin zu entdecken, das dir gefällt. Vielleicht besteht dieses Projekt ja darin, dass ich neue Dinge in dem Stück finde, die mir gefallen.”
Dazu hat Richter keine Mühen gescheut. Rund 80 Prozent des Originals mussten seinen eigenen Ideen Platz machen, der größte Ohrwurm des ganzen Zyklus, der erste Satz des “Frühling”, ist nur noch als kurzes Zitat in einer Ambient-Collage zu hören, die als Ouvertüre “den Vorhang aufgehen lässt”. In den anderen Sätzen dienen einzelne Vivaldi-Motive und Figuren bei ihm als Grundlage für neue, in der Regel weit ausgedehntere Patterns, die oft mehr nach Richters melancholisch-reduzierter Expressivität als nach Vivaldi klingen.
Immer wieder verdoppelt er die Orchesterbässe mit den Basstönen seines Minimoog Voyager. “Ich liebe Bassmusik. Es ist eines der Wunder unseres Zeitalters, diese Fähigkeit, mit Material ganz tief am unteren Ende des Spektrums arbeiten zu können. Das war immer schon Teil dessen, was ich mache, es kommt praktisch auf jeder meiner Platten vor. Also musste das dabei sein.”
Denn seine “Four Seasons” sind nicht einfach eine neue Orchesterversion, die Postproduktion nimmt bei ihm eine zentrale Stellung ein. “Den Großteil der Elektronik hört man gar nicht so sehr, wie etwa die Verzerrung, die ich hier und da hinzugefügt habe. Eine Klassik-Aufnahme geht normalerweise so: Aufnehmen, Fader runterziehen, CD pressen. Das war’s. Diese Aufnahme ist viel stärker produziert und gemischt, mehr wie bei einem Mix für elektronische Musik. Die Originalaufnahme ist für mich nur ein Teil der Geschichte, die Postproduktion und der Mix sind daher ebenso wichtig.”

Orchester-Groove
Im Studio erstellte er mit dem Toningenieur alternative Mixe, um besser entscheiden zu können, was er wollte. Bei einer Session im Studio des Filmorchesters Babelsberg konnte man ihn mit dem Ingenieur beobachten, wie er zwischen drei verschiedenen Versionen von “Summer 2″ auswählte, einem No-nonsense-Mix mit leicht hölzernen Violinen, einer gläsernen “Icelandic Version” und dem “Orkney Mix”, der irgendwo zwischen den beiden anderen angesiedelt war. Im Interview ist Richter später nicht mehr ganz sicher, welche Version am Ende ausgewählt wurde, er hat jedoch so eine Ahnung: “Ich neige in der Regel dazu, den heftigsten Mix zu nehmen.” Manche der Änderungen, die Richter im Notentext vorgenommen hat, sind äußerst subtil, aber nicht weniger effektiv. Im ersten Satz des “Winters” etwa, als nach einem längeren Violin-Solo das gesamte Orchester einsetzt, hört man statt des regelmäßigen Viervierteltakts eine Figur im Siebener-Metrum. “Ich wollte, dass es etwas schneller vorangeht und asymmetrischer ist. Vivaldis pulsierende Vierviertel sind sehr dynamisch, ich hingegen dachte, wenn man es asymmetrischer baut, dann hüpft es ein bisschen kräftiger. Für das Orchester ist das schwieriger und aufregender, sie müssen mehr bei der Sache sein.”

Richters Rekomposition war für den Violinisten Daniel Hope und das Konzerthaus Kammerorchester Berlin unter André de Ridder denn auch eine recht ungewohnte Aufgabe mit einigen Tücken. Die Musiker wa- ren schließlich Vivaldi gewohnt. So brauchte es eine gewisse Eingewöhnungsphase, um mit dem neuen Material klarzukommen. “Als wir mit den Aufnahmen begannen, hatte das Orchester einen völlig anderen Klang, wenn sie Vivaldis Original spielten. Man hörte, dass sie es kannten und es war gut. Doch bei meinen Sachen klang es plötz- lich ganz anders. Mit den Proben wuchs der Klang allmählich zusammen, bis es keinen Unterschied mehr gab. Es war faszinierend. Denn für einen Musiker ist es immens wichtig, dass man weiß, wo man steht und was man machen will. Und sie wussten erst nicht so richtig, wo sie mit meinen Sachen hinwollten. Es war unbekanntes, fremdes Gebiet, so als würde man sich plötzlich in einer Landschaft bewegen, die man nicht erkennt.”
Auf die Frage, ob er manchmal den Eindruck gehabt habe, Vivaldi zu verbessern, muss Richter lachen. “Nicht wirklich. Wenn man sich das Werk eines anderen ansieht, dann beginnt man am Anfang, kommt irgend- wann ans Ende, und dazwischen gibt es eine Reihe von Entscheidungen. Vivaldi hat sich zum Beispiel entschie- den, hier eine Pause zu setzen oder da mehr Tempo zu machen. Das Material hat jedoch Eigenschaften, mit de- nen sich auch andere Richtungen einschlagen lassen. Ich habe mir einfach gesagt: Vielen Dank für dieses fan- tastische Material! Wie wäre es, wenn wir damit mal so verfahren?”

“Recomposed by Max Richter: Vivaldi – The Four Seasons” ist bei Deutsche Grammophon/Universal Music erschienen. http://www.deutschegrammophon.com

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Elektronische Lebensaspekte.

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